Ein Interview mit dem Karriereberater Christoph Burger
Eine der ältesten Karriere-Weisheiten lautet: Wer nach oben will, muss dem Chef in den Hintern kriechen. Wer Kritik übt und Charakter zeigt, hat keine Chance. “Stimmt nicht!”, sagt der Karriereberater Christoph Burger: Man kommt auch ohne Schleimen nach oben. Dazu muss man allerdings die Karrieremechanik verstanden haben, sich positionieren – und gezielt kommunizieren. Wie das genau funktionieren soll, erzählt er uns im Interview…
Herr Burger, um was geht es in Ihre Buch “Karriere ohne Schleimspur“?
Ich möchte den Lesern zeigen, wie man Karriere macht, ohne sich zu verbiegen – und zwar heute schon. In der Zukunft wird es sicher einfacher, da entsteht mehr Spielraum für Charaktere, für Menschen mit Ecken und Kanten. Wenn man weiß, wie es geht, ist es aber schon jetzt möglich.
Es gibt ja schon eine ganze Reihe Karriereratgeber. Was ist das Besondere an Ihrem Buch?
Die mir bekannten Karrierebücher werfen alles in einen Topf. Sie sagen aus: Wer Karriere machen will, muss sich verbiegen, sonst hat er keine Chance. Ich trenne zwischen der privaten Haltung des Mitarbeiters und der Karrieremechanik, die im Unternehmen abläuft, nicht zur Diskussion steht und sich auch nie ändern wird.
Was ist das genau, die Karrieremechanik?
Ab einer gewissen Betriebsgröße laufen bestimmte Mechanismen automatisch ab – unabhängig davon, ob ein Mitarbeiter schleimt oder der Chef gemein ist. Der oberste Grundsatz ist: Weil der Chef fürs Ergebnis verantwortich ist, läuft alles über ihn. Auch Karriere machen funktioniert nur über den Chef. Wer das nicht verrsteht und denkt, er könnte etwas fürs Unternehmen tun, indem er gegen den Chef arbeitet, wird keine Karriere machen.
Muss ich mich also doch an den Chef anpassen?
Soweit sich das aus der Karrieremechanik ergibt: ja. Aber nicht in dem Sinne, dass ich buckeln muss. Jeder darf seine Meinung äußern, muss aber gleichzeitig akzeptieren, dass der Chef dem vielleicht nicht folgen mag. Der hat vielleicht mehr Informationen und kann aus seiner Perspektive besser beurteilen, was fürs Unternehmen wichtig ist. Das geht schließlich nur von oben. Wer unten sitzt, hat nicht den Überblick.
Aber wie gehe ich dann vor, wenn ich ohne Schleimspur Karriere machen will?
Ich habe dafür den Begriff Kwerkarriere geprägt, in dem drei Ansätze stecken:
- Erstens das Wer: Wie sieht meine Persönlichkeit aus? Wo liegen meine Stärken, was sind meine Schwächen? Hier geht es darum, sich selbst bewusst zu sein.
- Zweitens das Quer: Damit ist gemeint, neue, andere, kreative Wege zu gehen.
- Der dritte Punkt ist das K: Es steht für Kommunikation. Wie vermittle ich mein Anliegen, meine Potenziale im Unternehmen – ohne anderen auf die Füße zu treten.
Natürlich gibt’s dazwischen Wechselwirkungen: Je ausgeprägter mein Charakter ist, desto besser muss ich kommunizieren können und neue Wege finden. Je besser ich die Kommunikation beherrsche, desto mehr kann ich mir meinen Charakter erlauben. Und je besser ich weiß, wer ich bin, desto klarer kann ich auch kommunzieren.
Also muss man erst bei sich die Grundlagen schaffen?
Das ist ein wichtiger Teil, aber nicht ausreichend. Ich kann noch so viele Grundlagen schaffen, die Karrieremechanik werde ich damit nicht aushebeln. Wichtig ist, dass ich mich verstehe und einen Kommunikationsweg finde, der sowohl mir als auch der Karrieremechanik gerecht wird.
Und wie reagieren Personaler darauf, wenn ihnen jemand derart selbstbewusst gegenübersteht?
Auf kurze Sicht kann es durchaus sein, dass jemand, der sich wegduckt, erfolgreicher ist. Zuhörer meiner Vorträge bringen immer wieder Beispiele aus ihren Unternehmen, wo tatsächlich jemand auf der Schleimspur Karriere macht. Auf lange Sicht stimmt das aber nicht. Weil derjenige, der Charakter zeigt, etwas Eigenes einbringt. Das braucht mam im Betrieb, deswegen setzt sich das auch durch.
Gilt das wirklich für alle Berufsgruppen?
Es gibt sicher Unterschiede zwischen verschiedenen Branchen und vor allem Betrieben. In zahlreichen Betrieben sind Charaktere nicht so gut angesehen. Wenn ich das weiß, kann ich aber das Unternehmen auch wechseln. Manchmal muss ich nur den Bereich oder den Vorgesetzen wechseln und schon funktioniert’s.
Was sollten denn Hochschulabsolventen berücksichtigen, die Karriere machen wollen?
Ein klassisches Problem von Absolventen ist der sogenannte Praxisschock: Sie glauben, es gehe nur darum, einen sauberen Job abzuliefern, wissenschaftlich die beste Lösung zu finden und zu realisieren. Dann stoßen sie auf Widerstände, auf Traditionen und verstehen die Gründe dafür nicht, weil sie nicht mit der Unternehmensgeschichte vertraut sind. So kommt Unzufriedenheit auf. Dann glauben sie, dass sie im falschen Job und im falschen Unternehmen gelandet sind. In Wirklichkeit sind sie aber einfach in die Praxis geprescht, ohne zu merken, was sie anrichten. Da wird auch ein Arbeitgeberwechsel nichts bringen.
