beruflicher durchbruch
Es dauert und dauert. Endlos. Dabei macht man doch und tut und macht und tut, doch im Job herrscht Stagnation. Ein Durchbruch? Weit und breit nicht in Sicht. Eine Untersuchung aus Budapest macht nun allen Mut, die den Glauben an sich aufgegeben haben. Der berufliche Durchbruch ist keine Frage des Alters. Das gilt nicht nur für die untersuchten Physiker...

Beruflicher Durchbruch: Wann kommt er?

John B. Fenn war Chemiker in Princeton und Yale, hoch angesehen. Ende der Achtzigerjahre, da war er schon 70, geriet er mit der Hochschule in einen unappetitlichen Rechtsstreit - der unschöne Abgang einer Koryphäe.

Nach seiner Emeritierung forschte Fenn weiter und sollte belohnt werden. Für die Entwicklung von Methoden zur Identifikation und Strukturanalyse von biologischen Makromolekülen nahm er die höchste wissenschaftliche Auszeichnung überhaupt entgegen. 2010 starb er als Nobelpreisträger.

Für Frank A. Wilczek dagegen kam der Ruhm deutlich schneller. 1973, da war er noch Doktorand in Princeton, untersuchte Wilczek die Wechselwirkung zwischen Quarks und entdeckte dabei die asymptotische Freiheit, einen Effekt der Quantenchromodynamik. Eine Glanzleistung!

Zwar musste Wilczek noch drei Jahrzehnte warten, bis er 2004 den Nobelpreis in Physik in Empfang nehmen durfte. Aber: Seine allererste wissenschaftliche Arbeit war zugleich seine beste. Man könnte sagen, schon mit seinem Einstand hatte er sich unsterblich gemacht.

Die beiden Physiker sind gewissermaßen Extrembeispiele. Der eine feierte seinen großen Durchbruch früh, der andere sehr spät.

Diese Frage stellt sich für Wissenschaftler oder Künstler, in einem engeren Zeitrahmen auch für Sportler - und unter anderen Vorzeichen für jeden Angestellten, Freiberufler und Unternehmer: Gibt es eine Altersgrenze, bis zu der ich meinen Durchbruch haben muss?

Zeitpunkt des Durchbruchs: Offen

Folgt man Einstein, dann gibt es sie. "Jemand, der seinen großen Beitrag zur Wissenschaft bis 30 noch nichts geleistet hat, wird es niemals tun", lautet ein berühmtes Zitat von ihm.

Einsteins Sinnspruch wird aber von einer Studie widerlegt, die im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlicht wurde. Ein Team um Roberta Sinatra von der Central European University in Budapest analysierte die Lebensläufe von exakt 2.856 Physikern, deren Karrieren mindestens 20 Jahre dauerten und so genannte Impact Papers umfassten - also wissenschaftliche Veröffentlichungen von Tragweite.

Dafür gingen sie bis ins Jahr 1893 zurück.

Die wichtigste Veröffentlichung eines Wissenschaftlers, so ihr Befund, könne im Prinzip jederzeit passieren. "Es könnte die erste Publikation sein, sie könnte in der Mitte der Karriere erscheinen oder es könnte die letzte sein", schreiben die Wissenschaftler.

Das gelte für Wissenschaftler verschiedener Disziplinen, mit unterschiedlich langen Laufbahnen, in verschiedenen Dekaden und sei auch unabhängig davon, ob man solo oder im Team geforscht habe.

Die Antwort lautet also: Nein, es kommt nicht auf das Alter an. Wann ein Physiker seinen Durchbruch hat (wenn überhaupt), lässt sich unmöglich vorhersagen.

Beruflicher Durchbruch: Für diese 5 kam er spät

  1. Stan Lee: 39 Jahre

    Fantastic Four, Spiderman, Hulk, Iron Man, Thor, X-Man - Stan Lee ist der Mann hinter den Comics. 1961 erschienen die Fantastischen Vier erstmals - die Superheldenfamilie, die er zusammen mit Kompagnon Jack Kirby zeichnet, bedeutete den persönlichen Durchbruch für den Comic-Zeichner. Das war kurz vor Lees 39. Geburtstag. Heute gilt der mittlerweile 94-Jährige als das Genie hinter dem Marvel-Universum.

  2. Samuel L. Jackson: 45 Jahre

    Jeder kennt das Gesicht von Samuel L. Jackson - und seine Filme: Pulp Fiction, Shaft, Stirb langsam 2, Jackie Brown, Django Unchained. Das war nicht immer so. Im Spike Lee-Streifen Do the right thing hatte er 1989 seinen ersten größeren Auftritt - da war Jackson immerhin schon 40 Jahre alt. Mit Filmen wie Jungle Fever und Die Stunde der Patrioten machte er sich fortan einen Namen in Hollywood. Sein großer Durchbruch kam 1994 im Tarantino-Kultfilm Pulp Fiction - im reifen Alter von 45 Jahren.

  3. Jack Weil: 45 Jahre

    Mit Western-Hüten und Cowboy-Stiefeln machte Jack Weil ein Vermögen. Dabei war der US-Amerikaner schon 45 Jahre alt, als er das Western-Label Rockmount Ranch Wear gründete. Für Weil begann damit aber erst die Aufwärmphase. Noch mit 106 Jahren (!) ging er täglich ins Büro, verdiente sich den inoffiziellen Titel des ältesten CEOs der Vereinigten Staaten. 2008 starb Weil im Alter von 107 Jahren.

