Definition: Was ist ein Narzisst?
Ein Narzisst (englisch: narcissist) ist jemand, der ein idealisiertes, grandioses Bild von sich selbst hat, viel Aufmerksamkeit sucht und Bewunderung braucht und äußerst empfindlich auf Widerspruch oder Kritik reagiert oder vermeintliche Kränkungen als persönlichen Angriff wertet. Bis zu einem gewissen Grad sind solche narzisstischen Züge jedoch normal: Ein gesundes Maß an Selbstbewusstsein, Ehrgeiz oder Stolz bringt im Beruf sogar oft weiter und ist zunächst nicht krankhaft.
Die narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS), auch als pathologischer Narzissmus bezeichnet, umfasst ein krankhaftes Verhaltensmuster aus selbstbezogenem und arrogantem Denken und Verhalten, mangelnder Empathie und Rücksichtnahme gegenüber anderen sowie einem übermäßigen Bedürfnis nach Bewunderung. Viele beschreiben Menschen mit NPS häufig als überheblich, manipulativ, egoistisch, herablassend und fordernd. Diese Denk- und Verhaltensweise zeigt sich in unterschiedlichen Lebensbereichen: im Beruf, in Freundschaften, in der Familie und in Liebesbeziehungen.
Begriff Narzisst – Ursprung und Herkunft
Der Name geht auf „Narziss“ aus der antiken Mythologie zurück. In der Erzählung des römischen Dichters Ovid verliebt sich der schöne Jüngling in sein eigenes Spiegelbild im Wasser. Daraus entwickelte sich später die Vorstellung der übermäßigen Selbstliebe. In der Psychologie wurde der Begriff „Narzissmus“ schließlich zur Beschreibung selbstverliebter Persönlichkeitszüge verwendet.
Was sind die 9 Merkmale eines Narzissten?
Narzissten erkennen Sie häufig an neun markanten Merkmalen, die sich an den Kriterien des amerikanischen Diagnosemanuals DSM für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung orientieren:
Merkmal |
Beispiel |
| Überhöhtes Selbstbild | Eigene Leistungen und Fähigkeiten werden überschätzt. |
| Größenfantasien | Gedanken kreisen stark um Erfolg, Macht, Schönheit oder ideale Liebe. |
| Gefühl der Besonderheit | Die Person hält sich für außergewöhnlich und nur von besonderen Menschen verstanden. |
| Bewunderungsbedürfnis | Lob, Aufmerksamkeit und Bestätigung werden immer wieder gesucht. |
| Anspruchsdenken | Eine bevorzugte Behandlung wird als selbstverständlich erwartet. |
| Ausnutzen anderer | Beziehungen werden für eigene Ziele und Vorteile instrumentalisiert. |
| Mangelnde Empathie | Gefühle und Bedürfnisse anderer werden wenig wahrgenommen oder berücksichtigt. |
| Neid | Erfolge anderer lösen Neid aus oder werden als Neid auf die eigene Person gedeutet. |
| Arroganz | Das Auftreten wirkt überheblich, hochmütig oder herablassend. |
Entscheidend ist jedoch das Gesamtbild. Nahezu jeder Mensch möchte gelegentlich bewundert werden, reagiert gekränkt auf Kritik oder verhält sich egoistisch. Auffällig wird das Persönlichkeitsmuster erst, wenn mehrere solcher Merkmale stark ausgeprägt sind, permanent sowie in unterschiedlichen Lebensbereichen auftreten.
Warum erkennt man Narzissten oft nicht?
Die neun Merkmale sind nicht unbedingt positive Eigenschaften. Warum fallen wir dann trotzdem so oft auf Narzissten herein? Einfache Antwort: Weil narzisstische Züge beim ersten Kennenlernen oftmals sogar sympathisch wirken. Selbstsicherheit, Charme, Humor, Eloquenz – all das zieht uns schnell in den Bann, wirkt interessant und kompetent.
