Spannende Studie aus Wien: Je mehr wir uns in die Gedankenwelt eines Menschen hineinversetzt haben, desto mehr sind wir bereit, uns später für diese Person einzusetzen. Oder kurz: Hineinversetzen macht hilfsbereiter. Das Team um den Wiener Psychologen Claus Lamm untersuchte dazu Entscheidungesprozesse in fiktiven Notfallssituationen. Neben moralischen Gründen spielt dabei Empathie, also das Mitfühlen mit anderen, eine große Rolle. Wie groß diese ist, erforschten die Wissenschaftler jetzt genauer.

Zuerst bekamen die Probanden Texte über imaginäre Personen zu lesen. Bei einigen Texten war es jedoch notwendig, sich in die Person hinein zu versetzen, um sie zu verstehen und Fragen über sie zu beantworten. Bei anderen war das schlicht egal. Anschließend hatten die Teilnehmer in einer fiktiven Situation zu entscheiden, ob sie die jeweils beschriebene Person opfern würden, um das Leben anderer Menschen zu retten.

Das Trolley-Dilemma

Die Frage dahinter ist ein Klassiker in der Psychologie – ein sogenanntes moralisches Dilemma, oder wie in diesem Fall das “Trolley-Problem“: Ein Zug rast auf eine Gruppe von fünf Gleisarbeitern zu und würde sie gnadenlos überrollen. Der Proband hat jedoch die Chance, in letzter Sekunde eine Weiche zu stellen. Der Zug würde ausweichen, die fünf Gleisarbeiter wären gerettet, aber auf dem Nebengleis arbeitet ein anderer unwissender Arbeiter, der in diesem Fall todsicher überfahren werden würde. Der Proband muss also abwägen, ob er fünf Gleisarbeiter rettet, um einen anderen sicher in den Tod zu schicken. Die meisten Menschen entscheiden sich übrigens dafür, Motto: Fünf Leben wiegen schwerer als eines.

Im Wiener Experiment zeigte sich aber: Hatten die Probanden sicher vorher in diese eine Person hineinversetzt, wurde diese bei solchen Dilemmata weniger oft “geopfert”. Zudem empfanden die Teilnehmer bei ihren Entscheidungen deutlich mehr Stress. Man könnte auch sagen, sie taten sich schwerer, die irrationale Alternative zugunsten des Wohls der Mehrheit zu unterdrücken.

Empathie und Sympathie

Kurzum: Das Ergebnis deutet darauf hin, dass unser soziales Verhalten stark davon beeinflusst wird, ob wir andere mit ihren Gedanken und Gefühlen wahrnehmen. Womöglich nicht nur in Notfallsituationen. Was mich auf einen anderen Punkt bringt: Sozialverhalten im Internet.

Nicht selten sind zeigen sich die Teilnehmer mit ihren Dialogen und Kommentaren, nun ja, nicht gerade von ihrer verträglichen Seite. Oder anders formuliert: Social Media mutieren mitunter zu Asozial Media. Eine mögliche Erklärung dafür: In der von Pixeln dominierten Umgebung des Web nehmen wir andere nicht als Menschen, sondern als Textobjekt wahr und verhalten uns entsprechend. Schade eigentlich.