Bastian-Wilkat-Flaneur
Bastian Wilkat, Jahrgang 1987, war nach seinem Master zwei Jahre als Unternehmensberater tätig und hat viel über New Work geforscht und gebloggt. Anfang 2016 war plötzlich Schluss. Nun testet der Göttinger verschiedene Geschäftsmodelle und will mit seinem neuen Podcast-Projekt "Der Flaneur" das intellektuelle Flanieren massentauglich machen - und natürlich nebenbei Geld verdienen. Wie das geht, erzählt er uns im Interview...

Flanieren bedeutet, vom Zufall überrascht werden zu wollen

Herr Wilkat, als Flaneur wollen Sie demnächst mindestens 60-minütige Podcasts publizieren. Warum "Flaneur"?

Vor drei Jahren war ich alleine sieben Tage in Warschau. Ich habe mich vor dem Flug aus Zeitgründen kaum über Sehenswürdigkeiten, gute Cafés oder Museen informiert. Das führte dazu, dass ich im Flugzeug von meiner Sitznachbarin, einer gebürtigen Warschauerin, viele regionale Tipps bekommen habe. Meine Gastgeberin vor Ort hat mir sogar ihren Lieblingsplatz in Warschau gezeigt. Die restlichen Tage verbrachte ich ohne Karte und Touristenführer. Ich ging also ohne konkreten Plan durch die Stadt - stets mit offenem Blick und jederzeit bereit vom Zufall überrascht zu werden. Das ist Flanieren: Es wurde der bis dahin beste Trip meines Lebens.

Durch mein intellektuelles Vorbild Nassim Nicholas Taleb habe ich Flanieren als eine Art Philosophie beziehungsweise Einstellung gegenüber dem Leben und der Welt kennengelernt. Ein Flaneur versucht möglichst wenig zu planen und setzt sich durch seine grundoffene Einstellung positiven Zufällen aus. Das Gegenteil dazu wäre der Tourist, der sein Glück am besten schon vor dem eventuellen Eintritt abschätzen kann.

Auf den Podcast gemünzt bedeutet Flanieren: Ungezwungenes Durchstreifen verschiedener Themen und Disziplinen – stets bereit vom Zufall überrascht zu werden und Neues zu entdecken.

Dazu müssen Sie natürlich mit Menschen sprechen, die auch was zu sagen haben. Wie wählen Sie diese aus?

Durch angewandtes Flanieren. Ich lese circa 30 bis 40 Sachbücher im Jahr. Dadurch stoße ich ganz automatisch auf Ideen, Ansätze oder Forschungsergebnisse, von denen man in der Öffentlichkeit oft wenig mitbekommt. Dann recherchiere ich, wer in Deutschland Wissen, Erfahrung oder eine starke Meinung dazu hat und spreche die Person an. Da ich mich schon lange durchs Netz bewege, erhalte ich auch immer wieder gute Hinweise auf Twitter.

Mein Ziel ist, Flanieren und intellektuelle Neugier massentauglich zu machen. Deshalb werden die Gesprächspartner aus vielen verschiedenen Bereichen kommen. Die können zum Beispiel aus dem Bereich der Wirtschaft oder aus der Ernährungswissenschaft stammen. Es kann ein Lehrer sein, der eine beeindruckende Initiative gestartet hat oder eine Politikerin, die aus der Metaperspektive auf ihren Job schaut.

Wie kamen Sie auf die Idee dazu und was treibt Sie an?

Meine eigene Neugier. Das ist erstmal ziemlich egoistisch. Ich wäre aber nie auf die Idee mit dem Podcast gekommen, wenn ich nicht von vielen Menschen gesagt bekommen hätte, dass sie auch gerne diese Neugier haben, ihnen aber die Zeit oder die Lust fehlt.

Die konkrete Idee dazu kam mir beim Flanieren in Porto: Vielleicht gibt es ja viel mehr Menschen, denen es so geht - ihnen aber ein Format dafür fehlt. Das möchte ich mit dem Flaneur, und natürlich mit den Gästen, ohne die das nicht möglich wäre, liefern.

60 Minuten sind ganz schon lange. Wer soll sich das anhören?

Zeit darf kein Flaschenhals für Wissen sein. Wenn die Fragen von Anfang an klar sind - die Antworten sind es dann oft ebenfalls -, kann man eine Zeitvorgabe von, sagen wir, 22,5 Minuten machen und sie perfekt einhalten. Beim Flaneur hoffe ich Antworten zu finden, auf Fragen, die ich nicht gestellt habe. Dazu braucht es Raum - zeitlich und in der Art der Fragen. Diesen Raum möchte ich geben. Serendipität ist hier die Maxime. Ob es 320 Minuten oder 30 Minuten werden - das wird sich je Episode zeigen.