Dadurch knüpfen Narzissten schneller Kontakte, können sich leichter profilieren und werden schließlich populär. Deshalb sollten Sie sich nie vom ersten Eindruck blenden lassen und eher beobachten, wie sich jemand über längere Zeit verhält – insbesondere bei Konflikten, Kritik und gegenüber Personen, von denen er oder sie keinen Vorteil erwartet.
Wie verhält sich ein Narzisst?
Typische Beispiele für narzisstisches Verhalten sind:
-
Im Mittelpunkt stehen wollen
Gespräche werden immer wieder auf die eigene Person, Erfolge oder Erfahrungen gelenkt.
-
Erfolge für sich beanspruchen
Eigene Beiträge werden hervorgehoben, während die Leistungen anderer kaum Beachtung finden.
-
Sonderbehandlung erwarten
Für die eigenen Wünsche und Bedürfnisse wird mehr Rücksicht verlangt, als umgekehrt gewährt wird.
-
Kritik schwer ertragen können
Widerspruch wird als Kränkung empfunden und oft mit Rechtfertigung, Gegenangriff oder Abwertung beantwortet.
-
Verantwortung und Schuld abwehren
Bei Fehlern sind schnell andere oder die Umstände schuld; Erfolge werden dagegen bevorzugt der eigenen Leistung zugeschrieben.
-
Andere auf- und abwerten
Solange andere Bewunderung liefern, werden sie hofiert und gehegt – und verlieren sofort an Bedeutung, sobald sie widersprechen oder enttäuschen.
Keines dieser Beispiele allein beweist allerdings, dass jemand ein Narzisst ist. Arroganz, Egoismus, Geltungsdrang oder geringe Rücksichtnahme können viele Ursachen haben. Aussagekräftiger ist immer, ob sich dieses Verhalten über längere Zeit wiederholt.
Narzisst Mann oder Frau: Gibt es Unterschiede?
Narzisstische Eigenschaften kommen bei Männern wie Frauen vor. Einen eindeutigen „männlichen Narzissten“ oder eine typische „weibliche Narzisstin“ gibt es nicht. Hinzu kommt, dass ein Narzisst nicht immer laut, dominant oder großspurig auftritt. Neben der großspurigen und grandios wirkenden Form gibt es in der Psychologie ebenso eine vulnerable Ausprägung. Diese „verdeckten Narzissten“ wirken eher unsicher oder zurückhaltend, sind aber noch empfindlicher gegenüber Kritik. Gemeinsam ist beiden Typen ein Gefühl der eigenen Besonderheit und das starke Bedürfnis nach Bestätigung.
Test: Bin ich ein Narzisst?
„Bin ich ein Narzisst?“ – Diese Frage lässt sich mit einem einfachen Online-Test natürlich nicht beantworten. Der folgende Selbstcheck kann Ihnen aber helfen, eigene Denk- und Verhaltensweisen kritisch zu reflektieren. Haken Sie spontan die Aussagen an, denen Sie zustimmen:
- Ich halte meine Fähigkeiten und Leistungen für außergewöhnlich.
- Ich stelle mir oft vor, besonders erfolgreich oder bewundert zu sein.
- Ich glaube, dass mich vor allem besondere Menschen gut verstehen.
- Ich benötige viel Aufmerksamkeit und Bestätigung von anderen.
- Ich erwarte oftmals Vorteile oder eine besondere Behandlung.
- Ich nutze meine Kontakte, um meine Ziele zu erreichen.
- Es fällt mir schwer, die Bedürfnisse anderer zu berücksichtigen.
- Ich bin oft neidisch auf andere oder glaube, dass ich beneidet werde.
- Andere erleben mich manchmal als überheblich oder herablassend.
