idreamphoto/Shutterstock.comMüßiggang ist aller Laster Anfang. Heißt es. Vergessen wird dabei allerdings, dass er genauso oft Ursprung guter Gedanken und großartiger Ideen ist. Sagen wir es, wie es ist: Die hohe Kunst des süßen Nichtstuns ist uns abhanden gekommen. Statt unseren Gedanken ab und an genussvoll beim Verklären zuzuschauen, schuften wir den ganzen Tag im Büro und sind auch noch stolz darauf, im Hamsterrad die Bodenhaftung trotz zunehmenden Tempos zu behalten. Chapeau! Aber dumm. Statt uns über optimiertes Zeitmanagement und mehr Work-Life-Balance den Kopf zu zerbrechen und darüber, möglichst rund um die Uhr beschäftigt zu sein, sollten wir uns hin und wieder der Muße hingeben – mit famosen Effekten…

Bessere Entscheidungen treffen ohne Leistungsdruck

ollyy/shutterstock.comMüßiggang oder dessen ordinäre Schwester, die Langeweile, werden gemeinhin unterschätzt. Wo Langeweile herrscht, regiert angeblich immer sofort Trübsinn im Gemüt, geistiger Leerlauf, Ödnis im Oberstübchen. Ein schauderhafter Gedanke!

Ein zeitlanges Martyrium ohne Impuls: “Die Langeweile ist eine der furchtbarsten Plagen unserer Zeit”, befand einst Erich Fromm. Eben noch war das Leben spannend, abwechslungsreich und interessant – nun sitzen wir da, allein mit uns und unseren Gedanken und müssen die Zeit totschlagen. Kalter Adrenalin-Entzug. Für manche ist das ein äußerst beängstigendes Szenario. Weniger wegen der scheinbar tumben Eintönigkeit, sondern eher wegen der unerträglichen Vorstellung, sich mit sich selbst beschäftigen zu müssen. Zugegeben, das kann in einigen Fällen tatsächlich grausam sein. Muss es aber nicht.

Alex Pouget, Professor und Hirnforscher an der Universität von Rochester, forscht schon eine ganze Weile auf dem Gebiet und kam unter anderem zu dem Schluss: Die besten Entscheidungen treffen wir unbewusst – also ohne große Anstrengungen und Leistungsdruck.

In dieselbe Kerbe schlägt auch Gottlieb Guntern. Der Schweizer Psychiater und Kreativitätsforscher ermittelte schon vor einer ganzen Weile: Entspannung und Zerstreuung sind das A und O, damit kreative Gedanken aufblühen können.

Künstler, Dichter und Gelehrte suchten diese die Ablenkung vom Alltag meist in der Natur:

  • Friedrich Nietzsche zum Beispiel wählte das kühle Klima des Engadin, um Also sprach Zarathustra zu schreiben.
  • Richard Wagner fand in den Gärten der Villa in Ravello die Inspiration für das Bühnenbild des 2. Aktes seiner Oper Parsifal.
  • Und die ostitalienische Stadt Ravenna, direkt an der Adria gelegen, inspirierte schon Dante Alighieri, Lord George Gordon Byron oder Gustav Klimt.

Sicher, bis zur Adria müssen Sie nicht reisen. Die schöpferische Kraft lässt sich eben auch schon so im Alltag durch ein wenig mehr Müßiggang und Abwechslung steigern.

Gewiss, Langeweile kann quälend sein. Die übliche Langeweile-Retusche aber auch.

Dabei verpassen wir auch noch eine Menge:

  • die Fähigkeit, uns in Geduld zu üben
  • kreativ zu werden
  • die Chance, zu beten oder zu meditieren (was ein Schlüssel zum Glück ist)
  • uns selbst besser kennenzulernen

Schon Friedrich Nietzsche erkannte: “Man erntet als Lohn für vielen Überdruss, Missmut, Langeweile jene Viertelstunden tiefster Einkehr in sich und die Natur.” Wer sich völlig gegen die Langeweile verschanze, verschanze sich somit auch gegen sich selbst. Und auch Johann Wolfgang von Goethe konsultierte pointiert: “Wenn die Affen es dahin bringen könnten, Langeweile zu haben, so könnten sie Menschen werden.”

