Kleider machen Leute – Bedeutung
Die Redewendung „Kleider machen Leute“ bedeutet, dass das Outfit einer Person wesentlich deren Wahrnehmung und Wirkung beeinflusst. Menschen werden oft zuerst nach ihrem Äußeren beurteilt, wobei vor allem die Kleidung den psychologisch wichtigen ersten Eindruck prägt.
Psychologie der Kleidung
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Status
Die Kleidung lässt Rückschlüsse auf Selbstbild, Charakter, Geschmack sowie sozialen Status eines Menschen zu.
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Kompetenz
Gepflegte Kleidung fördert nachweislich Ansehen und Sympathie. Vor allem im Vorstellungsgespräch wird Bewerbern mit professioneller Kleidung mehr Kompetenz und Seriosität zugesprochen (siehe: Halo-Effekt).
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Zugehörigkeit
In bestimmten Berufen gelten spezifische Kleiderordnungen, sodass das Outfit zur Wiedererkennung beiträgt (z.B. Uniformen, Anzug und Krawatte in Banken).
Kleider machen Leute – Herkunft
Die Ursprünge des deutschen Sprichworts reichen bis in die Antike zurück:
- Bereits beim römischen Rhetoriklehrer Quintilian (35-96 n.Chr.) findet sich die Verhaltensregel „Vestis virum reddit“ – gemeint jedoch als Mahnung, Wohlstand oder Erfolg nicht durch Kleidung vorzutäuschen.
- Ebenso findet sich der Ausdruck „Kleider machen Leute“ in Büchern des 16. Jahrhunderts.
- Populär wurde die Redewendung durch die Erzählung von Gottfried Keller „Kleider machen Leute“ von 1874. Darin wird ein Schneiderlehrling aufgrund seiner Kleidung für einen Grafen gehalten.
„Kleider machen Leute“ – Zusammenfassung
In der 1874 erschienenen Erzählung „Kleider machen Leute“ von Gottfried Keller geht es um den Schneidergesellen Wenzel Strapinski, der seine Mittellosigkeit mit guter Kleidung kaschiert. Wegen seiner eleganten Kleider wird er im Ort Goldach für einen polnischen Grafen gehalten. Allerdings ist Strapinski zu schüchtern, um den Irrtum aufzuklären.
Dadurch lernt er Nettchen, die Tochter des Amtsrats, kennen. Wenzel und Nettchen verlieben sich. Und obwohl die Täuschung auffliegt, hält Nettchen zu Wenzel, der seine wahren Gefühle bezeugen kann. Nettchen entscheidet sich für Ihre Gefühle und die beiden heiraten. Zusammen ziehen sie nach Seldwyla, wo Wenzel sich zum erfolgreichen Geschäftsmann entwickelt.
Eckdaten der Erzählung
Titel | Kleider machen Leute |
Autor | Gottfried Keller |
Veröffentlichung | 1874 |
Literarische Gattung | Novelle |
Epoche | Realismus |
Protagonist | Wenzel Strapinski |
Weitere Figuren | Nettchen, Melchior Böhni |
Erzählform | Auktorialer Erzähler |
Wichtige Abschnitte im Buch – zusammengfasst
Wenzel Strapinski ist ein armer Schneiderlehrling aus Seldwyla. Auf der Suche nach Arbeit macht er sich auf den Weg in die reiche Nachbarstadt Goldach. Von seiner Mutter und durch seinen Beruf hat er gelernt, wie wichtig die Kleidung ist – deshalb achtet er auch ohne viel Geld auf gute Bekleidung. Als es auf seiner Reise zu regnen beginnt, wird er von einem Kutscher in einer herrschaftlichen Kutsche mit nach Goldach genommen.
Hier beginnt die Verwechslung. Durch seine feine Kleidung und die beeindruckende Kutsche, in der er ankommt, halten die Bürger ihn für einen polnischen Grafen. Deshalb bekommt er das schönste Zimmer der Stadt und man serviert ihm im Wirtshaus „Zur Waage“ das beste Essen. Strapinski fühlt sich durch die Verwechslung unwohl und hat ein schlechtes Gewissen. Das leckere Essen, die Vorzüge und die Gastfreundschaft genießt er aber so sehr, dass er das Missverständnis nicht aufklärt.
