von Jochen Mai am 11. Februar 2009
→ Essay in Büro
Arbeitsillusion – Wege, wie Sie möglichst beschäftigt aussehen
Gut, sicher, klar, die Zeiten sind gerade nicht die besten für Arbeitnehmer. Kurzarbeit, Zwangsurlaub, vielleicht sogar Kündigung – das sieht nicht gut aus im karriereoptimierten Lebenslauf. Was also tun, wenn die Arbeit immer weniger wird und die Chefcontroller mit dem Rotstift durch die Flure wandern?
Nun, eine Alternative ist: Sehen Sie möglichst beschäftigt aus. Engagierte und fleißige Mitarbeiter landen schließlich nicht so schnell auf der Streichliste. Und wer die Attitüde eines Leistungsträgers pflegt, sichert nicht nur seinen Job – er tut auch was gegen die Langeweile, wird aktiv und kreativ. Kurzum: Das bisschen Show muss sein – und macht Spaß dazu.
In der New York Times war dazu eine hübsche Geschichte, was Angestellte derzeit so alles inszenieren, um möglichst gefragt, beliebt, beschäftigt auszusehen: Da gibt es zum Beispiel den 30-jährigen Portfolio-Manager aus New Jersey, der Akten auf seinem Schreibtisch stapelt und sich in der Mittagspause von seinen Freunden am Handy anrufen lässt, um möglichst vielgefragt zu wirken. Oder den New Yorker Anwalt, der das Licht abends lange im Büro brennen lässt, damit es so aussieht, als arbeite er bis spät in die Nacht. Weil das Bürolicht aber offenbar automatisch gesteuert und an eine Art Bewegungsmelder gekoppelt war, ließ er zudem einen Ventilator in seinem Büro laufen. Not macht erfinderisch.
Natürlich ist das alles nicht ungefährlich. Wer dabei auffliegt, sieht zwar nicht faul aus (Das anhaltende Vortäuschen falscher Tatsachen ist schließlich auch eine anstrengende Aufgabe), dafür aber reichlich illoyal und unkollegial. Erst recht, wenn in der so verschummelten Zeit andere Bürokräfte die eigentliche Arbeit erledigen mussten. Andererseits: Manch einer kann auf diese Weise vielleicht seinen Job retten.
Anleitung zum Beschäftigtaussehen
Deshalb – und nur deshalb – hier eine kleine Anleitung zum Beschäftigtaussehen:
- Gehen Sie möglichst schnell durch die Büroflure und sehen Sie dabei unglaublich gestresst aus. Und haben Sie dabei immer (!) Zettel oder Aktenordner unter dem Arm. Wichtig: Schauen Sie unbedingt so drein, als hätten Sie ein Ziel! Wer wie Spaziergänger aussieht, beweist nur Langeweile und zu viel Zeit zu haben.
- Setzen Sie, sofern vorhanden, permanent ein Headset auf. Um die Illusion perfekt zu machen, führen Sie ab und an ein paar (Selbst-)Gespräche.
- Aktenberge sind immer gut. Setzen die Haufen jedoch Staub an, verkehrt sich die Wirkung: Das wirkt dann eher verschlampt als aktiv. Deshalb: Stapeln und sortieren Sie das Zeugs auf dem Schreibtisch regelmäßig um. Sichtbar inszeniert, sieht die Aufräumaktion obendrein sehr organisiert aus.
- Nehmen Sie jeden Abend (natürlich spät) den Laptop mit und kündigen Sie an, dass Sie noch daheim weiterarbeiten. So sehen Leistungsträger aus: Nicht nur viel zu tun, sondern auch noch rund um die Uhr im Einsatz.
- Gehen Sie in möglichst viele Meetings – oder besser: Erfinden Sie selbst Konferenzen. Damit lässt sich wunderbar Zeit tot schlagen, während man sich über die Zukunft des Unternehmens die Köpfe zerbricht. Manche Arbeitgeber sponsern den Elan sogar mit Kaffee und Keksen.
- Stöhnen, jammern und seufzen Sie regelmäßig über die viele Arbeit. In der Kantine, in der Kaffeeküche, am Kopierer – überall. Hauptsache auf dramaturgisch hohem Niveau.
