Sie alle kennen vermutlich das biblische Gleichnis vom barmherzigen Samariter in Lukas 10. Die Kurzform lautet: Ein Mann wandert von Jerusalem nach Jericho, wird überfallen und liegt verwundet am Straßenrand. Zwei Männer kommen nacheinander vorbei, ein Priester und ein Levit, beide sehen ihn, gehen aber weiter. Dann erscheint ein dritter Mann, ein Samariter. Der hat Erbarmen mit dem Überfallenen, salbt seine Wunden, verbindet sie, bringt ihn in eine Herberge, pflegt ihn einen Tag lang und gibt dem Herbergsvater sogar noch Geld, damit der das Opfer weiterpflegt. Dann reist er weiter.
Die Moral von der Geschichte ist so offensichtlich, dass ich sie hier nicht wiederholen muss. So ziemlich jeder beurteilt die beiden ersten Passanten als scheinheilig und herzlos. Im Gleichnis ist das beabsichtigt. In der Realität kommt das – mit anderen Vorzeichen – ebenso vor. Aber stimmt unser Urteil da auch?
Nein, sagen ein paar Wissenschaftler. Wer nicht hilft, könnte auch in großer Eile sein.
Die beiden Psychologen John Darley und Daniel Batson haben das Gleichnis in einer moderneren Konstellation nachgestellt und mit 67 Theologie-Studenten der Princeton Universität ihren eigenen kleinen Samariter-Test absolviert. Das Ganze ging so: Angeblich wurden die Probanden zu einer Befragung eingeladen, um etwas über Qualität der theologischen Ausbildung zu erfahren. In einem Raum unterhielten sich die Wissenschaftler ein wenig mit den Studenten – die eine Hälfte wurde über ihre Berufspläne befragt, mit der anderen Hälfte unterhielten sich die Wissenschaftler zufällig über das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Danach sollten sie einen kurzen Fragebogen ausfüllen und in ein anderes Büro auf dem Campus bringen.
Nun folgte der eigentliche Test: Diesmal wurden die Probanden in drei Gruppen eingeteilt:
- Den Ersten erzählte man: “Oh, Sie sind schon spät dran! Sie hätten den Fragebogen schon vor fünf Minuten abgeben sollen. Am besten Sie beeilen sich jetzt…”
- Den Zweiten sagten die Forscher: “Der Assistent wartet schon auf Sie – am besten, Sie gehen sofort in das Büro dort…”
- Den Dritten wurde gesagt: “Wir sind schneller fertig als erwartet. Dennoch können Sie sich ja schon einmal auf den Weg zum Büro dort machen…”
Sie merken schon: Die Studenten wurden unter Zeitdruck gesetzt, jedoch in drei unterschiedlichen Nuancen. Der Weg zu dem besagten Büro war jedoch präpariert. Dort lag ein Mann auf dem Flur, lädiert, hustend, schaubend, die Augen bereits geschlossen. Also offensichtlich jemand, der Hilfe benötigen könnte. Nun dürfen Sie selbst raten, wie sich die einzelnen Probanden wohl verhalten haben… Na?
Okay, hier kommt die Auflösung: Vor allen Studenten hielten erstaunlicherweise nur 40 Prozent an, um sich nach dem Zustand des Mannes zu erkunden und ob dieser Hilfe benötige. Einige stiegen sogar über den Mann hinweg und ärgerten sich laut, dass er ihnen den Weg versperrte. Natürlich hatte auch der zuvor aufgebaute Zeitdruck enormen Einfluss auf die Hilfsbereitschaft der Studenten:
- Von den bereits Verspäteten halfen gerademal 10 Prozent.
- Bei den Medium-Eiligen waren es immerhin schon 45 Prozent.
- Von den Überpünktlichen dagegen halfen ganze 63 Prozent.
Es dürfte Sie nicht überraschen, dass sich ebenso das Geplänkel zuvor im Gewissen der Studenten niederschlug. Von denen, die sich eingangs über ihre Karrierepläne unterhalten hatten, bot nur knapp jeder Dritte (29 Prozent) seine Hilfe an. Diejenigen, die noch das Samariter-Gleichnis im Kopf hatten, stoppten immerhin schon in 53 Prozent der Fälle (was umgekehrt heißt, dass knapp jeder Zweite trotzdem den Mann tatenlos passierte).
Gewiss, das alles bleibt so oder so unterlassene Hilfeleistung, moralisch verwerfliche Unbarmherzigkeit im Angesicht offensichtlicher Not. Keine noch so große Eile rechtfertigt, einem anderen Menschen nicht zu helfen. Aber das ist eine ethische Frage, keine streng wissenschaftliche. Die lehrt uns etwas anderes:
Zum Einen, dass die Umstände massiven Einfluss auf unser Verhalten ausüben können und es daher verkehrt wäre, Menschen aufgrund ihres (einmaligen, womöglich verwerflichen) Verhaltens zu beurteilen.
Zum Zweiten zeigt die Geschichte, dass es gut ist, ab und an solche Geschichten zu lesen. Denn damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir hilfsbereiter werden auf 53 Prozent.







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