Pokerface: Nützlich oder hinderlich?

Eigentlich lebt die Kommunikation zwischen Menschen vom Austausch von Worten, Mimik und Körpersprache. Manchmal kann es allerdings förderlich sein, ein Pokerface aufsetzen zu können, so dass das Gegenüber nicht sofort die innersten Gefühle lesen kann. Klassischerweise beim Pokern, wenn den Mitspielern verborgen werden soll, wie es um die eigenen Karten steht. Jetzt bloß nicht verräterisch mit den Augenbrauen zucken oder geschockt gucken. Werden dabei wirklich alle Emotionen verborgen? Wir gehen der Frage nach, was es mit Mikroexpressionen auf sich hat und wann ein Pokerface nützlich beziehungsweise hinderlich ist.

Pokerface: Nützlich oder hinderlich?

Definition: Was versteht man unter einem Pokerface?

Der Begriff Pokerface (Englisch poker face = Pokergesicht) beschreibt ein Gesicht, das völlig regungs- und emotionslos auf einen Betrachter wirkt. Benannt ist dieser Gesichtsausdruck nach dem Pokerspiel, bei dem es für denjenigen Spieler taktisch von großer Bedeutung sein kann, seine Gefühle kontrollieren zu können.

Gelingt das nicht (das Antonym zu Pokerface ist dann Tell, also „erzählen“), übermittelt er damit ungewollt nonverbale Zeichen an seine Kontrahenten. Die können dadurch Rückschlüsse auf seine Karten ziehen und ihr eigenes Handeln entsprechend ausrichten.

Pokerface kann sich sowohl auf das Gesicht als auf die ganze Person beziehen. Er oder sie ist ein Pokerface, das heißt, das Gesicht und die Körperhaltung lassen keinerlei Schlussfolgerungen auf irgendwelche Gefühlsregungen zu.

Emotionale Regungslosigkeit ist unnatürlich

Ein Schmunzeln zu unterdrücken oder unbeteiligt in die Gegend zu starren, kann ganz schön anstrengend sein. Jeder, der mal versucht hat, ein Lachen zu unterdrücken, weil die Situation völlig unpassend war, weiß das. Denn eigentlich ist das völlig gegen unsere Natur:

Noch bevor der Mensch die Sprache entwickelte, musste er sich ohne Worte verständigen können. Im Laufe der Menschheitsgeschichte haben wir gelernt, bestimmte Gesichtsausdrücke zu deuten.

Der amerikanische Psychologe Paul Ekman konnte in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts nachweisen, dass bestimmte Emotionen universell sind:

Pokerface Grundemotionen

Und auch heute noch schauen wir unser Gegenüber an, um zu überprüfen, ob Mimik und Gesagtes übereinstimmen. So lassen sich verräterische Gesten ablesen, die beispielsweise eine Lüge preisgeben.

Für bestimmte Berufsgruppen kann es sehr wichtig sein zu erkennen, was im Gegenüber gerade vorgeht. Beispielsweise für Journalisten oder Psychotherapeuten. Lässt sich eine Quelle noch als seriös einstufen, wenn seine Mimik verrät, dass er offensichtlich lügt?

Kann ein Patient seine Gefühle nicht ausdrücken, kann ein Psychotherapeut, der die Emotionen richtig erkennt, zumindest erahnen, in welche Richtung das Innenleben geht. Das wiederum erleichtert eine darauf abgestimmte Vorgehensweise. Aufmerksame Führungskräfte können so beispielsweise ein verändertes Betriebsklima wahrnehmen.

Pokerface kann psychologische Ursachen haben

Pokerface PsychologieIn der Psychologie ist ein Pokerface allerdings ein Indiz für noch etwas ganz anderes: Alexithymie wird im Fachjargon genannt, wenn Menschen unfähig sind, ihre eigenen Gefühle mimisch auszudrücken.

Dieses Unvermögen besteht auch beim Gesichtsausdruck anderer Menschen. Alexithyme Menschen können nicht richtig einschätzen, wie andere Menschen fühlen. Etwa zehn Prozent der Bevölkerung sind von Gefühlsblindheit betroffen.

Das Problem ist allerdings überwiegend kognitiver Natur. Betroffene haben sehr wohl Gefühle, ihnen fällt lediglich die Einschätzung schwer. Was relativ harmlos klingt, kann Medizinern des Universitätsklinikums Ulm zufolge körperliche und psychische Erkrankungen auslösen.

Gezielte Beherrschung der Gefühle

Gleichzeitig haben Menschen gelernt, dass nicht jede Emotion zu jeder Zeit angemessen ist. Beispielsweise im beruflichen Kontext: Um Produkte oder Dienstleistungen besser verkaufen zu können, brauchen vor allem Arbeitnehmer mit regelmäßigen Kundenkontakt ein hohes Maß an Servicedenken und Kundenorientierung.

