StorytellingWer etwas Wichtiges zu sagen hat, sollte damit sofort beginnen – ohne Umschweife direkt zum Punkt. Denn jeder jeder Zuhörer, jedes Publikum sondiert automatisch und gleich zu Beginn eines Vortrags oder einer Präsentation, ob das Folgende relevant für ihn ist, ob es etwas Neues enthält oder im Alltag hilft. Wer diese Information erst ans Ende stellt, gewinnt keinesfalls mehr Aufmerksamkeit oder sammelt Dramaturgiepunkte, im Gegenteil: So erzeugt man nur ein quälendes Rätsel, an dessen Ende womöglich doch nur eine Banalität steht, die keinen interessiert. Das Ergebnis ist: Produktenttäuschung. Es gibt jedoch eine Ausnahme: Die Kunst des Storytelling. Fesseln Sie Ihre Zuhörer und Zuschauer von Anfang an mit einer packenden Geschichte…

Storytelling ist eine Erzählmethode, eine bestimmte Art Geschichten in Form von Metaphern oder Parabeln und Allegorien den Menschen näherzubringen, ohne gleich mit dem erhobenen Zeigefinger herumzufuchteln. Eine lebendig erzählte Geschichte erzielt nachweislich mehr Aufmerksamkeit, weckt stärkere Emotionen und bleibt dadurch auch länger haften – kurz: Sie rührt uns an.

Vorraussetzung ist natürlich, dass die Geschichte richtig erzählt wird, einen Spannungsbogen hat und einen einprägsamen Plot. Dann ist auch unerheblich, ob es sich dabei um eine Fabel oder die Nacherzählung eines tatsächlichen Ereignisses handelt. Hauptsache, die Pointe stimmt…

Storytelling: Ein Beispiel…

Für die Vorstandssitzung eines internationalen Konzerns wurden die Mitglieder in eines der feinsten und teuersten Restaurants der Stadt eingeladen. Es lag in unmittelbarer Nähe der Firmenzentrale und so erschienen die Vorstände pünktlich und gut gelaunt, plauderten ein wenig beim Champagner und nahmen schließlich an dem luxuriös gedeckten Tisch Platz. Alle freuten sich auf das legendäre Menü des hiesigen Sternekochs. Doch dazu kam es nicht. Draußen versammelten sich Landstreicher und Obdachlose. Sie blickten durch die Scheiben, drückten ihre staubigen Nasen dagegen und klopften aufdringlich an die Fenster. Das Klappern wurde lauter und mischte sich bald mit Sprechgesängen.

An ein gemütliches Mahl war nicht mehr zu denken, und immer mehr Bosse fragten sich, was der Gastgeber dagegen unternehmen würde: Würde er die Penner ignorieren oder die Polizei rufen? Nichts davon passierte. Stattdessen öffnete er die Tür und ließ die Meute herein. Die Leute rochen wie ein Zwischenfall in einem Kölner Chemiewerk. Vor allem aber waren sie hungrig. Zum großen Entsetzen der Vorstände lud sie der CEO an den Tisch.

Die Runde wurde erweitert und die Fremden fielen über die ersten beiden Gänge her als gäb’s kein Morgen. Danach verschwanden sie aber nicht, sondern beschimpften die Manager: Wie könnt ihr euch jeden Tag mit Hummer, Foie gras und Champagner vollstopfen, während wir Hunger leiden? Die Vorstände bemühten sich um Contenance. Sie seien nun mal Führungskräfte eines großen Konzerns und trügen viel Verantwortung, versuchten sie sich zu verteidigen. Die Obdachlosen überzeugte das nicht. Die Manager gerieten zunehmend in die Defensive. Schließlich brach der Gastgeber die Farce ab. Er erklärte seinen verblüfften Kollegen, dass die Vagabunden in Wahrheit Schauspieler seien, engagiert, um alle auf den einzigen Punkt der heutigen Agenda vorzubereiten: die soziale Verantwortung des Unternehmens…

Der Vorfall soll sich tatsächlich zugetragen haben. Wahr oder nicht ist aber – wie schon erwähnt – unerheblich. Denn die Anekdote lehrt zwei Dinge:

  • Menschen sind durch praktische Erfahrungen viel leichter zu überzeugen als durch theoretische Argumente.
  • Erkenntnisse werden für ein Publikum (oder Blogleser) viel anschaulicher, wenn man dazu eine Geschichte erzählt.