Im Gasthaus trifft Wenzel Strapinski zunächst den Buchhalter Melchior Böhni. In einem Kartenspiel gewinnt Strapinski eine größere Summe, die er braucht, um seine offenen Rechnungen beim Wirt zu bezahlen. Er fasst den Entschluss, die Stadt schnell wieder zu verlassen, bevor die Verwechslung auffallen kann. Doch er trifft den Amtsrat und seine Tochter Nettchen – in die er sich auf der Stelle verliebt. Um in die vornehme Gesellschaft zu passen, spielt er weiterhin seine Rolle des polnischen Grafen.
Weil er keine Koffer Gepäck besitzt, glauben die Bürger, er sei bestohlen worden. Aus Gastfreundschaft schenken sie Wenzel Strapinski neue Kleider. Sein schlechtes Gewissen plagt ihn erneut und er will Goldach wieder verlassen. Um seine Schulden vorher zu begleichen, spielt er in der Lotterie und gewinnt. Als er seinen Weggang verkündet, ist Nettchen über die Nachricht so traurig, dass er sein Vorhaben verwirft und bleibt.
Wenzel möchte Nettchen heiraten und bittet ihren Vater, den Amtsrat, um ihre Hand. Dieser ist einverstanden, da der Wenzel bisher stets einen guten Eindruck gemacht hat und er ihn für einen polnischen Grafen hält, der für seine Tochter angemessen ist. Überglücklich lädt der Schneider zu einer großen Verlobungsfeier und kauft für die restliche Summe seines Lotteriegewinns teure Brautgeschenke.
Die Feier findet in einem Gasthaus statt, doch am selben Ort trifft auch der Maskenzug der Schneiderzunft aus Seldwyla ein. Wenzel wird erkannt und von seinem ehemaligen Lehrmeister als einfacher Schneiderlehrling entlarvt. Als die Bürger ihre Enttäuschung und ihr Entsetzen zeigen, flieht Wenzel alleine in die Winternacht und macht sich auf den Weg zurück in seine Heimat Seldwyla.
Auf dem Weg nach Seldwyla hört Wenzel die Schneiderzunft und versteckt sich vor ihnen und schläft ein. Nettchen begibt sich auf die Suche nach ihrem Verlobten und findet ihn halb erfroren. Er erklärt, wie es zu der Verwechslung kommen konnte. Sie versteht und vergibt ihm. Da sie erkennt, dass seine Gefühle für sie trotz der Verwechslung echt sind, heiratet sie ihn ohne auf den unterschiedlichen Stand eines einfachen Schneiders und der Tochter eines Amtsrates zu achten.
Melchior Böhni ist eifersüchtig, da auch er Nettchen heiraten wollte, von ihr aber abgelehnt wurde. Es entsteht das Gerücht, Wenzel habe Nettchen entführt. Die beiden könnten dennoch heiraten und ziehen gemeinsam nach Seldwyla. Hier arbeitet Wenzel Strapinski erfolgreich als Schneider – wobei ihm auch das geerbte Vermögen von Nettchen hilft. Sie kehren nach Goldach zurück und gehören fortan zur gehobenen Gesellschaft.
Die Novelle „Kleider machen Leute“ hat nichts an Aktualität verloren! Die Interpretation umfasst vor allem zwei Aspekte:
- Mehr Schein als Sein
Menschen lassen sich von Äußerlichkeiten blenden. Kleider („Markenklamotten“) sowie prestigeträchtige Objekte wie teure Autos und Uhren erwecken den Anschein von Reichtum und Hochstatus – ohne dass das stimmen muss. - Qualität setzt sich durch
Der positive Ausgang der Novelle zeigt ebenfalls, dass es aber mehr auf den wahren Charakter und echte Gefühle ankommt. Äußerlichkeiten mögen täuschen – aber nur über einen bestimmten Zeitraum. Echte Werte setzen sich am Ende durch und überwinden sogar Standesunterschiede. Die schönen Kleider allein helfen nicht.
