Meeting.Stammplatz-Sitzordnung
Meetings sind Minenfelder. Hierarchien, Intrigen und gruppendynamische Effekte bestimmen oftmals das Geschehen. Mehr als uns bewusst ist. Entsprechend versuchen Wissenschaftler seit Jahren schon die Geheimnisse unserer Büromanieren und -marotten zu entschlüsseln. Dazu gehören auch jene Erkenntnisse, die die Psychologin Sharon Livingston einmal so zusammengefasst hat: Du bist, wo du sitzt. Tatsächlich offenbart die Sitzordnung, also wo wir uns freiwillig im Meeting hinsetzen, eine Menge darüber, wer wir sind und wie wir ticken...

Stammplatz: Warum haben Sie sich ausgerechnet dort hingesetzt?

Welche subtilen Botschaften und tiefere Symbolik solchen Konferenzen innewohnen, versuchen Wissenschaftler, allen voran Psychologen und Verhaltensforscher, schon seit Jahren zu dekodieren. Herausgekommen ist dabei allerlei Heiteres, Nachdenkliches und Nützliches. Aber auch viel Falsches.

So dachte man etwa bisher etwa, der Stammplatz, also jener Ort, den wir im Meeting immer wieder gerne einnehmen, markiere vor allem eine Art Territorium, das sich jemand mit wachsender Betriebszugehörigkeit erkämpft und nun besetzt hält. Fehler!

Inzwischen weiß man: Der Sitzplatz am Konferenztisch markiert vielmehr unseren Rang und die Rolle, die wir in der Gruppe einnehmen (wollen).

Als Sharon Livingston die Geheimnisse der Konferenzrituale intensiver untersuchte und dazu im Laufe ihrer Karriere mehr als 40.000 Arbeitnehmer und Vorgesetzte interviewte, beobachtete und analysierte, stellte sie bald fest, dass es in Meetings im Schnitt immer dieselben sieben Typen und ihre dazu gehörigen Sitzplätze gibt.

Zugegeben, das Ganze klingt ein wenig holzschnittartig. Aber das sind Archetypen immer. Genauso wie ihnen immer auch ein wahrer Kern innewohnt. Aber prüfen Sie es am besten selbst: Wenn Sie das nächste Mal zu einer Besprechung pilgern, achten Sie einmal darauf, wer sich wo hinsetzt und wie er sich dabei verhält.

Livingston zufolge sind folgende Plätze verräterisch:

  • Das Kopfende

    Hier pflegen die Chefs Platz zu nehmen – insbesondere, wenn Sie dabei die Wand im Rücken und die Tür im Blick haben. Notorische Zuspätkommer werden so sofort entlarvt, heimliche Davonschleicher aber auch. Umgekehrt ist der Platz mit dem Rücken zur Tür der statusniedrigste Ort. Wer dort sitzt, wird bei fehlenden Unterlagen gerne gebeten, sie mal eben zu holen. Ein Laufburschenjob.

  • Rechte Flanke

    Nur im Sprichwort sitzt zur Rechten des Chefs automatisch seine rechte Hand. Eher nimmt dort ein eifriger Zustimmer und Schleimer Platz. Hier sucht er dann vor allem die Nähe zum Herrscher, um von dessen Aura und Gunst zu profitieren. Die Gruppe oder das Thema sind für ihn zweitrangig.

  • Linke Flanke

    Auch hier sucht jemand die Nähe zum Chef und drückt damit Verbundenheit aus. Die linke Seite deutet aber auf jemanden hin, der unabhängig bleiben und seine eigene Sicht behalten will. Zugleich dokumentiert diese Person ihren Machtanspruch, denn ihre Position ist die nächste zum Kopfende. Oft sitzt hier der Kronprinz.

  • Das Mittelfeld

    Dieser Platz ist perfekt für alle, die mit den Kollegen Blickkontakt halten, aber auch gesehen werden wollen. Entsprechend sitzen hier häufig Extrovertierte, aber auch Moderatoren, die zwischen beiden Tischseiten vermitteln. Ungünstig ist dieser Platz erst, wenn jemand dabei gegen das Fenster schauen und andere Teilnehmer deshalb im Gegenlicht anblinzeln muss. So geblendet gerät seine Erscheinung leicht ins Zwielicht, er wirkt irritiert und unsicher.

