Social Freezing: Erst Karriere, dann das Kind?

Sie möchten grundsätzlich Kinder, wissen aber nicht, wie Sie gerade Beruf und Karriere in Einklang bringen sollen? Oder Ihnen fehlt der geeignete Partner? Kein Problem – verschieben Sie den Kinderwunsch doch einfach um ein paar Jahre. Der US-Trend Social Freezing hilft dabei. Irgendwie…

Social Freezing: Erst Karriere, dann das Kind?

Social Freezing: Statistik und Gründe

Was etwas holprig als Social Freezing daherkommt (wörtlich: Soziales Einfrieren), ist eine Methode, weibliche Eizellen zu entnehmen und zu konservieren. Das kann dann interessant werden, wenn der Kinderwunsch zwar vorhanden ist, aber im Moment nicht realisiert werden kann. Schließlich nimmt die Fruchtbarkeit von Frauen ab dem Alter von 30 Jahren rapide ab.

Blöderweise ist das genau das Alter, in dem viele Frauen noch mitten in der Karriereplanung stecken. Gerade Akademikerinnen werden immer später Mütter. Der Wunsch nach Kindern ist bei vielen Frauen aber ungebrochen. Neu hinzugekommen ist der Wunsch nach gleichzeitiger beruflicher Verwirklichung.

Typische Gründe für das Social Freezing sind:

  • Oft ist es der fehlende Partner: Eine höhere Lebenserwartung, aber auch geänderte Lebensmodelle führen dazu, dass viele Menschen sich erst später fest binden.
  • Nach wie vor sind fehlende Betreuungsangebote ein Problem: Präsenszeiten bei der Arbeit, Konferenzen und Meetings bis in den Abend hinein können weder von Kitas noch Ganztagsschulen komplett abgedeckt werden.
  • Trennt sich eine Frau in der Schwangerschaft vom Partner, bedeutet das zwangsläufig finanzielle Einbußen. Aber auch bei prekären Beschäftigungsverhältnissen oder wenn sie sich in der Gründungsphase eines Start-ups befinden mangelt es oft schlicht an finanzieller Sicherheit.
  • Ein Kind zu bekommen, bedeutet immer noch einen Karriereknick. Immer mehr Frauen studieren heutzutage und möchten die Früchte ihrer Arbeit und ihrer Investition in Bildung auch genießen können. Daher wird ein Kinderwunsch immer häufiger hinten angestellt.
  • In einer Welt, in der immer mehr getimt und optimiert werden kann, liegt der Perfektionismus auch bei der Mutterrolle nahe: Frau will das Beste für ihr Kind – dazu gehört auch, eben die bestmögliche Mutter zu sein.

Es gibt allerdings noch kaum belastbare Zahlen dazu, aber Reproduktionsmediziner gehen davon aus, dass allein in Deutschland bis zu 500 Frauen pro Jahr ihre Eizellen einfrieren lassen. Schätzungen zufolge liegt das Interesse noch höher: Kinderwunschexperten berichten von jährlich etwa 1000 Frauen, die sich darüber informieren.

Social Freezing: So funktioniert es

Extra-Tipp-IconBeim Social Freezing werden Eizellen mit der Vitrifikation innerhalb eines Sekundenbruchteils bei minus 196 Grad schockgefrostet und können so für viele Jahre in einen Tiefschlaf gelegt werden. Der Begriff und die Methode leiten sich ursprünglich von Medical Freezing ab. Dieses medizinische Einfrieren war eigens dafür entwickelt worden, Krebspatientinnen eine Schwangerschaft nach der Chemotherapie zu ermöglichen. Chemotherapien sind sehr aggressiv und greifen die Eierstöcke an.

Die im Reagenzglas befruchtete Eizelle wird zum gewünschten Zeitpunkt in die Gebärmutter der Frau gepflanzt. Hierbei werden nicht mehr als zwei bis drei Embryonen genommen, um das Risiko von Mehrlingsgeburten zu reduzieren. Denn die würden eine Gefahr sowohl für die werdende Mutter als auch die anderen Kinder bedeuten.

