Ein Gastbeitrag des Autors Martin Gaedt

Aslysun/ShutterstockUnbesetzte Stellen, fehlende Azubis, Umsatzeinbußen, Abwärtsspirale, Drama pur! Überall hören und lesen wir, dass durch den demografischen Wandel Fachkräfte fehlen, und dass dem Wirtschaftsstandort Deutschland das Aus droht. Herrje! Da müssen wir die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und seufzen. Da kann man nichts machen. Außer jammern...

Es reicht, ihr Jammerlappen!

Deutschland plagt kein Fachkräftemangel, sondern mangelnde Attraktivität. Seit 2012 beantragten nur 3000 außerhalb Deutschlands lebende Fachkräfte die Blue Card. Das wird als Erfolg gefeiert, ist bei 42 Millionen Arbeitnehmern in Deutschland aber einfach nur lächerlich gering.

Die besten Bewerber gehen zu den besten Unternehmen – im Inland oder Ausland, daran hat sich gar nichts geändert. Warum sind in Kanada rund 50 Prozent der qualifizierten Fachkräfte Ausländer? Weil Kanada die ausländischen Experten tatsächlich wärmstens empfängt, während es in Deutschland bei Lippenbekenntnissen und Plakaten der Bundesregierung bleibt.

Die meisten der guten Bewerber erhalten Absagen, in allen Branchen und Regionen. Nur einer erhält eine Zusage, die anderen werden verprellt.

Eine Bewerberverschwendung auf hohem Niveau, die nicht zu ändern, die systemimmanent sei. Das ist nun einmal so, das gehört dazu.

Tatsächlich?

Was Deutschland fehlt, ist Weiterdenken und Hinterfragen!

Warum nehmen wir so viele Dinge als gegeben hin? Da uns der „Fachkräftemangel“ inzwischen lange genug vorgesetzt und wiederholt wird, glauben wir ihn einfach. Da! Da steht es doch. Schwarz! Auf! Weiß!

Hinzu kommt: Hinterfragen ist unbequem, denn man könnte bemerken: „Verdammt, das liegt ja an mir selber, und nicht an den Umständen!“ Aber was sollten wir schon verändern können am demografischen Wandel und am Fachkräftemangel? Nun, außer fleißig Babys zeugen könnten wir anfangen, uns eine Frage zu stellen:

Gibt es den Fachkräftemangel eigentlich wirklich?

Ich sage: Nein, ihn gibt es nicht.

Dafür haben wir eine Menge Schieflagen, die man allerdings nicht als selbstverständlich hinnehmen muss, sondern die man gerade rücken kann.

Recruiting ist harte Arbeit und – wie die Welt um uns herum - ständig im Wandel. Wem Fachkräfte fehlen, der ist meistens einfach stehen geblieben. Wirklich gute Mitarbeiter waren schon immer rar und werden es auch immer bleiben. Der war for talents ist überhaupt nichts Neues, er fällt uns durch den demografischen Wandel nur stärker auf.

Deutschlands Arbeitsmarkt ist nicht zukunftsfähig

Und daran hat nicht der Bevölkerungsrückgang schuld. Wenn wir einmal genau hinschauen, werden einige politische, gesellschaftliche und unternehmerische Stolpersteine sichtbar, die die deutsche Wirtschaft daran hindern, mit voller Kraft vorauszufahren:

  • Das Problem der Unsichtbarkeit: Die Mehrheit der Bewerber strömt zu den großen und bekannten Unternehmen. Konzerne machen aber nur 0,4 Prozent der deutschen Wirtschaft aus. Beinahe 3,6 Millionen Unternehmen sind für Bewerber unbekannt – und sie ändern kaum etwas daran. 40 Prozent aller Studenten sagen: „Hätte ich ein attraktives Angebot, würde ich gerne hier in der Region bleiben.“ Nur leider warten sie auf das attraktive Angebot vergeblich. Also strömen sie auf gut Glück in die Großstädte und Metropolregionen. Die Stellen in den Regionen bleiben unbesetzt, obwohl Massen an Bewerbern da sind... beziehungsweise da waren. Arbeitgeber müssten viel aktiver auf die anwesenden Fachkräfte und Absolventen zugehen, und zwar bevor diese weggehen.
  • Vertreibung der Fachkräfte: Auf die Rückmeldung eines Unternehmens warten Experten nicht lange. Sie bewerben sich weiter, natürlich auch im Ausland, und ziehen zum attraktivesten Job und schnellsten Angebot. Das führt zu ausgewandertem Know-how in Milliardenhöhe. Oft genug ist ein respektloser Umgang der Auslöser. Dies sollte einfach zu beheben sein, tatsächlich aber fällt genau das den deutschen Unternehmen aber sehr schwer.
  • Missachtung der dualen Ausbildung: In der Gesellschaft geht das Gefühl um, nur Akademiker seien etwas wert. Im Bundestag vertreten zwei (!) Handwerker die 64 Prozent aller Schulabgänger, die eine berufliche Ausbildung machen. Engpassberufe sind folgerichtig meist die mit fundierter dualer Ausbildung. Gesellschaft und Bildungssystem treiben immer mehr Schulabgänger an die Unis oder zwängen sie in die falschen Berufe durch mangelnde Beratung. Wer wundert sich da über Abbrüche? Im Übrigen gibt es 345 duale Ausbildungen. Eigentlich sollte für jeden genau das Richtige dabei sein.
  • Agentur für Arbeitslosigkeit: Die größte Behörde in Deutschland verwaltet sich und ihre über 100.000 Mitarbeiter in erster Linie selbst. Allein 2012 gab es für die Mitarbeiter 921 Seiten neue Auflagen mit 8105 Seiten Anlagen. Was bringt dieses bürokratische Monstrum eigentlich wirklich? Arbeitswillige nehmen ihre berufliche Zukunft meist selbst in die Hand, weil sie sich beim Amt eher verlassen als unterstützt fühlen.
  • Am Ziel vorbei: Eingestaubte Stellenanzeigen auf 1583 Jobbörsen, fehlende Karriereseiten, Standardabsagen – wen soll das heute noch erreichen? Doch die meisten Unternehmen haben die Wir machen das schon immer so-Einstellung verinnerlicht und pfeifen arrogant auf die rasanten technischen und verhaltensspezifischen Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt. Sie wundern sich, warum immer weniger Bewerber anklopfen, und glauben den Medien und Verbänden den Fachkräftemangel.

Dankbarkeit, Wertschätzung und Respekt

Viele der hausgemachten Probleme auf dem Arbeitsmarkt lassen sich einfach lösen: mit der Entscheidung, das eigene Verhalten zu verändern sowie Wertschätzung und Dankbarkeit zu zeigen.

Wer dankbar ist...

  • für die Mühe, die ein Bewerber in seine Selbstpräsentation gesteckt hat, wird ihn weder ewig warten lassen noch mit einer Standardabsage vor den Kopf stoßen, sondern sich respektvoll mit ihm auseinander setzen.
  • für die Leistungen seiner Mitarbeiter, wird eine wertschätzende Unternehmenskultur schaffen.
  • für klare Vorstellungen und eindeutige Bedingungen, wird zufriedene Mitarbeiter haben.
  • für unkonventionelle Ideen und verrückte Vorschläge, wird innovative Produkte entwickeln.
  • ...

Es gibt viele Unternehmen, die zeigen, wie es besser sein kann. Doch auch diese sind, genau wie der Großteil der Unternehmen und die unzähligen Ausbildungsmöglichkeiten, verborgen. Dabei müssen wir nur hinschauen!

Über den Autor

Martin GaedtMartin Gaedt ist Gründer und Geschäftsführer der Berliner Younect GmbH und bereist Deutschland seit Jahren, um Arbeitsmarkt und Methoden der Personalgewinnung zu analysieren. Anhand seiner Beobachtungen entwickelt er mit seinem Team internetbasierte Lösungen, die dazu beitragen sollen, die Prozesse am Arbeitsmarkt für alle Beteiligten zu optimieren. Seine Erfahrungen, Erkenntnisse und Geschichten hat er nun in einem Buch gebündelt: Mythos Fachkräftemangel: Was auf Deutschlands Arbeitsmarkt gewaltig schiefläuft erscheint am 19. Februar und nimmt das eigentliche Grundproblem unter die Lupe: Arbeitssuchende und Arbeitgeber finden einfach nicht zusammen.

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Was läuft schief auf Deutschlands Arbeitsmarkt?

Einsendeschluss ist Freitag, der 14. Februar 2014, 12 Uhr. Der oder die Gewinner(in) wird von uns per E-Mail benachrichtigt. Wir geben Ihre Adresse dann an den Autor weiter, der Ihnen das Buch zusendet. Es entstehen dadurch keinerlei Zusatzkosten. Viel Glück!