11 von Jochen Mai am 4. September 2007 → Essay in Psychologie

Sex sells – Psychotricks bei Verhandlungen

erotikEs gibt diesen Moment im Kino, den jede erstklassige Schauspielerin aus dem Effeff beherrscht. Sie schaut intensiv in die Kamera, lächelt und der Zuschauer glaubt: Sie meint mich. Natürlich ist das Manipulation, die uns fesseln und Sympathien wecken soll. In der Regel gelingt das auch, denn die subtile Attacke zielt direkt auf die Eitelkeit und damit auf die vielleicht größte Schwäche von uns Menschen.

Vor einiger Zeit hat mir ein Verhandlungsprofi eine illustre Geschichte dazu erzählt. Sie handelt von einem Einkäufer, der eine ziemlich ausgebuffte Masche entwickelt hat, um die Preise seiner Lieferanten zu drücken: Vor der Verhandlung mietet er bei einer Agentur ein Model. Nicht nur irgendein Model, sondern ein echter Männerblickfang, der alle diesbezüglichen Klischees erfüllt. Dieses Model stellt er dann als seine Assistentin vor, die alles protokollieren wird. Und tatsächlich: Das Mädchen schreibt artig alles mit, allerdings sieht sie den Lieferanten dabei bewusst nie an. Klar, was jetzt passiert: Der Mann plustert sich auf, gockelt, versucht charmant zu sein und zu imponieren. Vergeblich. Sie ignoriert ihn beharrlich. Dadurch steigt sein Stresspegel, was der Einkäufer bereits zu seinem Verhandlungsvorteil nutzt – bis er an die Schmerzgrenze des Lieferanten stößt. Keine weiteren Rabatte möglich. Wirklich? Denn nun sagt der Einkäufer sinngemäß folgendes: „Sie sind wirklich einer meiner liebsten Lieferanten und wir haben bis jetzt eine sehr gute Basis gefunden. Aber für den letzten Schritt fehlt Ihnen vermutlich die Kompetenz. Möchten Sie sich bei Ihrem Chef kurz rückversichern?“ Beim Wort „Kompentenz“ schaut ihn das Model zum ersten Mal an – lang, intensiv, musternd. Und nicht ohne die beabsichtigte Wirkung: In der Regel sind sofort doch noch einige Prozentpunkte ohne Rückfrage drin.

Eine phantastische Geschichte, vielleicht ist sie sogar wahr. Aber funktioniert sie auch umgekehrt? Ich habe die Geschichte mehrfach in meinem Bekanntenkreis erzählt und vor allem die Frauen gefragt, ob das bei ihnen – natürlich mit vertauschten Rollen – auch funktionieren würde. Einhellige Antwort: Es würde. Der vermeintliche Assistent sollte zwar auch gut aussehen, müsse aber besonders viel Charme haben. Dann könne keine ausschließen, dass sie auf den Trick anspringt. Tja, Sex sells. Immer wieder.

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1. Kommentar

Norbert Glaab
04.09.07 um 13:50 Uhr

Auf die Frage, ob das bei Frauen auch funktioniert?
Dem Assistenten mal so einen richtig dicken Geldbeutel in die dafür vorgesehen Tasche stecken. Angeblich wirkt das auf Frauen sexy.
Ich habe noch keine eigene Erfahrung! :-)

2. Kommentar

nimue
04.09.07 um 14:00 Uhr

also, bei mir hat das nie funktioniert. sogar bei heftigsten flirtereien konnte ich mit einemmal die domina rausholen.
anders sieht das natürlich bei präsenten aus. wenn ein vertreter sich die mühe machte, rauszubekommen was ich mag, oder für den hund leckerchen mitbrachte, war ich durchaus verhandlungsbereit.

3. Kommentar

Nicola
04.09.07 um 16:55 Uhr

So sind sie die Männer: naiv und leicht zu beeinflussen. Pack ein bisschen Fleisch in die Auslage und schon bekommst du, was du willst. Aber würde ich umgekehrt darauf reinfallen? Nein. Der Typ müsste schon vorher mit mir gesprochen haben und so mein Interesse geweckt haben. Nur dann zieht auch die Masche mit dem Ignorieren. Aber wenn der von vorneherein nichts sagt und nur gut aussieht… ach nö, dann reicht es mir auch mir vorzustellen, wie er unter dem Anzug aussieht.

4. Kommentar

derherold
04.09.07 um 21:41 Uhr

:)))
Meine Erfahrung: wenn der “Sex” des Mannes/Assistenten zu vordergründig ist, blockt *frau* in solchen Gesprächen eher ab. Der gutaussehende “Zurückhaltende”, ich empfehle entweder >1,90m und/oder blaue Augen, macht auch Business-Dominas gefüg…äh… gesprächsbereit. ;)

Vorstellungsgespräch Dresden: frage Sekretärin (Mitte 30, blond) nach ihren Stärken. Antwort. “Ich bekomme Dinge hin, wo Andere versagen.”
…ich erwachte kurz darauf mit Hilfe eines Riechfläschens aus meiner Ohnmacht :)

5. Kommentar

Dori
06.09.07 um 09:15 Uhr

Aus umgekehrter Sicht kann ich mir das überhaupt nicht vorstellen. Ich persönlich würde das Spiel wahrscheinlich sofort durchschauen und dann “dicht” machen.

6. Kommentar

Jochen Mai
06.09.07 um 10:47 Uhr

Ich denke auch, dass Frauen diesbezüglich schwerer zu manipulieren sind. Und plump schon gar nicht. Über eine Variante ist indes noch gar nicht gesprochen worden: Was wäre mit dem bewusst provozierten “Zickenkrieg” – also das Spiel Good-guy-bad-guy – nur dass den bad guy eine Assistentin spielt, die die Gegenspielerin in Rage bringt oder verunsichert?

7. Kommentar

derherold
06.09.07 um 12:08 Uhr

Umgekehrt ?
Fühlt sich das weibliche Alpha-Tierchen von der “zickigen” Assistentin provoziert, schießt sie *ihn* mit über den Haufen.

… der charmante, gutaussehende Assistent, der die Wogen glättet … ;)

Ein Chef/Verhandlungsführer kann sich doch nicht für das provokative Verhalten seiner Mitarbeiterin entschuldigen !

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