Mithilfe dieser in den Achtzigerjahren entwickelten Methode kann die Fruchtbarkeit einer Frau wiederhergestellt werden. Mittlerweile hat eine ganze Reproduktionsindustrie das Potenzial erkannt und durch neue Verfahrenstechniken haben sich völlig neue Möglichkeiten der Familienplanung eröffnet.

Social Freezing: Kosten und Förderung

Die Kosten für Social Freezing sind nicht zu unterschätzen.

Da wäre zum einen die hormonelle Vorbereitung des Körpers auf die später folgende Eizellenentnahme. Die Angaben dafür schwanken. Aber rund 1.500 Euro sollten für Medikamente zur Stimulation der Eizellreifung einkalkuliert werden. Das Gesamtpaket – Entnahme und Konservierung von Eizellen – gibt es für rund 2.500 Euro. Allerdings kommen dann noch ungefähr 300 Euro pro Jahr für die Lagerung dazu. Insgesamt also ein teurer Plan.

Förderung von Social Freezing

Extra-Tipp-IconAmerikanische Unternehmen wie Facebook, Google und Apple sind in den USA Vorreiter in diesem Bereich. Besonders lukrativ ist das Angebot, das Facebook seinen Mitarbeiterinnen unterbreitet: 4.000 Dollar bekommt dort jede Frau bei Geburt ihres Kindes.

Gleichzeitig finanzieren sie ihren weiblichen Angestellten einen aufgeschobenen Kinderwunsch mit immerhin 20.000 Dollar. Dazu muss man wissen, dass die durchschnittlichen Kosten für Social Freezing in den USA bei etwa 10.000 Dollar liegen – macht also einen Gewinn von 10.000 Dollar.

Das wirft die Frage auf, inwieweit solche Modelle in Zukunft die Gesellschaft verändern werden? Möglich wäre, dass finanzielle Anreize wie im genannten Fall dazu führen, dass Frauen ihre Kinder-Entscheidung aus finanziellen Gründen überdenken.

Hierzulande stoßen solche Methoden indes auf Kritik. Zu nahe liegt der Verdacht, dass auf dem Rücken der Frauen Firmen ihre Mitarbeiterinnen ausbeuten. Was aber, wenn eine Frau nicht aus purem Ehrgeiz die Karriereplanung vorantreibt? Was, wenn die privaten Umstände Kinder zum derzeitigen Moment nicht möglich machen? Das Thema und Dilemma bleibt ein höchst individuelles.

Erfahrungen: Berufliches Vorankommen nur ohne Kind?

Aber was heißt überhaupt Karriere? Nicht jede Frau, die ihren Kinderwunsch nach hinten schiebt, steht unmittelbar davor, Vorstandsmitglied eines börsennotierten Konzerns zu werden. Oft verbirgt sich hinter dem Begriff „Karriere“ die wesentlich nüchterne Tatsache, dass die eigenen Lebensumstände finanziell nicht gerade solide sind.

Ledige Frauen machen den Löwenanteil an Hartz-4-Empfängerinnen aus; ein Kind zu bekommen, geht für Frauen häufig auch mit einem Armutsrisiko einher.

Mit anderen Worten: Nicht nur die Beziehung, sondern auch die aktuelle berufliche Position sollte krisenfest sein. Im Idealfall ist nach der Schwangerschaft der Weg zurück zum Arbeitsplatz gewährleistet. Fällt ersteres weg, kann die eigene Stelle – sofern sie familientauglich ist – den ausgefallenen Vater kompensieren. Fällt jedoch beides weg, ist die Frau in der Zwickmühle.

