Der deutsche Dichter und Theologe Johann Peter Hebel (1760-1826) erzählt die Geschichte von einem Vater, der seinem Sohn die Torheit der Welt zeigen will. Er führt dazu einen Esel aus dem Stall und alle drei wandern in das erste Dorf. Die dortigen Bauern verspotten das Trio und rufen: „Seht doch, diese Narren! Haben einen Esel und keiner sitzt drauf.“

Kaum haben sie das Dorf verlassen, setzt sich der Vater auf den Esel, und der Sohn führt beide in das zweite Dorf. Wieder spotten die Bauern: „Was für ein Gespann! Der Alte reitet und der arme Junge muss laufen.“

Kurz hinter dem Dorf tauschen Vater und Sohn die Rollen. Nun reitet der Junge ins dritte Dorf. Auch hier kommen die Bauern zusammen und schimpfen: „Es ist nicht recht, dass der Alte laufen muss. Der Junge hat die kräftigeren Beine – soll er doch zu Fuß gehen!“

Auch dieses Dorf lassen sie hinter sich. Nun setzen sich beide auf den Esel – der Vater vorn, der Junge dahinter. So reiten sie gemeinsam in die vierte Siedlung, und man ahnt es längst: Auch hier finden die Bauern Anstoß an den Gefährten: „Pfui, ihr Tierquäler“, rufen sie. „Ihr wollt wohl das arme Tier zu Tode reiten? Man sollte einen Stock nehmen und beide herunterschlagen!“

Da erreichen beide schließlich das fünfte Dorf. Noch vor dem Eingang binden sie die Beine des Esels zusammen, fädeln sie durch eine Stange und tragen so den Esel auf ihren Schultern durch den Ort. Als die Leute das sehen, verhöhnen sie Vater und Sohn und jagen alle drei mit Steinwürfen aus dem Dorf.

Es allen recht machen zu wollen, wirkt wie Nervengift. Erst vernebelt es, dann lähmt es. Wer es versucht, wird sich zwangsläufig verzetteln, verliert sein Ziel aus den Augen und opfert obendrein sein Rückgrat. Das kann nicht gut gehen. Auch wenn eine gewisse Anpassungsfähigkeit im Job heute Bedingung für persönlichen Erfolg ist und Flexibilität per se als positiver Wert gilt: Zuviel davon ist ungesund. Man verliert dabei leicht seine Individualität und Glaubwürdigkeit. Der Verdacht liegt ja auch nahe: Wer sich jedem Widerstand beugt, besitzt weder Standfestigkeit noch Durchsetzungskraft. So jemand wird nie andere anleiten können, im Gegenteil: Er wird bereits geführt – von allen!

Die Versuchung ist manchmal groß, sofort einzuknicken, nachzugeben, um nicht zu kämpfen oder zu Schaden zu kommen. Es ist bequemer. Die meisten Menschen aber verachten Anpasser und Wendehälse. Respekt und Anerkennung resultieren nicht aus dem Grad, wie sehr man sich verbiegen kann, sondern wie man Konflikte durchsteht. Bücher wie Zeitschriften sind voll mit bewundernden Geschichten über Menschen, die für ihre Sache eingestanden sind – selbst wenn sie sich dabei irrten.

Der Klügere gibt nach – wie dumm!