Die Idee kann nicht gut sein, denn sie war nicht von mir. Das ist, kurz gefasst, der Kern des Not-Invented-Here-Syndroms (abgekürzt NIH, zu deutsch: nicht hier erfunden), das sich tagtäglich in zahlreichen Büros und Branchen manifestiert. In kreativen Berufen sicher noch häufiger als anderswo, weil sich deren Angehörige stärker über ihre Erfindungen und Entwicklungen definieren und daran nicht zuletzt ihren Status in der Gruppe festmachen. Ein Werber, der keine originellen Slogans texten kann, taugt nichts. Und ein Künstler, dessen Bilder aussehen, als hätte sie auch ein Schimpanse auf Viagra pinseln können, genießt einen allenfalls zweifelhaften Ruf.

Nun mag das Problem manchmal auch ganz schlicht mit mangelhafter Leistung zusammenhängen. Beim Not-Invented-Here-Syndrom aber geht es um etwas ganz anderes – um Eitelkeit. Die ist eine der größten Innovationsbremsen überhaupt. Gekränkter Stolz und die Sucht nach Selbstdarstellung sind nicht nur ein starkes Indiz für eine veritable Profilneurose, sie sorgen auch mitunter für (im besten Fall) suboptimale Ergebnisse, höhere Kosten und nicht zuletzt für zunehmenden Frust in der Belegschaft. Bis hin zum völligen Versiegen des kreativen Flows.

Erstmals beschrieben wurde das Phänomen 1982 von Ralph Katz und Thomas Allen (“Investigating the Not Invented Here (NIH) Syndrome: a look at the performance, tenure and communication patterns of 50 R&D project groups”). Weitere Denkverwandte des Not-Invented-Here-Syndroms sind übrigens auch Sätze wie:


    Ich kann’s aber besser.
    Das hat noch nie funktioniert!
    Für den Anfang gar nicht schlecht…
    Das ist mir noch nicht ausgereift genug.
    Die Idee hatte ich auch schon…

Wikipedia zitiert dazu ein nicht verifiziertes Beispiel der NASA: Während des Apollo-Programms erkannte man dort, dass einige Abteilungen nicht hinreichend miteinander kommunizierten. Aus Sorge, dies könne die Sicherheit der Astronauten gefährden, wurde ein Team berufen, dessen einzige Aufgabe darin bestand, zwischen verschiedenen Abteilungen hin und her zu pendeln und Herrschaftswissen auszutauschen. Klar, diejenigen machten sich nicht sonderlich beliebt, aber immerhin bekamen einige Ideen so bessere Chancen.

Die etwas älteren Leser erinnern sich aber sicher auch noch an den Videostandard Betamax, oder kurz Beta. Das war vor der Zeit der DVD und das definitiv bessere System mit höherer Qualität. Deswegen arbeiteten alle Fernsehstationen mit Beta. Im Massenmarkt durchgesetzt hat sich aber VHS. Warum? Weil sich die konkurrierenden Hersteller Sony (Betamax) und JVC (VHS) einfach nicht auf einen Standard einigen, der von einem anderen entwickelt worden war. Obendrein wollten die Fernsehsender verhindern, dass Privatleute daheim die TV-Sendungen in ähnlich hoher Qualität aufzeichnen konnten – was dann aber eben doch so gekommen ist. Typisch für das NIH.

Trotz allen berechtigten Einwänden – ich will nicht verhehlen, dass das Not-Invented-Here-Syndrom auch Vorteile hat: Es schützt zum Beispiel vor Plagiaten und typischen Me-too-Produkten. Statt bereits erfolgreiche Innovationen einfach abzukupfern und der Herde hinterher zu dackeln, sehen sich die Eleven des NIH-Gedankens in der Pflicht, Originale zu schaffen. Ich bin geneigt Apple mit seiner Trilogie aus iPod, iPhone und iPad für einen typischen und nicht zuletzt deshalb auch äußerst erfolgreichen Vertreter dieser Haltung anzuführen. Ein schönes Bonmot sagt: Während Google-Mitarbeitern erlaubt wird, 20 Prozent ihrer Arbeitszeit für eigene Ideen zu verwenden, sind Apple-Mitarbeiter nur dazu da, um 120 Prozent ihrer Arbeitszeit in Steve Jobs’ Ideen zu investieren.

Der Typ ist aber auch eine recht einmalige Mischung aus Genie und Wahnsinn, die meisten Chefs brillieren nur in einem der beiden Punkte. Und genau das ist das Problem.

Wie sich das NIH-Syndrom überwinden lässt?

Zunächst einmal braucht es dazu einen einsichtigen und uneitlen Chef. Zugegeben, diese Einschränkung kommt nahezu einem Catch-22-Problem gleich. Ist der nämlich nicht nur Leistungsträger, sondern auch Überträger des NIH-Virus’, dann können Sie alle Ihre Anstrengungen getrost vergessen. Dann gilt das Sprichwort nämlich anders herum: Der Misserfolg hat viele Väter, der Erfolg aber nur einen – den Chef. In einem solchen Klima gedeihen Schleimer, Höflinge, Neider und Intriganten prächtig. Aber ganz sicher weder Konsens noch mutige zukunftsweisende Innovationen.

In allen anderen Fällen gibt es einen vielleicht ungewöhnlichen aber effektiven Weg, dem Not-Invented-Here-Syndrom vorzubeugen: Fordern Sie ganz bewusst Fachfremde oder Außenseiter dazu auf, Ideen beizusteuern und belohnen Sie diese auch. Es muss deutlich werden, dass das Ziel die beste Idee ist und das diese letztlich allen zugute kommt – nicht nur dem Ideengeber.

Und damit sind wir auch schon beim zweiten Schritt gegen das NIH-Syndrom: Belohnen Sie gute Ideen niemals mehr als deren erfolgreiche Umsetzung (die meist auf Teamwork basiert)! Sie züchten sich sonst nur Diven, die zwar allerhand geistreichen Input liefern, aber sich für die anschließende Arbeit zu schade sind. Warum auch? Der Einfall sichert ja bereits ihren Status, nicht das Teamplay.

Sicher gibt es noch weitere Behandlungsvorschläge für das Not-Invented-Here-Syndrom. Und an der Stelle kommen Sie ins Spiel:

Wie lauten Ihre Ideen? Man muss ja nicht alles selber erfinden!