Arbeitgeber hinhalten? Bedenkzeit für Jobangebote

Jeder tut es: Arbeitgeber, Bewerber, selbst Menschen auf Partnersuche: andere hinhalten. Wer nicht gleich das erstbeste Angebot annehmen will, versucht eben etwas Zeit zu schinden.

Bei der Bewerbung kann das mitunter die Erfolgschancen steigern. Immerhin werden bei der Jobsuche zahlreiche Bewerbungen verschickt. Manchmal kommt es besser als erwartet und es folgen gleich mehrere Einladungen zum Vorstellungsgespräch. Gut, wenn man Zeit gewinnt, um besser auswählen zu können…

Aber können Sie einfach so Arbeitgeber hinhalten? Erst recht, wenn eine „baldige“ Antwort von Ihnen erwartet. Zugegen, einen Arbeitgeber hinhalten zu müssen, ist ein Luxusproblem. Eine Lösung finden, müssen Sie dennoch. Wir zeigen Ihnen, welche Optionen Sie haben und was Sie tun können, wenn Sie einen Arbeitgeber hinhalten wollen…

Arbeitgeber hinhalten? Bedenkzeit für Jobangebote

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Arbeitgeber hinhalten: Warum ist es notwendig?

Die Bewerbung war erfolgreich. Der Arbeitgeber will Sie einstellen. Sie haben eine Zusage. Klasse!

Im Normalfall ist damit das Ziel Ihrer Jobsuche erreicht. Sie können einen neuen Arbeitsvertrag unterschreiben und zeitnah in den Job starten.

Allerdings kann es eine Ausnahme geben: Sie bekommen eine Zusage, haben aber noch weitere Termine zu Vorstellungsgesprächen oder warten auf die Antwort des absoluten Wunsch-Arbeitgebers.

Idealerweise können Sie am Ende aus mehreren Jobangeboten wählen und jene Stelle annehmen, die für Sie am besten passt und die meisten Vorteile bietet.

Das Problem: Das Unternehmen, das Ihnen bereits zugesagt hat, wartet auf Ihre Antwort – also auf Ihre Zu- oder Absage. Verständlich, dass Sie den Arbeitgeber hinhalten wollen, um alle Möglichkeiten auszuschöpfen.

Allerdings ist das gar nicht so leicht. Wer einen Arbeitgeber hinhalten will und diesen zu lange zappeln lässt, riskiert, dass die Jobzusage zurückgezogen wird. Worst Case Szenario: Am Ende stehen Sie ganz ohne Job da, weil die erste Zusage wieder weg ist und die zweite gar nicht kommt.

Ist es also unmöglich, einen Arbeitgeber hinzuhalten?

Nein! Sie haben durchaus Optionen, um ein wenig mehr Zeit herauszuholen. Die Betonung dabei liegt jedoch auf: „ein wenig“. Beim Zeit schinden, sind ein paar Spielregeln zu beachten…

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Arbeitgeber hinhalten: Diese 4 Optionen haben Sie

Wer in einer solchen Situation steckt, hat grundsätzlich vier Handlungsalternativen:

  • Zusagen

    Sie sagen der Personalabteilung zu, schinden vielleicht noch etwas Zeit mit dem Unterschreiben des Arbeitsvertrags und falls das nicht reicht, kündigen Sie im Zweifel wieder noch bevor Sie die Stelle antreten. Bevor Sie den schriftlichen Vertrag unterschrieben haben, können Sie eine mündliche Zusage jederzeit widerrufen. Bis alle Unterlagen fertig sind, kann die ein oder andere Woche vergehen, in der Sie den Arbeitgeber hinhalten.

    Sogar in der Probezeit gibt es eine beiderseitige zweiwöchige Kündigungsfrist – ohne Angabe von Gründen. Wer den Arbeitgeber besonders lange hinhalten möchte, kann in der Probezeit kurzfristig kündigen und einen anderen Job antreten. Das ist zwar unfair und unehrlich, aber eine Option.

    ➠ Risiko:
    Ihr Ruf ist danach dauerhaft beschädigt. Hier brauchen Sie sich nie wieder vorstellen. Die Taktik ist gerade dann riskant, wenn die Branche, in der Sie sich bewerben, überschaubar klein ist. Erstens spricht sich so etwas schnell herum, zweitens ist die Anzahl an potenziellen Arbeitgebern begrenzt. Definitiv NICHT unsere Empfehlung.

  • Zugeben

    Manchmal ist Ehrlichkeit der bessere Weg. Wenn Sie einen Arbeitgeber hinhalten wollen, müssen Sie dies nicht hinter dessen Rücken tun. Sie könnten also in der Personalabteilung anrufen und höflich sagen, dass Sie weiterhin an der Stelle interessiert sind. Leider haben Sie aber noch weitere Termine für Bewerbungsgespräche. Und weil Sie sich ganz bewusst für die Stelle entscheiden möchten, bitten Sie um etwas Bedenkzeit. Das ist fair und die ehrlichste Variante.

