Vorstellungsgespräch: Stärken und Schwächen
Was sind Ihre Schwächen? Die typische Frage im Vorstellungsgespräch ist heute so zeitgemäß wie Weihnachtslebkuchen im August. Abgedroschen ist sie dazu. Im Ernst: Was soll dabei herauskommen? Die meisten Bewerber rechnen ohnehin längst damit und trällern sofort ein paar im Windkanal optimierte Antworten in die Runde vom Typ: "Meine größte Schwäche? Schokolade! Aber dafür mache ich zwei Mal in der Woche Sport." Erfahren kann der Personaler so allenfalls, dass der Kandidat a) einigermaßen spontan und kreativ antworten kann oder b) gute Bewerbungsratgeber liest...

Schwächen und Stärken im Vorstellungsgespräch

pan_kung/shutterstock.comAber es hilft ja nichts. Wenn Sie das nächste Mal im Bewerbungsgespräch sitzen und mal wieder nach Ihren Schwächen gefragt werden, reicht es eben nicht, die Stirn zu runzeln, die Augen zu verdrehen, "Hach!" zu sagen und an uns und diesen Artikel zu denken. Sie müssen antworten - und das möglichst klug.

Tabu sind damit alle Antworten, die in diese Richtung gehen:

  • "Ich bin ein Perfektionist."
  • "Ich arbeite zu viel."
  • "Ich habe keine Schwächen."

Bei der letzten Antwort ist noch relativ klar, warum Personaler darauf ebenso verschnupft reagieren wie Schleimhäute auf einen Grippevirus. Die beiden anderen Phrasen aber wurden irgendwo einmal in einem unseligen Bewerbungsratgeberbuch gedruckt und haben sich seitdem so rasant fortgepflanzt wie Karnickel im Frühling. Leider.

Studien: Schwächen ruhig zugeben

Extra-Tipp-IconNatürlich kann man versuchen, die Frage "Was ist Ihre größte Schwäche?" so zu beantworten, indem man sie nicht beantwortet. Aber ist das auch eine gute Idee? Nein, sagen gleich zwei Studien dazu:

  • Daniel M. Cable1 und Virginia S. Kay fanden bei ihren Experimenten mit Business-School-Absolventen heraus, dass diese bei Bewerbungsgesprächen besser abschnitten, wenn Sie auf die Frage nach den Schwächen wahrheitsgemäß und genau antworteten und nicht bloß positiv.
  • Bei einer zweiten Harvard-Studie wiederum zeigte sich: Zwar gaben nur 23 Prozent echte Schwächen zu ("Ich prokrastiniere", Ich überreagiere manchmal", ...); die Mehrheit von 77 Prozent verkleidete ihre Schwächen in positiven Worten ("Ich bin zu nett", "Ich lege zu viel Wert auf Fairness", ...). Als die Forscher aber die Personaler fragten, wen sie einstellen würden, wählten rund 80 Prozent jene Kandidaten, die sich ihre echten Schwächen eingestanden hatten.

Auch Ungeduld ist übrigens eine Schwäche - auch wenn sie immer wieder als derart getarnte Stärke verkauft wird, Motto: Wer nach oben strebt, zeichnet sich dadurch aus, dass er die Dinge nach vorne bringt, nicht lange fackelt. Ein Machertyp eben. Geduld ist die Sache solcher Leute nicht. Unfug!

Ungeduld ist sogar eine große Schwäche, die häufig mit übertriebenem Ehrgeiz korreliert. Und beide haben schon so manches aufstrebende Nachwuchstalent zu Fall gebracht. Die Ich-Alles-Jetzt-Attitüde erschafft nur Instant-Typen, die zu schnell und zu viel auf einmal wollen, der Aufgabe aber (noch) nicht gewachsen sind. Man kann nicht drei Jahre Erfahrung in einem absolvieren. Es ist die Übung, die den Meister macht. Noch immer.

Es erfordert Geduld ein schwieriges Projekt und erst recht andere Menschen zu führen. Abwarten zu können, kann sogar eine Tugend sein. Manches Problem erledigt sich von allein oder man bekommt im Laufe der Zeit Informationen und Ideen, die eine bessere Lösung ermöglichen. Außerdem ist nichts frustrierender, als die Karriereleiter im Sauseschritt emporzuklettern, nur um oben festzustellen, dass man sie an der falschen Wand angelegt hat.

Ungeduld lässt uns schneller altern

Extra-Tipp-IconForscher der Rockefeller Universität in New York stellten kürzlich fest: Ungeduld lässt Menschen schneller altern. So zeigten die Laborversuche, dass die Zellalterung bei jenen Probanden beschleunigt war, denen häufig der Geduldsfaden riss. Bemerkenswert ebenfalls: Frauen sind von diesem Effekt stärker betroffen als Männer.

Vergessen Sie solche Sprüche also bitte ganz schnell wieder. Wer so antwortet, überzeugt niemanden. Wer zu viel arbeitet, hat womöglich sein Zeitmanagement nicht im Griff oder kein Privatleben; der Perfektionist indes offenbart damit nur eines: Er ist so perfektionistisch, dass er nicht einmal zu seinen Schwächen stehen und mit ihnen auch nicht konstruktiv umgehen kann. Danke, Nächster!

