Gibt es Eigenschaften, die uns kreativer machen? Oder anders herum gedacht: Wenn Menschen besonders kreativ sind – haben Sie auffällige Gemeinsamkeiten. Der US-Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi (gesprochen: [miha:? :t?i:k's?ntmiha:?i] oder: Mihai Tschick-Sent-Mi-Haii) ist einer der bekanntesten und renommiertesten Kreativitätsforscher, oder wie er selbst sagt:
I have devoted 30 years of research to how creative people live and work, to make more understandable the mysterious process by which they come up with new ideas and new things. Creative individuals are remarkable for their ability to adapt to almost any situation and to make do with whatever is at hand to reach their goals.
Csikszentmihalyi ist den Eingangsfragen nachgegangen und hat einen lesenswerten Artikel in Psychology Today veröffentlicht, in dem er sich damit beschäftigt, was kreative Menschen eint. Seine Analyse lässt sich letztlich auf ein Wort verdichten: Komplexität. Kreative sind nicht nur enorm vielseitig, sie sind auch sehr widersprüchliche Menschen, die durchaus gegensätzliche Eigenschaften auf famose Art vereinen. Oder in seinen Worten:
They [creative people] show tendencies of thought and action that in most people are segregated. They contain contradictory extremes; instead of being an “individual,” each of them is a “multitude.”
Was er genau damit meint, beschreibt er in den folgenden 10 Punkten, die ich aus dem Artikel extrahiert habe:
- Kreative Menschen… sind energiegeladen und doch schweigsam bis ruhebedürftig. Sie arbeiten viele Stunden, können sich gut konzentrieren, sind euphorisch und von einer elektrisierenden Aura umgeben. Das heißt aber nicht, dass sie hyperaktiv wären. Tatsächlich brauchen Kreative ebenso häufig Ruhe um sich herum und schlafen viel und oft. Oder anders formuliert: Sie kontrollieren ihre Energie sehr gut. Wenn es sein muss, ist Ihr Verstand so fokussiert wie ein Laserstrahl, danach allerdings nutzen sie die freie Zeit, um ihre Batterien wieder aufzuladen.
- Kreative Menschen… sind smart und naiv zugleich. Eine der ältesten Studien zum Thema Intelligenz stammt von Lewis Terman von der Stanford Universität aus dem Jahr 1921. Er konnte zeigen, dass Kinder mit einem besonders hohen Intelligenzquotienten auch im späteren Leben gut zurecht kamen. Allerdings kam dabei heraus, dass ab einem bestimmten IQ-Wert noch höhere Intelligenz nicht zwangsläufig mit größerem Lebenserfolg korrelierte. Spätere Studien zeigten, dass dieser Scheitelpunkt bei einem IQ-Wert um 120 liegt. Csikszentmihalyi vermutet, dass es unter diesem Wert schwer ist, ausgesprochen kreativ zu sein, insbesondere weil die Kreativen so erst in der Lage sind, gegenteilig oder widersprüchlich (konvergent wie divergent) zu denken. Allerdings muss ein noch höherer Intelligenzquotient nicht zwangsläufig kreativer machen.
- Kreative Menschen… sind ebenso verspielt wie diszipliniert. Das Spielerische ist zweifellos eine Haupteigenschaft der Kreativen. Während die meisten Menschen fragen “Warum?”, fragen sich Kreative eher: “Warum eigentlich nicht?” Gleichzeitig können Sie sich aber auch in ihre Sache verbeißen und entsprechend konzentriert bis spät in die Nacht daran arbeiten, wenn es fertig werden muss.
- Kreative Menschen… oszilieren zwischen Fantasie und Realität. Imagination und Vorstellungskraft sind Bedingungen, um innovativ zu wirken. Fehlt ihnen aber der Bezug zur Realität, bleibt es nur ein schöner Ausflug ins Never-Never-Land. Das, was eine kreative Idee letztlich auszeichnet, ist nicht etwa ihre Kühnheit, sondern die Tatsache, dass jeder früher oder später erkennt, dass sie wahr (oder eben realistisch) ist.
- Kreative Menschen… tendieren dazu beides zu sein: introvertiert wie extrovertiert. Die aktuelle psychologische Forschung kommt zu dem Schluss, das Extraversion (oder deren Gegenteil) die stabilste Ausprägung einer Persönlichkeit ist. Gleichzeitig sieht es so aus, als würden ausgerechnet kreative Menschen beide Varianten auf sich vereinen.
- Kreative Menschen… sind stolz und bescheiden zur gleichen Zeit. Normalerweise erwarten wir, dass berühmte oder besonders erfolgreiche Menschen dazu neigen, arrogant oder hochmütig zu werden. Sie haben ja auch durchaus ein paar plausible Gründe dafür. Bei den Kreativen ist das aber anders. Einerseits sind sie natürlich stolz auf ihren Einfall (was sie gerne extrovertiert äußern). Gleichzeitig wissen sie aber auch um den Zufalls-Faktor und das Glück, das womöglich zur Entdeckung geführt hat. Zudem sind sie so auf neue Inspirationen fokussiert, dass sie ihre bahnbrechenden Idee oft schrullig präsentieren und schon durch neue Gedanken anreichern.
