Ethik-Definition-Moral
Für den Römischen Kaiser Marcus Aurelius waren Moral und Ethik ganz simpel: "Wenn es Unrecht ist, tue es nicht; wenn es Unwahrheit ist, sage es nicht." Es könnte alles so leicht sein, ist es aber nicht. Schon gar nicht im Alltag. In unserer medialen Gesellschaft leben die meisten nur noch einen Moralkodex, der eine einzige Regel enthält: Verboten ist, was (der Masse) nicht gefällt und nicht auffällt. Es ist zwar unsere tiefste Überzeugung, dass sich moralisches Handeln nachhaltig auszahlen muss, weil sich sein Gegenteil nicht auszahlen darf. Gleichzeitig aber beobachten wir mit voyeuristischer Faszination wie es jeden Tag trotzdem passiert: Wie gerade amoralische Hasardeure mit großem wirtschaftlichen Erfolg belohnt werden, während sich die tugendhaftesten Besserwesen allenfalls mit Achtung begnügen müssen. Ist nicht allein das schon zutiefst unmoralisch?

Die Unmoral der Moralisten

Moral im JobSagen wir es, wie es ist: Es kann schon deshalb keinen moralischen Erfolg geben, weil es keinen erfolgreichen Moralismus gibt. "Moralisten sind Menschen, die dort kratzen, wo es andere juckt", befand einmal der irische Autor Samuel Beckett zynisch. Wir erschaudern zwar dabei, regen uns vielleicht noch öffentlich (auf Facebook) auf, wenn wir jemand dabei erwischen, wie er sich die Taschen voll macht, allein den eigenen Vorteil sucht oder Versprechen bricht. Im Kleinen aber machen wir es häufig ganz genauso – bei der Steuererklärung, bei den Spesen, bei Sabine.

Immer wieder lässt es sich beobachten, dass ausgerechnet jene, die besonders laut und nachdrücklich den erhobenen Zeigefinger schwingen, sich selbst die größten Freiheiten zugestehen und, nun ja, eine Doppelmoral leben.

  • Politiker, die Kollegen unmoralische Beraterhonorare ankreiden, tun sich umso leichter exorbitanten Gehältern beim Wechsel in die Wirtschaft - oder mit Briefkastenfirmen.
  • Frauenrechtlerinnen, die andere in der Presse vorverurteilen, fallen dadurch auf, dass Sie Steuern hinterziehen.
  • Manch christliche Einrichtungen und Arbeitgeber zeigen sich äußerst unbarmherzig, wenn es um faire Gehälter und Arbeitszeiten geht.

Erfolg und Moral verhalten sich in der Realität häufig diametral zueinander. Und die seelenwundesten Moralisten in der Öffentlichkeit verhalten sich oft umso unmoralischer, wenn sie glauben, dass es keiner merkt.

Es ist sicher wichtig und gut, ein anständiger Mensch zu sein. Gleichwohl müssen wir - so unbequem das auch ist - einsehen, dass der anständige Gutmensch in dem Spiel oft der Dumme ist.

Moral und Ethik: Eine Definition

selbsttestworkaholic_warnung_transparentBeide Begriffe werden im Volksmund oft synonym verwendet. Dennoch definiert Moral und Ethik jeder anders, eine einheitlich festgelegte Norm gibt es hierzu nicht. Daher ist die Überschrift durchaus wörtlich gemeint - es ist eine mögliche Definition:

  • Danach fasst Moral die Wertevorstellungen einer Gesellschaft zusammen und leitet daraus eine Art Verhaltenskodex beziehungsweise -konsens für das Handeln ab. Moralische Grundsätze sollen das Verhalten in einer sozialen Gruppe regulieren und werden von ihr auch als bindend angesehen (Das ist okay, das darf man, das nicht...).
  • Die Ethik wiederum steht über der Moral. Sie ist nicht an gesellschaftliche, gute Sitten gebunden, sondern gilt immer. Wer ethisch handelt, handelt nach Werten, die unabhängig sind von Staat oder Kultur. Es sind eher Normen und Maximen der eigenen Lebensführung, die sich aus der Verantwortung gegenüber den Mitmenschen ableiten (Ich werde nicht stehlen, nicht töten...).