- Hängen Sie einen Terminkalender gut sichtbar an die Wand und malen Sie ihn bunt aus. Je mehr Termine dort eingetragen sind, desto besser. Profis schmücken das Mimikry mit vielsagenden Titeln aus, wie “Geheimstrategiebesprechung”, “Vertrauliches Partner-Lunch”, “Branchentreff”. Definitiv verboten sind Einträge vom Typ “Friseur”, “Tischkickertunier”, “Lotto spielen”.
- Bitten Sie Freunde bei Ihnen mehrmals am Tag anzurufen. Zeigen Sie sich von dem Gebimmel genervt, gehen Sie nicht dran, sondern meckern Sie lauthals: “Hier kommt man zu nichts! Ich kann so nicht arbeiten…!”
- Überhaupt: Sehen Sie stets genervt und überlastet aus. Am besten schlafen Sie nachts wenig. Dann bekommen Sie auch noch Ringe unter den Augen.
- Hängen Sie ein “Bitte nicht stören”-Schild an die Bürotür. Und falls doch jemand eintritt, deuten Sie hektisch auf Ihr Headset (siehe oben) und wimmeln Sie den Besucher mit dem Hinweis auf ein wichtiges Telefonat ab.
- Essen Sie mittags direkt am Schreibtisch. Natürlich nur Fastfood!
- Erfassen Sie in Word ständig irgendwelche Texte. Profis pflegen dabei heimlich Ihr Blog und verdienen an den Google-Anzeigen noch etwas nebenbei.
- Schreiben Sie viele Mails an Bekannte oder Kollegen. Stellen Sie dabei unbedingt auch Fragen. Effekt: Sie erhalten Mails zurück. Wer jetzt das Gebimmel seines Posteingangs auf laut stellt, sieht unglaublich kommunikativ und gefragt aus.
- Noch besser: Datieren Sie Ihre E-Mails vor. Einige Programme lassen das zu. So erhalten die Empfänger auch nach 21 Uhr noch Post von ihnen, was den Eindruck zementiert, dass Sie bis spät abends noch fleißig arbeiten.
- Deuten Sie immer wieder an, dass Sie vertrauliche Informationen besitzen. Lassen Sie Namen von wichtigen Leuten fallen und erwecken Sie den Eindruck, mit ihnen regelmäßig zu konspirieren.
- Machen Sie Listen: To-Do-Listen, Projektlisten, Sparlisten, Telefonlisten, … Und hängen Sie diese sichtbar auf. Nicht vergessen: Die Listen mit unterschiedlichen Stiften und Farben regelmäßig zu überarbeiten, Punkte abzuhaken, zu ergänzen oder zu streichen.
- Machen Sie ein paar unnötige Kopien und vertrödeln Sie so etwas Zeit am Kopierer mit Warten. Die Variante funktioniert freilich auch vor dem Faxgerät: Da warten Sie dann eben auf wichtige Dokumente.
Sie sind natürlich herzlich eingeladen, weitere Vorschläge zu machen!
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1. Kommentar
Gerhard Zirkel
11.02.09 um 17:21 Uhr
Machen Sie es wie (Finanz)Beamte, erfinden SIe ständig neue Regeln, Formulare und Abläufe. Das verschafft nicht nur Ihnen Arbeit sondern auch Ihren Mitmenschen – ob die wollen oder nicht.
Gerhard Zirkel
2. Kommentar
Florian
11.02.09 um 17:28 Uhr
Also ich halte diese Anleitung ja für absoluten Schwachsinn. Wer sich an sowas orientiert gehört gefeuert, schon dafür seine Kollegen vollzujammern. Hoffen wir das diesen Text keiner ernst nimmt.
Ich gehe einfach mal davon aus, dass es witzig gemeint war, auch wenn mir persönlich der Witz irgendwie entgeht :)
3. Kommentar
Jochen Mai
11.02.09 um 17:36 Uhr
Klar ist das Ironie – aber auch eine durchaus realitätsnahe…
4. Kommentar
Sven
12.02.09 um 07:59 Uhr
Hat es denn sonst noch keinen gewundert, wie die Millionen an Blogseiten zusammenkommen. Ich denke man darf durchaus davon ausgehen, dass zumindestens ein Teil während der Arbeitszeit vorgeschrieben wird.
