Brotlose Kunst? Das verdient man als Künstler wirklich
Weltbühne oder Prekariat: Künstler wollen das eine, kriegen aber oft das andere. Eine Studie hat untersucht, welche beruflichen Missstände Tänzer, Sänger und Schauspieler beklagen. Demnach hangeln sich die Schöngeister nicht selten von Job zu Job - und fürchten sich auf breiter Front vor Altersarmut. Große Kunst, brotlose Kunst? Das verdienen Künstler wirklich ...

Kunst: Brotlos oder gehaltvoll?

Tanzen wie Nurejew, Geige spielen wie Mutter oder Opern schmettern wie Netrebko - Künstler werden idealisiert, angehimmelt, manchmal sogar als Starschnitt an die Wand gepinnt.

Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass Adele und Co. nicht jeden Tag Nudeln essen müssen, um über die Runden zu kommen. Das Problem ist nur: Diese Vorzeigekünstler sind nicht repräsentativ. Ein beträchtlicher Teil von ihnen tanzt und singt sich mehr schlecht als recht von Auftrag zu Auftrag.

Eine von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie hat das Thema genauer untersucht. Studienautor ist Maximlian Norz, der selbst als Fotograf arbeitet, sich für die Künstlerinitiative "art but fair" engagiert und eine große Online-Umfrage sowie 22 Experteninterviews durchgeführt hat.

Dabei hat er insgesamt 2.635 Antworten eingeholt, 2.160 von Künstlern, 475 von Nicht-Künstlern in der Musik und der darstellenden Kunst. 91 Prozent der Befragten arbeiten in Deutschland, die restlichen 9 Prozent in Österreich und der Schweiz. Zwar sei die Umfrage nicht repräsentativ, aussagekräftig aber allemal. So „spiegeln die Umfrageergebnisse die tatsächlichen Gegebenheiten weitgehend wider – nicht zuletzt aufgrund der großen Teilnehmerzahl und der umfassenden Abdeckung zahlreicher Merkmale wie zum Beispiel Alter und Einkommen.“

Künstler: Wer ist das eigentlich?

Unter das Etikett Künstler kann man unter anderem folgende Tätigkeiten subsumieren:

  • Sänger
  • Instrumentalisten
  • Schauspieler
  • Tänzer
  • Regisseure
  • Dramaturgen
  • Choreografen
  • Dirigenten,
  • Kostüm- und Bühnenbildner
  • Komponisten
  • Autoren

Es zählen also spielende Akteure (Schauspieler) dazu, lehrende (Dozenten, Pädagogen) sowie kreierende (Songwriter, Maskenbildner). Ihre Auftrag- und Arbeitgeber wiederum können sein: Theater- und Opernhäuser, Musikverlage, Tanzensembles, Musicals, Kleinkunstbühnen, Film und Fernsehen ...

Künstler: Wie viele gibt es?

In der Künstlersozialkasse waren 2014 nach Norz' Recherchen exakt 50.715 Musiker und 24.322 darstellende Künstler versichert. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Musiker lag 2011 hierzulande bei 18.366, bei den darstellenden Künstlern waren es 21.756.

Generell steigt die Zahl der Selbstständigen - von 2006 bis 2011 laut einer früheren Studie um 25 Prozent bei den Männern, gar um 39 Prozent bei den Frauen. Parallel wuchs die Zahl der abhängig Beschäftigten lediglich um vier Prozent bei den Männern und um sieben Prozent bei den Frauen. Ergo: Es gibt immer mehr Künstler insgesamt, vor allem aber mehr Selbstständige. Und: Auch die befristete Beschäftigung darf als Trend angesehen werden. In diese Kategorie fallen zum Beispiel Künstler, die durch Gast-, Dienst- oder Werkverträge an Theatern beschäftigt sind.

Die Kulturpolitische Gesellschaft Essen kam im Jahr 2010 zu dem Ergebnis, dass etwa 63 Prozent der freien Tanz- und Theaterschaffenden jährlich vier oder mehr Monate nicht mit Aufträgen abgedeckt haben. Diese Zahl, wenngleich nicht mehr ganz taufrisch, lässt erahnen, wie prekär die Beschäftigungslage vieler Künstler ist. Und sie deckt sich zudem mit den aktuellen Aussagen vieler Befragter in der Norz-Studie ...

