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Na? Mussten Sie gerade spontan gähnen? Keine Sorge, das ist ein gutes Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass Sie womöglich ein sehr empathischer Mensch sind. Doch der Reihe nach.
Olivier Walusinskis gilt mittlerweile als der weltweit führende Experte auf dem Gebiet der Gähnforschung. Er hat über 1000 Artikel dazu verfasst, Anfang 2010 einen Sammelband herausgegeben (‚The Mysterie of Yawning‘) und Ende Juni 2010 in Paris die erste internationale Gähnkonferenz organisiert.
Man weiß nun, dass ein Mensch im Schnitt etwa acht Mal am Tag für eine Dauer von jeweils fünf bis zehn Sekunden gähnt. Männer und Frauen in etwa gleich oft. Auch kann man als gesichert betrachten, dass wir besonders häufig morgens gähnen. Ebenso bei monotonen Arbeiten oder bei der Lektüre langweiliger Texte (gähnen Sie etwa gerade?). Manche Menschen gähnen, um Stress abzubauen: Olympioniken tun dies zum Beispiel kurz bevor die Pistole knallt. Ebenso gilt als unstrittig, dass nicht nur die Krone der Schöpfung gähnt, sondern zahlreiche Lebewesen gleich mit. Unser nächster Verwandter, der Affe, gähnt etwa genauso oft wie wir. Doch auch Pferde, Hunde, Katzen, Ratten, Vögel, Krokodile, Schlangen und sogar Fische gähnen. Ja, Fische!
Der Juwelen-Riffbarsch zum Beispiel verteidigt sein Revier, indem er Eindringlinge mehrfach angähnt. Es ist nicht bekannt, ob Barsche Mundgeruch haben. Aber abschreckend hässlich sieht das auf jeden Fall aus. „Alle gähnen“, sagt der Schweizer Neurologe Adrian Guggisberg. Nur wisse bis heute keiner, warum.
Obwohl der Mensch rund eine Viertelmillion Mal in seinem Leben gähnt, ist der Reflex in der Wissenschaft so gut wie unerforscht. Als widerlegt gilt zumindest schon mal die Theorie, dass die spontane Gähnattacke das Gehirn mit Sauerstoff versorge. „Unfug!“, monierte der US-Psychologe Robert Provine bereits 1987. Ein einzelner tiefer Atemzug rettet das ermattete Denkorgan sicher nicht vor dem Vernunftausfall. Da hätte der Urheber dieser Theorie besser etwas häufiger gähnen sollen.
Andere vermuten, der Reflex könnte mit dem Zuckergehalt im Blut zusammenhängen: Wenig Zucker gleich mehr Gähnen. Genau wissen die Wissenschaftler das aber nicht. Deshalb konzentriere ich mich heute lieber auf eine andere, nicht weniger spannende Frage:
Warum wirkt Gähnen so ansteckend?
Es gibt nur wenige Erklärungsversuche. Neuropsychologen halten das menschliche Reflexgähnen für eine Art soziale Reaktion und bedienen sich dazu zahlreicher Analogien aus dem Tierreich: Löwen zum Beispiel gähnen sich gegenseitig an, bevor sie zur gemeinsamen Jagd aufbrechen.
Bei den Affen wiederum ist es vor allem das dominante Männchen, das seine Horde gut sichtbar angähnt, um ihr zu signalisieren: Zeit, schlafen zu gehen! Bei Makaken beobachtete der Verhaltensforscher Bertrand Deputte von der Universität Rennes, dass das Alpha-Tier am meisten gähnte. Und das, obwohl der Faulpelz am wenigsten zu tun hatte.
Und an dieser Stelle kommt eine neue, bemerkenswerte Studie ins Spiel: Matthew Campbell von der Emory Universität in Atlanta, Georgia und der bekannte Primatenforscher Franz de Waal studierten das Verhalten von 23 Schimpansen, die in verschiedenen Sippen lebten. Jeder der Primaten sah einen 20-minütigen Film von anderen Affen, in dem diese sich ausruhten oder eben gähnten. Und siehe da: Stammte der Gähnaffe aus der eigenen Sippe, ließen sich die Primaten von ihren Verwandten in mehr als 50 Prozent öfter anstecken, als wenn ein fremder Artgenosse gähnte.
Forscher halten das ansteckende Gähnen daher inzwischen nicht nur für eine soziale Geste, sondern auch für ein starkes Indiz für Empathie. Wer angesichts gähnender Kollegen, Freunde oder eben Verwandter mitgähnt, so die These, beweist damit auch, dass er ein besonders mitfühlender Mensch ist. Bewiesen ist zwar auch das noch nicht – aber sympathisch ist die Theorie durchaus.
Interessant ist in dem Zusammenhang übriegens auch, dass sich zwar Hunde untereinander kaum vom Gähnen anstecken lassen – wohl aber von ihrem Herrchen oder Frauchen. Gähnt ihr Besitzer, machen sie das in 70 Prozent aller Fälle nach. Die Forscher vermuten daher, dass auch wir uns aus einer Art Unterordnung oder Herdentrieb anstecken lassen. Ein weiteres Indiz: Schon der Gedanke daran kann einen Gähnimpuls auslösen (Na?).
Der Psychologe Andrew Gallup von der Universität Albany wiederum untersuchte (PDF), ob und wie man sich vor der Ansteckungsgefahr effektiv schützen könne: Seinen 50 Probanden wurden Videos von gähnenden Menschen gezeigt, wovon sich rund die Hälfte (48 Prozent) prompt anstecken ließ. Wenn die allerdings ausschließlich durch die Nase atmeten oder sich einen kühlen Wickel von 4 Grad Celsius an die Stirn klatschten, waren sie (bis auf 9 Prozent Ausnahmen) nahezu immun gegen den solidarischen Gähnreiz.
Seine Schlussfolgerung daraus: Gähnen kühlt das Hirn. Da die grauen Zellen bis zu einem Drittel aller Kalorien sowie den Großteil des Sauerstoffs im Blut verbrauchen, entsteht dort viel Wärme. Beim Gähnen werde also vor allem kühle Luft angesaugt – als eine Art biologische Klimaanlage. Gegen die Erderwärmung hilft das aber nicht.







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