Ein Gast-Essay von Jeanette Fuchs
Jeanette Fuchs lebt in Salzburg und ist PR- und Eventmanagerin sowie bekennende Weltenbummlerin und Web2.0-Omniprofilistin. Im Internet unterhält sie gleich mehrere Accounts, unter anderem bei Xing, Facebook, Flickr, Del.icio.us, Außerdem schreibt sie mit Ihrer Kollegin Stephanie Jung ein wunderschönes Reiseblog: Follow your Trolley
Da steht man also nun mit seinen mühsam gesammelten 199 Xing-Kontakten und 300 Facebook-Freunden. Erst tönt es noch aus allen Ecken des Karriere-WWW, man möge sein gepushtes Ego gefälligst irgendwie auf die erste Google-Seite befördern und parallel dazu die lustigen Wies’n-Fotos mit dem Bierkrug in der Hand ganz dezent einer anderen Online-Identität in die Schuhe schieben und nun droht der akute Kursverfall des persönlichen Online-Netzwerkes. Neue Studien wollen beweisen: 200 Kontakte oder mehr sind der Indikator einer sozialen Dysfunktion im realen Leben. Ist hier geradezu ein Paradigmenwechsel im Anmarsch? Hat der versierte Karriereforscher tatsächlich Recht, müsste sich der Kollege mit seinen armseligen 33 Kontakten endlich nicht mehr wie der einsamste Mensch der Welt fühlen, sondern mutiert mit einem Schlag zum Trendsetter. Qualität vor Quantität.
Aber wie bitteschön schrumpft man sein Netzwerk gesund? Wie kündigt man Moses aus Kenia, den man niemals gesehen hat, die Facebook-Freundschaft? Oder Volodya aus Russland, der – trotz kaum erkennbarer Gemeinsamkeiten im Berufsprofil – große Potenziale für das gemeinsame Business sieht? Ist es noch seriös mit Event-Dieter (4502 Xing-Kontakte) befreundet zu sein? Gilt es noch als erstrebenswert, einen direkten Verbindungspfad zu Monaco-Kerstin (11.212 Kontakte) aufzubauen? Und darf ich Markus Kavka, der es höchstwahrscheinlich ohne sein Wissen und Zutun zu einem beachtlichen Kreis von 3565 Freunden gebracht hat, in meinem Netzwerk behalten ohne unglaubwürdig zu wirken? Achja, und wo wir schon mal dabei sind: Demonstriert man mit Bekanntschafts-Statusmeldungen nun cosmopolitisches Jetsetter-Dasein oder zeugt es eher davon, dass man nichts Besseres zu tun hat? Und was habe ich eigentlich davon, mein Ich bei 123people ins rechte Licht zu rücken? Muss ich bei VIP-Ranking Faktor 328 (was wohl eher dem V.U.P.-Status entspricht – Very Unimportant Person) rot werden oder ist das schlicht und ergreifend die Strafe dafür, dass ich zu faul oder zu beschäftigt war, meine Hausaufgaben bei Yasni zu erledigen? Nämlich meine Suchergebnisse zuzuordnen und einem möglichst großen Kreis damit auf die Nerven zu gehen, mein Profil gefälligst zu bestätigen. Und überhaupt: Gilt es als Wissenslücke Twitter für ein hermaphroditisches Fabelwesen zu halten?
Fragen über Fragen, auf die die Netzwelt mit ihren eigenen schwammigen Gesetzen täglich neu kreierte Antworten findet. Doch bevor man sich selbst zu fragen beginnt, in welcher Welt wir eigentlich leben, könnte man auch handeln. Es soll ja Leute geben, die sich irgendwann als hochgradige Facebook-Addicts geoutet haben (und ich bin sicher, die Gruppe existiert irgendwo da draußen) und als lebensrettende Maßnahme ihren Account gekündigt haben, was zumindest mental gar keine einfache Sache ist, da man auf der Deaktivierungsseite prompt mit den traurig wirkenden Gesichtern seines Social Networks konfrontiert wird, inklusive rührseligem Begleittext, dass Tom, Kurt, Sandra & Co. den entschlossenen Aussteiger schwerstens vermissen werden. Die härteste Phase des Entzugs folgt allerdings erst nach der Aufgabe der Digitalexistenz: Kein unbemerktes Blättern in den Fotoalben anderer, kein Rumschnüffeln mehr im virtuellen Lebensraum des Ex und auch kein anderer sieht mehr, was man selbst so tut oder vor hat. Das Leben driftet ab in die völlige Bedeutungslosigkeit. Real, digital – wer weiß das schon.
