Manche Menschen werden erfolgreich – andere nicht. So ist das nun mal. Das Leben ist kein Ponyhof, und gerecht ist es schon gar nicht, denken wir. Und leben damit. Aber warum ist das so? Kann man so gar nichts dagegen tun?
Mein Kollege Daniel Rettig beschäftigt sich in der aktuellen WirtschaftsWoche mit der Frage, inwieweit die Gene unser Leben und damit vielleicht auch unsere Laufbahn beeinflussen. Zugegeben, die Diskussion dazu ist uralt. Es ist die Frage, was den größeren Einfluss hat – Anlage oder Umwelt? Seit wenigen Wochen flammt die Frage aber in den USA wieder neu auf. Anlass ist das neue Buch des Star-Journalisten Malcolm Gladwell, das bereits die dortigen Bestsellerlisten anführt. In „Überflieger: Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht“ geht auch Gladwell der Frage nach, inwieweit Erfolg erblich ist. Hans Lehrach, Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für molekulare Genetik, umschreibt es so: „Selbst durch hartes Training kann nicht jeder Weltmeister im Hundertmeterlauf werden. Beim einen sind dafür Muskulatur und Kreislauf bestens geeignet, beim anderen eben nicht.“
Wie es aussieht, sind Vorlieben, Charakterzüge, körperliche und geistige Stärken wie Schwächen zu einem nicht geringen Maß in unserem Erbgut verankert, und sie lassen sich nur in begrenztem Umfang durch Erziehung und Training formen. Von Geburt an kommen Menschen mit einem genetischen Programm auf die Welt, das ihr Leben und den Karriereweg mindestens genauso stark beeinflusst wie der finanzielle und soziale Hintergrund der Eltern, so das Credo vieler Forscher heute. Zwar bescheinigen die Wissenschaftler auch der Umwelt einen beträchtlichen Einfluss, aber gleichzeitig deuten immer mehr Ergebnisse darauf hin, dass viele Eigenschaften weitgehend angeboren sind, ebenso die Art und Weise, wie wir mit der eigenen Gesundheit und unseren Mitmenschen umgehen. Sie sind in unseren Genen verhaftet – ob wir wollen oder nicht.
Unterfüttert wird dies auch durch die Studien (pdf) von Frank Spinath. Der Psychologe an der Universität Saarbrücken ist einer der führenden Zwillingsforscher in Deutschland. In einer zwei Jahre dauernden Studie mit 300 Zwillingspaaren stellte er zum Beispiel seinen Probanden immer wieder dieselbe Aufgabe: Sie sollten aus Papierschnipseln einen stabilen, möglichst hohen Turm bauen. Ergebnis: Die Türme der eineiigen Zwillinge wiesen jedes Mal verblüffende Ähnlichkeiten auf – sowohl in der Bauart als auch in der Höhe. Noch eindrucksvoller fand Spinath aber, wie die Zwillinge an die Aufgabe herangegangen waren, also ob sie sich vorher einen Plan machten oder einfach drauflos probierten, ob sie sich später ihres Erfolgs vergewisserten und den Turm nachmaßen oder ob sie anschließend ihren Tisch aufräumten. Auch hier zeigte sich bei den genetisch identischen Zwillingen ein auffällig gleiches Verhaltensmuster.
Eine Studie von Forschern des britischen St. Thomas’ Hospital in London scheint sogar zu belegen, dass selbst Unternehmergeist genetisch bedingt sein könnte. Sie verglichen den Werdegang von eineiigen und zweieiigen Zwillingen. Fazit: Bei den genetisch identischen Paaren kam es signifikant öfter vor, dass beide Unternehmer wurden. Es gebe gar Hinweise, so der Londoner Genetiker Tim Spector, dass die Erbanlagen zahlreiche Faktoren beeinflussen – von der Arbeitszufriedenheit bis hin zu beruflichen Interessen. Und zwar nicht nur bei Zwillingen, sondern überhaupt bei Geschwistern.
Versöhnliche Stimmen gibt es allerings auch. So sagt etwa Jens Asendorpf, Professor an der Berliner Humboldt-Universität mit dem Fachgebiet Persönlichkeitspsychologie: “Die Psychologie unterscheidet fünf Ebenen, auf denen Persönlichkeiten variieren. Etwa 50 Prozent der Variabilität sind den Erbanlagen geschuldet, die anderen 50 Prozent Umwelteinflüssen. Belegt durch Langzeitstudien, wissen wir: Bis zum Alter von 50 Jahren nimmt die Stabilität der genannten Dimensionen zu. Freud hatte also Unrecht: In früher Kindheit wird gar nichts festgelegt! Und selbst im jungen Erwachsenenalter ist die Persönlichkeitsbildung nicht abgeschlossen.” Immerhin.



Entscheider-Blog
Das zeigt mal wieder, dass wir bei den Aussagen, die Wissenschaftler treffen höchst skeptisch sein müssen. Wir reden hier doch allenfalls von Tendenzaussagen.
