„Kaum einer schreibt heute noch ein Tagebuch. Und Bloggen kommt auch immer mehr aus der Mode. Stattdessen twittern die Leute nur noch oder schreiben Statusmeldungen auf Facebook…“

„…und vergeben so ein große Chance, über sich hinauszuwachsen!“

„Jetzt übertreibst du aber.“

„Etwas. Zugegeben. Aber ganz abwegig ist es nicht. Bereits in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts untersuchte die Lernforscherin Catherine Morris Cox intensiv die Studientechniken von Genies. Sie verglich dabei zahlreiche Biografien von herausragenden Geistern der Geschichte, darunter Albern Einstein, Sir Isaak Newton, Blaise Pascal, Thomas Edison oder Johann Sebastian Bach. Heraus kam – unter anderem – eine erstaunliche Gemeinsamkeit: Viele der Vordenker sammelten bereits in ihrer Jugend Gefühle und Gedanken in Form von Tage- und Notizbüchern oder sie schrieben sie in Briefen an ihre Freunde und Familienangehörige. Und zwar Politiker ebenso wie Wissenschaftler, Musiker, Philosophen oder Künstler. Von Leonardo da Vinci oder Thomas Edison zum Beispiel existieren heute noch viele tausend Seiten dieser Aufzeichnungen.“

„Das sagt aber nichts darüber aus, dass Tagebuchschreiben oder Bloggen tatsächlich intelligenter macht!“

„Stimmt. Eine Kausalität lässt sich daraus nicht ableiten. Es ist aber ein starkes Indiz. So weiß man heute aus anderen Untersuchungen, dass allenfalls ein Prozent der Bevölkerung dazu neigt, seine Gefühle, Eindrücke und Erfahrungen schriftlich zu verarbeiten. Aber diejenigen, die Höchstleistungen vollbringen, gehören fast immer dazu. Gehirnforscher sind sich heute sicher, dass Intelligenz nicht nur genetische Wurzeln hat, sondern vor allem durch äußere Reize, also durch die Interaktion mit uns selbst und unserer Umwelt gefördert wird. Wir trainieren unsere neuronalen Verbindungen, wenn wir unsere Gedanken und Ideen aufschreiben. So stimulieren wir das Gehirn letztlich, neue Gedanken zu entwickeln und als solche zu interpretieren.“

„Und wer nicht schreibt, bleibt blöd oder was?“

„Sagen wir so: Jedes Mal wenn man vergisst, einen guten Gedanken festzuhalten, ihn reifen zu lassen und zuende zu denken, trainiert man de facto das Vergessen und verschlechtert sein Potenzial, daran zu reifen.“

„Also wir das jetzt ein Appell: Blogge – und werde ein Genie!“

„Nein. Schreiben macht nur insofern schlauer, als es das Bewusstsein, das Denken und Durchdringen verbessert. Dabei ist es zunächst völlig unerheblich, ob man seine Gedanken öffentlich notiert oder auf der heimischen Festplatte oder mit einem Stift auf einem Stück Papier. Je nachdem, um welche Gedanken es sich dabei handelt, schadet das sogar eher der Reputation, wenn dies öffentlich geschieht. Abgleich der Austausch mit anderen auch sein Gutes hat. Das Aufschreiben schützt aber noch vor einer weiteren Gefahr…“

„…nämlich?“

„Wir alle sind vergesslich. Und neigen daher zu Geschichtsklitterung. Oder anders formuliert: Menschen tendieren dazu, ihre Entscheidungen, Handlungen und Fehler im Nachhinein mental zu verklären und sich selbst zu behumsen, um sich besser zu fühlen. Der psychologische Defekt verhindert allerdings zugleich, dass wir aus der Vergangenheit (und unseren Fehlern) lernen. Selbst wenn wir keine Fehler gemacht haben, können wir in eine kognitive Falle tappen: den sogenannten Confirmation Bias. Wir neigen nämlich ebenfalls dazu, einmal gefasste Meinungen und Urteile beizubehalten bis sie sich verfestigen – das berühmte Schubladendenken. Der Weg dorthin ist selektive Wahrnehmung: Wir nehmen dann nur noch solche Informationen und Fakten auf, die in unser Weltbild passen. Der Rest wird ausgeblendet. Folge: Unser geistiger Horizont schrumpft, während unser Geist wie durch schnell trocknenden Zement stapft. Die Erkenntnis daraus ist vielleicht nicht bequem, aber wichtig: Wir müssen uns vor uns selbst schützen. Vor allem davor, uns stetig in die eigene Tasche zu lügen. Ein Weg dazu sind permanente Rückkopplung über die Güte unserer Entscheidungen – etwa durch Freunde, Kollegen, Kritiker, Querdenker. Aber eben auch durch eine unbestechliche und zuverlässige Gedächtnisstütze im Kampf gegen den schmeichelhaften Selbstbetrug: das Tagebuch – oder Blog.“

„Und was soll da drin stehen?“

„Etwa: Erfahrungen, Anekdoten, Erkenntnisse. Und Erklärungen: Was hat dich damals dazu bewogen, dich so zu entscheiden? Was wolltest du damit erreichen? Was haben Kritiker damals gesagt? Welche Alternativen gab es? All diese Fragen helfen, deine Wahl auch später noch realistisch zu beurteilen, daraus zu lernen und künftig bessere Entscheidungen abzuleiten. Der zweite Effekt solcher Chroniken ist aber auch nicht zu verachten: Du liest Schwarz auf Weiß wie gut deine Prognosen wirklich sind. Und wie gesagt: Das muss nicht öffentlich passiert – Hauptsache, es passiert.“