Auswertung: Ab 3-4 Haken sind bei Ihnen bereits narzisstische Persönlichkeitszüge erkennbar. Konnten Sie 5 oder mehr Aussagen zustimmen, ist der Narzissmus schon ausgeprägter und eine genauere Selbstreflexion wäre sinnvoll. Diese Auswertung ist aber keine Diagnose! Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung kann nur professionell festgestellt werden.
Kann eine einzige Frage einen Narzisst entlarven?
Erstaunlicherweise: ja. Forscher um den Psychologen Brad Bushman entwickelten dafür die sogenannte „Single Item Narcissism Scale“ (SINS). Die simple Frage: „Auf einer Skala von 1 bis 7: Wie sehr stimmen Sie der Aussage zu ‚Ich bin ein Narzisst‘?“ Ergebnis: Ein Narzisst gab sich selbst hohe Zustimmungswerte. Die Forscher vermuten hierfür die hohe Selbstverliebtheit als Grund.
Narzisst im Beruf: Warum so erfolgreich?
Im Berufsleben haben Narzissten zunächst Vorteile. Ihre Selbstsicherheit, ihr Ehrgeiz und ihr überzeugendes Auftreten lassen sie schnell auf der Karriereleiter aufsteigen. Nicht wenige landen sogar in Führungspositionen. Doch langfristig wird das zum Problem, wenn daraus ständiger Konkurrenzkampf und ein übermäßiger Anspruch auf Anerkennung und Sichtbarkeit entstehen. Dann vergiften Narzissten oder ein narzisstischer Chef jedes Betriebsklima. Gerade bei Führungskräften können Macht und Hierarchie die narzisstischen Züge sogar noch verstärken: Ein solcher Chef fordert von seinen Mitarbeitern häufig 100-prozentige Loyalität und Gefolgschaft und beurteilt sie danach, wie sehr sie das eigene Selbstbild bestätigen. Falls Sie gerade an einen Präsidenten denken… Genau so!
Weil die Realität das grandiose Selbstbild jedoch nicht immer bestätigt, können Narzissten eine Fantasiewelt aufbauen, die von Verzerrungen, Selbsttäuschung und Wunschdenken getragen wird. Sie entwickeln selbstverherrlichende Vorstellungen von unbegrenztem Erfolg, Macht, Intelligenz oder Attraktivität. Diese Fantasien geben ihnen das Gefühl, besonders zu sein und Kontrolle zu besitzen. Zugleich schützen sie vor innerer Leere und Scham. Fakten und Meinungen, die dem eigenen Selbstbild widersprechen, werden deshalb häufig ignoriert oder rationalisiert. Alles, was diese Vorstellungswelt bedroht, kann starke Abwehrreaktionen auslösen. Menschen im Umfeld von Narzissten sollten deshalb stets vorsichtig mit Widerspruch umzugehen.
Was spricht gegen stark ausgeprägte narzisstische Züge?
Nicht jede selbstbewusste oder gelegentlich egoistische Person ist gleich ein Narzisst. Manche Verhaltensweisen sprechen sogar eher gegen ausgeprägte narzisstische Züge. Hier der Gegencheck:
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Sie freuen sich für andere
Sie können anderen ihre Erfolge gönnen, ohne sich dadurch zurückgesetzt zu fühlen.
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Sie können Fehler eingestehen
Sie übernehmen Verantwortung für eigene Fehler und machen niemanden dafür verantwortlich.
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Sie zeigen echtes Interesse
Sie hören aufmerksam zu und nehmen Gefühle oder Bedürfnisse anderer wahr und ernst.
-
Sie können mit Kritik umgehen
Kritik mag niemand, Sie wehren diese aber auch nicht gleich ab, sondern prüfen selbstkritisch.
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Sie teilen das Rampenlicht
Sie müssen nicht immer im Mittelpunkt stehen und geben auch anderen die Bühne im Job.
All diese Punkte zeigen Fähigkeiten wie Empathie, Selbstreflexion und ein vergleichsweise stabiles Selbstwertgefühl, die einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung entgegenstehen.
