Definition: Was ist Machiavellismus?
Machiavellismus ist in der Psychologie ein Persönlichkeitsmerkmal, das durch strategische Manipulation, eine zynische Weltsicht und starke Orientierung am eigenen Vorteil gekennzeichnet ist. Menschen mit hoher Ausprägung betrachten zwischenmenschliche Beziehungen eher als Mittel zum Zweck und sind bereit, moralische Prinzipien zurückzustellen, wenn diese ihren Zielen im Weg stehen.
Der Grundgedanke wird häufig mit dem Sprichwort „Der Zweck heiligt die Mittel“ zusammengefasst. Machiavellistische Menschen handeln dabei nicht unbedingt impulsiv oder offen aggressiv. Sie können geduldig, kontrolliert und taktisch vorgehen – und gerade deshalb schwer zu durchschauen sein.
Wichtig: Machiavellismus ist keine psychische Erkrankung oder Persönlichkeitsstörung. Das Merkmal wird als Kontinuum verstanden: Menschen können also mehr oder weniger starke machiavellistische Züge besitzen. Eine Lüge, taktisches Verhalten oder Egoismus machen deshalb noch niemanden zum Machiavellisten.
Woher kommt der Begriff Machiavellismus?
Namensgeber ist der italienische Politiker und Philosoph Niccolò Machiavelli (1469–1527). In seinem Werk „Il Principe“ („Der Fürst“) analysierte er, wie politische Herrscher Macht gewinnen und erhalten können. In die Persönlichkeitspsychologie gelangte der Begriff vor allem durch Richard Christie und Florence Geis. Sie untersuchten Einstellungen zu Macht, Manipulation, Moral und zwischenmenschlichem Vertrauen und entwickelten daraus ein psychologisches Konzept des Machiavellismus.
Machiavellismus: Synonyme und Englisch
Ähnliche Begriffe sind „Berechnung“, „Intriganz“, „Skrupellosigkeit“ oder „Machtstreben“. Sie sind jedoch keine echten Synonyme, weil Machiavellismus ein komplexeres Persönlichkeitsmerkmal bezeichnet. Auf Englisch heißt Machiavellismus „Machiavellianism“. Der Name Machiavelli wird im Deutschen ungefähr „Makia-welli“ ausgesprochen.
Machiavellismus in der Psychologie
Psychologisch ist Machiavellismus kein Persönlichkeitstyp, sondern eine unterschiedlich starke Ausprägung. Neuere Forschung unterscheidet dabei zwei wichtige Motive: Einerseits wollen stark machiavellistische Menschen möglichst viel Macht, Status oder Vorteile gewinnen. Andererseits versuchen sie, eigene Nachteile und Schäden zu vermeiden. Dahinter steht häufig ein misstrauisches Menschenbild: Wer anderen ebenfalls Eigennutz und Rücksichtslosigkeit unterstellt, hält taktisches Verhalten für notwendig.
Die Machiavellismus-Skala
Zu den bekanntesten Messverfahren gehört die Mach-IV-Skala von Richard Christie und Florence Geis. Der Fragebogen umfasst 20 Aussagen zu zwischenmenschlichen Beziehungen, Moral, Vertrauen und strategischem Denken. Teilnehmer geben an, wie stark sie den Aussagen zustimmen. Ein hoher Wert steht für eine stärkere machiavellistische Ausprägung.
Einen medizinischen Grenzwert nach dem Motto „Ab hier sind Sie Machiavellist“ gibt es jedoch nicht. Auch ein Machiavellismus-Test stellt keine klinische Diagnose. Das gilt ebenso für Online-Persönlichkeitstests: Sie können Tendenzen und Eigenschaften sichtbar machen, sollten Menschen aber nicht in Schubladen stecken.
Welche Merkmale haben Machiavellisten?
Menschen mit ausgeprägtem Machiavellismus verfolgen ihre Interessen häufig strategisch und versuchen, ihr Gegenüber genau einzuschätzen. Typisch sind diese 7 Eigenschaften:
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Manipulation
Andere Menschen werden gezielt beeinflusst oder instrumentalisiert, wenn dies den eigenen Zielen dient.
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Strategisches Denken
Entscheidungen werden kalkuliert und mit Blick auf einen persönlichen Vorteil getroffen.
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Ausgeprägtes Misstrauen
Machiavellistische Menschen rechnen auch bei anderen mit Egoismus, Täuschung und Hintergedanken.
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Zynisches Menschenbild
Hilfsbereitschaft, Loyalität oder Altruismus werden skeptisch betrachtet und dahinter stets Eigennutz vermutet.
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Emotionale Distanz
Gefühle anderer haben bei Entscheidungen kaum Gewicht; Beziehungen werden als Mittel zum Zweck betrachtet.
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Geringe moralische Bindung
Regeln, Versprechen und moralische Prinzipien werden leichter übergangen, wenn sie eigenen Interessen entgegenstehen.
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Macht- und Statusorientierung
Einfluss, Kontrolle, Prestige, Geld oder andere persönliche Vorteile besitzen für Machiavellisten einen hohen Stellenwert.