  • Die Ecke

    Wo die Tischmitte eine Bühne bietet, ist die Außenposition der bessere Ort für Kollegen, die sich lieber in der Gruppe verstecken, die Introvertierten. Hier lehnen sie sich zurück, beobachten, hören zu, warten ab. Das muss kein Handicap sein. Oft sagen die Eckensitzer wenig, aber was sie sagen, ist dafür durchdacht. Nicht selten hocken hier Analytiker ohne größeren Führungsanspruch.

  • Der Gegenpol

    Was für die Wurst gilt, trifft auch auf Sitzungstische zu: Sie haben zwei Enden. Und dem Boss gegenüber platzieren sich meist seine ärgsten Kritiker. Sie bilden damit nicht nur ein verortetes Gegengewicht, sondern machen ebenso deutlich: Sie haben einen ähnlich großen Überblick wie der Chef – nur seitenverkehrt und mit weniger Macht.

  • Der Restposten

    Im Grunde sitzt dieser Meetingteilnehmer gar nicht am Tisch, sondern daneben oder dahinter. Im günstigsten Fall verrät das jemanden, der das große Ganze im Blick behalten will und nach einer übergeordneten Perspektive strebt. Im anderen hockt dort jemand, der zu spät gekommen ist und einen Platz von der Rundenresterampe nehmen musste. So oder so: Wer hier sitzt, ist sicher nicht die Alpha-Person in der Konferenz.

Das kann man als Kokolores abtun. Womöglich steckt jedoch mehr dahinter, als mancher meint. Denn wer diesen Sitzcode durchschaut, kann davon gleich zweifach profitieren.

  • Einmal, indem er das Verhalten seiner Mitstreiter besser durchschauen und beurteilen kann.
  • Der- oder diejenige kann so aber auch aktiv seine eigene Rolle innerhalb der Gruppe oder des Unternehmens beeinflussen und neu definieren.

Autoritäre Chefs, die zum Beispiel vom Kopfende zur Mitte des Tisches rücken, wirken automatisch volksnäher. Rutscht der smarte Analytiker wiederum aus seiner stillen Ecke zur Linken des Chefs, steigt sein Status unmittelbar, und er wird stärker als Co-Manager wahrgenommen.

Platzwahl: Wir setzen und am liebsten neben ähnliche Kollegen

Extra-Tipp-IconWir setzen uns am liebsten neben Menschen, die uns ähnlich sehen. Das ist das Ergebnis einer Studie von Sean Mackinnon. Zwar haben wir im Büro in der Regel wenig Einfluss darauf, wer neben uns sitzt. Im Meeting allerdings schon.

Mackinnon's Team hatte dazu Hunderte Studenten beobachtet und sie sich während der 3-monatigen Testphase immer wieder neu zusammensetzen lassen. Ergebnis: Brillenträger nahmen besonders gerne neben anderen Brillenträger Platz, Blondinen setzten sich zu Blondinen, Langhaarige zu Langhaarigen, Hellhäutige zu Hellhäutigen und so weiter. Dabei untersuchten die Forscher auch, wie nahe sich die Probanden kamen, indem sie diese beispielsweise dafür extra Stühle rücken ließen. Auch hier dasselbe Ergebnis: Wer sich ähnlich sah, rückte selbst Fremden gegenüber deutlich näher auf die Pelle.

Tischordnung: Wie die Bestuhlung Teams beeinflusst

Sitzordnung-Platzwahl-KonferenzNicht nur wo wir sitzen – auch wie wir sitzen, nimmt Einfluss auf den Gesprächsverlauf. So fördern unterschiedliche Sitzordnungen ganz unterschiedliche Gruppeneffekte.