Ist der Kunde unfreundlich, hat der Verkäufer persönlichen Stress oder einfach einen schlechten Tag, wird ihm einiges abverlangt. Dann ist nämlich nicht nur ein Pokerface gefragt, sondern Surface Acting.

Das Pokerface wird häufiger eingesetzt, als uns bewusst ist. Wenn die Popsängerin Lady Gaga Can’t read my, can’t read my, no he can’t read my poker face singt, geht es vermutlich weniger ums Glücksspiel, als mehr um die Liebe.

Allgemeiner gesprochen: Nicht jeder soll alles von einem wissen. Denn im Alltag stehen Sie schließlich nicht nur Menschen gegenüber, die Ihnen mit Wohlwollen begegnen. Weniger nette Zeitgenossen deuten bestimmte Emotionen vielleicht als Zeichen der Schwäche und versuchen bei nächstbester Gelegenheit Sie auszutricksen.

Körpersprache oftmals verräterischer

Pokerface KörperspracheGeht es ums Pokern, achten Spieler immer auf das Gesicht ihrer Mitspieler. Setzt einer ein Pokerface auf? Lässt sich bei einem anderen etwas ablesen? Das Interessante: Ein Pokerface muss gar nicht entscheidend dafür sein, ob jemand beim Spiel blufft oder nicht.

In Pokerkreisen wird längst schon nicht mehr (zumindest nicht ausschließlich) auf den Gesichtsausdruck geachtet. Tatsächlich ist die Körpersprache oftmals viel verräterischer. Michael Slepian, Wissenschaftler an der Columbia University in New York, zeigte in seiner Studie Probanden Videos von Pokerspielern.

Dort waren mal der komplette Spieler, in anderen Clips nur einzelne Körperteile, also Gesicht oder Arm zu sehen. Es machte für die Vorhersage eines Blattes überhaupt keinen Unterschied, ob der ganze Körper des Spielers zu sehen war. Und ausgerechnet diejenigen Probanden, die aufgrund des Gesichts eine Einschätzung abliefern sollten, lagen daneben.

Stattdessen lag die Trefferquote bezüglich der Qualität der Karten deutlich höher bei Probanden, die die Hände im Fokus hatten. Forscher vermuten, dass die innere Aufregung die sonst gleichmäßigen Bewegungen behindert.

Kontrolle oder Authentizität?

Genau dieser Umstand bringt uns zu der Frage, was wichtiger ist – Kontrolle oder Authentizität? Ist es nützlich und damit erstrebenswert, ein Pokerface aufsetzen zu können? Oder kommt das nicht einer Lüge gleich?

Authentisch sein wird von jeher hoch geschätzt. Wir verbinden damit Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. So jemand hat Rückgrat und handelt nicht im nächstbesten Moment völlig anders als bisher kommuniziert.

Unter diesem Gesichtspunkt scheint völlig klar, dass Authentizität immer höher als ein Pokerface zu bewerten ist. Andererseits klang es ja bereits an: Nicht immer wollen wir, dass unser Gegenüber alles über unser Innenleben weiß. Das muss gar nicht bedeuten, dass jemand etwas Schlimmes zu verbergen hat.

Aber angenommen, Sie wollen einen wichtigen Deal mit einem Geschäftspartner abschließen. Sie sind wirklich daran interessiert, da sein Produkt Ihrer Meinung nach das beste ist. Leider sind seine Forderungen höher, als Sie ursprünglich bereit waren zu zahlen.

Natürlich werden Sie versuchen, ihn bei der Stange zu halten. Sich nicht anmerken zu lassen, dass Sie zähneknirschend bereit wären, diesen Preis zu zahlen. Wie erfolgreich Sie sein werden, hängt nicht nur von Ihren Schauspielkünsten ab, sondern auch von der Aufmerksamkeit Ihres Gegenübers.

Manche Forscher sind der Meinung, dass es ein richtiges Pokerface gar nicht gebe. Denn unser Gesicht drückt nicht nur Basisemotionen aus. Allein 43 Gesichtsmuskeln sind in der Lage, mehr als 10.000 unterschiedliche Gesichtsausdrücke zu formen.

Darunter auch Mikroexpressionen, die innerhalb von Sekundenbruchteilen übers Gesicht huschen und deshalb so selten wahrgenommen werden. Solche Mikroexpressionen passieren, wenn jemand eigentlich etwas anderes denkt oder fühlt, als er nach außen zugibt.

[Bildnachweis: Minerva Studio by Shutterstock.com]
21. Oktober 2019 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.



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