Muss man das ernst nehmen? Ich denke nicht. Denn es setzt voraus, dass
- die Wissenschaftler wirtklich wissen, was alle Ursachen für Lebenserfolg sind,
- die Untersuchungen nicht unter ceteris paribus stattfinden,
- die Wissenschaft tatsächlich etwas nachweisen kann. Dem ist allerdings nicht so. Sie kann lediglich sagen, wie es nicht ist (Falsifikation). Das weiß sie bereits seit dem seligen Carl Popper. Aktuell lässt sich das sehr schön bei “Der Schwarze Schwan” von Nassim Nicholas Taleb nachlesen. Wenn wir eine große Menge weißer Schwäne beobachten, können wir noch lange nicht die Aussage treffen: “Alle Schwäne sind weiß”. Wenn wir allerdings einen schwarzen Schwan sehen, können wir eine klare Aussage treffen: “Nicht alle Schwäne sind weiß”.
Der Zwillingsforscher müsste also alle Zwillinge dieser Erde untersuchen, ohne Ausnahme, um Aussagen über Zwíllinge treffen zu können. Diese könnte er aber immer noch nicht verallgemeinern, schließlich sind Zwillinge eine Ausnahmeerscheinung. Vielleicht ist ein Zwilling deshalb anders als ein Nichtzwilling?
Unbestreitbar ist, dass es genetische Voraussetzungen für bestimmte Aufgaben gibt. So wird es einem asiatisch stämmigen oder afrikanisch stämmigen Amerikaner schwerlich gelingen, Chef des Kuklux-Clans zu werden. :-P
Mit Erfolg hat das allerdings nichts zu tun, weil eben jener Asiate oder Afrikaner diese Karriere auch nicht als einen Erfolg einschätzen würde, wie die überwiegende Mehrheit der Amerikaner ja auch nicht. :-)
Wir haben nun einmal unterschiedliche Begabungen, die uns in einer hoch arbeitsteiligen Welt die Chance geben, unsere eigene Nische zu besetzen und anderen Menschen einen Nutzen zu geben. Die Kunst ist meines Erachtens, die eigene Aufgabe im Leben zu identifzieren und im eigenen Gebiet immer besser zu werden. Ein Hoch auf Malcolm Gladwell!
Ihre eigen Video-Serie “Was ist Erfolg für…” zeigt überdies, dass Erfolg von jedem Menschen höchst unterschiedlich wahrgenommen wird. :-)
Daniel Rettig
Sehr geehrter Herr Lietz,
ein paar Anmerkungen zu Ihrem Kommentar.
1. Ich stimme Ihnen zu: Natürlich wird Erfolg von jedem Menschen anders wahrgenommen – für den einen ist es der berufliche Erfolg, sprich “Karriere machen”, für den anderen privates Glück. Da hat jeder andere Prioritäten und, wie Sie es formulieren, “unterschiedliche Begabungen” – und das ist auch gut so.
2. Sie schreiben: “Der Zwillingsforscher müsste also alle Zwillinge dieser Erde untersuchen, ohne Ausnahme, um Aussagen über Zwíllinge treffen zu können.” Das sehe ich anders. Der Sinn von Studien und Umfragen ist es ja gerade, nur eine Teilmenge zu untersuchen und dann Rückschlüsse auf die Gesamtmenge zu ziehen. Ob diese Rückschlüsse dann wirklich stimmen, steht zwangsläufig auf einem anderen Blatt. Aber eine gewisse Tendenz lässt sich daraus ja doch erkennen.
3. “Die Kunst ist meines Erachtens, die eigene Aufgabe im Leben zu identifzieren und im eigenen Gebiet immer besser zu werden.” Exakt!
Excellence-Blog
Lieber Herr Rettig,
ich will ja nicht die Wissenschaft verteufeln, im Gegenteil! Das Problem liegt zum großen Teil auf der Seite der Nichtwissenschaftler. Die möchten nämlich eindeutige Antworten hören. Die kann die Wissenschaft in der Regel nicht liefern. Denn ihre Erklärungen sind Interpretationen der Ergebnisse aus dem Studienobjekt. Ich kann dann noch die Statistik bemühen um den Nachweis für eine Allgemeingültigkeit zu führen, aber diese wiederum geht von bestimmten Verteilungsfunktionen aus, die ich häufig nicht kenne.
Wie das mit den Interpretationen ist, lernen wir schnell, wenn wir einmal unser Recht vor Gericht einklagen wollen. :-)
Wir brauchen die Wissenschaft, weil wir sonst nicht voran kommen, wir müssen uns nur darüber im Klaren sein, dass sie keine klaren Antworten liefert.
