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Wenn es um Entscheidungsfreude geht, kommt man an der Geschlechterfrage nicht vorbei. Denn tatsächlich gibt es hier Unterschiede - sogar gewaltige. Üblicherweise wird bei den Diskussionen dazu gerne ganz tief in die Klischeeschublade gegriffen. Machen wir nicht. Stattdessen bemühen wir die Wissenschaft, um die Frage zu klären, welches der beiden Geschlechter nun mehr Entscheidungsfreude mitbringt. Die Antwort dürfte für die einen jedoch genauso überraschend kommen, wie sie für die anderen – natürlich – von Anfang an klar war: Es sind tatsächlich die Männer, die sich mit Entscheidungen leichter tun...

Männer sind entscheidungsfreudiger

Allerdings hat die männliche Entscheidungsfreude nichts mit all den Vorurteilen zu tun, die hierfür regelmäßig ins Feld geführt werden. Stattdessen gibt es eine wissenschaftliche Erklärung, die in der Funktionsweise des männlichen Gehirns liegt:

  • Männer sind nicht unbedingt besser darin, sich für eine bestimmte Option zu entscheiden, sondern besser darin, Alternativen auszuschließen.
  • Frauen brauchen für diesen Prozess mehr Zeit, versuchen so gut es geht, die Vor- und Nachteile gegeneinander abzuwägen und tun sich deshalb relativ schwer mit Entscheidungen.

Der Ursprung dieser männlichen Fähigkeit zum Schnellentscheid liegt im Belohnungszentrum des Gehirns, dem Nucleus accumbens.

Dieser Bereich im vorderen Teil des Gehirns, ein Stück weit hinter und über den Augen, ist für uns von großer Bedeutung: Regelmäßig sorgt er für das gute Gefühl, das wir erleben, wenn wir etwas Schönes erwarten oder uns etwas Positives widerfährt.

Man könnte auch sagen, der Nucleus accumbens beschert uns all die angenehmen Glücksmomente, die das Leben für uns bereithält, die wir aber gar nicht mitbekommen würden, wenn es ihn nicht gäbe.

Gehirn-Limbisches-System

Wann genau das Belohnungssystem anspringt, hängt sowohl vom Geschlecht als auch von der individuellen Persönlichkeit ab. So wird eine erhöhte Aktivität dieses Bereichs beispielsweise festgestellt, wenn Männer kurvige Autos mit starken Motoren betrachten. Aber auch unsere Lieblingsmusik oder das Lächeln eines Mitmenschen kann bewirken, dass das Belohnungszentrum aktiviert wird.

Männer werden dafür belohnt, Optionen auszuschließen

Interessanterweise ist bei Männern diese Region des Gehirns auch dann aktiv, wenn sie sich gegen etwas entscheiden, also eine Option ausschließen. Das männliche Gehirn stellt also eine Belohnung in Form eines guten Gefühls bereit, wenn Männer ihre Auswahl eingrenzen. Das männliche Gehirn sagt damit implizit: Das hast du gut gemacht, du hast eine schlechtere Möglichkeit ausgeschlossen – dafür gibt es jetzt ein Hormonzückerchen!

Das Resultat ist: Männer entscheiden sich nicht nur schneller, sondern sind hernach auch noch besonders überzeugt davon, dass sie sich richtig entschieden haben. Kein Wunder, bei dem Glückshormoncocktail, der da gerade durch ihre Venen zirkuliert.

Für Frauen bleibt eine Entscheidung mit einem deutlich größeren Aufwand verbunden, weil ihr Gehirn sie zwar mit den nötigen Informationen, aber nicht mit den passenden Emotionen versorgt.

Den Input zu analysieren, abzuwägen, auszuwerten und einzugrenzen, nimmt nicht nur viel Zeit in Anspruch – es macht ihnen auch keinen Spaß. Frauen erleben kein Glücksgefühl, wenn sie sich durch den Ausschluss einer Alternative ihrer endgültigen Wahl nähern. Ganz im Gegenteil: Statt des positiven Erlebnisses hat der weibliche Körper etwas anderes für sie in petto: Zweifel.

