In der Schwangerschaft die Fühler nach einem neuen Job ausstrecken - ist das realistisch oder dreist? Klar ist: Wer sich in anderen Umständen befindet, wird die Arbeitgeber nicht so anlocken wie das Licht die Motten. Aber man hat auch erhebliche Vorteile auf seiner Seite. Schwanger bewerben - ja oder nein?

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Bewerben in der Schwangerschaft: Legitim oder verwerflich?

Mitten in der Schwangerschaft Bewerbungen schreiben - das klingt intuitiv nach einem klaren No-Go. Ist es aber nicht. "Auch die Monate bis zur Geburt eines Kindes können ein wunderbarer Zeitpunkt für einen Jobwechsel sein“, schrieb Facebook-Managerin Sheryl Sandberg schon 2013 in ihrem Buch Lean in.

Sie selbst habe schon schwangere Frauen eingestellt. Immerhin betreten sie einen ganz neuen Lebensabschnitt - und der kann auch einen neuen Job beinhalten.

Ehrlicherweise sei gesagt: Wer sich schwanger bewirbt, darf nicht mit Jubelstürmen seitens der Unternehmen rechnen. Die Einstellungschancen sind gering. Es sei denn, Sie erwähnen Ihre Schwangerschaft erst gar nicht.

Schwanger bewerben - ja oder nein? Und wenn ja, die Schwangerschaft verschweigen oder mit offenen Karten spielen? Wir haben die wichtigsten Pros und Cons gegenübergestellt:

Pro: Darum sollten Sie sich in der Schwangerschaft bewerben

  • Geld

    Pro: Darum sollten Sie sich in der Schwangerschaft bewerbenVorteil Nummer eins: Ein neuer Job bringt Ihnen vermutlich ein höheres Gehalt - ganz einfach.

    Aber mehr noch: Auch Ihr Elterngeld können Sie - wenn Sie abgebrüht genug sind - kurzfristig noch erhöhen. Für die Berechnung des Elterngelds ist schließlich das Einkommen der zwölf Kalendermonate vor dem Monat der Geburt bzw. vor Monat des Beginns des Mutterschutzes ausschlaggebend. Wer schnell noch die Stelle wechselt, schraubt auch das Elterngeld nach oben.

    Und angenommen, Sie bewerben sich aus der Arbeitslosigkeit heraus und bekommen den Job. Auch dann haben Sie bei der Berechnung des Elterngelds klare Vorteile. Andernfalls hätten Sie nur das Minimum von 300 Euro monatlich bekommen.


  • Recht

    Das Recht ist auf Ihrer Seite. Dass Sie schwanger sind, müssen Sie weder in der Bewerbung schreiben noch im Vorstellungsgespräch sagen.

    Die Frage nach einer Schwangerschaft ist generell unzulässig. Wird sie trotzdem gestellt, haben Sie das Recht, die Unwahrheit zu sagen. Mit anderen Worten: Sie dürfen den Interviewer rotzfrech anlügen. Das dürfen Sie sogar, wenn Sie die ver­ein­bar­te Tätig­keit während der Schwan­ger­schaft we­gen ei­nes mut­ter­schutz­recht­li­chen Beschäfti­gungs­ver­bo­tes gar nicht ausüben können.

    Aber Achtung: Dies gilt, wenn Sie sich auf eine unbefristete Stelle bewerben. Nicht ganz so eindeutig ist die Rechtslage, wenn Sie sich auf eine befristete Stelle bewerben, die Tätigkeit aber wegen der Schwangerschaft niemals ausüben könnten.

    Und noch ein juristischer Bonus: Schwangere Frauen sind Sie sogar während der Probezeit unkündbar.

    Nur davor, dass ein befristeter Vertrag nach der Schwangerschaft einfach nicht verlängert wird, kann Sie all das leider nicht bewahren.


  • Fachkräftelücke

    Für Fachkräfte in Engpassberufen gilt ganz grundsätzlich: Sie verfügen über mehr Verhandlungsmasse.

    Beispiel: Sie sind Ärztin mit erstklassiger Ausbildung und interessieren sich für eine Stelle im ländlichen Raum. Womöglich war die Position jahrelang vakant, weil es schlicht keine geeigneten Bewerber gab. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie die Stelle - trotz Schwangerschaft - bekommen, ist sicher höher als in anderen Berufen, Branchen und Städten. In diesem Fall könnten Sie sogar darüber nachdenken, mit offenen Karten zu spielen und die Schwangerschaft im Vorstellungsgespräch proaktiv zu erwähnen.

    Denn: Clevere Arbeitgeber, die händeringend nach Mitarbeitern suchen und diese langfristig binden möchten, machen eine Schwangerschaft nicht zum Ausschlusskriterium. Sie wollen ja hinterher noch lange etwas von ihnen haben.

