Gute Einfälle sind Geschenke des Glücks. – Dieses Zitat des deutschen Dichters Gotthold Ephraim Lessing fasst gut das schüchterne Wesen des schöpferischen Geistes zusammen: Immer dann, wenn wir auf Kommando kreativ sein wollen, fällt uns partout nichts ein. Zugegeben, Kreativität lässt sich nicht erzwingen. Doch wir können die Voraussetzungen schaffen, um sie aus der Reserve zu locken. Einige Methoden dazu kennen Sie sicher schon – wir stellen Ihnen heute eine weitere, vielleicht noch unbekannte vor…
Die Morgenseiten
Wenn Ihr erster Gedanke jetzt ist “Das klingt nach früher aufstehen”, dann haben Sie recht. Tja, sorry. Aber wenn Sie schon bis hierhin gelesen haben, können Sie auch noch weitermachen – es lohnt sich. Garantiert!
Braindump
Laut Wikipedia steht der englische Begriff für einen “Hirnauszug” – ein Gedächtnisprotokoll. Es ist eine noch freiere und radikalere Form des Brainstormings, weil dabei die Gedanken praktisch einmal vollständig entleert werden.
Was also verbirgt sich hinter den Morgenseiten? An sich ist es ganz einfach: Gleich nach dem Aufstehen nehmen Sie sich drei leere A4-Seiten und einen Stift. Dann schreiben Sie so lange, bis die drei Seiten gefüllt sind. Das machen Sie jeden Tag, ohne Ausnahme. Im Prinzip war’s das dann auch schon.
Die am häufigsten gestellte Frage an diesem Punkt ist immer: “Was soll ich denn schreiben?”
Und genau hierin liegt die Chance, aber auch die Schwierigkeit der Methode. Es gibt keine Regeln für den Inhalt der Morgenseiten! Sie haben richtig gehört: Schreiben Sie einfach drauf los, ohne Zusammenhang, ohne Thema. Es muss nicht einmal einen Sinn ergeben, auch Grammatik und Rechtschreibung sind zweitrangig. Ihrer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Und genau das stellt oft ein Problem dar. Denn wir sind durch Schule, Ausbildung, Studium und Beruf dazu konditioniert, sinnvolle und inhaltlich zusammenhängende Texte zu schreiben. Die Morgenseiten sind die große Ausnahme!
Wie funktioniert das?
Zunächst einmal ein paar Vorbemerkungen: An kreativen Ideen mangelt es uns in den wenigsten Fällen, wir haben Sie nur in den unmöglichsten Situationen. Wie oft hatten Sie schon im morgendlichen Stau oder unter der Dusche gute Ideen? Wie viele davon haben Sie sich gemerkt und vielleicht sogar umgesetzt? Eben. Wir vergessen die guten Gedanken leider immer wieder zu schnell. Sie werden begraben unter den vielen Einflüssen und Anforderungen des Alltags.
Die Morgenseiten geben Ihnen die Gelegenheit, all diese Gedanken und Themen, die durch den Kopf schwirren, zu fixieren, bevor sie sich verflüchtigen. Der Tag beginnt danach dann tatsächlich mit einem “leeren Kopf“, der frei und unbelastet ist. Unser innerer Arbeitsspeicher wird sozusagen gelöscht.
Was bringt mir das?
Gute Frage! Die Morgenseiten erfüllen, neben dem Leeren des Kopfes zwei weitere Funktionen:
- Wenn Sie Ihre Morgenseiten wirklich ehrlich und ungefiltert vollschreiben, können Sie sich durch das Lesen derselben selbst besser kennenlernen. Es kann enorm erhellend sein, welche Gedankengänge über Tage hinweg immer wieder auftauchen.
- Durch die Fülle an Gedanken fällt es Ihnen leichter, gute Ideen zu finden. Denn im Lauf der Zeit sammelt sich so eine stattliche Anzahl kreativer Impulse an. Notierte noch dazu.
Um eine spürbare Wirkung zu erzielen, sollten Sie die Morgenseiten mindestens 30 Tage am Stück ausprobieren. Erst wenn das morgendliche Schreiben zur Gewohnheit geworden ist, werden Sie auch Veränderungen bemerken.
Damit Sie sich noch besser vorstellen können, wie die Morgenseiten in der Praxis funktionieren, hier noch ein kurzer Erfahrungsbericht nach sechs Monaten Anwendung:
Am ersten Tag klingelt der Wecker 20 Minuten früher. Stift und Papier liegen bereit, ich setzte mich davor und… weiß nicht was ich schreiben soll. Irgendwann fange ich einfach an. Ganz langsam beginne ich damit, Wörter zu Papier zu bringen. Je mehr es werden, desto einfacher fällt das Schreiben. Die drei Seiten sind im Endeffekt doch recht schnell gefüllt. Das erste Gefühl ist nichts Besonderes. Ich spüre keine direkte Wirkung. Naja, war ja auch der erste Tag.
Sechs Tage später kommt das erste Problem. Die Nacht war kurz, der Drang, liegen zu bleiben und weiter zu schlafen, ist stark. Aber nein, der Vorsatz ist da, zumindest 30 Tage will ich durchhalten! An diesem Morgen ist jedes Wort mühsam, nach zwei Seiten gebe ich schließlich auf, mehr frustriert als entspannt.
In der dritten Woche spüre ich die ersten Erfolge, das morgendliche Schreiben ist zur Gewohnheit geworden, ich freue mich richtig darauf. Ich fühle mich wirklich entspannter und gelassener, in letzter Zeit habe ich auch immer wieder spontane, kreative Einfälle. Diese Morgenseiten werden doch nicht wirklich funktionieren? Inzwischen schreibe ich meine Morgenseiten übrigens auf dem Computer, das Schreiben von Hand funktioniert einfach nicht für mich.
Nach sechs Monaten ist klar: Die Morgenseiten behalte ich bei. Das Schreiben tut mir gut und mein Tag beginnt deutlich entspannter und meine Kreativität hat sich spürbar gesteigert. Außerdem habe ich beim Lesen meiner alten Morgenseiten einige sehr interessante Themen entdeckt, die mir gar nicht bewusst waren, mich aber offensichtlich beschäftigt haben.
Wenn Sie auch eher das Schreiben auf dem Computer als von Hand bevorzugen, gibt es für Sie den passenden Webdienst. 750Words ist speziell für das Schreiben der Morgenseiten angelegt. Daher stammt auch der Name des Tools: Der Autor der Seite behauptet, dass 750 Wörter ziemlich genau drei A4-Seiten entsprechen.
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bee
Ein interessantes Thema. Hab mich gestern mal bei 750words angemeldet. Erst war da schon das Gefühl, dass 750 Worte irre viel sind. Aber das Schreiben war wie mentales Ausmisten, und als die Worte voll waren, hab ich mich schon auf heute gefreut, dass es weitergeht.
Doof nur, dass ich mich dort via Facebook anmelden muss. Also mit meiner echten Identität. In diesem Fall würd ich gerne anonym bleiben. Handschriftlich ist keine Alternative, da ich genau so schnell tippe wie denke, sprich dee Satz ohne Verzögerung aufgeschrieben wird. Es scheint leider auch keine anderen Anbieter oder Freeware-Tools zu geben. Und eibe leere Open-Office-Datei ist einfach nicht ästhetisch. Falls wer ne Idee hat…
Auf jeden Fall vieken Dank, dass du mich auf dieses Thema gebracht hast!
smiley
Probier’s mal mit http://alternativeto.net/software/750-words/
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