Bei uns gerne praktiziert : Möglichst wenig Papier (50 Seiten maximal) in den Drucker legen um 10 Minuten später gestikulierend und schimpfend zu bemängeln, dass schon wieder kein Papier aufgefüllt wurde.
5. Kommentar
Mariechen
12.02.09 um 13:46 Uhr
Ich glaube, diese strategien sind realitätsnaher als wir denken…vor allem in Großunternehmen wo eh kaum einer drauf achten kann, wer was gerade macht, wird es schon an der Tagesordnung sein;)
6. Kommentar
Laura
12.02.09 um 18:07 Uhr
So nett das auch klingt: leider gibt es tatsächlich Zeitgenossen, die so ihre Büroarbeit erledigen und für Leute, die tatsächlich etwas zu arbeiten haben, ist das mehr als nur lästig.
Aufschreie a la “OH GOTT!!!!”, ständige Telefonate, die nur mit Floskeln gefüllt sind und mindestens alle 30 Minuten ein Lauf über den Flur gehen selbst dem gutmütigsten Schreibtischnachbarn irgendwann auf die Nerven.
7. Kommentar
Mark
13.02.09 um 16:17 Uhr
Also ich finde diese Anleitung super. Was hab ich schon Stunden vor dem Computer verbracht, wo ich gehofft habe mir fällt was ein wie ich meine Arbeit vortäuschen kann
8. Kommentar
Thomas
05.12.09 um 21:59 Uhr
Als Ratschlag nehme ich die Liste oben mal mit einem Augenzwinkern zur Kenntnis, aber als Zustandsbeschreibung in Großraumbüros, die ich bislang gesehen habe, kommt das der Realität erschreckend nah.
Als Gegenvorschlag für die, die vielleicht auf einen Rauswurf und die damit ggf. verbundene Abfindung spekulieren, folgende Vorschläge (ebenfalls mit einem Augenzwinkern):
- Beginnen Sie Ihren Arbeitstag niemals vor 10 Uhr.
- Legen Sie zwischen 11:30 und 13:00 eine ausgedehnte Mittagspause ein. Nutzen Sie außerdem regelmäßig den Ruheraum für ein Nickerchen.
- Führen Sie Ihre privaten Telefonate möglichst lautstark zu einer Zeit, zu der alle Kollegen an ihren Plätzen sind. Besonders gut eignen sich Telefonate mit Ihrer schwerhörigen Mutter, bei denen Sie alles zweimal sagen müssen.
- Schicken Sie locker über den Tag verteilt lustige Witze und Fundstücke aus dem Internet an Ihren Gruppenverteiler. Ihre Kollegen werden Ihnen für die Auflockerung der Arbeitsatmosphäre dankbar sein.
- Führen Sie sämtliche Telefonate mit Kundenservice-Hotlines an Ihrem Arbeitsplatz. Das spart Ihnen die hohen Gebühren für die 0190-Nummern und überbrückt gut die Zeit zwischen Ihrem Arbeitsbeginn und dem Beginn der Mittagspause.
- Klemmen Sie sich nachmittags eine Zeitschrift Ihrer Wahl unter den Arm und spazieren Sie pfeifend in Richtung WC. Grüßen Sie Kollegen, denen Sie auf dem Weg begegnen, mit einem freundlichen “Mahlzeit!”
- Lagern Sie die Ware, die Sie nebenberuflich auf Ebay verkaufen, in Ihrem Schrank an Ihrem Arbeitsplatz. Nutzen Sie zum Versand der Ware an die Käufer die Hauspost Ihres Arbeitsgebers.
- Lösen Sie während des wöchentlichen Status-Meetings ein Sudoku und antworten Sie auf die Frage nach dem Status Ihres Projekts in bester Stromberg-Manier “Läuft!”.
- Machen Sie spätestens um 16:30 Feierabend und geben Sie Ihrem Vorgesetzten auf dem Weg raus den Rat, “nicht mehr so lange zu machen”.
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