Die Folge: Es fällt ihnen schwerer, eine Option zu ignorieren oder auszuschließen und so zu einem raschen und weniger komplexen Ergebnis zu gelangen. Um die Unsicherheit in den Griff zu bekommen, wird gegrübelt, bis jede Eventualität bedacht ist.

Das aber kostet seinen Preis: Zeit.

Es stimmt also, wenn Männer den Frauen gelegentlich vorwerfen, dass diese sich nicht entscheiden können. Ebenso hat es einen Grund, wenn Frauen der Meinung sind, der Mann würde unüberlegt, spontan oder gar impulsiv handeln.

Aus der jeweiligen Geschlechterbrille sind die Vorwürfe durchaus nachvollziehbar. Wahr ist aber auch: Keines der beiden Geschlechter kann etwas für seine – mehr oder weniger vorhandene – Entscheidungsfreude. Beide verhalten sich nur so, wozu ihr Gehirn sie ermuntert.

Entscheidungen machen müde

Entscheidungen machen müdeWer viel zu wählen hat, büßt dabei einen Gutteil seiner geistigen Kapazitäten ein. Das hat die Psychologin Kathleen Vohs herausgefunden. Bei einem ihrer Experimente sollten sich Studenten auf einen Test vorbereiten, wurden vorher aber mit einer Kurswahl konfrontiert. Schon schnitten sie im Test schlechter ab als die Kontrollgruppe.

Beim zweiten Versuch wurden die Probanden zum Shoppen in ein Einkaufszentrum geschickt, wo es gleich eine Vielzahl an Konsumentscheidungen zu treffen gab. Anschließend unterzog sie Vohs einem Mathetest: Wieder machten die Einkaufsbummler mehr Fehler als die Kontrollgruppe, konnten sich schlechter konzentrieren und fühlten sich angestrengter als andere Teilnehmer, die sich nicht bereits durch einen Dschungel aus Entscheidungen gekämpft hatten.

Das Fazit daraus: Egal, ob wir sie freiwillig oder unter Druck treffen, ob sie Spaß machen oder nicht – Entscheidungen powern uns aus. Wer vor wichtigen Entscheidungen steht, sollte sie deshalb nicht unbedingt am Ende eines anstrengenden und – viel wichtiger noch – entscheidungsreichen Tages fällen, sondern eher auf den nächsten Morgen legen.

Entscheidungen treffen Wahlzettel ankreuzen

Entscheidungsfreude: Aber wer entscheidet besser?

Entscheiden-Zweifel-Maenner-Frauen

Falls Sie ein Mann sind, könnte es natürlich sein, dass Sie gerade ob Ihrer Entscheidungsüberlegenheit triumphieren. Fehler! Denn es gibt noch eine zweite, ebenso wissenschaftlich fundierte Erkenntnis: Frauen treffen die besseren Entscheidungen.

Das lässt sich zum Teil schon aus der Entscheidungsgeschwindigkeit ableiten. Frauen brauchen zwar länger, bis sie sich festlegen, sie gehen dabei aber sorgfältiger vor.

Sie sammeln mehr Informationen, suchen nach Vor- und Nachteilen und legen sich einfach mehr ins Zeug, um eine gewissenhafte Entscheidung zu treffen. Zwangsläufig erhöht sich dadurch die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen mit ihrer Wahl ins Schwarze treffen.

Das zeigt auch der Blick in die Führungsetagen großer Unternehmen. Zwar sitzen hier noch immer überwiegend Männer, viele Studien liefern jedoch Grund zu der Annahme, dass wichtige Entscheidungen lieber in Frauenhände gelegt werden sollten – ganz unabhängig von einer wie auch immer gearteten Frauenquote.

Warum das so ist?

Die Entscheidungsfindung selbst hat bei Managern und Managerinnen einen anderen Ablauf. Für eine Studie an der DeGroote School of Business in Kanada wurden 600 Topmanager befragt, darunter – wie bei den Verteilungen im gehobenen Management nicht anders zu erwarten – 75 Prozent Männer.