Es ist viel sinnvoller, sich mit seinen Schwächen auseinander zu setzen und damit auch ebenso ehrlich wie wirksam umzugehen, was freilich nicht gleichbedeutend ist, ständig an seinen Schwächen zu laborieren. Das kann genauso falsch sein. Häufig ist es sogar klüger, die Schwächen Schwächen sein zu lassen und die Stärken zu stärken.

Im Bewerbungsgespräch aber gilt: Jeder von uns hat Schwächen. So zu tun, als hätte man keine, ist nicht nur nicht authentisch - das kauft einem auch keiner ab. Und ein Unternehmen, dass Sie ablehnt, weil Sie ein Mensch mit ein paar Macken sind, aber wenigstens dazu stehen, hat Sie auch nicht verdient.

Extra-Tipp: Die beste Frage für Personaler

Extra-Tipp-IconFalls Sie selbst zu der Gruppe der HR-Verantwortlichen gehören, die noch immer gerne fragen: "Was ist Ihre größte Schwäche?" - wir hätten da eine (moderne) Alternative, von der wir glauben, dass Sie mehr über ein echtes Alleinstellungsmerkmal, über Durchsetzungsvermögen und Engagement verrät:

Erzählen Sie mir von einer Situation, die Sie in Ihrem bisherigen Job gemeistert haben und von der Sie glauben, dass sie ein anderer in derselben Position nicht geschafft hätte.

Beispiele für gute Antworten auf die Frage nach den Schwächen

Die Frage, die letztlich hinter der Frage des Personalers nach den Schwächen liegt, lautet:

Sind Sie ehrlich und selbstkritisch?

Natürlich gibt es inzwischen zahllose Beispiele und Empfehlungen für gute Antworten auf diesen Fragenklassiker. In der Regel läuft es aber immer auf dieselbe kluge Antwort hinaus:

Ehrlichkeit gepaart mit einem guten Vorsatz.

Heißt: Geben Sie ruhig eine Schwäche zu, aber erklären Sie auch sofort, wie sie damit konstruktiv umgehen.

Einige Antwort-Beispiele finden Sie hier:

  • "Ich habe Probleme damit, vor größerem Publikum zu sprechen. Ich bin dann meist sehr nervös und fühle mich unwohl. Aber ich versuche das in den Griff zu bekommen. Deshalb habe ich begonnen, einen Rednerkurs zu belegen."

    Problematisch wäre diese Schwäche natürlich nur dann, wenn Sie in im neuen Job tatsächlich oft vor Gruppen referieren müssten - etwa als Pressesprecher. Tritt diese Situation ab und an auf - etwa bei internen Meetings -, hält sich das Handicap in Grenzen. Wenn Sie dann noch erzählen, dass Sie Rhetorik-Kurse besuchen oder Seminare für Präsentationstechnik absolvieren, ist die Schwäche auch kein Problem mehr, im Gegenteil: Es belegt zunehmende Kommunikationskompetenz.
  • "Es fällt mir schwer, meine Meinung in einer großen Runde zu vertreten - vor allem, wenn ich mich damit alleine gegen andere durchzusetzen soll. Meistens suche ich mir dann im Vorfeld Kollegen, die ich im Vier-Augen-Gespräch überzeugen kann und die mich dann später unterstützen."

    Zugegeben, dass ist nicht optimal und kann in fast jeder Position zu einem echten Problem mutieren. Durchsetzungsfähigkeit ist schließlich das, was man von künftigen Führungstalenten erwartet. Aber mal ehrlich: Geht das nicht uns allen so - so ganz allein mit einer Meinung gegen den Rest der Welt? Wozu hat man Kollegen und ein Team?! Wer sein Team im kleinen Kreis im Vorfeld überzeugen kann, steht in der großen Runde nicht allein da. Das beweist eher noch strategisches Denken - trotz Schwäche. Und wer Kollegen überzeugen kann, hat sehr wahrscheinlich auch gute Argumente und braucht vielleicht nur noch ein wenig Rhetorik-Training...
  • "Ich kann wunderbar im Team arbeiten, aber um kreativ zu werden oder neue Ideen zu entwickeln, brauche ich meine Ruhe und ziehe mich gerne allein zurück. Das Ergebnis bespreche ich aber natürlich wieder gerne mit den Kollegen und kann dann auch mit Kritik umgehen."

    Das kann eine Schwäche sein und kommt bei manchen Kollegen vielleicht auch nicht immer gut an. Kreativität lässt aber eben auch nicht verordnen. Und jeder benötigt dazu ein anderes Umfeld. Es ist ein lösbares Problem: Modelle wie ein Home-Office-Tag pro Woche oder feste Zeiten, in denen Sie nur für sich arbeiten und das Ihren Kollegen auch sagen, bedeuten ja nicht sofort die Störung des Betriebsfriedens. Wahrscheinlich haben Sie sogar schon einige dieser Optionen in bisherigen Jobs oder Projekten umgesetzt. Erzählen Sie davon und von den Erfahrungen damit! Dann wird auch klar, dass Sie eben kein Eigenbrödler sind, sondern Teamplayer mit gelegentlichen geistigen Quarantäne-Zeiten.
  • "Ich habe gleich ein paar Schwächen: xxx, yyy, zzz. Aber offen gestanden investiere ich meine Energie mehr in meine Stärken und baue diese aus. Und zwar so und so und so..."