    Unternehmen wissen natürlich auch, dass sich Kandidaten ebenso auf andere Stellen bewerben. Einen solch ehrlichen Ansatz schätzen Personaler eher als Geheimhaltetaktiken. Nicht wenige zeigen sich anschließend kulant und räumen Ihnen mehr Bedenkzeit und eine längere Entscheidungsfrist ein – erst recht, wenn man wirklich an Ihnen interessiert ist. Allerdings gilt: Übertreiben Sie es nicht! Auch bei Ehrlichkeit sollten Sie den Arbeitgeber höchstens eine oder zwei Wochen hinhalten und vertrösten.

    ➠ Risiko:
    Ehrlichkeit hat ihren Preis. Es ist eine Tugend mit Hindernissen, die sich ebenso rächen kann. In diesem Fall könnte die Eitelkeit des Arbeitgebers und Chefs verletzt sein. Unterschwellig sagen Sie schließlich: „Eigentlich bist du nur meine zweite Wahl, ich hoffe noch auf die bessere Option.“ Es könnte also passieren, dass man Ihnen daraufhin gleich wieder absagt. Dann stehen Sie mit leeren Händen da.

    Die Variante eignet sich daher nur, wenn Sie diese Zusage nie wirklich in Betracht gezogen haben und dies nur der Notnagel war. Ansonsten gehen Sie mit der Taktik ein hohes Risiko ein.

  • Absagen

    Auch das ist eine Option: Wer keine Lust darauf hat, den Arbeitgeber hinzuhalten, kann auch gleich absagen und seine Bewerbung zurückziehen. Das ist zutiefst ehrlich und maximal fair.

    Es kommt durchaus vor, dass Bewerbern erst im Bewerbungsprozess bewusst wird, dass Sie diesen Job gar nicht wollen. Oder das Angebot selbst sagt nicht zu – neuer Bedingungen oder schlechteren als erwartet. Arbeitgeber hinhalten? In dem Fall überflüssig. Sagen Sie lieber ab. So verzweifelt sind Sie schließlich nicht.

    ➠ Risiko:
    Wer vorschnell handelt, könnte eine einmalige Chance übersehen. Das wäre dann ärgerlich. Bevor Sie also absagen, prüfen Sie das Angebot genau und wägen Sie ab, was noch offen ist: Wären andere Angebote wirklich so viel besser? Wie sehen die Zukunftsperspektiven, Entwicklungschancen und Aufstiegsoptionen in den jeweiligen Unternehmen aus? Sie allein setzen diese Prioritäten – und sollten sich danach auch entscheiden.

  • Verzögern

    Jetzt sind wir bei der echten Hinhaltetaktik. Sie schinden Zeit, wo es nur geht: Zum Beispiel melden Sie sich stets ein paar Tage später, schieben gesundheitliche Gründe („fiebrige Erkältung“) vor, vielleicht mussten Sie auch erst noch eine wichtige Prüfung vorbereiten oder absolvieren, und so weiter.

    Oft findet der Austausch per Mail statt. Hier können Sie ebenfalls Verzögerungen einbauen, bevor die Kommunikation weitergeht. Freuen Sie sich über das Jobangebot. Zeigen Sie Dankbarkeit für die Zusage. So halten Sie den Ball im Spiel. Aber lassen Sie sich – noch – auf nichts ein.

    Auch wenn Ihnen der neue Arbeitsvertrag zugeschickt wird, müssen Sie nicht gleich unterschreiben, sondern prüfen erst einmal ausgiebig die Vertragsbedingungen. Vielleicht sogar mithilfe eines Fachanwalts für Arbeitsrecht. Es ist ja nicht Ihre Schuld, wenn der gerade bis über beide Ohren in Arbeit steckt und sich deshalb seine Prüfung verzögert…

    Den neuen Job gleich mit Lügen zu beginnen, ist allerdings nicht der beste Einstieg. Die Taktik funktioniert überdies auch nur eine zeitlang. Danach leidet die Glaubwürdigkeit erheblich. Zudem wundern sich Personaler sicherlich, wenn es stets zwei Tage dauert, bevor Sie auf eine Mail antworten. Ihre Motivation für den Job unterstreichen Sie damit nicht. Und vielleicht überlegt der so hingehaltene Arbeitgeber es sich noch einmal anders.

    ➠ Risiko:
    Die Hinhaltetaktik fällt irgendwann auf. Der potenzielle Arbeitgeber spürt, dass er nur zweite Wahl ist – und sagt ab.