Lassen sich Familie und Beruf nicht so leicht umsetzen, landet die Frau meistens in einer Teilzeitbeschäftigung. Und die Gewissheit, in den alten Job zurückkehren zu können, haben Frauen leider nicht – viel wahrscheinlicher ist eine etwas schlechtere Stelle im Anschluss.

Und wie beurteilen Arbeitgeber diese neue Möglichkeit?

Im Gegensatz zu den USA hat man in Deutschland bisher wenig positiv darauf reagiert. Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) hat in Interviews wissen lassen, dass man sich nicht in die Familienplanung seiner Angestellten einmischen werde.

Allerdings ist diese Aussage nicht ganz korrekt, denn allein wie hierzulande mit schwangeren Kolleginnen umgegangen wird, zeigt bereits eine gewisse Einflussnahme. Dass Fehlzeiten nicht genügend kompensiert werden können oder dass Betriebskindergärten immer noch viel zu selten sind, ist leider traurige Realität.

Befürworter des Social Freezings sehen daher weniger einen Druck seitens der Arbeitgeber auf ihre Arbeitnehmerinnen durch dieses Angebot. Sie bescheinigen amerikanischen IT-Konzernen wie Facebook und Apple vielmehr ein zukunftsorientiertes Handeln. Weibliche Fachkräfte sind in dieser Branche nach wie vor unterrepräsentiert. Social Freezing bietet somit auch eine Möglichkeit, das Know-how und die Diversität des Betriebs für eine gewisse Zeit zu gewährleisten.

Ist Social Freezing überhaupt sinnvoll?

Mediziner weisen immer wieder darauf hin, dass der natürliche Weg schwanger zu werden immer noch der beste sei. Verschiebt eine junge fruchtbare Frau ihren Kinderwunsch in ferne Zukunft, kann es sein, dass sie gar nicht schwanger wird.

Was unter normalen Umständen in jungen Jahren funktioniert hätte, wird nun aufs Spiel gesetzt für eine bessere Karriere, vielleicht auch stabilere Partnerschaft.

Kritiker sind der Meinung, dass die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf auch in späteren Jahren nicht ohne weiteres funktioniert. Es sei somit ein Vertagen des Problems, aber keine Lösung.

Eine weitere Schwierigkeit: Reproduktionskliniken suggerieren häufig, dass der späte Kinderwunsch kein Problem sei. Das stimmt allerdings so nicht.

Das Alter spielt eine Rolle. Sogar gleich zwei Mal.

Die größte Aussicht auf Erfolg im ersten Befruchtungszyklus haben Frauen, die jünger als 35 Jahre sind. Dort gelingt eine Schwangerschaft bei 40 von 100 Frauen. Nur noch 30 von 100 Frauen werden erfolgreich schwanger in einem Alter von 35 bis 39 Jahren. Ganz gering sind die Aussichten zwischen 40 und 44 Jahren: Hier sinkt die Zahl auf nur noch 15 von 100 Frauen ab.

Zum Zweiten bei der Entnahme der Eizellen. Fruchtbarkeit und Qualität der Eizellen nehmen mit steigendem Alter ab. Daher ist auch die Erfolgsquote bei einer späteren Befruchtung mit Eizellen, die in einem Alter ab 30 Jahren entnommen wurden entsprechend geringer.

Idealerweise läge also das Spendenalter für eine Entnahme von Eizellen bei etwa 25 Jahren. Doch welche Frau denkt in diesem Alter bereits über mögliche Konsequenzen von Lebensumständen in den 30ern nach?

Und noch viel entscheidender: Welche Frau verfügt in dem Alter bereits über die finanziellen Mittel? Denn billig sind weder die Entnahme noch die Lagerung der Eizellen.

Die Folge: Viele Frauen entscheiden sich zu spät für diese Methode und damit wird die Entnahme einer ausreichenden Menge an Eizellen schwieriger. Daneben bleibt das bekannte Risiko bei späten Schwangerschaften bestehen: Diabetes, Thrombose, Schwangerschaftsvergiftung und Bluthochdruck sind mögliche Gefahren.

