Das Marshmallow-Experiment – Zusammenfassung
Das Stanford-Marshmallow-Experiment war eine Studie zum sogenannten Gratifikationsverzicht (synonym: Belohnungsaufschub) bzw. zur Impulskontrolle, die 1970 von dem Psychologen Walter Mischel an der Stanford University durchgeführt wurde. Bei dem sozialpsychologischen Experiment wurde Vorschulkindern (Alter: 3-5 Jahre) eine Schale mit Marshmallows (süße Schaumzuckerbällchen) auf den Tisch und die Kinder vor die Wahl gestellt: Entweder die Marshmallows sofort naschen – oder warten, bis der Versuchsleiter zurückkommt und noch mehr Marshmallows bekommen. Natürlich griffen einige Kinder sofort zu, die Mehrheit aber zeigte Selbstbeherrschung und wartete ab.
Wie lange dauerte der Marshmallow-Test?
Der Marshmallow-Test dauert in der klassischen Version rund 15 Minuten. Solange sitzen die Kinder allein in einem Raum mit den Marshmallows und warten. Wenn sie die Süßigkeit bis zum Ende der Wartezeit nicht essen, erhalten sie als Belohnung eine zweite Schale. Neuere Varianten des Tests verwenden auch etwas kürzere oder längere Wartezeiten.
Was sagt der Marshmallow-Test aus?
Rund 14 Jahre nach dem Experiment wurden dieselben Schüler erneut befragt. Aber jetzt zeigte sich: Wer einst Geduld hatte und abwarten konnte, war zu einer selbstbewussten, sozial-kompetenten Persönlichkeit gereift, konnte mit Rückschlägen und Frustrationen umgehen, hatte ein höheres Selbstwertgefühl und erreichte bessere Bildungsabschlüsse. Die ungeduldigen Sofortesser waren dagegen unsicherer, unentschlossener und schnitten – unabhängig von ihrer Intelligenz – in der Schule schlechter ab.
Die Schlussfolgerung aus dem Marshmallow-Test: Die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub könnte ein frühes Indiz für einen starken Charakter und späteren Lebenserfolg sein. Der Harvard-Professor Daniel Goleman und Autor eines Bestsellers über „emotionale Intelligenz“ bestätigte das und sagt: Ein hoher Intelligenzquotient sei allenfalls zu 20 % für Erfolg verantwortlich. Wer dagegen klug mit seinen Gefühlen und Begierden umgeht, bringt es im Leben weiter als der brillanteste Bauchmensch (siehe auch: Korrumpierungseffekt).
Was ist der Marshmallow-Effekt?
Zahlreiche Studien zeigen heute, dass Selbstkontrolle und mentale Stärke wichtige Erfolgsfaktoren sind und unbeherrschte Gefühle hingegen logisches Denken sowie kluge Entscheidungen blockieren können. Kurz: Impulsive Menschen scheitern vorwiegend an sich selbst. Das Gegenteil des Marshmallow-Effekts kennen alle aus dem Sprichwort: „Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.“ – Wer so denkt, bekommt zwar eine Instant-Belohnung, aber eben auch nur den Spatz! Dabei wäre deutlich mehr drin gewesen…

Ist Selbstkontrolle wirklich ein Schlüssel zum Erfolg?
Die Fähigkeit, seine Impulse zu kontrollieren und auf eine spätere Belohnung zu warten, spielt eine wichtige Rolle für die emotionale und soziale Entwicklung von Kindern und Erwachsenen. Selbstkontrolle und Belohnungsaufschub können den späteren (beruflichen) Erfolg zentral beeinflussen. Der Zusammenhang ist laut neuesten wissenschaftlichen Untersuchungen jedoch schwächer als zunächst angenommen. Auch Faktoren, wie das familiäre Umfeld, die soziale und wirtschaftliche Situation oder das Vertrauen in die eigenen Stärken aus dem Umfeld (siehe: Pygmalion-Effekt) haben großen Einfluss auf das Verhalten und den späteren Erfolg. Daher wird heute angenommen, dass Selbstkontrolle zwar eine wichtige Fähigkeit ist, aber nur eine von vielen Faktoren, die den Lebenserfolg beeinflussen.
Marshmallow-Test Kritik
Ob und wie sehr sich Willensstärke (Fachbegriff: Volition) bei Kindern auf den weiteren Lebenslauf auswirkt, ist jedoch umstritten. Jüngere Studien von Tyler Watts von der New York Universität kritisieren, beim Stanford-Experiment von Walter Mischel seien nur Kinder von gut ausgebildeten Eltern beobachtet worden. Das verfälsche die Stichprobe und führe dazu, dass diese Kinder – Belohnungsaufschub hin oder her – später im Leben erfolgreich waren. Ob das genauso für Kinder aus einem bildungsfernen Elternhaus zutrifft, bezweifeln Watts und seine Kollegen. Bei seinen Experimenten mit einer repräsentativeren und landesweiten Auswahl von Viereinhalbjährigen gab es keinen Einfluss des Gratifikationsverzichts mehr (Korrelation: 0,3).
Ihr Fazit: Bildung sei wichtiger als Selbstkontrolle. Tatsächlich hielten hauptsächlich Akademikerkinder länger der süßen Versuchung stand. Der Zusammenhang mit späteren Leistungen und Lebenserfolg als Erwachsene ließe sich daher statistisch nur zu einem Viertel mittels Impulskontrolle erklären.
Was hilft gegen den Marshmallow-Effekt?
Erliegen Sie leicht Versuchungen? Etwa beim Shopping, bei ungesundem Essen oder beim Spekulieren an der Börse? Wenn Gier oder Instant-Lust über die vernünftige Vorausschau siegen, hilft oft nur: Dankbarkeit. Laut Studien von David DeSteno von der Northeastern University ist Dankbarkeit das wirksamste Gegenmittel. Bei seinem Experiment hatten Probanden die Wahl zwischen einer Sofortauszahlung von 54 US-Dollar oder 80 US-Dollar in 30 Tagen. Eine Gruppe sollte jedoch zuvor daran denken, wofür sie dankbar ist (sog. Priming). Und tatsächlich: Die Dankbarkeit machte sie geduldiger und unempfindlicher gegenüber Verlockungen in der Gegenwart.
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