Unfaires Gehalt: Warum es funktioniert
Sie arbeiten täglich mit den gleichen Kollegen zusammen, haben ähnliche Aufgaben und die gleichen Arbeitszeiten. Am Ende des Monats stellen Sie dann aber fest, dass auf dem Gehaltszettel zum Teil gewaltige Unterschiede auftauchen. Finden Sie das fair? Der erste Impuls ist wahrscheinlich ein deutliches "Nein, die gleiche Arbeit sollte auch gleich bezahlt werden". Bei genauerer Betrachtung kann es aber sogar fairer sein, Kollegen unterschiedlich hoch zu bezahlen. Das mathematische Gesetz hinter dieser Annahme heißt Power Law Distribution und wird bereits seit Jahren sehr erfolgreich vom Internetgiganten Google angewendet. Warum es funktioniert, Mitarbeiter unfair zu bezahlen...

Das Gesetz der Power Law Distribution

Wie sind Fähigkeiten in der Bevölkerung und damit auch innerhalb eines Unternehmens verteilt? Eine der bekanntesten Theorien ist die Normalverteilung, die vielen noch aus dem Mathematik Unterricht bekannt ist. Soll heißen: Die große Mehrheit ist mit durchschnittlichen Fähigkeiten ausgestattet, während ein kleiner Teil mit jeweils nach oben oder unten von den Norm abweicht.

Auch wenn diese Theorie lange Zeit bestand hatte und immer noch weit verbreitet ist, lässt sie sich leider nicht auf die Verteilung der Leistungen innerhalb eines Unternehmens anwenden. Diese folgen dem Gesetz der Power Law Distribution. Soll heißen: Die meisten Mitarbeiter liegen eher unter dem Durchschnitt, ein kleiner Teil liegt aber auch sehr weit darüber.

Googles Gehaltspolitik: Unfaire Bezahlung

Ollyy/shutterstock.comNach dem theoretischen Teil kommt nun etwas mehr Praxisbezug. Im konkreten Fall für ein Unternehmen bedeutet die Power Law Distribution also, dass ein sehr kleiner Teil der Mitarbeiter einen sehr großen Anteil an der Produktivität und damit auch am Erfolg des Unternehmens hat.

Eine Studie der Longwood Universität fand heraus, dass das beste Prozent der Mitarbeiter für ganze 10 Prozent der Produktivität verantwortlich ist. Erweitert man dies auf die besten fünf Prozent, erzielen diese bereits 26 Prozent der Gesamtproduktivität.

Google ist einer der Vorreiter, wenn es darum geht, dieses Prinzip auch tatsächlich anzuwenden. Die Gehaltspolitik, die daraus abgeleitet wurde, ist provokativ, wird von vielen anderen Unternehmen im Silicon Valley jedoch als durchaus beneidenswert angesehen: Pay Unfairly - Bezahle ungerecht.

Doch wie kann ein System funktionieren, in dem ein Mitarbeiter teilweise das Doppelte seines Kollegen verdient oder in dem eine Junior-Stelle deutlich besser bezahlt wird als eine Senior-Stelle?

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Warum kann unfaires Gehalt funktionieren?

Der erste Gedanke ist oft, ein solch scheinbar unfaires Gehaltssystem anzuzweifeln und für untauglich zu befinden. Doch wie gelingt es Google dann seit Jahren, regelmäßig in den Listen der besten Arbeitgeber aufzutauchen? Die Antwort ist denkbar einfach: Das System ist überhaupt nicht so unfair, wie es auf den ersten Blick vielleicht scheint. Denn es wirft die Frage auf: Ist es tatsächlich ungerecht, einen Mitarbeiter besser zu bezahlen, der mehr Leistung bringt als ein Kollege? Oder ist es vielmehr unfair, dass beide aufgrund der gleichen Berufsbezeichnung das gleiche verdienen?

Laszlo Bock, Senior Vice President of People Operations bei Google - zu deutsch: oberster Personalchef - schlägt deshalb die Frage vor: Für wie viele andere Mitarbeiter würden Sie Ihren besten Mitarbeiter tauschen? Ist Ihre Antwort mehr als fünf, erhält der Mitarbeiter wahrscheinlich zu wenig Geld. Liegt die Antwort sogar über 10, steht definitiv fest, dass der beste Mitarbeiter unterbezahlt ist.

Googles System der Bezahlung ist aber nicht nur fairer als gedacht und somit vielleicht auch für andere Unternehmen geeignet. Es bringt auch weitere Vorteile mit, von denen das Unternehmen profitieren kann:

  1. Große Talente bleiben im Unternehmen

    Die Top Talente und Young Professionals sind in allen Branchen sehr gefragt und viele Unternehmen legen sich richtig ins Zeug, um die besten Mitarbeiter für sich zu gewinnen. Unternehmen versuchen allerdings auch, große Talente von Konkurrenten abzuwerben. Diesem Trend wirkt die ungleiche Bezahlung entgegen. Hunter Walk, ehemaliger Produktmanager bei Google, sagte einmal: "Der schlechteste Weg, um ein Talent von Google abzuwerben, ist mit Geld. Für jeden der es wert ist, wird Google das Angebot immer überbieten."

  2. Andere Mitarbeiter werden motiviert

    Negativ betrachtet fördert die ungleiche Bezahlung Neid unter den Kollegen. Wer mit der Situation jedoch richtig umgeht und den positiven Aspekt sieht, erhält stattdessen einen gewaltigen Motivationsschub. Möglicherweise ist der direkte Kollege der Beweis, dass Sie in Ihrer jetzigen Position das Doppelte oder vielleicht sogar noch mehr verdienen können.

  3. Die Zufriedenheit der Mitarbeiter steigt

    Immer wieder wird kritisiert, dass gute Leistungen nicht entsprechend entlohnt werden. Genau an diesem Punkt setzt die Gehaltspolitik Pay Unfairly an, die dafür sorgt, dass gute Leistungen auch mit entsprechend höherem Gehalt belohnt werden. Nicht nur haben Sie also selbst einen Einfluss darauf, wie viel Sie am Ende des Monats auf dem Konto haben. Auch die Zufriedenheit mit dem Job steigt, wenn die Bezahlung als angemessen empfunden wird.

[Bildnachweis: igor.stevanovic, Ollyy by Shutterstock.com]