Seien es Anekdoten, Allegorien, Seemannsgarn oder Bibel-Gleichnisse – wir alle dürsten nach solchen bunten Lach- und Sach-Geschichten. Richtig aufgebaut und erzählt, merken wir uns deren Botschaften nicht nur leichter, sondern erzählen sie auch bereitwillig weiter – und tragen so dazu bei, dass sich die darin enthaltene Lebenserfahrung, die Problemlösung oder schlichte Information spielerisch und wie ein Lauffeuer verbreiten.

Ein perfektes Beispiel für gutes Storytelling und eine packende Geschichte finden Sie auch in diesem Werbeclip. Der ist ebenso übertrieben wie amüsant, bringt das Thema aber gut auf den Punkt:

Die Kunst des Storytelling

Storytelling-ErzählmethodeMit Geschichten fesseln – genau dieser Erkenntnis bedient sich auch ein Managementtrend aus den USA, der Personaler, Fachbuchautoren und Seminaranbieter schon seit einiger Zeit fesselt: eben jenes Storytelling. Es gilt als das ultimative Führungswerkzeug für bessere Kommunikation, verständlichere Botschaften, begeisterte Mitarbeiter – und überhaupt: für mehr Unterhaltung bei der Präsentation von drögen Bilanzzahlen, kryptischen Change-Management-Strategien oder komplexen Problemen (Ein weiteres Whitepaper in Englisch finden Sie noch hier: PDF).

Tatsächlich zeigen zahlreiche Studien aus der Hirnforschung, dass wir Informationen besonders begierig aufnehmen, wenn dabei mehrere Sinne einbezogen werden – nicht nur das Hören. Eine bildhafte Sprache, ein lebhafter Erzähler, viele eindrückliche Emotionen – all das begünstigt, dass wir uns noch lange an das Gehörte erinnern.

Die Struktur guter Geschichten

Nur wie sieht die optimale Erzählgeschichte aus? Dazu braucht eine funktionierende Story vor allem fünf klassische Elemente:

  1. Eine emotional bedeutende Ausgangssituation.
  2. Eine (sympathische) Hauptfigur.
  3. Einen Spannungsbogen durch Ziele und Hindernisse, die die Hauptfigur überwinden muss.
  4. Eine erkennbare Entwicklung (Vorher-Nachher-Effekt).
  5. Und ein auf das eigene Leben anwendbares Fazit – die Moral von der Geschichte.

Der Plot: Am Ende bitte noch einen Höhepunkt!

Gerade für den Plot am Ende gibt es noch ein paar zusätzliche Tricks. Denn der muss sitzen! Er wird am besten erinnert und ist natürlich der Höhepunkt jeder Geschichte – die Pointe:

  • Verwenden Sie den Puzzle-Plot. Beschreiben Sie zunächst viele miteinander verwobene Rätsel, die Sie mit der Zeit eins ums andere auflösen, um so ein stimmiges Ganzes zu entwickeln. Für das Publikum entsteht so der größtmögliche Aha-Effekt. Denken Sie etwa an den DaVinci Code.
  • Nutzen Sie den Netzwerk-Plot. Auch wenn ihre Akteure in der Geschichte zunächst scheinbar nichts miteinander gemeinsam haben – mindestens eine Verbindung gibt es dennoch. Diese arbeiten Sie sukzessive heraus, und die Spannung steigt kontinuierlich.
  • Arbeiten Sie mit dem Triumph-Plot. Schildern Sie, wie Sie selbst oder Ihr Protagonist zig Widerstände, Skeptiker, Widersacher, Intriganten, Feinde überwinden musste – und am Ende doch Recht und Erfolg behielt. Den späten Triumph lieben alle, weil er so gerecht wirkt.

Damit ist jede gute Story wie eine klassische Heldensaga (in drei Akten) aufgebaut.