Nur allzu oft steht der Langeweiler mit dem Nichtsnutz und dem Faulen ohne Arbeitsethos auf einer Stufe. Ich halte das für einen gefährlichen Irrglauben.

Bei Licht betrachtet, ist die Langeweile vielleicht sogar einer der größten Innovationsmotoren. Was hat der Mensch nicht alles ersonnen, um ihr zu entgehen?! Herrliche Gärten, Museen, Fernseher, Abenteuerreisen, Computerspiele, Vergnügungsparks, Meetings…

Wahrscheinlich verdanken manche Zeitgenossen das Glück ihrer Geburt sogar allein dem Umstand, dass sich ihre Erzeuger eines abends sehr langweilten. Ja tatsächlich, die Langeweile selbst kann ein spannendes Abenteuer sein – mit ungewissem Ausgang inklusive.

Low Performer haben auch gute Seiten

Sicher, es gibt Kollegen auch, die sind so faul, dass sie sich am liebsten noch künstlich beatmen ließen. Geschweige denn einen ganzen Satz zu Ende…

Diese Minderleister, im Fachjargon auch Low Performer genannt, sind Meister der Ausrede und ruhen sich aus auf dem Lorbeer, den andere erarbeiten. Keine Frage, berufsmäßige Faulancer sind ein personifizierter Betriebsunfall, ein perpetuum scandalum – ein fortwährendes Ärgernis. Sie machen den Job für Sie nicht besser, lassen Sie aber kräftig dafür buckeln. Natürlich völlig gewissenlos und tiefenentspannt.

Doch wo Schatten ist, muss es auch Licht geben. Und tatsächlich, man kann diesen Faulpelzen und Müßiggängern durchaus einige gute Seiten abgewinnen. Diese…

  1. Low Performer lassen Sie selbst besser aussehen. Alles ist relativ. Das gilt nicht nur für Einstein’sche Theorien, sondern auch für Leistung. Neben einem Faulpelz sieht selbst jemand, der Dienst nach Vorschrift tut, noch übereifrig und fleißig aus. Tunichtgute sind die Blinden unter den Einäugigen im Büro. Und Sie können dank deren passiver Mithilfe gar zum König aufsteigen: Je mehr Nichtstuer Sie umgeben, desto mehr werden Sie Ihrem Boss als echtes Arbeitstier auffallen.
  2. Low Performer beschleunigen Ihren Aufstieg. Low Performer und Nichtsnutze werden Ihnen zahlreiche Gelegenheiten schenken, deren Fehler auszubügeln, ein Projekt zu retten und dabei erste Führungsaufgaben wahrzunehmen. Andere müssen um erste Verantwortung kämpfen, Sie dagegen erhalten einen Trainingsplatz. Frei Haus. Ihr Chef wird es genauso sehen.
  3. Low Performer dienen als warnendes Beispiel. Vielleicht war der Kollege nicht immer so faul. Erst Routine, Langeweile und Phlegma formten aus ihm den tumben Taugenichts, der er heute ist. Wollen Sie auch so werden? Falls nicht, dann nehmen Sie seine Attitüde als heilsame Abschreckung. Und bekämpfen Sie den Alltagstrott.
  4. Low Performer sind keine Konkurrenz. Eine derartige Drohne würde eine Chance nicht einmal erkennen, wenn sie ihm die Hand schütteln würde. Geschweige denn ergreifen – zu viel Arbeit! Umso besser für Sie: So warten alle Gelegenheiten auf Sie ganz alleine.
  5. Low Performer reduzieren den Druck. In besonders arbeitsscheuen Teams heißt es irgendwann: „Langsam, junger Kollege! Du bringst die ganze Schicht aus dem Trott.“ Sie müssen sich von solchen Pflastertretern zwar nicht gleich ausbremsen lassen, aber Sie brauchen sich auch nicht gerade verausgaben, um positiv aufzufallen – etwa in Nebenprojekten.
  6. Low Performer sind gute Informanten. Wenn es eine Sache gibt, die der Faulpelz beherrscht, dann ist es Auskundschaften. Etwa Wege, wie man noch mehr Arbeit vermeidet. Oder welche Rechte Arbeitnehmer haben. Oder was gerade so im Betrieb passiert. Alles hilfreiche Informationen, die faule Kollegen bereitwillig teilen: Zu irgendwas wollen schließlich auch sie nützlich sein – und womöglich schaffen sie sich so einen Verbündeten.
  7. Low Performer sind gute Multiplikatoren. Umgekehrt: Wenn es Eines gibt, was Faulpelze hassen, dann Aufsteiger. Die lassen sie noch träger und leistungsschwächer aussehen. Sollten Sie also in den Genuss einer Beförderung kommen, erzählen Sie das beiläufig Ihrem faulen Kollegen. Der mag Sie dann zwar nicht mehr, sorgt aber dafür, dass Ihr Aufstieg schnell die Runde macht.