Das Skrupellos: Wie der Job unsere Werte beeinflusst

Moral-EthikDer Beruf, die Firmenkultur, die Werte der Kollegen, das Verhalten des Chefs – deren ganzes Zusammenspiel überträgt sich früher oder später auf den Charakter eines Menschen. Und nicht immer zum Positiven. Lug, Betrug, Diebstahl, Kunden anschmieren, Kollegen hintergehen... oft zählt allein der Erfolg – egal, mit welchen Mitteln.

Sozialwissenschaftler wissen heute: Je stärker sich ein Mensch mit seinem Beruf identifiziert, desto schneller passt er sich den Gepflogenheiten des Betriebs oder der Branche an.

Um von den Kollegen und vom Chef respektiert, gelobt, gemocht zu werden, überschreiten so manche mit der Zeit Grenzen, die für sie früher unpassierbar gewesen wären – aus Skrupel und Anstand.

  • Die Idee des Kollegen als eigene verkaufen? "Selbst Schuld, hätte er eben schneller sein müssen!"
  • Dem Kunden die aktuellen Probleme des Produktes vorenthalten? "Hey, er hat ja auch nicht danach gefragt!"
  • Schmiergeld bezahlen, um den Auftrag zu bekommen? "Na und, macht doch jeder!"

Tatsache ist: Nicht nur Geld verdirbt den Charakter, der Job kann das genauso mitsamt der Firmenkultur, dem Korps- und Kollegengeist.

Zuerst verändern sich oft nur die Gedanken, dann die Betriebsoberfläche: der Gestus, die Kleidung, die Sprache, manchmal sogar der Freundeskreis. Danach verrücken sich die Grenzen: Was die anderen okay finden, kann so schlecht nicht sein. Und je mehr mitmachen, desto mehr verschiebt sich die Verantwortung vom Einzelnen auf die Gruppe.

Am Ende gibt es nicht einmal mehr Ausreden – dann zählt nur noch der Erfolg. Solchen Denk- und Verhaltensmustern dann wieder zu entkommen, das kostet Kraft – und nicht selten sogar den Job.

Wie ehrlich sind Sie im Job?

Diese Umfrage haben wir vor einiger Zeit hier auf dieser Seite gemacht. Die Ergebnisse sind sicher nicht repräsentativ, aber authentisch und aufschlussreich (Basis: 132 Teilnehmer, Mehrfachnennungen möglich, Angaben in Prozent).

  • Ich bin immer ehrlich. (43 Prozent)

Ich habe schon mal...

  • meinen Arbeitgeber bestohlen. (25 Prozent)
  • bewusst Fehler verschwiegen. (16 Prozent)
  • Informationen zurückgehalten. (15 Prozent)
  • Intrigen geschmiedet. (12 Prozent)
  • andere denunziert. (8 Prozent)
  • mich bestechen lassen. (8 Prozent)
  • gelogen oder betrogen. (6 Prozent)
  • bestochen. (3 Prozent)
  • Geld unterschlagen oder hinterzogen. (1 Prozent)

Was ist ein Moral Hazard Dilemma?

selbsttestworkaholic_warnung_transparentDer ökonomische Begriff Moral Hazard beschreibt ein Problem, das vor allem Versicherungen kennen: Wer davon befreit wird, die (kostspieligen) Folgen seines eigenen Handelns zu tragen und diese auf ein Kollektiv abwälzen kann, neigt eher zu unmoralischem Verhalten: Besitzer einer Vollkasko-Police fahren risikoreicher, weil der Schaden sowieso zu 100 Prozent reguliert wird; Beamte (natürlich nicht alle) strengen sich weniger an, weil sie nicht gekündigt werden können; Aktien-Händler einer Bank spekulieren wilder, weil im Zweifel der Arbeitgeber haftet und so weiter.

Aber natürlich tritt das Problem auch dann auf, wenn Menschen glauben, die Gemeinschaft leide gar nicht unter der Sittenwidrigkeit: Mal eben auf den Behindertenparkplatz stellen? In den zehn Minuten wird schon keiner kommen... Bei der Steuer ein paar private Restaurantrechnungen dazu mogeln? Wem schaden schon die 500 Euro, andere hinterziehen hundert Tausende via Panama!

Wer so denkt, sitzt bereits in einer moralischen Zwickmühle: Im Grunde wissen wir längst, dass das Verhalten nicht korrekt ist. Statt in die Lösung fließt unsere Energie aber in Ausreden und ziemlich fadenscheinige Begründungen.

