Klares Feedback: Seien Sie bloß nicht zu nett!

Vor allem unerfahrene Führungskräfte tappen regelmäßig in die Falle: Sie sollen Mitarbeitern klares Feedback geben, Leistungen beurteilen und gegebenenfalls Fehler benennen, wollen aber gleichzeitig populär und am liebsten Everybody’s Darling bleiben. Ein Drahtseiltakt, der leider viel zu oft darin endet, watteweiche und wolkige Worte zu nutzen, die missverstanden werden können – oder schlimmer: Die Führungskraft davon abhalten, das zu tun, was sie soll: zu führen. Klarheit beim Feedback ist oberste Pflicht. Wer zu nett ist, schadet nicht nur sich selbst, sondern letztlich sogar seinen Mitarbeitern…

Klares Feedback: Seien Sie bloß nicht zu nett!

Klares Feedback: Die Angst, unbeliebt zu sein

Wer möchte nicht gemocht werden? Der Wunsch nach Anerkennung sowohl auf der fachlichen als auch der persönlichen Ebene begleitet die Menschen von Kindesbeinen an.

Da gibt es den Klassensprecher, den Teamleiter im Sportteam – alles Positionen, die Bewunderung, aber auch Neid auf sich ziehen können. Im Beruf ist das später ganz ähnlich. In der Kindheit haben wir gelernt, dass man mit Freundlichkeit weiter kommt.

Erst im Laufe des Älterwerdens lernt man eigene Interessen stärker zu vertreten. Das ist nicht immer leicht, denn oftmals trägt eine entsprechende Sozialisierung dazu bei, dass wir uns schwer damit tun, Dinge abzulehnen. Besonders Frauen sind so erzogen worden, dass sie sich mehr zurücknehmen und dafür mehr an andere denken sollen. Sie neigen dazu, eigenverantwortliches Handeln mit Egoismus gleichzusetzen, was häufig mit einem schlechten Gewissen einhergeht.

Je mehr Verantwortung jemand übernimmt, desto häufiger müssen aber auch unliebsame Entscheidungen getroffen und ungeliebte Kritik ausgesprochen werden.

Bitte verstehen Sie uns nicht falsch: Grundvoraussetzung für jedes Feedback ist ein respektvoller, wertschätzender und freundlicher Ton. Daran gibt es nichts zu diskutieren. So möchte jeder Mensch behandelt werden.

Zahlreiche Artikel konzentrieren sich deshalb (zurecht) darauf, wenn Chefs und Manager über die Stränge schlagen, ihre Mitarbeiter runterputzen, anbrüllen oder sie gar wie Leibeigene behandeln. Das ist weder professionell, noch zeugt es von echter Führungskompetenz.

Tatsache ist aber auch, dass Führungskräfte ebenso auf der anderen Seite vom Pferd fallen können – wenn sie schwammig bleiben, sind hinter Anbiederei und zu netten Worten verstecken. Problematisch wird es vor allem dann, wenn Sie sich manipulierbar machen oder gar ausnutzen lassen – nur, weil sie gefallen wollen.

Überprüfen Sie sich selbst

Check-Icon-TransparentEs ist ein schmaler Grat zwischen nett und zu nett: Fällt es Ihnen zum Beispiel schwer, nein zu sagen? Oder haben Sie Schwierigkeiten damit, für Ihre Interessen einzutreten? Wenn das auf Sie zutrifft, dann können Sie folgende Aussagen vermutlich unterstreichen:

  • Akzeptanz und Beliebtheit sind mir wichtig.
  • Die Erwartungen anderer nehmen eine hohe Priorität ein.
  • Harmonie hat einen hohen Stellenwert, daher vermeide ich Konflikte.
  • Die Wünsche anderer abzulehnen fällt mir schwer.
  • Die Meinung anderer ist mir sehr wichtig.

