„Wenn es Unrecht ist, tue es nicht; wenn es Unwahrheit ist, sage es nicht.“

Marcus Aurelius, Römischer Kaiser

Sozialwissenschaftler wissen: Je stärker sich ein Mensch mit seinem Beruf identifiziert, desto schneller passt er sich den Gepflogenheiten des Betriebs oder der Branche an. Das hat nicht nur Vorteile. Um von den Kollegen und vom Chef respektiert, gelobt, gemocht zu werden, überschreiten so manche mit der Zeit Grenzen, die für sie früher unpassierbar gewesen wären – aus Skrupel und Anstand. Die Idee des Kollegen als eigene verkaufen? „Selbst Schuld, hätte er eben schneller sein müssen!“ Dem Kunden die aktuellen Probleme des Produktes vorenthalten? „Hey, er hat ja auch nicht danach gefragt!“ Schmiergeld bezahlen, um den Auftrag zu bekommen? „Na und, macht doch jeder!“ Tatsache ist: Nicht nur Geld verdirbt den Charakter, der Job kann das genauso mitsamt der Firmenkultur, dem Korps- und Kollegengeist.

Zuerst verändern sich oft nur die Gedanken, dann die Betriebsoberfläche: der Gestus, die Kleidung, die Sprache, manchmal sogar der Freundeskreis. Danach verrücken die Grenzen: Was die anderen okay finden, kann so schlecht nicht sein. Und je mehr mitmachen, desto mehr verschiebt sich die Verantwortung vom Einzelnen auf die Gruppe. Am Ende gibt es nicht einmal mehr Ausreden – dann zählt nur noch der Erfolg. Solchen Denk- und Verhaltensmustern dann wieder zu entkommen, das kostet Kraft – und nicht selten sogar den Job.

Wie eine exklusive Umfrage für die WirtschaftsWoche belegt, beklagt inzwischen jede zweite Führungskraft mehrmals im Jahr ein schlechtes Gewissen im Job. Die befragten Team-, Abteilungs- und Bereichsleiter sowie Geschäftsführer leiden zunehmend darunter, dass sie bei betrieblichen Entscheidungen ihre persönlichen Wertvorstellungen über Bord werfen müssen. Jeden zehnten Manager quält eigenen Angaben zufolge das schlechte Gewissen sogar einmal pro Woche. Das hat die Düsseldorfer Personalberatung Lachner Aden Beyer & Company Consultants im Rahmen einer Umfrage unter rund 265 Managern ermittelt, deren Ergebnisse mitsamt der ausführlichen Geschichte dazu mein Kollege Christian Schlesiger und ich in der aktuellen WirtschaftsWoche zusammengetragen und analysiert haben.

Soviel aber vorweg: Die Gier ist die größte Versuchung. Sozialneid und Statusdenken treiben Menschen in die Verfehlung, wenn es um ein ansehnlicheres Büro geht oder ein repräsentativeres Auto. Ein bisschen Gier ist zwar noch harmlos, stachelt vielleicht sogar an und weckt bei den Betroffenen Ehrgeiz und Kreativität; ein bisschen zu viel, und es wirkt mörderisch. Die Leute sehen dann nur noch den Reichtum ihrer Kollegen, ihrer Kunden und ihrer Nachbarn. Sie wollen mithalten und auch ein Stück vom Kuchen abhaben. Erst nur eins, dann immer mehr. So übertragen viele die Glorifizierung des Unternehmenswachstums unbewusst auf die eigene Karriere und die eigenen Ansprüche. Der Bonus, den einer gestern erst bekommen hat, ist morgen schon Teil seines Anspruchs, den er nächstes Jahr steigern muss – mehr Gehalt, mehr Mitarbeiter, mehr Verantwortung, mehr Budget. Mehr. Mehr. Mehr. „Wer gierig ist, wird Sklave eines Triebs, der den Verstand ausschaltet“, erkannte schon der Psychoanalytiker Sigmund Freud.

Irgendwann bedienen sich manche dann einer Art Patchwork-Ethik, eines Rollenwechsels, bei dem sie zwischen unterschiedlichen Wertesystemen hin- und herspringen: tagsüber Betrüger, Intrigant, Mobber; abends treusorgender Familienvater, aufmerksamer Ehemann und hilfsbereiter Nachbar. Manch einer streift sich seine Persönlichkeiten über wie andere ihren Blaumann. Für die Seele aber ist das auf Dauer eine kaum überwindbare Zerreißprobe.

Was dagegen hilft, ist vor allem ein soziales Korrektiv. Gerade Manager haben häufig den Kontakt zu sich verloren, weil ihre Aufgaben, die 14-Stunden-Tage und täglichen Diskussionen im Job längst die Kontrolle über ihr Leben übernommen haben. Was ihnen fehlt, ist ein Spiegel, der sie wieder erdet und die Prioritäten gerade rückt. Wer sich immer nur im Dunstkreis der Kollegen bewegt, bleibt in einer Art Käseglocke, das macht immun gegenüber Zweifeln und Kritik. Selbst der noch so hart gesottene Haudegen braucht Gelegenheiten, in denen er seine Fehlbarkeit erkennt und sein Reflexionsvermögen verbessern kann. Außenstehende leisten hierbei oft die wertvollsten Impulse: der Fachkollege aus einer anderen Firma, ein langjähriger Mentor, der Coach, der unbeteiligte Joggingpartner. Mit ihnen können Ängste, Sorgen und Bedenken ausgetauscht und weitgehend neutral eingeordnet werden. Wer ihren Rat beherzigt, profitiert davon mehr als von diversen Therapien.

Zudem gilt für Moral und Management keinesfalls das Gesetz der Evolution: nur der Stärkere überlebt. Die Wahrheit ist nur nicht bequem: Moral im Management ist möglich, aber man muss dafür kämpfen. Jeden Tag. Und man muss bei sich selbst damit beginnen. Wer zum Beispiel darüber klagt, dass ihn der Job korrumpiert, sagt in Wahrheit, dass er zu schwach ist, „für seine Werte auch die beruflichen Konsequenzen zu tragen“, findet etwa Marcus Schmidt, Personalberater bei Hanover Matrix in München. Über das System schimpfen und gleichzeitig Teil des Systems bleiben, ist eben inkonsequent, solange man nichts dagegen unternimmt. Und dagegen unternehmen lässt sich immer etwas. Es kostet nur: fast immer Geld, Nerven und Kraft und manchmal eben auch den Job. Es liegt in der Entscheidungsmacht des Einzelnen, wo er seine Grenzen zieht, was er eben noch mitmacht, wann er zum Schwein wird – oder auch nicht.

Dazu passt folgende Umfrage, die ich vor einiger Zeit hier im Blog durchgeführt habe:

Wie ehrlich sind Sie im Job?

(Basis: 132 Teilnehmer, Mehrfachnennungen möglich, Angaben in Prozent)

Ich bin immer ehrlich! 43
Ich habe… meinen Arbeitgeber bestohlen. 25
Ich habe… bewusst Fehler verschwiegen. 16
Ich habe… Informationen zurückgehalten. 15
Ich habe… Intrigen geschmiedet. 12
Ich habe… andere denunziert. 8
Ich habe… mich bestechen lassen. 8
Ich habe… gelogen oder betrogen. 6
Ich habe… bestochen. 3
Ich habe… Geld unterschlagen oder hinterzogen. 1