Entscheidend ist die Kombination dieser Eigenschaften. Ehrgeiz, strategisches Denken oder ein gesundes Misstrauen sind für sich genommen weder schlecht noch machiavellistisch.
Wie verhalten sich machiavellistische Menschen?
Machiavellisten passen ihre Strategie an Menschen und Situationen an. Sie können mit Charme und Schmeichelei arbeiten, Informationen verschweigen, eigene Absichten verbergen, Schwächen ausnutzen oder Druck ausüben. Ebenso können sie Bündnisse schließen und wieder aufgeben, wenn sich die Machtverhältnisse ändern. Im Beruf zeigen Untersuchungen sowohl „weiche“ Taktiken wie Charme und Gefälligkeiten als auch „harte“ Methoden wie Dominanz, Vergeltung oder das Zurückhalten wichtiger Informationen. Machiavellistisches Verhalten muss deshalb nicht sofort unsympathisch sein. Selbstkontrolle, Beobachtungsgabe und taktisches Geschick können zunächst sogar einen kompetenten und vertrauenswürdigen Eindruck erzeugen.
Wie erkenne ich einen Machiavellisten?
Achten Sie vor allem auf wiederkehrende Widersprüche zwischen Worten und Verhalten. Jemand betont beispielsweise Loyalität, handelt aber regelmäßig illoyal, sobald daraus ein Vorteil entsteht. Oder die Person behandelt Vorgesetzte ausgesprochen freundlich, während sie gegenüber Menschen ohne Einfluss rücksichtslos auftritt. Auch wechselnde Aussagen, taktische Schmeichelei und ein auffälliges Interesse an Machtverhältnissen können Hinweise liefern.
Wie entsteht Machiavellismus?
Für Machiavellismus gibt es keine einzelne Ursache. Wie andere Persönlichkeitseigenschaften auch entwickeln sich diese Typen aus dem Zusammenspiel verschiedener biologischer, psychologischer und sozialer Einflüsse. Auch Lernerfahrungen können machiavellistische Strategien begünstigen, wenn Manipulation oder Rücksichtslosigkeit wiederholt zum gewünschten Erfolg führen. Einfache Erklärungen nach dem Muster „Machiavellisten hatten eine schlechte Kindheit“ greifen zu kurz. Aus Erziehung oder einzelnen Kindheitserfahrungen lässt sich nicht ableiten, ob ein Mensch später stark machiavellistische Züge entwickelt.
Hat Machiavellismus auch positive Seiten?
Strategisches Denken, Selbstkontrolle, Zielorientierung und eine gute Beobachtungsgabe können im Beruf durchaus nützlich sein und kurzfristig Vorteile verschaffen. Langfristig können Manipulation und Täuschung jedoch Vertrauen, Zusammenarbeit und Beziehungen beschädigen. „Machiavellistisch“ sollte deshalb nicht mit „strategisch“ oder „durchsetzungsstark“ gleichgesetzt werden.
Machiavellismus: Beispiele im Alltag
Machiavellismus zeigt sich nicht nur in großen Machtkämpfen. Typische Alltagssituationen machen das Prinzip deutlich:
Situation |
Beispiel |
| Freundschaft | Kontakt wird vor allem gesucht, wenn Hilfe, Informationen oder Beziehungen gebraucht werden. |
| Konflikt | Zwei Beteiligte bekommen unterschiedliche Geschichten erzählt und werden gegeneinander ausgespielt. |
| Gefälligkeit | Jemand hilft großzügig und fordert die vermeintliche Schuld später strategisch ein. |
| Beziehung | Zuneigung, Rückzug oder Schuldgefühle werden eingesetzt, um den Partner zu beeinflussen. |
Machiavellismus in Beziehungen
In Partnerschaften kann sich Machiavellismus durch Kontrolle, Manipulation und eine instrumentelle Haltung zeigen. Problematisch ist weniger ein einzelner Streit als ein wiederkehrendes Machtgefälle. Werden Zuneigung, Rückzug, Abwertung oder Schuldgefühle systematisch eingesetzt, um den Partner zu steuern, sollten Sie das Verhalten ernst nehmen. Eine besonders weitreichende Form psychischer Manipulation ist das sogenannte Gaslighting.
Machiavellismus im Job: 5 typische Machtspiele
Im Berufsleben treffen Karriereziele, Hierarchien und gegenseitige Abhängigkeiten aufeinander. Das bietet zahlreiche Möglichkeiten für taktische Einflussnahme. Dabei müssen Sie einen Kollegen oder Chef nicht psychologisch einordnen, um problematische Machtspiele zu erkennen:
Machtspiel |
Ihre Gegenstrategie |
| Informationen zurückhalten | Absprachen und Informationswege transparent und schriftlich festhalten. |
| Nach oben schmeicheln | Verhalten über längere Zeit und gegenüber unterschiedlichen Personen beobachten. |
| Kollegen gegeneinander ausspielen | Direkt mit Beteiligten sprechen und Aussagen aus zweiter Hand prüfen. |
| Erfolge vereinnahmen | Zuständigkeiten, Entscheidungen und eigene Beiträge dokumentieren. |
| Loyalität vortäuschen | Auf langfristig konsistentes Verhalten statt auf Versprechen achten. |
Ähnliche Verhaltensweisen finden Sie übrigens auch bei toxischen Kollegen. Entscheidend ist für Sie aber weniger das Etikett als vielmehr die Frage, wie Sie Ihre Arbeit und Grenzen schützen!
