Work-Life-Balance. Allein das Wort klingt nach mehr. Und bei der Zahl an Seminaren, Ratgebern und Workshops zu dem Begriff kann schnell der Eindruck entstehen, es handle sich dabei um ein große und komplexes Themengebiet. Doch der Begriff ist irreführend und falsch, denn ihm liegt ein überholtes Verständnis von Arbeit zu Grunde. Konfuzius hat in einem seiner bekannten Zitate die wünschenswerte Haltung wunderbar auf den Punkt gebracht “Wenn du liebst, was du tust, wirst du nie wieder arbeiten”. Kurz gesagt: Work-Life-Balance gibt es nicht, sie ist ein Mythos.
Arbeit als Gegensatz zum Privatleben?
Der Begriff der Work-Life-Balance bringt zum Ausdruck: Da muss ein Ausgleich zwischen etwas anstrengendem und etwas schönem geschaffen werden, es gibt einen positiven und einen negativen Bereich im Leben. Arbeit ist aus dieser Perspektive der negative Gegenpol zu einem positiv besetzten Privatleben. Doch das ist schlicht und ergreifend falsch.
Das Problem beginnt bereits bei der Definition von Arbeit. Wozu zählen ehrenamtliches Engagement oder nebenberufliche Aufgaben? Ist das Arbeit oder Teil der Freizeit? Wozu zählt Bloggen zum Beispiel hier auf der Karrierebibel? Oder der Einsatz in einem Verein? Ist all das Arbeit oder gehört es bereits zum Ausgleich im privaten Bereich? Arbeit im eigentlichen Sinn kann es nicht sein, denn schließlich hat all das nichts mit dem Arbeitsplatz zu tun. Doch Freizeit kann es irgendwie auch nicht sein, denn solche Aktivitäten können in bestimmten Zeiten ebenfalls anstrengend werden.
Viel problematischer ist jedoch das überholte Verständnis von Arbeit. Sie kennen sicherlich auch Menschen die ihr Leben lang auf die Rente hingearbeitet und alles auf später verschoben haben. Diese Menschen müssen oft feststellen, dass der Ruhestand nicht das erträumte Paradies ist und sie eben nicht all das umsetzen können, was sie so lange vor sich hergeschoben haben. Außerdem wird sich das Renteneintrittsalter in den kommenden Jahren garantiert erhöhen. Der von manchen angestrebte Ruhestand rückt so in weite Ferne. Doch schlimm ist das nur dann, wenn Sie Arbeit als Belastung empfinden. Und das ist die falsche Herangehensweise, denn Arbeit kann Erfüllung sein, mit Leidenschaft ausgefüllt werden und Zufriedenheit bringen. Wie sonst kann es sein, dass Arbeitslosigkeit massive negative Effekte auf die Gesundheit von Menschen hat? Wenn Arbeit wirklich so schlecht wäre, müssten diese Menschen doch vor Gesundheit nur so strotzen, oder?
Begreifen wir Arbeit als Luxus
Einen Job zu haben, der Freude und Erfüllung bietet, ist Luxus. Mit Luxus ist jedoch nicht gemeint, dass dies nur wenigen Menschen möglich ist. Im Gegenteil, ich kenne viele Menschen die in – auf den ersten Blick – eintönigen Berufen arbeiten und damit absolut zufrieden sind. Sie ziehen Befriedigung und Freude aus der Tatsache, dass sie Ihre Aufgabe besser als jeder andere im Betrieb erfüllen und jeden Trick und Kniff Ihres Arbeitsplatzes im Schlaf beherrschen. Sie sind stolz auf das Produkt, dass am Ende Ihrer Arbeit steht. Das ist in jedem Job möglich, unabhängig von Position und Aufgabe.
Wenn Sie Freude und Zufriedenheit durch Ihre Arbeit erleben, brauchen Sie keine Work-Life-Balance. Verstehen Sie mich nicht falsch, natürlich braucht es ein Gleichgewicht zwischen Belastung und Erholung. Ohne dieses Gleichgewicht werden Sie auch in Ihrem absoluten Traumjob irgendwann in die Überlastung – und vielleicht den Burnout – kommen, keine Frage. Doch dieses Gleichgewicht ist nie statisch sondern immer im Fluss. Mal nimmt das Ehrenamt, mal die Familie und mal der Beruf mehr Zeit in Anspruch. Das ist jedoch kein Problem, so lange Sie in Ihren anderen Lebensbereichen für Ausgleich sorgen. Das lässt sich am besten mit dem Begriff der Life-Balance beschreiben, denn es geht um ein ausgeglichenes und erfülltes Leben.
Und hier kommt wieder Konfuzius ins Spiel “Wenn du liebst, was du tust, wirst du nie wieder arbeiten”. Denn dann ist Ihr Job Teil eines erfüllten Lebens. Bleibt nur eine Frage: Lieben Sie, was Sie tun?
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Simone Happel
Dieser Artikel spricht mir geradezu aus dem Herzen :)
Wenn wir den Montag genau so sehr mögen, wie den Freitag, dann lieben wir, was wir tun.