Fakten, die Sie über Moral und Ehrlichkeit wissen sollten

Jetzt mal ehrlich, hätten Sie das gewusst?

  1. Müde und Frühaufsteher mogeln abends mehr.
  2. Man sollte meinen, dass es keinen Zusammenhang gibt zwischen unserer körperlichen Energie einerseits und ethischem Verhalten andererseits. Schon gar nicht was den Einfluss der Tageszeit anbelangt. Falsch! Wie Forscher am Walter-Reed-Institut sowie Christopher Barnes von der Foster School of Business an der Universität von Washington nachweisen konnten, entscheiden ausgeschlafene Menschen moralischer als müde. Oder anders formuliert: So wie unsere Aufmerksamkeit und Kreativität über den Tag den sogenannten zirkadianen Rhythmen folgen, so ergeht es auch unserer Moral. Die simple Erklärung: Wenn wir schlapper werden, sind wir anfälliger für Versuchungen, weil damit unsere Selbstkontrolle geschwächt wird. Und so kann es eben auch passieren, dass ein Mensch, der morgens hohe moralische Maßstäbe an sich und seine Umwelt legt, abends vieles davon, nun ja, lockerer sieht.

  3. Hand aufs Herz macht tatsächlich ehrlicher.
  4. Wer einen Eid schwört, legt dazu seine rechte Hand auf die Brust und auf sein Herz. Die Geste gilt als Ausdruck von Aufrichtigkeit - man gelobt etwas bei seinem Leben... Und es wirkt! Michal Parzuchowski und Bogdan Wojciszke von der Warschauer School of Social Sciences absolvierten dazu mehrere Experimente und stellten fest: Wer sich mit der Hand aufs Herz fasste, verhielt sich hernach tatsächlich ehrlicher. Die Psychologen sind überzeugt, dass das Ritual nicht nur Aufrichtigkeit ausdrückt, sondern auch auslöst - oder wie sie es in der Fachsprache sagen würden: die Geste kann uns primen. Falls Sie also von jemandem eine ehrliche Einschätzung haben möchten, könnten Sie ihn oder sie bitten, vorab die Hand aufs Herz zu legen. Das mag albern aussehen, erfüllt aber seinen Zweck.

  5. Viel Platz im Büro ist schlecht für die Moral.
  6. Vielleicht ärgern Sie sich, dass der Kollege oder Chef ein größeres Büro haben. Trösten Sie sich: Für Ihre Moral ist das besser so. Wie die beiden Forscher Andy Yap (MIT) und Dana Carney (Universität von Kalifornien, Berkeley) zeigen konnten, neigen Menschen, die in einem großen (Einzel-)Büro und auf einem breiten Stuhl sitzen, dazu andere zu betrügen. Schuld sind allerdings weniger der viele Platz und die räumliche Weite, sondern vielmehr das, was diese psychologisch auslösen: Großraumbewohner fühlen sich prompt mächtiger als sie sind – und Macht verdirbt bekanntlich den Charakter.

  7. Im Dunkeln schummeln wir eher.
  8. Licht und Dunkel waren schon immer starke Symbole für das Gute und Böse. Wie es aussieht, beeinflussen sie auch die Moral eines Menschen. Im Jahr 2010 ermittelten Wissenschaftler um Francesca Gino von der Harvard Business School (PDF) etwa, dass Menschen eher die Unwahrheit sagen oder gar betrügen, wenn es in einem Raum dunkel ist. Empfundene Lichtverhältnisse können aber auch verräterisch sein. Wie wiederum Promothesh Chatterjee von der Universität von Kansas feststellte, sehen ethische Menschen Räume heller. Wenn Sie also das nächste Mal mit einem Kollegen arbeiten, der quasi nur bei Flutlicht arbeitet oder nörgelt "Ist das schon wieder dunkel hier!", sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt...

  9. Kreative betrügen häufiger.
  10. Wer wäre nicht gern ein Kreativer? Immer neue Gedanken, immer originelle Lösungen, immer frische Ideen... ein tolles Image. Doch es hat auch seine Schattenseiten: Wessen Geist häufig blitzt, der neigt leider auch vermehrt zum Schummeln, wie Francesca Gino von der Harvard Universität zusammen mit dem renommierten Verhaltensökonomen Dan Ariely von der Duke Universität nachweisen konnte. Zur Überraschung der Wissenschaftler gab zwar keinen Zusammenhang zwischen Unehrlichkeit und Intelligenz – wohl aber eine starke Korrelation zwischen Kreativität und Unehrlichkeit: Je kreativer die Probanden waren, desto eher betrogen sie in den Tests. Vermutlich, weil sie es aufgrund ihrer Kreativität einfach auch besser konnten.