- Kreative Menschen… entsprechen nicht klassischen Geschlechterrollen. Bei Psychotests, die maskuline oder feminine Ausprägungen von Jugendlichen aufzeigen sollen, zeigt sich häufig: Kreative Mädchen sind auffällig oft taffer und dominanter als ihre Geschlechtsgenossinnen, während kreative Jungs häufig sensibler und weniger aggressiv als andere Jungs in ihrem Alter sind. Dabei geht es weniger um Androgynie oder gar Homosexualität. Sondern vielmehr darum, dass kreative Menschen nicht nur die Stärken ihres eigenen Geschlechts, sondern auch die des anderen auf sich vereinen.
- Kreative Menschen… sind ebenso rebellisch wie konservativ. Es ist unmöglich kreativ zu sein, ohne zuvor eine gewisse Kultur verinnerlicht zu haben, aus der man sich dann freilich umso innovativer heraus bewegt. Nur traditionell zu sein, hieße sich nicht mehr zu bewegen. Rebellion ohne Bezug wiederum ergibt keinen Sinn. Einfach nur etwas anders zu machen, anders zu sein, ist ein negativer Impuls – und nicht einmal ein kreativer. Aber etwas Neues zu wagen, weil dies eine Verbesserung des status quo darstellt, ist ebenso rebellisch – nur viel konstruktiver.
- Kreative Menschen… sind oft leidenschaftlich bei der Sache. Sie bewerten ihr Tun aber auch objektiv. Ohne Leidenschaft, verlieren wir irgendwann die Lust an der Sache und geben auf. Erst recht, wenn sich der Erfolg nicht sofort einstellt. Deshalb brauchen Innovatoren Leidenschaft. Blinde Leidenschaft kann allerdings ruinös oder gar zerstörerisch wirken. Deshalb brauchen sie ab und an auch einen selbstkritischen Blick.
- Kreative Menschen… sind offen und sensibel. Das lässt sie aber auch darunter leiden. Denken Sie an großartige Schriftsteller: Die meisten leiden regelrecht körperlich, wenn sie schlechte Texte lesen. Gleichzeitig nehmen sie jede Nuance, jede feine Botschaft – auch die zwischen den Zeilen – in sich auf. Kreative sind aufgeschlossen und neugierig, sie hungern nach neuen Erfahrungen und Impulsen. Das bedeutet aber auch, dass Sie dabei manchmal mehr Dinge erleben, als ihnen lieb ist.







Tobias
Toller Beitrag :)
Olaf
Tja und wenn man nin auch noch wüsste wie man diese Eigenschaften aufbauen kann könnte man auch kreativ werden – bzw. seine Kreativität verbessern.
Réka
Dieses Vereinbaren der Gegenteile bedeutet vielleicht auch das, dass diese Leute sich nicht zu viel mit der Meinung der anderen beschäftigen. Sie möchten kein „einheitliches Image“ ausstrahlen.
Jim Collins und Jerry Porras schrieben im Buch „Immer erfolgreich“ über „visionäre” Unternehmen. Eine ihrer Hauptthesen: diese Firmen sind fähig, anscheinend gegensätzliche Ziele und Eigenschaften zu vereinbaren. Z. B.: Kurzfristiger Profit und langfristige Entwicklung; feste Grundprinzipien und radikale Veränderungen; starke Ideologie und große Selbständigkeit der Mitarbeiter.
(Übrigens wird der Name so ausgesprochen: Mi-hai Tschick-sent-mi-ha-ji)
Jochen Mai
@Réka: Bezüglich der Aussprache ist Wikipedia anderer Meinung. Diese Quelle wiederum gibt folgende Lautsprache an: [miha:?: t?i:k's?ntmiha:?i]. Aber ich frag ihn bei Gelegenheit gerne auch noch mal selbst… :)
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Réka
[...]Als ich im Blog der Karriere-Bibel Jochen Mais Zusammenfassung über einen Csíkszentmihályi-Artikel las, fiel mir schnell das Buch „Immer erfolgreich“ von Jim Collins und Jerry Porras ein.
Was zeichnet kreative Menschen aus, und was zeichnet visionäre Unternehmen aus? Gibt es gemeinsame Punkte? Was können Menschen von Unternehmen lernen und umgekehrt?[...]
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Ines
Spannender Artikel :)
Tim Rombach
Super Artikel. Jetzt wird mir so einiges klar :-)
Sabine Poets
Wow…kein Wunder also, das viele “nicht Kreative” unerlässlich neuen Gesprächsstoff für ihre Wertung kreativer Menschen in ihrem Umfeld finden. -Was ich nicht verstehen kann (und wie sollte bei diesem Wissen jemand der nicht selber kretaiv ist einen Kreativen verstehen), stelle ich in Frage. Toller Artikel!
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Thomas Schmidt
Toller Artikel, es lebe die Kreativität!