  4. Christoph Waltz: 52 Jahre

    Alles begann 2009 mit Inglorious Bastards. Waltz spielte SS-Mann Hans Landa so überzeugend, dass er prompt einen Oscar als bester Nebendarsteller erhielt. Der damals 52-Jährige stieg so zum internationalen Superstar auf, war fortan dauerpräsent im (Blockbuster-)Kino: Green Hornet, Wasser für die Elefanten, Gott des Gemetzels, Django Unchained. Vorher sagte der Name Waltz - außerhalb der deutschsprachigen Filmszene - niemandem etwas.

  5. Harland „Colonel“ Sanders: 62 Jahre

    Ganz so ikonisch wie das McDonald’s-M ist sein stilisiertes Konterfei zwar nicht. Kennen aber dürften auch in Deutschland die meisten das Gesicht von Harland Sanders, dem Gründer der Hähnchen-Kette Kentucky Fried Chicken. Dabei fing alles gar nicht gut an für ihn: Sanders wurde dutzendfach gefeuert, soll zeitweise auf dem Rücksitzs seines Cadillacs geschlafen haben. Als Anwalt ging er im Gerichtssaal einmal auf einen Mandanten los. Als er seine weltumspannende Chicken-Franchise 1952 startete, hatte der Colonel schon 62 Jahre auf dem Buckel.

Mathematiker früher, Historiker später

Richtig ist demnach: Je produktiver ein Physiker sei und je mehr Veröffentlichungen er habe, desto größer die Wahrscheinlichkeit, einen Hit zu landen. Und auch andere Faktoren spielen eine Rolle. So entwickelten die Forscher eine Variable Q, die anzeige, wie hoch die Wahrscheinlichkeit eines Durchbruchs sei. In die Variable Q fließen unter anderem Faktoren ein wie...

  • Fähigkeit, gut mit anderen zusammenzuarbeiten
  • Klar und verständlich zu schreiben
  • Aus einem Experiment die richtigen Schlüsse zu ziehen

In einem Interview mit der Washington Post sagte Bildungsforscher Howard Gardner, dass insbesondere Künstler, Mathematiker und Schriftsteller ihre kreativen Durchbrüche oft sehr früh im Leben hätten. In Bereichen also, in denen man keine lange Vorlaufzeit benötigt, gewissermaßen mit einem einzigen Geniestreich zu Ruhm kommen kann.

In anderen Disziplinen verhalte es sich genau umgekehrt. So müsse man in Fächern wie Jura, Psychologie, Geschichte oder Philosophie erst über die Jahre ein profundes Wissen aufbauen, viel lernen, lesen, forschen. "Man braucht eine längere Vorlaufzeit, und darum werden Sie Ihre beste Arbeit wahrscheinlich erst in späteren Jahren haben", so Gartner zur Post.

Beruflicher Durchbruch: Zeitleiste verschoben

Die Ergebnisse aus Budapest decken sich auch mit einer früheren Arbeit der Ohio State University. Bruce Weinberg und sein Team hatten sich dafür 525 Nobelpreisträger in Physik, Chemie und Medizin von 1901 bis 2008 angeschaut.

Bis 1905 waren frühzeitige Heldentaten tatsächlich der Normalfall - in allen Disziplinen. Zwei Drittel der Nobelpreisträger hatten damals ihre preiswürdige Arbeit bis zum Alter von 40 Jahren verfasst, 20 Prozent sogar schon bis zur 30er-Marke.

Was früher die Regel war, ist heute eindeutig eine Ausnahme. Im Jahr 2000 gab es kaum noch einen 30-Jährigen, der seine große wissenschaftliche Errungenschaft schon vollbracht hatte. Die Prime Time eines Physikers liegt heute vielmehr bei 48 Jahren (was auch mit der längeren Ausbildungszeit zu tun haben könnte).

Moderne Maler haben sogar schon zwei Drittel ihres Lebensweges hinter sich, wenn sie ihr wertvollstes Gemälde zeichnen. Das ergab eine Auswertung von 2013.

Nun sind Wissenschaftler und Künstler ganz spezielle Gattungen, aber die Zahlen zeigen doch recht klar: Kreativität und Innovationskraft sind keine Frage des Alters. Mit der nötigen Ausdauer kommt der Durchbruch früher - oder eben - sehr viel später.

Männer: Doch lieber früher?

Beruflicher Durchbruch Alter MännerBeruflicher Erfolg - nicht zwingend eine Frage des Alters. Andererseits: Warten Sie vielleicht doch lieber nicht zu lange damit! Laut Psychologin Caroline Brett von der Universität Edinburgh sind speziell Männer, die ihre frühen Karriereziele nicht erreichen, in ihrem späteren Leben unzufriedener.

Dafür hatte Brett 2015 insgesamt 174 Über-77-Jährige, 82 Männer und 92 Frauen, befragt. Die Männer nun, die im Alter zwischen 15 und 27 Jahren viele verschiedene Jobs ausübten (was die Autorin angesichts der Erwerbsbiographien in den 50ern als berufliche Instabilität interpretierte), waren in hohem Alter weniger zufrieden mit sich. "Bei Männern scheinen instabile Berufseinstiege oder verfehlte Karriereziele oder soziale Mobilität dazu zu führen, dass sie später eine negative Grundeinstellung zum Leben entwickeln und das Gefühl haben, dass das Leben im Alter keinen Sinn macht."

Allerdings war die Zahl der Befragten sehr klein, zudem könnten die Zusammenhänge ganz andere sein. Und was wir ja außerdem gelernt haben: Der Durchbruch kann ja selbst in hohem Alter noch kommen ...

Das beweist auch diese schöne Infografik der US-Designer Funders and Founders um Anna Vital ...

[Bildnachweis: Glayan by Shutterstock.com, Funders and Founders]