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Arbeitgeber hinhalten: So klappt es am besten

Unabhängig von den vier genannten Optionen sollte Ihnen bewusst sein: Eine mündliche Zusage des Arbeitgebers in spe ist nichts wert. Die lässt sich jederzeit widerrufen. Erst wenn Sie einen unterschriebenen Arbeitsvertrag auf dem Tisch liegen haben, den nur noch Sie unterzeichnen müssen, gilt die Zusage als verbindlich.

Solange bleibt Ihnen ohnehin noch Bedenkzeit, und Sie können das Einstellungsprocedere seinen – hoffentlich gemächlichen – Lauf nehmen lassen.

Bis dahin müssen Sie sich genau genommen auch nicht offenbaren. Im Gegenteil: Sie sollten die Zeit nutzen, um genau über die Vertragsmodalitäten und Gehaltsoptionen zu verhandeln. Umso besser können Sie hernach entscheiden.

Verhandlungsmasse gibt es ohnehin genug: Neben dem Gehalt bleiben noch Urlaubstage, geldwerter Vorteil, Zusatzleistungen, Jobticket, Kilometergeld, … Auch das hilft bei der Entscheidung. Und es nimmt Zeit in Anspruch.

Trotzdem sollten Sie dabei immer höflich und realistisch bleiben. So mancher Bewerber wird in der Situation schnell überheblich und lässt sich die Angebote zu Kopf steigen. Fatal! Das kann schnell das Aus für manche Offerte bedeuten.

Optimal ist daher meist ein gesunder Mix aus den Optionen 2 und 3.

Anfangs können Sie versuchen, den Prozess unauffällig zu verlangsamen. Das geht – je nach Unternehmen und dessen Bedürftigkeit – mal zwei Wochen, mal einen Monat lang gut.

Danach aber sollten Sie aus Fairness-Gründen die Karten auf den Tisch legen. Schließlich sollte das Unternehmen die Chance haben, die freie Stelle zur Not anderweitig zu besetzen.

Es ist ja eigentlich auch keine Schande verschiedene Angebote abzuwägen: Sie sind eine gefragte Arbeitskraft – top! Je besser Ihre Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt sind, desto ehrlicher und offener können sie agieren. Nur sollte der Arbeitgeber auch nicht das Gefühl haben, Sie spielen ihn gegen andere aus oder er ist nur die Notlösung, falls es woanders nicht klappt.

Solange das gelingt, hat die Mehrheit der Unternehmen – so jedenfalls unsere Erfahrung – hierfür Verständnis.

In Branchen wiederum, in denen es einen Bewerber-Überschuss gibt (zum Beispiel im Medienbereich) gehen all diese Strategien nach hinten los. Hier kann das Unternehmen wählerisch sein. Wer da nicht gleich das Angebot beim Schopfe packt, ist meist raus. Das sollte Ihnen bewusst sein.


Benching: Hinhalten durch den Arbeitgeber

Das Phänomen des Hinhaltens existiert auch in die entgegengesetzte Richtung. Wenn Unternehmen Bewerber hinhalten, weil sie noch andere Kandidaten testen und zum Bewerbungsgespräch einladen wollen, nennt sich das „Benching„. Wer keine Antwort auf die Bewerbung erhält und das nicht hinnehmen will, kann und darf sich nach zwei bis drei Wochen beim ausschreibenden Unternehmen melden und nachfragen. Idealerweise zuerst per Telefon, später per Mail. Zum Beispiel so:

Guten Tag Frau/Herr _______, ich bin mir bewusst, dass Sie viel Arbeit haben. Daher will ich Sie nicht lange aufhalten. Ich hatte mich vor zwei Wochen bei Ihnen auf die Stelle als _______, Kennziffer _______ beworben. Könnten Sie mir kurz etwas zum Zwischenstand des Bewerbungsverfahrens sagen?



Benching kann zwar ein gutes Zeichen sein, dass Sie immer noch im Rennen sind. Trotzdem sollten Sie sich immer weiter bewerben und Einladungen zu Jobinterviews wahrnehmen. Erstens, weil Sie so die Initiative behalten. Zweitens, weil Sie Ihre Chancen auf einen Job erhöhen.


[Bildnachweis: Roman Samborskyi by Shutterstock.com]

Weiterführende Quellen und Ratgeber

Tipps zur Bewerbung
Bewerbungsvorlagen
11 Bewerbungsformen
ABC der Bewerbungstipps
Bewerbungsmappe
Bewerbungsfoto
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22. September 2020 Jochen Mai Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Der Autor mehrerer Bücher doziert an der TH Köln und ist gefragter Keynote-Speaker, Coach und Berater.


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