Kleider machen Leute – Psychologie
Kleidung ist nonverbale Kommunikation pur. Wir tragen sie nicht nur, um angezogen zu sein, sondern drücken uns mit Kleidung ebenso aus – unsere Persönlichkeit, sozialen Status oder Selbstwert.
Funktionen der Kleidung
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Kleidung als Statussymbol
Noch bevor es Marken gab, hoben sich Menschen über Rarität, Material und Farbe der Kleidung von der Masse ab. Könige trugen Samtmäntel, die mit dem Rot der teuren Purpurschnecke gefärbt waren – oder mit Hermelinfell gefüttert. Exklusivität – Dinge, die knapp und teuer sind – rufen bis heute Bewunderung hervor.
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Kleidung als Statement
Kleidung drückt aus, wer wir sind oder sein wollen. Bestimmte Kleidungsstile outen uns als Zugehörige zu einer sozialen Gruppe – z.B. Punker oder Hippies (siehe: Konformität). Gleichzeitig ahmen manche den Stil ihrer Vorbilder nach und wollen dieselben Marken tragen.
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Kleidung zum Anlass
Im Berufsleben ebenso wie zu gesellschaftlichen Events (z.B. Oper, Cocktail-Party, Hochzeit) passen Menschen ihre Garderobe an. Das drückt Wertschätzung gegenüber Anlass und Gastgeber aus, soll aber zugleich Zugehörigkeit ausdrücken.
Psychologen sprechen davon, dass Kleidung vor allem ein „Wirkungsbedürfnis“ erfüllt. Mit dem Outfit, mehr aber noch mit Markenkleidung wollen Menschen andere beeindrucken oder gar manipulieren – wie in der Novelle „Kleider machen Leute“ von Gottfried Keller oder im englischen Sprichwort „Dress for success“.
Wie kann ich die Effekte der Kleidung nutzen?
Die psychologische Bedeutung und Wirkung von passender Kleidung ist inzwischen mehrfach wissenschaftlich bestätigt. Studien belegen: Kleidung beeinflusst das eigene Selbstwertgefühl wie auch das Denken und die Reaktionen unserer Gesprächspartner. Und das können Sie nutzen…
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Leistung verbessern
Formale Hochstatus-Kleidung sorgt laut einer Studie der California State Universität in Northridge dafür, dass sich die Träger selbst bedeutsamer und mächtiger fühlen. Wer bei den Experimenten einen Anzug, Hosenanzug, Kostüm trug, dachte und handelte analytischer und strategischer – was wiederum die Erfolgsquote verbesserte.
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Durchsetzungsvermögen steigern
Professionelle Business-Outfits wie edler Anzug oder Kostüm verbessern die Durchsetzungskraft – besonders in Verhandlungen. Das belegen Studien um den Michael W. Kraus von der Yale School of Management. Anzugträger erzielten deutlich bessere Ergebnisse als Kontrollgruppen in Sweatshirts.
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Chancen vergrößern
Kleider machen Leute – das geht schon in der Schule los! Studien der Princeton Universität zeigen: Gut gekleidete Schüler wirken auf Lehrer intelligenter und kompetenter – und werden stärker gefördert (siehe: Rosenthal-Effekt).
Keine Frage: Kleider stützen oder stärken zahlreiche Vorurteile – positiv wie negativ, etwa bei billiger oder schlechter Kleidung. Wir können nicht verhindern, dass Menschen andere zuerst nach dem Äußeren beurteilen.
„Never judge a book by its cover!“, mahnt eine englische Redewendung. „Beurteile ein Buch niemals nach der Titelseite!“ So wahr das auch ist, so wenig halten wir uns daran. Umso wichtiger ist, dass wir uns die Bedeutung der Kleidung bewusst machen – und bewusst einsetzen.
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