Hier eine Übersicht der sechs typischsten Tischordnungen:

  1. Das Rechteck

    Meeting-QuadratDie Tische werden hier zu einem großen O oder Rechteck angeordnet, es gibt also keine erkennbare Hierarchie der Plätze. Deshalb eignet sich diese Form besonders gut für Teambesprechungen mit kreativen, projektbezogenen oder interpersonellen Themen. Die dennoch spürbare Distanz der einzelnen Tischreihen zueinander dient dabei als Schutzraum und hilft manchen, sich besser zu öffnen. Völlig ungeeignet ist das Rechteck für Präsentationen, weil dann immer eine Reihe mit dem Rücken zur Leinwand sitzt.

  2. Das Board

    Meeting-BoardEin großer Tisch, an denen sich zwei Gruppen gegenübersitzen mit einem Platz am Kopfende, womöglich der Ort des Chefs. Auf den ersten Blick ein formeller, hierarchischer Aufbau, der sich für Kontroversen eignet. Am Kopfende kann aber auch ein neutraler Moderator sitzen, der die Diskussion leitet. Die Form eignet sich für Sitzungen mit möglichst nicht mehr als 14 (plus 1) Teilnehmern. Je weiter die Teammitglieder vom Kopfende entfernt sitzen, desto mehr fühlen sie sich ausgeschlossen und engagieren sich umso weniger.

  3. Die römische Zwei

    Meeting-Römische2Bei diesem Modell stehen sich zwei Tischreihen gegenüber, gegebenenfalls kommt ein Platz an einer Stirnseite hinzu. Hier könnte eine Präsentation stattfinden oder ein Mediator sitzen. In jedem Fall erzeugen die gegenüberliegenden Tischreihen mehr Distanz und Kontroverse als beim Board. Die Anordnung eignet sich daher eher für Verhandlungen mit zwei Delegationen oder Schlichtungsgespräche, weniger für Brainstormings.

  4. Das U

    Meeting-UDurch das offene Kopfende ergibt sich automatisch eine Art Bühne – etwa für Vorträge, Powerpointpräsentationen oder Pitches. Der angedeutete Halbkreis indes fördert Harmonie und Kooperation der Teilnehmer untereinander. Denn solange an einer der Stirnseiten nicht der Chef Platz nimmt, entsteht keine Hierarchie der Positionen am Tisch. Die Form ist ideal für Jurysitzungen oder gruppendynamische Besprechungen, bei denen es mehr um gegenseitige Inspiration statt um Formalismen geht.

  5. Der Halbkreis

    Meeting-HalbkreisDer Halbkreis ist die konsequente Weiterentwicklung des „U“, nur fallen dabei die Tische weg. Dadurch gibt es keine optischen Barrieren und Barrikaden, hinter denen sich Teammitglieder verstecken könnten. Die Form setzt Offenheit voraus, fördert diese aber auch. Damit das so bleibt, sollte am Kopfende allenfalls ein Moderator sitzen. Andernfalls lässt sich der Kreis auch schließen – und wird dann im Fachjargon auch Stuhlkreis genannt. Die Form eignet sich besonders für Brainstormings, emotionale Sitzungen und Gruppengespräche.

  6. Der Cluster

    Meeting-ClusterAuf den ersten Blick ist kein System erkennbar: Die Teilnehmer verteilen sich gleichmäßig auf im Raum verteilte runde Tische. Doch genau das ist das System. Allenfalls an einer Seite sitzt (oder steht) eine herausgehobene Person, die eine Präsentation hält. Diese Cluster-Form ist primär gedacht für Brainstormings, aber auch für Projektarbeiten, bei denen sich die Teilnehmer zwischen einzelnen Zwischenberichten immer wieder in ihre Arbeitsgruppen an den Einzeltischen zurückziehen, um später das Gesamtergebnis vorne zusammenzutragen. Es ist ein Wechselspiel aus Frontalunterricht und Gruppenarbeit.

Sitzfleisch: Du bist, wie du sitzt

Kurzer Check: Wie sitzen Sie gerade? Also wirklich gerade, aufrecht - oder eher gekrümmt und eingefallen? Wie Sie sitzen, kann entscheidenden Einfluss auf Ihr Selbstwertgefühl haben. Oder anders formuliert: Wer aufrecht sitzt, empfindet sich selbst tatsächlich erhabener und ist stolzer auf seine Arbeit. Zu dem Ergebnis kommen Sabine Stepper und Fritz Strack, beide Psychologen der Universität Trier.

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