Gewiss, das klingt nach Konstruktion, nach kompliziertem Aufbau und Drama, Drama, Drama. Stimmt aber nicht. Wer allein aufmerksam sein Umfeld beobachtet und Bekannten lauscht, findet zig solcher Geschichten. Denn vor allem aus realen Erlebnissen lassen sich ebenso lebendige wie ergreifende Geschichten schöpfen – die „True Stories“, wie sie im Fachjargon genannt werden.

Weiterführende Geschichten

Wer sich damit anfangs noch schwer tut, kann sich die Erzählungen aber auch aus bereits bestehenden Sammlungen ziehen – oder aus dieser Seite. Im Folgenden finden Sie einige Links zu Allegorien und Parabeln, die hier schon erschienen sind (siehe auch weiter unten noch):

Storytelling-Beispiele: Geschichten zum Weitererzählen

Aber auch hier haben wir noch ein paar Beispiel, mit denen Sie Ihre Präsentationen oder Vorträge beginnen oder anreichern können…

Die Putzfrau

In den ersten Wochen an der US-Hochschule händigte der Professor seinen Studenten einen Fragebogen aus. Es war eine Art Quiz über ihre Motivation hier zu studieren, gemischt mit einigen Fragen zur Uni selbst. Nur die letzte Frage fiel aus dem Rahmen, sie lautete: “Wie heißt die Frau mit Vornamen, die regelmäßig diesen Hörsaal reinigt?” Tatsächlich konnte kaum jemand die Frage beantworten. Zwar hatten die meisten der Studenten die Putzfrau schon ein paar Mal gesehen, wussten dass sie um die 50 war, dunkle Haare hatte und einen spanischen Akzent. Aber ihren Namen kannte keiner. Wie auch? Niemand hatte mit ihr ein Wort gewechselt. Also ließen die meisten das Antwortfeld zu dieser Frage frei (einige versuchten es immerhin mit Chuzpe und schrieben einen geratenen Namen hin). Als alle den Fragebogen abgaben, fasste sich jedoch einer der Studenten ein Herz und sprach den Professor direkt auf diese Frage an: “Wird diese Frage Einfluss auf die Gesamtnote am Ende des Semersters haben?”, wollte er wissen. “Absolut”, antwortet der Professor und erklärte auch warum: “In Ihrer Karriere werden Sie einen Haufen Leute kennenlernen. Und alle werden sehr wichtig sein. Und ich meine wirklich a-l-l-e! Jeder einzelne davon verdient Ihre Aufmerksamkeit, Ihre Zuwendung – zumindest aber ein Lächeln.”

Der Student vergaß diese Lektion nie – ebenso wie den Namen der Putzfrau, nach dem er sich kurz darauf bei ihr erkundigte. Sie hieß Dorothy.

Der Blick für das Wesentliche

Sherlock Holmes und Doktor Watson gingen campen. Nachdem sie ihr Zelt aufgebaut hatten, gingen sie früh schlafen. In der Nacht wachte Holmes auf und weckte seinen Assistenten: „Watson“, sagte er, „öffne die Augen und schau hinauf zum Himmel. Was siehst du?“ Watson antwortete schlaftrunken: „Ich sehe Sterne, unendlich viele Sterne.“ – „Und was sagt dir das, Watson?“, fragte Holmes. Watson dachte kurz nach. „Das sagt mir, dass dort draußen unzählige Galaxien und Tausende Planeten sind. Ich nehme deshalb an, dass eine Menge gegen die Theorie spricht, wir wären allein im Universum. Und was sagt es dir, Holmes?“ – „Watson, du bist ein Narr“, rief Holmes. „Mir sagt es, dass jemand unser Zelt gestohlen hat!“

Geld verdirbt manchen Spaß

Ein alter Mann wollte seinen Lebensabend genießen, doch in der Nachbarschaft wohnten Kinder, die ihn jeden Tag neckten, ihm Streiche spielten und die Ruhe verdarben. Da fasste er einen Plan: Er rief die Kinder zu sich und versprach: “Wenn ihr mich morgen wieder ärgern kommt, erhält jeder von euch einen Euro.” Die Kinder waren von dem Vorschlag begeistert und erschienen am nächsten Tag pünktlich, um den Mann zu zanken. Jeder bekam die versprochene Belohnung. Und wieder versprach der alte Mann: “Wenn ihr mich morgen wieder ärgert, bekommt jeder von euch 50 Cent.” Auch tags darauf erschienen die Kinder – aber mit deutlich weniger Lust. Da sagte der Mann: “Wenn ihr mich morgen wieder ärgert, erhält jeder von euch 10 Cent.” Am nächsten Tag kam kein Kind mehr.