Zu nett im Job: Warum es schädlich ist

Stellen Sie sich vor, Sie müssten einen vorläufigen Schlussbericht lesen und geben Ihrem Mitarbeiter nun per E-Mail folgendes Feedback:

Lieber XY,

der vorläufige Bericht ist in jeder Hinsicht ganz hervorragend geworden. Ganz ehrlich, da ist alles mit in Ordnung, ich hätte höchstens eine Kleinigkeit anzumerken: Vielleicht ziehst du in Erwägung, in der Einleitung mehr auf unsere Partner einzugehen. Und vielleicht fügst du noch einen Bereich hinzu, wo du den öffentlichen Sektor erwähnst.

Aber mach dir keine Gedanken, wenn es nicht geht. Davon abgesehen war das Ganze toll, so wie alles, was du tust. Und wenn du magst, füge ich die genannten Dinge für dich ein.

Für denjenigen, der diese Mail erhält, ist das sicher angenehm zu lesen. Wenn man das Geschriebene allerdings genauer betrachtet, wird klar, dass dieses watteweiche, fast schon überschwängliche Feedback niemandem etwas bringt.

Dafür gibt es drei Gründe:

  1. Es wirkt unecht.

    Vielleicht will die Führungskraft niemanden kränken. Der Nebeneffekt der wohlwollenden und unklaren Ausdrucksweise ist aber, dass der Mitarbeiter sich fragen wird: Was will mir der Chef damit sagen? Was das jetzt ein Lob oder eine Kritik? Widersprechen sich die Worte aber derart, wirken sie schnell unglaubwürdig und kaum noch authentisch. Dabei müssen sich Kritik und ein freundlicher Umgang überhaupt nicht ausschließen. In dem Bericht fehlen zentrale Punkte. So kann man ihn später nicht vorlegen. Also muss nachgebessert werden. Das lässt sich sagen, ohne brüskierend zu sein oder alles in allgemeine Lobeshymnen zu verpacken.

  2. Es ist nicht konstruktiv.

    Wer sich ausschließlich darauf konzentriert, gemocht zu werden, wird vermeiden, Dinge auszusprechen, die gesagt werden müssen. Das aber hilft niemandem. Im Gegenteil: Der betreffende Mitarbeiter kann nichts daraus lernen und sich auch nicht weiterentwickeln.

    Natürlich ist eine kritische Rückmeldung nie leicht zu verdauen. Gerade wenn sie vom Chef kommt. Fehlende konstruktive Kritik lässt sich aber auch anders deuten: als Geringschätzung. Motto: Den hab ich schon abgeschrieben, den kann man nicht mehr fordern und fördern!

    Mitarbeiter spüren durchaus, ob ihr Chef es gut mit ihnen meint und das Feedback dazu dient, sie weiter zu entwickeln und sie hier und da aus der Komfortzone zu locken. Oder ob es nur darum geht, die eigene schlechte Laune zu ventilieren und eine veritable Profilneurose zu therapieren. Ehrliches und wohlwollendes Feedback braucht daher auch keine Abschwächungen vom Typ vielleicht, eventuell, falls du möchtest, gegebenenfalls kannst du überlegen, …

  3. Es schadet der Führungskraft.

    Die meisten Menschen wollen vorankommen, sich beruflich entwickeln. Sie sind interessiert daran, wie sie etwas besser machen können. Dafür ist ein ehrliches, klares Feedback unumgänglich. Und kein Mensch ist nun mal perfekt. Fehler passieren in jedem Job. Diese zu ignorieren oder unbenannt zu lassen, macht sie meistens nur schlimmer. Im schlimmsten Fall entsteht der Eindruck, die Führungskraft sei inkompetent, weil die einzigen Kommentare darin bestehen, die Kollegen nur zu bestätigen. Womöglich bemerkt dieser Chef es nicht einmal. Wie aber will so jemand andere führen?

Nett zu sein bedeutet eben nicht, immer nur das zu sagen, was der oder die andere hören will. Entscheidend ist das Motiv hinter den Worten. Und je klarer das Feedback, desto deutlicher wird das auch.

[Bildnachweis: ESB Professional by Shutterstock.com]
10. November 2016 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

Karrierefragen Hinweis Artikel Unten 1000px

Andere Besucher lesen gerade diese Artikel:



Stellenanzeigen finden Sie auf www.karrieresprung.de.


Fertig gelesen? Zurück zur Startseite!