Schon immer wurde gelogen und betrogen. Bei der Steuer, beim Einkommen, bei der Liebe, der Treue oder der eigenen Blogstatistik. Das ahnt nicht nur jeder, das weiß jeder. Bis zu 200 Mal soll ein Erwachsener angeblich am Tag lügen. Trotzdem gibt es immer wieder Menschen, die beharrlich gut und ehrlich sind. Und man mag sich darüber nur wundern, zumal sich in den Köpfen längst die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass der Ehrliche mit dem Dummen erstaunlich viel gemein hat. Erst recht, wenn die Gefahr, beim Betrug entdeckt zu werden, nahezu gleich null ist.

Nun haben Wissenschaftler, darunter Nina Mazer und Dan Ariely von der MIT-Univeristät (pdf), die Sache genauer untersucht und sind dabei zu dem überraschenden Ergebnis gekommen: Menschen betrügen zwar gerne und vor allem dann, wenn es ihnen nützt, jedoch nicht in maximalem Umfang – selbst wenn Wahrscheinlichkeit erwischt und bestraft zu werden praktisch nicht gegeben ist.

So mussten Probanden (Studenten) bei dem wissenschaftlichen Experiment dazu einen Fragebogen ausfüllen, bei dem es für jede richtige Antwort am Ende Geld gab. Die Forscher teilten die Teilnehmer in zwei Gruppen ein: Bei der ersten wertete der Versuchsleiter den Fragebogen selbst aus, bei der zweiten durften die Studenten ihre Ergebnisse bewerten und somit ihren Profit direkt beeinflussen. Es dürfte keinen verwundern, dass bei der zweiten Gruppe die Ergebnisse durchweg besser ausfielen. Klar, die Probanden betrogen, allerdings nur bei maximal 20 Prozent der Fragen. Danach setzte offenbar eine natürliche Hemmschwelle ein, auch wenn die Forscher das Risiko, entdeckt zu werden, in einem zweiten Durchlauf weiter verringerten. Die Wissenschaftler schlossen daraus, dass es neben dem materialistischen Belohnungssystem in unserem Gehirn auch eines für Rechtschaffenheit geben muss.

Das aber warf weitere Fragen auf: Wo liegt dann diese Ehrlichkeitsgrenze und lässt sie sich verschieben?

Um es kurz zu machen: Sie liegt bei jedem Menschen anders – und, ja, sie lässt sich verschieben. Wenn Probanden etwa bei der Tat in einen Spiegel schauen oder davor einen selbstreflektierenden Aufsatz über sich verfassen mussten, waren sie prompt ehrlicher. Wenn sich Menschen gar von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen – etwa bei Verhandlungen –, dann fällt ihnen das Lügen noch schwerer, was wiederum Kathleen Valley, Joseph Moag und Max Bazerman schon 1998 zeigen konnten.

Allerdings – und das ist die Kehrseite der Geschichte – betrügen und belügen sich die Menschen dafür umso lieber am Telefon, also wenn sie sich dabei nicht ins Auge sehen müssen. Schlimm daran: Die meisten kommen damit durch, denn der Stimme am anderen Ende der Leitung wird meist geglaubt. Vielleicht ein guter Grund, weniger zu telefonieren und sich häufiger zu besuchen.