Die Macht der Erfahrung

Ein kleiner Elefant wurde gefangen und sollte domestiziert werden. Damit er nicht davonlief, kettete man ihn an einen kurzen Pflock. Weil der Elefant noch klein war, hatte er nicht die Kraft, sich zu befreien. Er versuchte es zwar, doch er lernte bald, dass der Pflock und die Kette stärker waren als er. Eines Tages gab er schließlich auf. Jahre vergingen und als er längst groß und kräftig geworden war, reichte es, wenn ihn sein Herr mit einer dünnen Schnur an einen kurzen Holzpflock band. Er versuchte erst gar nicht mehr, sich zu befreien.

Rauskommt, was drinsteckt

Ein Schüler sollte im Auftrag seines Meisters Orangen auf dem Markt verkaufen. Doch er blieb erfolglos und kehrte voller Zorn zu seinem Meister zurück: “Diese dummen Menschen wollen meine Orangen nicht!”, schimpfte der Schüler. Da fragte ihn der Meister: “Wenn man eine Orange auspresst, was kommt dann heraus?” – “Natürlich Orangensaft, Meister”, erwiderte der Schüler. “Und wenn man mit dem Hammer draufschlägt?” – “Ebenfalls Orangensaft, Meister.” – “Und wenn nun dein Maulesel darauf tritt?” – “Orangensaft natürlich! Warum fragt ihr mich das dauernd, Meister?”, erzürnte sich der Schüler. “Nun”, sagte der Meister ruhig, “die Orange antwortet immer mit dem, was in ihr steckt. So ist es auch mit den Menschen: Setze sie unter Druck. Reagieren sie dann mit Hass, Zorn und Neid, ist es das, was in ihnen steckt.”

Das Trinkgeld

Zu jener Zeit, als Eiscreme noch ein paar Cents kostete, kam ein kleiner Junge, nicht viel älter als zehn Jahre, in einen Coffee Shop und setzte sich an einen Tisch. Nach einiger Zeit kam die Bedienung an seinen Tisch und brachte ihm ein Glas Gratis-Wasser (was damals ebenfalls noch üblich war). “Was kostet bei Ihnen ein Eiscreme Sundae?”, fragte der Junge. “25 Cent”, gab die Bedienung zurück. Der kleine Junge wühlte in seinen Taschen und kramte einige kleine Münzen hervor, die er nun sorgsam zählte. Er überlegte eine Weile, dann fragte er erneut: “Und wie viel kostet ein kleines Wassereis?” Inzwischen waren auch noch andere Gäste in den Coffee Shop gekommen und wurden allmählig ungeduldig. Entsprechend barscht antwortete die Kellnerin dem Jungen: “20 Cent! Willst du nun ein Wassereis?” Der Junge zählte wieder seine Münzen und bejahte die Frage schließlich. Die Kellnerin beeilte sich, brachte den Jungen das Eis und die Rechnung und verschwand für eine Weile. Der Junge aß sein Eis, legte seine ganzen Münzen auf den Tisch und ging.

Als die Kellnerin später seinen Tisch abräumen wollte, sah sie auf die Rechnung, die Münzen und fing an zu weinen. Auf dem Tisch lagen exakt 25 Cent. Der Junge hatte genau ausgerechnet, dass er auf den leckeren Eiscreme Sundae verzichten musste, um der Kellnerin ein Trinkgeld geben zu können.

That’s all folks…

Auch diese letzte Geschichte ist schwer nachhallend: Es geht darin um John Nese, Inhaber des Soda Pop Stop Stores in Los Angeles. Er erzählt in dem Video über seine Leidenschaft für Limonaden mit so viel Hingabe, dass der Clip nicht nur als perfektes Storytelling-Beispiel eignet, sondern auch für ein klasse Viralvideo: Schon rund 900.000 Menschen haben den Film gesehen…

Das sollten Sie auch noch lesen:

[Bildnachweis: Concept, Storytelling by Shutterstock]