Bewerbungsgespräch-Bewerberfrage-Überstunden
Ein echtes Vorstellungsgespräch verdient diesen Namen, vor allem den zweiten Teil des Wortes: Gespräch. Es ist ein Dialog auf Augenhöhe, in dem sich beide Seiten näher kennenlernen und herausfinden, ob sie zueinander passen - oder eben auch nicht. Nur besser jetzt als später im Job. Typischerweise verlaufen solche Jobinterviews in fünf typischen Phasen, die sich in der Regel gut vorbereiten lassen - auch manche fiesen Fangfragen...

Vorsicht Fangfrage im Vorstellungsgespräch

Denn seien wir ehrlich: Nicht jeder Arbeitgeber führt tatsächlich ein Bewerbungsgespräch auf Augenhöhe. Vor allem jene Unternehmen, die zu den beliebtesten Arbeitgebern zählen, werden von dem Erfolg gerne ein bisschen versaut und agieren dann zunehmend arroganter, Motto: Weil wir es uns leisten können - da draußen warten schließlich noch 5000 weitere Bewerber...

Entsprechend kommt es in deren Bewerbungsgesprächen (anderswo aber auch) vor, dass sich unter die vermeintlich harmlosen Fragen auch ein paar gemeine Fangfragen mischen.

In die Rubrik fällt auch dieser Klassiker:

Wie stehen Sie eigentlich zu Überstunden?

Sie denken: "Wahrscheinlich sind die in dem Laden eher die Regel als Ausnahme, und jetzt wollen die wissen, ob ich dazu grundsätzlich bereit bin..." Also antworten Sie, engagiert wie Sie nun mal sind:

Gar kein Problem! An Überstunden bin ich gewöhnt. Das war auch schon in meinem letzten Job kein Thema. Es kam dort öfter vor, dass wir am Abend zwei, drei Stunden länger geblieben sind. Das ist nichts, was mich jetzt abschreckt...

Fehler! Denn genau diese lapidare Antwort, so positiv und einsatzfreudig sie auch gemeint ist, lässt sich ebenso gut gegen Sie verwenden. Wer daran gewöhnt ist, regelmäßig Überstunden zu schieben, sagt indirekt nämlich auch:

  • Ich bin schlecht organisiert und habe kein gutes Zeitmanagement, denn ich schaffe es nicht, meine Arbeit in der dafür vorgesehenen Zeit zu erledigen.
  • Ich habe kein vitales Privatleben und kaum Freunde, mein Job ist für mich alles, dem ordne ich auch alles andere unter.
  • Mit mir können Sie alles machen, ich kann sowieso nicht Nein sagen oder mich durchsetzen.

Natürlich könnten Sie jetzt einwenden: "Wieso? Das ist doch ein Traummitarbeiter, der zu allem Ja sagt, sich ausbeuten und noch dazu leicht führen lässt."

Ja, aber nur für Arbeitgeber, die sehr kurzfristig denken. Auf Dauer wird die Leistung dieses Mitarbeiters nicht besser, im Gegenteil: Mit dem fehlenden Privatleben fehlt auch der psychosoziale Ausgleich und mentale Abstand zur Arbeit; die mangelhafte Organisation wird zunehmend zur Belastung, Folge: Die Produktivität lässt nach. Und wer sich schon in eigener Sache nicht durchsetzen kann, qualifiziert sich sicher auch nicht zum wertgeschätzten Leistungsträger mit Führungspotenzial.

Folgen Sie bei dieser Frage also nicht Ihrem ersten Impuls, sondern antworten Sie bitte differenziert - so wie prinzipiell bei allen Fangfragen dieser Art.

Eine mögliche Antwort auf die Frage nach den Überstunden

Natürlich will der Arbeitgeber dabei auch wissen, ob Sie sofort zum Betriebsrat rennen, wenn Sie mal eine Stunde dranhängen sollen. Die Arbeit ist nun mal bei keinem Unternehmen linear verteilt, es gibt heiße Phase, in denen jeder Mitarbeiter gebraucht wird, und dann auch wieder Phasen, in denen man früher heim gehen oder die Zeit anderweitig nutzen kann.

Aber genau das Engagement können Sie einerseits zeigen und gleichzeitig mögliche Zweifel ausräumen. Etwa so:

Grundsätzlich versuche ich, meine Aufgaben in der dafür vorgegebenen Zeit zu erledigen, besser noch eher. Dazu analysiere ich die Abläufe im Vorfeld, strukturiere und priorisiere sie (Organisation/Zeitmanagement). Aber natürlich weiß ich auch, dass es in jedem Job immer wieder mal Unvorhergesehenes gibt, dass man mal für Kollegen einspringen und flexibel sein muss (Teamgeist/Flexibilität). Ich suche ja bei Ihnen und dieser Position auch eine Herausforderung und keinen Nine-to-five-Job - und so wie sich das bisher darstellt, bieten Sie mir eine wirklich interessante Aufgabe in einem spannenden Umfeld an (Einsatzwille/Commitment). Ich habe die Frage daher auch schon mit meinem Partner/meiner Familie im Vorfeld besprochen, und wir sind uns einig (intaktes Sozialleben), dass es in jedem erfüllenden Beruf herausfordernde Phasen geben muss, ebenso wie Phasen mit mehr Zeit für die Beziehung oder persönliche Interessen.

Vor allem der letzte Satz sagt indirekt, dass Sie natürlich auch erwarten, dass Überstunden eine Ausnahme bleiben und auch ausgeglichen werden - zeitlich oder finanziell - jedoch ohne dazu eine direkte Forderung zu formulieren. Der Personaler versteht den Wink auch so, nimmt aber keine Drohgebärde wahr, was viel eleganter wirkt.

Natürlich ist dies nur eine von mehreren denkbaren Varianten, auf die Frage nach den Überstunden zu antworten. Letztlich hängt es auch immer am jeweiligen Umfeld, der Situation und Ihrem Gegenüber. Entscheidend ist nur, etwaigen Tretminen auszuweichen und sie durch eine differenzierte Antwort zu entschärfen.

Falls Sie noch andere Antworten empfehlen, freuen wir uns über konstruktive Kommentare und Erfahrungsberichte.

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