Genuss, Gelassenheit und Müßiggang

Mihaly Csikszentmihalyi, einer der namhaftesten Kreativitätsforscher und ehemaliger Psychologe an der Universität Chicago, befragte einmal rund 100 kreative Persönlichkeiten, darunter Chemiker, Physiker, Nobelpreisträger, aber auch Schriftsteller oder Musiker, nach ihren Inspirationsquellen. Ergebnis: Es war vor allem die Umgebung, die Eingebungen provozierte.

Besser ist also, seinen Horizont und seine Wahrnehmung ständig zu erweitern: etwa durch Lesen, Besuche in Museen, selbst das Umstellen des Schreibtisches kann schon inspirieren. Der Trick ist lediglich, eingefahrene Verhaltensmuster und Denkpfade bewusst zu verlassen und die Seele ein wenig baumeln zu lassen.

Kurz: Wir brauchen mehr Mut zur Muße!

Das schreiben wir vor allem für jene auf Leistung gepolte Menschen, die meinen, alles müsse einen Nutzen haben. Muss es natürlich nicht.

Mit dem Müßiggang verhält es sich genauso wie mit guter Bildung: Er durchlüftet den Geist, gibt uns Zeit und Neues zum Denken, ist aber mitunter völlig zweckfrei.

Müßiggang ist eine Ode an die Öde

Zugegeben, aus diesem Grund besitzen Tagträumereien und geistige Auszeiten einen schlechten Ruf. Sie werden häufig mit mangelnder Disziplin und einer schlechten Auffassungsgabe gleichgesetzt. Der Müßiggänger – er steht häufig mit dem Faulenzer auf Augenhöhe. Sigmund Freud unterstellte ihm sogar den Verdacht, dass Tagträume die Entwicklung von neurotischen Beschwerden begünstigen.

Quatsch! Das Gegenteil ist richtig: Müßiggänger sind kreativer, ausgeglichener und finden oft auch die besseren Lösungen für Probleme. Vermutlich erkranken sie auch nie an einem Burnout.

Nur allzu oft erliegen wir der eitlen Illusion, für eine gewisse Zeit nicht erreichbar zu sein oder keine Entscheidungen zu treffen, würde den Untergang des Abendlandes einleiten oder uns sozial isolieren.

Ein Kurzschluss, der sich leicht falsifizieren lässt. Nicht wenige stellen nach ihrer Rückkehr verblüfft fest: Egal, wie lange sie weg waren – die Firma hat überlebt, die Freunde sind noch da, und es gibt ein Leben nach dem Urlaub.

Weil Langeweile auf viele so bedrohlich wirkt, bekämpfen sie diese sofort mit Zuständen heftiger Ablenkung: Sie schalten die Glotze an, gehen joggen oder shoppen, stemmen Hanteln, saufen, telefonieren, simsen (was sich an Bahnsteigen und Bushaltestellen vortrefflich beobachten lässt). Wir sehnen uns nach Abwechslung, Heiterkeit und Trubel – und vergessen, dass man sich auch in Gesellschaft und Aktion bestens langweilen kann. Jeder, der schon einmal auf Partys gepilgert, über Vernissagen geschlendert ist oder Kongresse besucht hat, weiß, wie öde das sein kann, belanglose Gespräche zu führen, über das Wetter zu plaudern und über die Kurven des Börsenkurses oder die der Besucherin in der Ecke hinten links zu dozieren.

Dabei braucht unser Körper von Zeit zu Zeit genau das: runterkommen, gelassen werden, schwelgen und den Gedanken beim Verklären zusehen…

Was viele nicht wissen: Der Müßiggang war einst ein Privileg des Adels. Seien wir doch froh, dass wir alle ihm heute frei nachgehen dürfen.

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