Künstler: Welche Missstände sie beklagen

Laut Norz-Umfrage gaben von den befragten Künstlern an:

  • Geringe Vergütung: Insgesamt 93 Prozent beklagen sich über zu wenig Geld; 32 Prozent sagen sogar, dieser Misstand betreffe sie "sehr stark".
  • Drohende Altersarmut: 88 Prozent fürchten sie, 49 Prozent sogar "sehr stark".
  • Unbezahlte Leistungserbringung: Insgesamt 81 Prozent sehen kostenlose Probearbeiten als Problem an, 31 Prozent betrifft dies "sehr stark".
  • Unsichere Beschäftigungssituation: Sie ist für 88 Prozent problematisch, für 49 Prozent sogar "sehr stark".
  • Unvereinbarkeit von Familie und künstlerischem Berufsleben: 74 Prozent sagen, beides sei nur schwer unter einen Hut zu bekommen. 20 Prozent betrifft dies "sehr stark".

Weniger stark ins Gewicht fallen laut Umfrage schlechte Proben- oder Aufführungsbedingungen, die Nichteinhaltung vertraglicher Regelungen sowie Machtmissbrauch und Willkür von Vorgesetzten. Auch respektloser Umgang und Mobbing scheinen - bei aller Tragik im Einzelfall - nicht über das Normalmaß hinauszugehen. Immerhin neun Prozent wiederum beklagen sich über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, ein Prozent ist nach eigener Aussage sogar "sehr stark" betroffen - insgesamt aber sind das keine Zahlen, die Theater und Opern als Orte notorischer Grapscher und Gaffer erscheinen lassen.

Auffällig: Befristete Beschäftige sind von all diesen genannten Missständen häufiger betroffen als Festangestellte, Frauen öfter als Männer. Ihre prekäre Situation wird also - ganz offensichtlich - bisweilen ausgenutzt.

Und noch ein Problem, das zum Ausdruck kommt: In Künstlerkreisen scheint es Usus - mehr noch als in anderen Bereichen und Branchen - kostenlos vorspielen und vorarbeiten zu müssen, um Referenzen sammeln, Renommee erwerben zu können. Ein Phänomen, das die Auftraggeber zu Missbrauch einlädt, die Künstler Zeit und Geld kostet und unter dem Terminus der "unbezahlten Leistungserbringung" zusammengefast wird.

Brotlose Kunst? Das verdienen Künstler wirklich

Die bei der Künstlersozialkasse versicherten darstellenden Künstler verdienten 2014 durchschnittlich 14.971 Euro brutto im Jahr, die Musiker 12.931 Euro. Allerdings sind die Zahlen nur bedingt zu gebrauchen, das sie auf einer Selbstschätzung der Versicherten beruhen. Und sie beziehen sich nur auf selbstständige Künstler, nicht auf angestellte. Laut Bundesagentur für Arbeit lag das Medianeinkommen von in Vollzeit und sozialversicherungspflichtig beschäftigten Künstlern 2010 bei 34.776 Euro brutto.

Grundsätzlich darf man davon ausgehen, das zeigt auch die Norz-Studie, dass die Einkommensverteilung unter Künstlern sehr stark ausgefranst ist. Es gibt also wenige Topverdiener, aber eine sehr hohe Konzentration auf die unteren Einkommenssegmente. Und es gibt sehr viele, die allein von ihrer Kunst nicht leben können. Die Befragten der Studie verdienen demnach folgende Summen ...

Anteil der befragten Künstler, die das jeweilige durchschnittliche jährliche Nettoeinkommen aus künstlerischer Tätigkeit erzielen

Nettoeinkommen Prozent
Unter 5000 Euro 13 Prozent
5.000 bis 10.000 Euro 27 Prozent
10.001 bis 20.000 Euro 35 Prozent
20.001 bis 40.000 Euro 16 Prozent
Über 40.000 Euro   5 Prozent
Keine Angabe   4 Prozent
[Quelle: artbutfair: "Faire Arbeitsbedingungen in den darstellenden Künsten und der Musik?!";
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