Viele von ihnen waren zum Zeitpunkt der Umfrage bereits lange Jahre in ihrer Position tätig, brachten eine Menge Routine mit, wenn es um die Führung und Lenkung eines Unternehmens ging, und vereinten eine kaum messbare Erfahrung in Sachen Management.

Diese machten sie sich natürlich für ihre Entscheidungen zunutze: Galt es eine Wahl zu treffen, entschieden die Männer meist nach festen Regeln und traditionellen Abläufen, die sich über die Jahre ihrer Karriere bewährt hatten.

Die Forscher stellten aber – vor allem unter den männlichen Managern – noch eine weitere Gemeinsamkeit fest: Viele fällten ihre Entscheidungen vollkommen alleine. Zwar könnte man einwerfen, dass am Ende des Tages die gesamte Verantwortung sowieso auf den Schultern des sprichwörtlichen Entscheiders liegt, also wäre es nur verständlich und konsequent, dass er sich dabei ungern beeinflussen oder gar reinquatschen lässt.

Doch genau das wäre die sinnvollere Variante.

Entscheidungsfreude im Management

Im Gegensatz zu den Männern setzten die Managerinnen auf Kooperation und eine kollaborative Arbeitsweise. Sie trafen die Entscheidungen nicht alleine im stillen Kämmerchen, sondern versuchten bei ihrer Wahl auch andere Perspektiven zu berücksichtigen.

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Statt sich nur darauf zu fokussieren, welche Alternative die besten Aussichten für sie selbst oder das Unternehmen brachte, hatten die Frauen auch die Interessen anderer Gruppen im Blickfeld. Das Ergebnis war ganz oft ein fairer Konsens, der sowohl für die Managementetage als auch für die Mitarbeiter, Kapitalgeber, Lieferanten und Kunden gleichermaßen zufriedenstellend war.

Natürlich wird es immer unterschiedliche Reaktionen auf Veränderungen geben, je nachdem, ob eine Frau oder ein Mann auf dem Chefsessel sitzt. Langfristige Beobachtungen aber zeigen, dass diese Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Managern nicht nur als einfache Differenz im Führungsstil abgetan werden können. Vielmehr bringt die weibliche Herangehensweise viele Vorteile mit sich.

Oder wie Chris Bart, der Leiter des Forschungsteams an der DeGroote School of Business, sagt:

Wir wissen inzwischen, dass Unternehmen, die mehr Frauen in der Geschäftsführung beschäftigen, langfristig die besseren Ergebnisse erzielen. Unsere Untersuchungen zeigen, dass es nicht nur aus ethischen Gründen richtig ist, mehr Frauen im Management einzusetzen, sondern auch schlau und wirtschaftlich sinnvoll. Unternehmen, die darauf verzichten, betrügen letztlich ihre Investoren.

Chris Bart und sein Team sind nicht die Einzigen, die diese Meinung so klar vertreten. So konnte beispielsweise schon im Jahr 2007 ausgerechnet werden, dass Unternehmen mit einer höheren Frauenquote im Management einen um 66 Prozent höheren Return on Investment (ROI) und eine 42 Prozent höhere Umsatzrendite aufweisen.

Ohne Kennzahlen ausgedrückt, bedeutet dies einfach, dass die Unternehmen, in denen Frauen etwas zu sagen haben, wirtschaftlicher gearbeitet haben. Eine weitere Studie zeigte, dass das Risiko einer Insolvenz um satte 20 Prozent sinkt, sobald nur eine einzige Frau im gehobenen Management Platz nimmt.

Frauen brauchen zwar ein wenig länger, um ein Urteil zu fällen. Vorausgesetzt, es ist genug Zeit vorhanden, macht das Ergebnis die Warte- und Wahlzeit aber mehr als wett.

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[Bildnachweis: Ollyy, joshya by Shutterstock.com]

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