LG Simone
Hans
Passend dazu erinnere ich mich an einen Spruch von Jim Goodnight (ja, er heißt wirklich so) – Gründer und Chef der Softwareschmiede SAS Institute. Hier ein Auszug aus der Wirtschaftswoche:
>> „Meine Mitarbeiter sind mein wichtiges Gut“, sagt Goodnight. „Ich muss dafür sorgen, dass sie, wenn sie abends unseren Campus verlassen, am nächsten Morgen auch wiederkommen wollen.“
Was wie das typische Marketinggeschwätz eines zweitklassigen Personalmanagers anmutet, ist hier tatsächlich gelebte Kultur. Die sei „einzigartig, nicht nur in Nordamerika“, lobt etwa der prominente amerikanische Personalberater John Challenger von Challenger, Gray & Christmas aus Chicago das Konzept. <<
Sicher einer der Gründe, warum SAS Institute als bester Arbeitgeber in Nordamerika zählt: Die sogenannte Arbeit einfach ins Leben der Mitarbeiter integrieren und nicht neben dem Privatleben positionieren.
Kennt jemand ähnliche Arbeitgeber in Deutschland?
-Hans Steup, Berlin
Torsten
Ein sehr guter Artikel. Wunderbar. Und regt auch zum nachdenken an.
Peter
Ich stimme im Grunde zu. Die Grenzen können fließend sein und Menschen die aus Leidenschaft einer Tätigkeit nachgehen, werden diese kaum als “Arbeit” empfinden, die unbedingt einen Ausgleich in Form von “Freizeit” braucht.
Ich bitte aber zu bedenken, dass es Berufe/Firmen/Tätigkeitsbereiche gibt, in denen das etwas anders funktioniert und die Mitarbeiter nicht unbedingt eine Wahl haben.
Ein Beispiel: Als Jugendlicher habe ich mir mit Nebenjobs etwas dazu verdient. Dabei bin ich auch in einer Obst/Gemüse Firma gelandet und habe dort täglich 9 Std. faule Zwiebeln vom Band aussortiert. Es war für mich die Hölle, doch es war das einzige was ich eine Zeit lang gefunden habe und gar nicht zu arbeiten war keine Alternative.
Mit anderen Worten: Für intelektuelle Berufe mag Ihr Beitrag zutreffen. Wer aber keine supertolle Ausbildung hat, nicht studiert hat und sich unter Tage oder an einem Produktionsband abschuften muss, der lebt in einer ganz anderen Welt.
Für solche Menschen hat Work-Life Balance sicherlich eine ganz andere und vor allem konkretere Bedeutung als für “uns”, insbesondere dann, wenn sie in Schichten arbeiten und ständig viele Überstunden machen müssen, damit es dem produzierenden Unternehmen “gut geht”.
“Work-Life Balance” hängt daher in meinen Augen wesentlich von der Perspektive ab und daher kann ich pauschalen Aussagen wie “Das ist in jedem Job möglich, unabhängig von Position und Aufgabe.” nicht zustimmen.
Christian Mueller
Hallo Herr Glowka,
Ihren Einwand kann ich verstehen, stimme Ihnen jedoch nicht zu. Ich war zweieinhalb Jahre lang als Referent in der Erwachsenenbildung tätig und habe in dieser Zeit auch viele Menschen kennengelernt, die auf Grund geringer oder keiner Qualifikation stupide und wenig anspruchsvolle Jobs annehmen mussten. Dennoch konnten viele für sich etwas aus ihrem Job ziehen. In persönlich bin durchaus der Meinung, dass dies unabhängig von Aufgabe oder Status möglich ist.
Die Voraussetzung dafür ist jedoch, dass der jeweilige Job auch zur Person passt. Das Aussortieren fauler Zwiebeln aus Ihrem Beispiel war für Sie sicherlich unpassend aber notwendig. Andere hätten damit vielleicht kein Problem gehabt, das ist Typ-Sache. Sicher ist es in Berufen mit eher intellektuellen Arbeiten einfacher, doch unmöglich ist es auch in anderen Berufen definitiv nicht. Die Frage ist nur, was zur jeweiligen Person passt.
Gruß,
Christian Müller
Stephan Stockhausen
Wie wäre es stattdessen mit dem Begriff Lebensbalance. Wir haben hierzu auch ein Sinnbild in Form eines Mobiles geschaffen: die 8 Fs. Zufriedenheit kann eben erst entstehen, wenn der Mensch sich in seiner Ganzheit versteht und entsprechend lebt.
Ich stimme zu: da ist der Begriff Work-Life-Balance tatsächlich völlig irreführend – und doch passt er für viele…
Georg
“Work” ist eine Teilmenge von “Life”. Eine Balance ist also vorstellbar wenn beides 0 ist…
Uwe Hauck
Dem stimme ich zu. Deshalb spreche ich in meinen Vorträgen zur Zukunft der Arbeit schon lange nicht mehr von Work-Life-Balance. Ich verwende den Begriff “Work-Life-Integration”. Ich wünsche mir, dass ich selbstbestimmt zwischen Arbeit und Privat wechseln kann, je nach Bedarf und das dieses Denken in Präsenz und abzuarbeitenden Stunden endlich verschwindet.
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