    In so einem Fall ratsam: Mit einem genauen Plan ins Vorstellungsgespräch gehen. Wie lange Sie voraussichtlich ausfallen, wann Sie wieder einsteigen wollen, wie die Kinderbetreuung organisiert wird usw. Wenn Sie all das gut und plausibel kommunizieren und die Vorteile für den Arbeitgeber herausarbeiten, könnte das Ihre Eintrittskarte in den Job sein.

    Also noch mal: Stark nachgefragte Fachkräfte mit Spezialwissen können von Arbeitgebern schon im Bewerbungsprozess mehr einfordern, Verständnis für eine aktuelle Schwangerschaft zum Beispiel. Das ist in Berufen mit hoher Konkurrenz sicher weitaus schwieriger, für Mitarbeiterinnen im Einzelhandel oder in der Gastronomie etwa.


  • Gelegenheit

    Für Frauen schließt sich das Fenster bekanntlich mit 40 bis 45 Jahren. Danach wird es schwer bis unmöglich, Kinder in die Welt zu setzen. Ein ganz ähnliches Window of Opportunity gibt es bisweilen auch während der Karriere.

    Szenario: Sie wollen unbedingt wieder in Ihre Heimat, eine ländliche Region in Nordhessen, übersiedeln und dort am liebsten bei einem international tätigen Unternehmen arbeiten. Die Auswahl an passgenauen Jobs aber ist arg begrenzt. Sie scannen die Stellenbörsen nach Angeboten ab, monatelang, jahrelang. Nichts, kein Erfolg, nirgends.

    Plötzlich aber gibt es gleich mehrere Vakanzen auf einmal. Nur sind Sie genau jetzt schwanger. Lassen Sie sich diese Chance entgehen?

    Vielleicht greifen Sie lieber zu und bewerben sich, denn so schnell kommt sie nicht wieder. Möglich auch, dass Ihr neuer Chef Ihre Argumentation wird nachvollziehen können - und Sie den Job hinterher trotzdem halten (wenn Sie Ihre Schwangerschaft in der Bewerbung verschwiegen haben).


  • Risiko

    Das Horror-Szenario: Fehlgeburt. Speziell in den ersten Wochen und Monaten einer Schwangerschaft ist das Risiko erhöht. Laut Uni-Klinik Bonn enden rund 15 Prozent aller klinischen Schwangerschaften als Fehlgeburt.

    Ganz nüchtern betrachtet sollten Sie diese Möglichkeit - wenngleich schwer erträglich - mit einkalkulieren. Getreu dem amerikanischen Sprichwort: Hope for the best, but prepare for the worst.

    Übrigens ist das auch ein Grund, warum Sie Ihrem Arbeitgeber im bestehenden Job nicht zu früh von Ihrer Schwangerschaft berichten sollten.

    Allerdings tut sich auch an dieser Front etwas: Der Gesetzgeber hat den Kündigungsschutz für Frauen nach einer Fehlgeburt nach der zwölften Schwangerschaftswoche eingeführt. Die Änderungen im Mutterschutzgesetz sind zum 30. Mai 2017 in Kraft getreten.


  • Familienfreundlichkeit

    Familienfreundlichkeit ist ein Buzzword in deutschen Unternehmen. Kita-Zuschuss, Gleitzeit, Home Office - alles gut, alles richtig. Aber oft sind es eben nicht mehr als Lippenbekenntnisse. Heute noch das Familien-Siegel auf die Homepage gepinnt, morgen schon die frischgebackene Mutter zur Tür hinauskomplimentiert.

    Haben Sie auch so einen Arbeitgeber? Dann spricht nichts dagegen, schon während der Schwangerschaft die Fühler auszustrecken - nach einem Unternehmen, das es damit ernst meint.

    Und: Nageln Sie die Arbeitgeber im Vorstellungsgespräch gerne mal fest. Wie familienfreundlich sind Sie wirklich? Beispielsweise gibt es da ja eine Reihe von Firmen, die sich mit Siegeln wie dem der Bertelsmann Stiftung schmücken.

    Bewerben Sie sich doch als Erstes bei denen und machen die Probe aufs Exempel. Über Erfahrungsberichte freuen wir uns!


Contra: Darum sollten Sie sich in der Schwangerschaft nicht bewerben

  • Vertrauen

    Contra: Darum sollten Sie sich in der Schwangerschaft nicht bewerbenKlarer Fall: Wer sich schwanger bewirbt, ohne von den anderen Umständen zu berichten, riskiert von vornherein ein angespanntes Verhältnis zum künftigen Chef. Und das ist noch freundlich formuliert.