Vielleicht muss es aber auch nicht gleich die totale Selbstaufgabe der WWW-Identität sein. Womöglich reicht es schon, den nächsten Wies’n Schnappschüssen zur Sicherheit den Rücken zuzudrehen. Und vielleicht missbraucht man die süße Natascha aus Weißrussland eben doch nicht, um attraktive Freundschaften rund um den Globus vorzugaukeln. Wer weiß, vielleicht bricht das Twitter-Universum ohnehin eines Tages in sich zusammen, weil keiner mehr Lust hat, im Minutentakt seinen aktuellen Aggregatszustand mit der Welt zu teilen. Und ganz ehrlich: Warum nicht die Links künftig wieder ganz old-school in der persönlichen Lesezeichenliste abspeichern – warum daraus ein gesellschaftsfähiges Happening machen? Von Authentizität ist das ohnehin weit entfernt, denn wer macht schon die Bild-Zeitung als deliziösen Link öffentlich, auch wenn man deren Traffic täglich in die Höhe treibt? Da macht sich der Link der New York Post schon wesentlich besser.
Irgendwann in irgendeinem Forum kam die berechtigte Frage auf: Was passiert eigentlich mit all diesen Xing-, Facebook- und Was-auch-immer-Accounts, wenn die derzeitige Generation ausstirbt? Wenn Generation Golf zusammen mit Generation Ally langsam aber sicher alt und senil wird, womöglich Alzheimer-bedingt die Passwörter vergisst und schließlich auch ganz real nicht mehr existiert? Facebook könnte zur digitalen Geisterbahn verkommen und bei Xing versammeln sich die Alten: Die Gruppe „Senioren-Karate“ hätte endlich mehr als sechs Mitglieder und das „Seniorennetzwerk“ würde locker die Zehntausendermarke durchbrechen. Möglicherweise macht es die nächste Generation ja sowieso völlig anders und es gilt dann als chic, nicht mehr als eine Handvoll, dafür aber hochkarätige Personen für das persönliche Netzwerk zu gewinnen. Weder Monaco-Kerstin noch Event-Dieter hätten eine Chance in diesen Zirkeln. Eigentlich doch ganz gut so?!







Jörg Oyen
Klasse – die Bedeutung der virtuellen Adressbücher mal schnell durchleuchtet.
Katrin K.
Schöne Gedankenspielerei. Aber wie werde ich meine Kontakte denn nun tatsächlich los? Und wie viel Online-Aktivität ist für professionelles Reputationsmanagement sinnvoll? Besser gefragt: Wie viel lässt sich denn überhaupt gewinnbringend handhaben? Wie viele Kontakte, wie viele Netzwerke und Services? Ich habe noch nie verstanden, wie man Tausende Xing-Kontakte sammeln und dabei den Überblick behalten kann – da müssen doch zwangsläufig Hunderte Karteileichen dabeisein.
Göran Askeljung
Haben Sie den Artikel “Right Sizing” Your PANs, CANs, and FANs von Christian Mayaud 11 März 2005(!!!) gelesen? Link: http://www.sacredcowdung.com/archives/2005/03/right_sizing_yo.html
Ich habe vielleicht so um die 200 Läute die ich zur Zeit als “Lebendige Kontakte” benenne aufgeteilt auf die unterschiedlichsten SN’s. Diese sind meine CAN’s. Den Rest sind FAN’s und PAN’s auf dem ich in zufunkt vielleicht wieder “Zugriff” brauchen könnte. Ich sehe überhaupt keine Grund Sie deswegen aus meine Kontaktlisten zu Löschen. Die Frage ist einfach wie ICH damit umgehe und den Überblick erhalte. Dazu gibt es aber auch reichlich an Tools die es erleichtert.
Pingback: „Wie werde ich meine Facebook-Freunde los – in 10 Tagen?“ auf karrierebibel.de – Jeden Tag mehr Erfolg! | meyer-hentschel.net
Elisabeth Ornauer
Danke für diesen wunderbaren Artikel, der mich schmunzeln ließ und auch nachdenklich machte… Auch ich habe schon mal überlegt, Facebook aufzugeben, allerdings ganz, weil ich mein XING-Netzwerk und meinen Blog hab und neuerdings auch bei Twitter unterwegs bin und das alles nicht mehr seriös betreuen kann. Wenn ich tausende Kontakte habe, wieviel Zeit kann ich tatsächlich für jeden einzelnen aufbringen, um in Kontakt zu bleiben…??? *grübel*
Herz-lichst Elisabeth
Miriam
Nachdem bei mir die Freundesliste bei Facebook die 200 überschritten hatte, kam ich auch ins grübeln wo das hinführt. Obwohl ich mit jeden einzelnen davon irgendwann einmal zu tun hatte, interessiert es mich doch heute gar nicht mehr, was Hinz und Kunz machen. Dann hab ich angefangen Freundschaften zu kündigen und bisher hat sich niemand beklagt. Jetzt bin ich bei rund 90 Freunden. Es könnten zwar noch weniger sein, aber vielleicht braucht man den einen oder anderen Kontakt ja nochmal…
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