Social Freezing: Pro und Contra

Gerne werden ethisch-moralische Argumente ins Feld geführt. Es wird darauf verwiesen, dass eine alte Mutter für das Kind nachteilig sein könnte. Tatsächlich sollen sich bereits einige Reproduktionskliniken verpflichtet haben, keine Patientinnen über 50 mehr zu behandeln.

Auch wenn Social Freezing nicht die vielgepriesene Natürlichkeit bedeutet: Generationen von Eltern und Medizinern haben sich beim Mann die Frage nach dem Alter nie gestellt. Was ist mit den seelischen Auswirkungen auf das Kind bei Vätern jenseits der 60? Die sind auch keine Seltenheit, siehe Jean Pütz oder Ulrich Wickert, um nur zwei namhafte späte Väter zu nennen.

Das Thema bietet also reichlich Stoff für Diskussionen. Wir haben daher die meistgenannten Pro- und Contra-Argumente einmal aufgelistet:

Pro

    Daumenhoch_t

  • Überall wird mehr Flexibilität erwartet. Viele Menschen sind bereit, sich den Umständen anzupassen, da kann Social Freezing eine Chance sein.
  • Für Frauen bedeutet diese Möglichkeit die Freiheit, sich nicht jetzt und sofort entscheiden zu müssen. Durch Social Freezing gewinnen sie zwischen zehn und 15 Jahren Zeit.
  • Es ist der Traum von Gleichberechtigung im biologischen Bereich. Endlich können Arbeitnehmerinnen sich ihrer Karriere widmen, ohne Angst vor Kinderlosigkeit haben zu müssen. Sie können wie Männer im gesetzten Alter und im Einklang mit ihren beruflichen Ambitionen den Nachwuchs planen.
  • Für Krebspatientinnen ist es eine Versicherung, nach ihrer Krankheit den Kinderwunsch noch zu realisieren.
  • Ein höheres Alter bedeutet nicht nur häufig eine bessere finanzielle Situation, sondern auch einen gefestigten Charakter: viele Frauen fühlen sich nun auch besser gewappnet, die Strapazen rund um die Kindererziehung auf sich nehmen zu können.

Contra

    Daumenrunter_t

  • Besonders Frauen sind einem ständigen Optimierungsdruck ausgesetzt: schön, schlank und jetzt auch noch fruchtbar nach Plan? Social Freezing wird so zum idealen Mittel der Ausbeutung.
  • Jeder Eingriff in den Körper birgt letztlich ein Risiko. Die medizinischen Vorbereitungen (Hormoneinnahme) und die Entnahme sind mit Nebenwirkungen verbunden.
  • Abhängig vom Alter bei der Eizellentnahme und dem Zustand der aufgetauten Eizellen sind die Erfolgsquoten sind nur bedingt gut: Oftmals werden Frauen erst nach mehrmaligen Versuchen schwanger.
  • Die Kosten trägt jede Frau allein, sie werden nicht von der Krankenkasse übernommen.

Jetzt sind Sie dran: Wie beurteilen Sie, liebe Leserinnen und Leser, dieses Verfahren?

Nur eine Bitte: Das Thema reizt zu Polemiken, Pauschalurteilen und Unterstellungen. Versuchen Sie daher möglichst sachlich zu bleiben und gestehen Sie auch anderen zu, die Dinge anders als Sie zu beurteilen oder für sich selbst zu entscheiden. Respektvoll austauschen lässt sich trotzdem…

[Bildnachweis: bikeriderlondon by Shutterstock.com]
5. Oktober 2016 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

Mehr von der Redaktion und aus dem Netz



Stellenanzeigen finden Sie auf www.karrieresprung.de.

Karrierefragen Hinweis Artikel Unten 1000px Fertig gelesen? Zurück zur Startseite!