Salto morale: Die Gier ist die größte Versuchung

Moral HazardEs sind vor allem Sozialneid und Statusdenken, die Menschen in die Verfehlung treiben.

Gewiss, ein bisschen Gier ist harmlos, stachelt vielleicht sogar an und weckt bei den Betroffenen Ehrgeiz und Kreativität; ein bisschen zu viel davon, und es wirkt mörderisch.

Die Leute sehen dann nur noch den Reichtum ihrer Kollegen, ihrer Kunden und Nachbarn. Sie wollen mithalten und auch ein Stück vom Kuchen abhaben. Erst nur eins, dann immer mehr.

So übertragen viele die Glorifizierung des Unternehmenswachstums unbewusst auf die eigene Karriere und die eigenen Ansprüche. Der Bonus, den einer gestern erst bekommen hat, ist morgen schon Teil seines Anspruchs, den er nächstes Jahr steigern muss – mehr Gehalt, mehr Mitarbeiter, mehr Verantwortung, mehr Budget. Mehr. Mehr. Mehr.

"Wer gierig ist, wird Sklave eines Triebs, der den Verstand ausschaltet", erkannte der Psychoanalytiker Sigmund Freud schon früh. Wie wahr!

Irgendwann bedienen sich einige dann einer Art Patchwork-Ethik, eines Rollenwechsels, bei dem sie zwischen unterschiedlichen Wertesystemen hin- und herspringen:

  • tagsüber Betrüger, Intrigant, Mobber;
  • abends treusorgender Familienvater, aufmerksamer Ehemann und hilfsbereiter Nachbar.

Manch einer streift sich seine Persönlichkeiten über wie andere den Blaumann. Für die Seele aber ist das auf Dauer eine kaum überwindbare Zerreißprobe.

Was dagegen hilft, ist vor allem ein soziales Korrektiv.

Gerade Manager haben häufig den Kontakt zu sich verloren, weil ihre Aufgaben, die 14-Stunden-Tage und täglichen Diskussionen im Job längst die Kontrolle über ihr Leben übernommen haben. Was ihnen fehlt, ist ein Spiegel, der sie wieder erdet und die Prioritäten gerade rückt.

Wer sich immer nur im Dunstkreis der Kollegen bewegt, bleibt in einer Art Käseglocke, das macht immun gegenüber Zweifeln und Kritik. Selbst der noch so hart gesottene Haudegen braucht Gelegenheiten, in denen er seine Fehlbarkeit erkennt und sein Reflexionsvermögen verbessern kann.

Außenstehende leisten hierbei oft die wertvollsten Impulse: der Fachkollege aus einer anderen Firma, ein langjähriger Mentor, der Coach, der unbeteiligte Joggingpartner. Mit ihnen können Ängste, Sorgen und Bedenken ausgetauscht und weitgehend neutral eingeordnet werden. Wer ihren Rat beherzigt, profitiert davon mehr als von diversen Therapien.

Zudem gilt für Moral und Management keinesfalls das Gesetz der Evolution: nur der Stärkere überlebt. Bullshit! Die Wahrheit ist nur nicht bequem: Moral im Management ist möglich, aber man muss dafür kämpfen. Jeden Tag.

Und man muss bei sich selbst damit beginnen. Wer zum Beispiel darüber klagt, dass ihn der Job korrumpiert, sagt in Wahrheit, dass er zu schwach ist, für seine Werte auch die beruflichen Konsequenzen zu tragen. Über das System jammern und schimpfen und gleichzeitig Teil des Systems bleiben, ist inkonsequent, solange man nichts dagegen unternimmt.

Und dagegen unternehmen lässt sich immer etwas, wenn man will. Es kostet nur: fast immer Geld, Nerven und Kraft und manchmal eben auch den Job. Es liegt in der Entscheidungsmacht des Einzelnen, wo er seine Moral-Grenzen zieht, was er oder sie eben noch mitmacht, wann er oder sie zum Schwein wird

Oder auch nicht.

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