Deswegen auch die Podcasts?

Das Schöne an Podcasts ist, dass man sie via Smartphone überall hören kann. Soweit ich weiß, merkt sich auch jede App, wie weit man gehört hat, wenn man pausiert oder das Handy ausschaltet. Es bleibt also der Hörerschaft überlassen, ob eine Episode in vier Wochen oder in einem Rutsch durchhört. Und viele Menschen hören Podcasts auf dem Weg zur Arbeit, beim Wohnungsputz oder beim Sport.

Die vergangenen sechs Jahre haben Sie sich mit New Work befasst. War die Luft da raus?

So lässt es sich wohl am Besten beschreiben. Der Antrieb für den Flaneur ist ja meine Neugier - die war nach sechs Jahren beim Thema rund um Organisationen und New Work einfach zu sehr gestillt, als dass sie den weiteren Aufwand gerechtfertigt hätte. Außerdem habe ich eingesehen, dass ich einfach kein Spezialistentyp bin...

...was bedeutet?

Ich brauche verschiedene Themen und Tätigkeiten. Sonst langweilt es mich. Der Flaneur liefert stets neue Herausforderungen. Hoffentlich nicht nur für mich, sondern auch für die Hörerschaft.

In Ihrem Abschiedspost haben Sie geschrieben, Sie wären in einer Filterblase gewesen. Wie machte sich diese bemerkbar?

Da habe ich eine einfache Heuristik: Je größer die relative Menge an Personen wird, die vom Thema profitieren und gleichzeitig nicht tatsächlich betroffen sind, umso eher entsteht eine Filterblase. Das können Softwarefirmen sein, die nie etwas mit dem Thema zu tun gehabt haben, sich aber nun mit einem Buzzword positionieren. Oder Blogger, die sich stets untereinander verlinken und liken, aber nie von denen wahrgenommen werden, über die gesprochen wird. Und je stärker sich dieses Phänomen zeigt, desto weniger interessant wird es für inhaltlich Betroffene. Die Filmprojekte vom Augenhöhe-Team zeigen allerdings, wie die Filterblase durchbrochen werden kann...

Hm... Sie wirken nachdenklich.

Ja, schon... (schweigt) Die Entwicklung und Auswirkung von Filterblasen - das klingt nach einer interessanten Episode für den Flaneur...

Was wollen Sie denn diesmal anders machen, damit Ihnen das nicht mehr passiert?

Mein Problem mit Filterblasen ist, dass der Wissens- und Erfahrungszuwachs aller Beteiligten mit wachsender Blasengröße abnimmt. Es fehlen externe Referenzen und Inputs an denen man sich reiben könnte. Das verhindert Lernen. Diversität ist meines Erachtens das A und O bei jeder Art von Diskurs. Diversität ist die Folge vom Flanieren. Insofern sehe ich keine Gefahr, dass sich der Podcast in eine bestimmte Filterblase entwickelt.

Dann sollten wir dazu in vier Jahren noch mal ein Gespräch führen. Vorab aber: Der Flaneur ist ein nicht-kommerzielles Projekt. Womit verdienen Sie denn Ihren Lebensunterhalt?

Gute Frage. Ich werde weder Werbeunterbrechungen machen, noch Geld für den Podcast nehmen. Dennoch ist das Projekt mit Kosten verbunden. Insbesondere, da ich versuchen werde meine Gäste persönlich zu treffen und in persona mit ihnen zu sprechen. Das bezahle ich aus eigener Tasche. Zur Zeit sehe ich mir Patreon an...

...eine Plattform, auf der man Künstler finanziell unterstützen kann...

...richtig. Dadurch könnte man das Projekt mit einem monatlichen Betrag von zum Beispiel einem Euro unterstützen. Ab einer bestimmten Höhe würde mir das erlauben, zusätzlichen Content anzubieten.

Ansonsten verdiene ich meinen Lebensunterhalt mit Workshop- und Moderationsaufträgen für Unternehmen, meiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der PFH Göttingen und hoffentlich bald mit einem Gründungsprojekt im Bereich Virtual Reality, an dem ich mit zwei Kompagnons arbeite.

Bitte beenden Sie den folgenden Satz: Podcasts sind für mich...

...das beste Medium, in einer schnelllebigen Welt tief zu denken und viel zu lernen.

Herr Wilkat, Danke für das Gespräch.

[Bildnachweis: by Shutterstock.com, Bastian Wilkat]