    In vielen Fällen ist das Vertrauensverhältnis komplett zerstört, bevor überhaupt eines aufgebaut werden konnte. Was ja auch nicht ganz unverständlich ist. Der Arbeitgeber rechnet mit einer neuen Kraft, gibt Ihnen eine Chance, plant Sie voll ein - und darf zur Belohnung erst einmal Mutterschutzkosten übernehmen und eine Vertretung organisieren.

    Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie den Job langfristig nicht halten können oder degradiert werden, ist daher immens. Vor allem dann, wenn Sie nur einen befristeten Vertrag haben. Der läuft dann häufig einfach aus.

    Auch ein gutes Arbeitszeugnis könnte selbstredend außer Reichweite geraten. Minuspunkte auch für Ihren Lebenslauf.


  • Firmengröße

    Auf Ihren Arbeitgeber kommen nicht unerhebliche Kosten zu, wenn Sie ihn beschwindeln. Er muss das Gehalt während des Mutterschutzes (teilweise) übernehmen, eine Vertretung rekrutieren und einarbeiten. Das bedeutet Produktivitätsverluste.

    Es soll schon Betriebe und Agenturen gegeben haben, die unter der Kostenlast zerbrochen und insolvent gegangen sind. Vor allem, wenn es sich um kleine Firmen mit einer Handvoll Mitarbeiter handelt.

    Faustregel: Große Unternehmen können Ausfälle leichter verkraften als kleinere. Daher der Tipp: Bewerben Sie sich nicht während der Schwangerschaft bei Kleinstunternehmen mit wenigen Mitarbeitern, die auf Ihre Arbeitskraft angewiesen sind. Das wäre in der Tat unfair.


  • Tätigkeit

    Während des Mutterschutzes besteht für Frauen Beschäftigungsverbot. Ansonsten dürfen Sie während der Schwangerschaft arbeiten. Nur nicht in Berufen, in denen Sie schwere körperliche Arbeiten und Aufgaben übernehmen müssen. Das besagt das Mutterschutzgesetz.

    Auch dürfen Sie in der Schwangerschaft keine Arbeiten ausführen, bei denen sie gesundheitsgefährdenden Stoffen, Strahlen, Kälte, Nässe, Hitze, Lärm oder Erschütterungen ausgesetzt sind. Nacht-, Sonn- und Feiertags- oder Mehrarbeit ist ebenfalls verboten.

    Wer einer entsprechend riskanten Tätigkeit nachgeht, sollte eine Bewerbung daher extrem sorgfältig durchdenken.


  • Gewissen

    Das eigene Gewissen kann quälen. Wenn Sie schlicht nicht lügen und auch nicht als Lügnerin dastehen wollen, dann bedeutet das: Bewerben Sie sich nicht in der Schwangerschaft.

    Es sei denn natürlich, Sie schenken reinen Wein ein und erwähnen die Schwangerschaft im Bewerbungsprozess. Das sollten Sie aber nur in ausgewählten Szenarien tun (siehe oben), sonst lohnt die Mühe nicht.

    Übrigens: Es gibt natürlich auch das Szenario, dass man sich schwanger bewirbt - ohne von der Schwangerschaft zu wissen. Rechtlich ändert sich dadurch überhaupt nichts für Sie. Der Kündigungsschutz etwa bleibt bestehen.


Diese Alternativen gibt es für Schwangere

Diese Alternativen gibt es für Schwangere"Schwanger auf eine neue Stelle bewerben? Lieber nicht! Aber ganz untätig will ich - so lange ich fit bin - dann doch nicht bleiben. Was tun?" Hier wären drei Vorschläge:

  • Freelancing: Während der Schwangerschaft freiberuflich arbeiten. Das bietet sich zum Beispiel für Grafik-Designer, Texter oder Entwickler an. Vorteil: Kein Arbeitgeber muss sich fest an Sie binden. Zoff-Gefahr: Gebannt. Außerdem können sie experimentieren, netzwerken und sich Ihre Zeit frei einteilen.
  • Weiterbildung: Excel-Kurs, TOEFL-Test oder SAP-Zertifikat - es gibt viele Möglichkeiten, um das eigene Resume quasi nebenbei aufzupolieren. Fortbildung in die Schwangerschaft verlegen - das könnte eine gute Idee sein. Vor allem dann, wenn es sich um Online-Kurse ohne Präsenzpflicht und mühevolle Anfahrten handelt.
  • Passive Jobsuche: Nutzen Sie die ersten Wochen und Monate der Schwangerschaft, um Ihre Business-Profile im Netz auf Vordermann zu bringen. Vielleicht ruft Sie ein Headhunter an, mit dem Sie Ihre Optionen unverbindlich besprechen können. Oder ein Arbeitgeber wird auf Sie aufmerksam, der Ihnen als werdender Mama ein Angebot unterbreitet. Die passive Suche nach einem Job ist die bequemste - erst recht während der Schwangerschaft.

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