    Die Antwort ist mutig, nicht ganz unheikel, zugegeben. Sie darf auf keinen Fall so klingen, als seien Sie zu arrogant, Ihre Schwächen zu erkennen oder darüber zu sprechen. Deswegen wäre es auch ratsam, gleich ein paar (harmlose) davon zu nennen. Der entscheidende Punkt aber ist, dass Sie hierbei zu erkennen geben, Prioritäten richtig zu setzen: Nicht noch mehr Kraft und Zeit in Schwächen investieren, die vermutlich immer solche bleiben werden, sondern Talente weiter ausbauen und sich weiterentwickeln. Das ist nicht nur klug, sondern beweist auch Charakterstärke. Damit das freilich keine Worthülse bleibt, sollten Sie schon konkret belegen können, wie Sie an sich arbeiten.

Weitere Beispiele für Schwächen im Vorstellungsgespräch

  • Ich kann schlecht Nein sagen...
  • Manchmal rede ich zu viel, um meine Meinung zum Ausdruck zu bringen...
  • Bisher geringe Praxiserfahrung...
  • Meine Selbstorganisation könnte besser sein...

Auch bei diesen Punkten gilt natürlich, dass im Vorstellungsgespräch immer auch ein positiver Aspekt damit verbunden werden sollte. Beispielsweise dass die fehlende Organisation dadurch umgangen wird, dass man selbst darauf achtet, sich seine Aufgaben und Deadlines aufzuschreiben, um den Überblick nicht zu verlieren.

Beispiele für Stärken im Vorstellungsgespräch

Production Perig/shutterstock.comWenn bereits nach den Schwächen gefragt wurde, ist der nächste absehbare Schritt natürlich auch nach den Stärken eines Bewerbers zu fragen. Viele Kandidaten fühlen sich hier auf der sicheren Seite, schließlich scheint es eine Leichtigkeit zu sein, von den eigenen Qualitäten zu sprechen und zu betonen, warum man für den Job der perfekte Bewerber ist. Ganz so einfach ist es aber nicht, denn es muss ein Mittelmaß gefunden werden. Weder sollte man sein Licht unter den Scheffel stellen, noch sollte die Antwort in Selbstbeweihräucherung ausarten.

Sollten Sie in einem Vorstellungsgespräch nach Ihren Stärken gefragt werden, sollten Sie deshalb zwei Punkte beachten.

  • Loben Sie sich nicht in den Himmel. Wie bei den Schwächen gilt auch bei den Stärken: Es muss authentisch bleiben. Natürlich wollen Sie sich gut verkaufen, realistisch muss es allerdings schon bleiben. Loben Sie sich nicht über den Klee, sondern konzentrieren Sie sich auf einige Stärken, die Sie wirklich besitzen und die für die Stelle relevant sind.
  • Belegen Sie Ihre Stärken mit Beispielen. Es ist schön, diverse Schlagworte in den Raum zu werfen, sich selbst alle möglichen Attribute zuzuschreiben und damit zu versuchen, den Personaler zu überzeugen. Leider klappt es so meist nicht. Erst, wenn Sie Ihre Stärken an konkreten Beispielen, beispielsweise aus einer vorherigen Anstellung, belegen können, machen Sie wirklich Eindruck bei Ihrem Gegenüber.

Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigen die folgenden Beispiele. Diese können der Inspiration dienen, sollten aber nicht einfach für das nächste Gespräch übernommen werden, da sie vermutlich nicht genau zu Ihren Fähigkeiten und Ihrer Situation passen.

  • "Ich kann sehr gut unter Zeitdruck und Stress arbeiten. Als in meinem letzten Beruf die Deadline für ein großes Projekt kurz bevorstand, hat mich das zu noch besseren Leistungen angetrieben."
  • "Mir liegt es, neue Aufgabenbereiche und Themengebiete schnell zu verstehen. Aus diesem Grund arbeite ich auch so gerne im Projektmanagement, da man sich immer wieder auf neue Situationen einstellen muss."
  • "Um Probleme zu lösen, kommt meine Kreativität oft sehr gelegen. Während meiner Ausbildung habe ich zusammen mit einigen Kollegen regelmäßig ein Meeting veranstaltet, in dem wir gemeinsam durch Brainstorming neue Ideen entwickelt haben."
  • "Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, lasse ich nicht mehr davon ab. Diese Zielstrebigkeit hat mir geholfen, nicht aufzugeben, auch wenn die Chancen schlecht standen, und am Ende den Ausbildungsplatz zu erhalten."
[Bildnachweis: Denis Simonov, pan_kung, Production Perig by Shutterstock.com]