Wie verhält sich ein Narzisst in einer Beziehung?
In Partnerschaften führen narzisstische Muster häufig zu Konflikten – etwa, weil nur die Wünsche einer Person zählen und Feedback regelmäßig in Schuldzuweisungen und Abwertung mündet. Achten Sie weniger auf das Etikett „Narzisst“ als auf den Umgang miteinander: Werden Ihre Grenzen respektiert? Können beide Partner Fehler eingestehen? Werden Entscheidungen gemeinsam getroffen? Gibt es gegenseitiges Interesse und Kompromisse? Wer solche Fragen dauerhaft verneint, hat ein Beziehungsproblem. Kommen Manipulation, Kontrolle oder Herabsetzung hinzu, sind das Warnsignale für eine toxische Beziehung.
Wie gehe ich mit einem Narzissten um?
Sie können andere Menschen nicht verändern. Bei stark selbstbezogenem, dominantem oder abwertendem Verhalten sollten Sie sich deshalb auf das konzentrieren, was Sie beeinflussen können:
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Klare Grenzen setzen
Benennen Sie konkret, welches Verhalten Sie akzeptieren und wo Ihre persönliche Grenze liegt.
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Bei Fakten bleiben
Diskutieren Sie nicht darüber, wer der bessere Mensch ist. Sprechen Sie über beobachtbares Verhalten und konkrete Situationen.
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Nicht um Anerkennung kämpfen
Machen Sie Ihren eigenen Selbstwert nicht vom Urteil oder Wohlwollen des Narzissten abhängig.
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Absprachen dokumentieren
Im Beruf helfen klare Zuständigkeiten, schriftliche Vereinbarungen und nachvollziehbare Ergebnisse bei späteren Konflikten.
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Konsequenzen ziehen
Werden Grenzen wiederholt missachtet, reduzieren Sie – wenn möglich – den Kontakt oder schaffen Sie größere Distanz.
Entscheidend ist, problematisches Verhalten früh wahrzunehmen, sich nicht auf endlose Machtkämpfe einzulassen sowie die eigenen Grenzen zu schützen.
FAQ – Häufige Fragen zu Narzissten
Ist jeder Narzisst psychisch krank?
Nicht jeder selbstbezogene Mensch ist psychisch krank. Während „Narzisst“ umgangssprachlich oft vorschnell für egozentrisches Verhalten genutzt wird, erfordert die medizinische Diagnose einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung tiefgreifende Verhaltensmuster mit erheblichem Leidensdruck. Neue Diagnosesysteme wie die ICD-11 betrachten Persönlichkeitsstörungen nicht mehr als starre Einzeldiagnosen, sondern bewerten vor allem deren Schweregrad.
Kann ein Narzisst lieben?
Auch ein Narzisst kann Zuneigung, Liebe und Bindung erleben. Schwierigkeiten entstehen jedoch oft, wenn das Bedürfnis nach Bewunderung, mangelnde Empathie oder Empfindlichkeit die Partnerschaft beeinträchtigen. Die pauschale Aussage „Narzissten können nicht lieben“ ist aber nicht haltbar.
Kann sich ein Narzisst ändern?
Persönlichkeitszüge sind vergleichsweise stabil, Verhaltensweisen können sich aber verändern. Voraussetzung dafür sind jedoch Problembewusstsein und die Bereitschaft, eigene Denk- und Beziehungsmuster kritisch zu hinterfragen. Bei erheblichen Belastungen kann eine Psychotherapie helfen.
Wie wird man zum Narzissten?
Es gibt nicht die eine Ursache. Bei der Entwicklung ausgeprägter narzisstischer Persönlichkeitsmerkmale wird ein Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren diskutiert. Auch frühe Beziehungserfahrungen und Erziehung können eine Rolle spielen. Einfache Erklärungen wie „zu viel Lob macht Kinder zu Narzissten“ greifen aber zu kurz.
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