Fehlt den Absolventen denn tatsächlich die Praxiserfahrung?
Es kommt darauf an. Etwa, ob jemand mit Bachelor oder Master in den Job geht. Ich sehe eine starke Gefahr darin, dass unsere verschulten Studiengänge und das verkürzte Abitur dazu führen, dass den Leuten Kreativität und Persönlichkeit fehlen, dass sie von dieser Seite unvorbereitet in den Beruf gehen. Unternehmen sehen das und legen immer mehr Wert auf Persönlichkeit. Diesen Anspruch können die Absolventen aber nicht erfüllen. Das kommt doch erst mit der Zeit und Reife.
Persönlichkeit ist also der Erfolgsfaktor?
Menschen mit Ecken und Kanten werden in Zukunft auf jeden Fall stärker gesucht. Schließlich stehen wir im globalen Wettbewerb. Menschen in Ländern mit billigeren Löhnen und Computer bedrohen unsere Arbeitsplätze. Was da zählt, sind Menschen, die nicht ausgetauscht werden können, die durch ihre kreative und charaktervolle Leistung ihre Jobs behalten und Karriere machen können.
Was muss ich tun, um ein Unternehmen von meiner Eignung zu überzeugen?
Da gibt es viele Optionen: Zuerst kommt die fundierte Ausbildung. Dann muss die Bewerbung stimmig sein. Gerade da haben die meisten große Defizite, weil sie kein überzeugendes Anschreiben formulieren können. Das gilt übrigens auch für erfahrene, gestande Führungskräfte! Häufig sind auch Rechtschreibfehler drin – das lässt Rückschlüsse auf die Zuverlässigkeit und die Sorgfalt bei der Arbeit hinterher zu. Große Schwächen bestehen auch beim persönlichen Auftritt, also im Vorstellungsgespräch oder Assessment Center. Hier empfehle ich Verhandlungs- oder Moderationstrainings, um professionell auftreten zu können. Leider halten das viele nicht für nötig – und sparen am falschen Ende.
Wird denn die Bedeutung der Kommunikations- und Präsentationsfähigkeiten zunehmen?
Der Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials – das, was heute manchmal als Fachkräftemangel beschrieben wird – schafft deutlich mehr Luft auf dem Arbeitsmarkt. Spätestens ab 2014 werden die Folgen deutlich zu spüren sein. Auf der anderen Seite sorgen Globalisierung, Computer und Software sowie die Datenfernübertragung mit hochauflösenden Bildverfahren dafür, dass Arbeitsplätze immer globaler werden. Der Trend geht dahin, dass wir mehr Persönlichkeiten brauchen, weil wir sonst austauschbar werden.
Gut, das haben wir jetzt verstanden. Aber welche Berufsfelder bieten denn besondere Chancen?
Wir steuern auf eine Zeit des Wandels zu. Dafür benötigen wir Ausbildungen und Berufswege, die entsprechend wandlungsfähig sind. Entscheidend ist, dass ich bei einem Berufswechsel nicht wieder von Null anfange, sondern auf meine Ausbildung, meine Erfahrung aufbauen kann. Alles, worauf das zutrifft, ist sozusagen zukunftsfähig. Im IT-Bereich wird es verschiedene Funktionen geben, also zum Beispiel die Organisatoren, die Projekte managen; und die Spezialisten, die sich um die Umsetzung kümmern. Möglicherweise entwickeln sich beide besser, wenn sie als Freelancer arbeiten und ihre Projekte so auswählen, dass sie ihr Profil immer weiter schärfen können. Statt mit Weiterbildungen ihre Basis zu verbreitern, präsentieren sie ihre Expertise lieber im Internet und stärken so ihre Postition. Das ist ein ganz anderer Weg, als wenn ich in Firmen oder auch als freier Projektmanager Karriere mache.
Denken Sie, dass sich angestellte und selbstständige Arbeit annähern werden?
Mit Sicherheit. Das wird auch den Weg aus der Selbständigkeit zurück in eine Anstellung erleichtern. Schon heute gibt es Freelancer, die sich in einem angestelltenähnlichen Verhältnis bewegen. Wer beispielsweise mehrere Monate an einem Projekt in einer Firma tätig ist, kann relativ einfach in ein Angestelltenverhältnis zurückkehren. In anderen Bereichen verrät man mit einem Wechsel aus der Firmenhierarchie in die Selbständigkeit auch weiterhin die Grundgesetze der Karrieremechanik. Die Probleme, die man deswegen bekommt, werden allerdings nicht mehr so gravierend wie heute sein.
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Hans
Wie oft, liegt die Wahrheit in der Mitte zwischen Schleimspur und Selbstbewusstsein.
Letztendlich liegt es am Chef, inwieweit er Ecken und Kanten zu nutzen weiß. Kann er das nicht haben er und seine Mitarbeiter auf lange Sicht verloren. Gute Chefs haben gute Mitarbeiter, schlechte eben schlechte. Wissenschaftlich erwiesen.
“Lass mich bloß gut aussehen!” ist die unausgesprochene Forderung vieler Bosse an ihre Mitarbeiter. Ein guter Chef macht daraus “Lass UNS bloß gut aussehen!” – und sagt das auch.
Sobald die Schleimspur zu mächtig wird, besteht Gefahr, selbst darauf auszurutschen.
Manchmal ist die Alternative, tief Luft zu holen, zu tun, was der Chef will, und – in aller Ruhe Bewerbungen zu schreiben.
-Hans Steup, Berlin