Machiavellistischer Chef: Was kann ich tun?
Bei einem machiavellistischen Chef kommt das Machtgefälle hinzu. Vermeiden Sie deshalb einen persönlichen Gegenangriff und schaffen Sie stattdessen Transparenz: Bestätigen Sie wichtige Vereinbarungen schriftlich, klären Sie Zuständigkeiten und dokumentieren Sie relevante Entscheidungen. Pflegen Sie zudem Kontakte außerhalb des unmittelbaren Machtbereichs Ihres Vorgesetzten. Werden Grenzen dauerhaft überschritten, können Betriebsrat, Personalabteilung oder eine übergeordnete Führungskraft Ansprechpartner sein. Bei anhaltender Manipulation, Intrigen oder Bossing ist oft eine berufliche Neuorientierung eine Option.
Wie gehe ich mit Machiavellisten um?
Versuchen Sie nicht, einen manipulativen Menschen mit dessen eigenen Methoden zu schlagen. Sinnvoller ist es, die Angriffsfläche zu reduzieren und Ihre Entscheidungen möglichst unabhängig zu treffen:
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Grenzen setzen
Machen Sie klar, welches Verhalten Sie akzeptieren. Mehr dazu: Grenzen setzen.
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Zeit gewinnen
Treffen Sie unter Druck keine vorschnellen Zusagen oder Entscheidungen.
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Fakten prüfen
Überprüfen Sie wichtige Behauptungen über unabhängige Quellen.
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Absprachen dokumentieren
Halten Sie Entscheidungen, Aufgaben und Zuständigkeiten schriftlich fest.
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Direkt kommunizieren
Sprechen Sie mit Beteiligten selbst und vermeiden Sie Botschaften über Dritte.
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Sachlich bleiben
Lassen Sie sich nicht in persönliche Machtkämpfe oder Provokationen hineinziehen.
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Kontakte pflegen
Ein unabhängiges Netzwerk verhindert, dass eine einzelne Person Informationen und Beziehungen kontrolliert.
Bei ernsthaften Konflikten sollten Sie nicht nur psychologisch argumentieren, sondern konkrete Vorfälle, Aussagen und Auswirkungen benennen. So bleibt eine mögliche Konfliktlösung auf der Sachebene.
Machiavellismus und Dunkle Triade
Machiavellismus gehört zusammen mit Narzissmus und Psychopathie zur sogenannten Dunklen Triade.

Die drei Persönlichkeitsmerkmale überschneiden sich, setzen aber unterschiedliche Schwerpunkte:
Persönlichkeitsmerkmal |
Typischer Schwerpunkt |
| Machiavellismus | Kalkulierte Manipulation und strategischer Eigennutz |
| Narzissmus | Überhöhtes Selbstbild, Anspruchsdenken und Bedürfnis nach Bewunderung |
| Psychopathie | Gefühlskälte, geringe Reue und stärkere Impulsivität |
Vereinfacht gilt der Machiavellist eher als Stratege: Er analysiert die Situation und versucht, Menschen gezielt für seine Zwecke einzusetzen. Narzisstische Menschen suchen stärker nach Bestätigung und Bewunderung, psychopathische Merkmale werden stärker mit Gefühlskälte und Impulsivität verbunden. Die Grenzen sind allerdings nicht scharf – insbesondere Machiavellismus und Psychopathie überschneiden sich deutlich.
Wie gut kennen Sie Ihre Persönlichkeit?
Persönlichkeit besteht aus zahlreichen Eigenschaften und lässt sich nicht auf einzelne „dunkle“ Merkmale reduzieren. Unser kostenloser Big-Five-Persönlichkeitstest zeigt Ihnen, wie Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und emotionale Stabilität bei Ihnen ausgeprägt sind.
Häufige Fragen zum Machiavellismus
Ist Machiavellismus eine Persönlichkeitsstörung?
Machiavellismus ist keine eigenständige Persönlichkeitsstörung und keine medizinische Diagnose. Der Begriff bezeichnet ein Persönlichkeitsmerkmal, das unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann. Deshalb gibt es auch keinen ICD-10-Code speziell für Machiavellismus.
Gibt es Machiavellismus bei Frauen?
Frauen wie Männer können machiavellistische Einstellungen und Verhaltensweisen zeigen. Für den Umgang mit einer Person sind aber weniger das Geschlecht als das konkrete Verhalten und der richtige Umgang entscheidend.
Kann sich ein Machiavellist ändern?
Persönlichkeitseigenschaften sind relativ stabil, aber nicht völlig unveränderlich. Menschen können eigene Verhaltensmuster reflektieren und verändern, sofern sie dazu motiviert sind. Außenstehende können diese Veränderung jedoch nicht erzwingen.
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