Wir dagegen wollen vielleicht ein klare Antwort daraus herauslesen, insbesondere , wenn sie unsere Meinung bestätigt. :-)
Jochen Mai
Lieber Herr Lietz,
aber worauf wollen Sie dann heraus: Wir wissen, dass wir nichts wissen?! Mit der Einstellung dürften Sie aber auch keine Bücher mehr schreiben. Ich tippe mal, dass Sie dort ebenfalls auf wissenschaftliche Erkenntnisse oder Statistiken rekurieren. Ihrer Argumentation zufolge wäre der Erkenntnisgewinn Ihres Buches damit aber ziemlich gering. So oder so.
Entscheider-Blog
Lieber Herr Mai,
ich behaupte nicht, über den alleinselig machenden Weg zu verfügen. Im Gegenteil. Ich nutze den gesunden Menschenverstand als Orientierungsgröße und überlasse es auch dem Leser auzuprobieren, ob die von mir angebotenen Werkzeuge den Job machen oder ob er einen anderen Weg für sich braucht. Insofern mache ich den Leser zum Forscher in eigener Sache. Er entscheidet für sich, was für ihn das Richtige ist.
Deshalb nehme ich für mich auch nicht in Anspruch, ein wissenschaftliches Buch zu schreiben. Ich nutze (fast) keine Statistiken um den Leser zu überzeugen. Entweder er überzeugt sich selbst oder gar nicht.
Ich selbst habe natürlich den einen oder anderen Meter Buch zu meinem Thema gelesen. Schließlich interessiert es mich, was andere Experten in meinem Fachgebiet herausfinden und natürlich verarbeite ich das in meiner Praxis und letztlich auch in meinen Büchern.
Wenn ich zum Beispiel die Erkenntnis über die Zahl unserer täglichen Entscheidungen (20.000) vom Gehirnforscher Ernst Pöppel aufgreife, dann mache ich das, weil es mir sehr plausibel vorkommt. Sollten es am Ende 15.000 oder sogar 25.000 sein – das bringt die Sache nicht in Wanken. Ansonsten arbeite ich zum großen Teil mit Beispielen aus meiner eigenen Praxis.
Mir persönlich hat das Schreiben meiner Bücher einen extrem großen Erkenntnisgewinn gebracht. Warum sollte es dem Leser nicht in ähnlicher Weise nutzen?
Jochen Mai
Aber Herr Lietz, wenn Sie Beispiele aus Ihrer Praxis verwenden ist die Empirie ja noch kleiner (n=1,2,3) als bei einem seriösen wissenschaftlichen Versuchsaufbau! Sie kritisieren Tendenzaussagen, die sich auf Erkenntnisse stützen, die nicht unter ceteris paribus stattfinden – tun aber dasselbe. Also für mich klingt das wie ein Widerspruch.
Wenn Sie dann allerdings einräumen, ob 15.000, 20.000 oder 25.000 Entscheidungen pro Tag sei doch letztlich egal, weil es die Sache nicht ins Wanken bringt (Man beachte: Das ist eine Spannbreite von 10.000 Entscheidungen, also die Hälfte von 20.000! Das ist schon was, finde ich), dann frage ich mich erst recht, was Sie uns mit der ursprünglichen Kritik eigentlich sagen wollen?!
Also wenn es keine “eindeutigen Antworten” auf Fragen geben kann, und schon gar keine mit Allgemeingültigkeit – warum schreiben Sie dann Ratgeber für die Allgemeinheit?
ThiloP
Meine liebe Herren :)
Ohne mich in diese Diskussion einmischen zu wollen ob oder wie sinnvoll diese Studien sind: Sind die Zwillinge beispielsweise nicht auch bei den gleichen Eltern und in der gleichen Umgebung aufgewachsen? Das Kinder ihre Eltern imitieren und daher auch ihre Gewohnheiten und vieles mehr übernehmen ist ja nichts neues. Aber zu behaupten das man diese Gewohheiten und Denkweisen die zum Erfolg führen entwerder durch seine Eltern vererbt bekommt, oder nicht, ist doch schon sehr gewagt! Sicherlich ist es leichter wenn positive Gewohnheiten schon im Elternhaus aufgenommen werden. Mit 40 stell ich mir das schon komplizierter vor. Denn mit dem Alter “hat man es doch schon immer anders gemacht”. Aber den Spruch kennen Sie doch meine Herren! Und meinem Eindruck nach, weiß ich auch wie sehr Sie ihn verachten :)
Die “Erfolgreichen” geben ihren Kindern das mit auf den Weg was Ihnen geholfen hat; ob bewusst oder unbewusst. Viel mehr also eine Ausbildung als Erbgut.
Den Gedanken zu verbreiten Erfolg sei lediglich oder zum überwiegenden Teil eine Auswirkung der Gene, ist lächerlich.
Demnächst werden dann Schreiben geschickt:
“Sehr geehrter Herr Maier
Uns ist zu Ohren gekommen dass ihr Vater Alkoholiker war und nichts erreicht hat in seinem Leben. Daher müssen wir Ihnen leider kündigen. Durch Ihre genetische Belastung sehen wir auch trotz ihrer umwerfenden Leistung keine Zukunft für sie in diesem Unternehmen.” Eher nicht oder?
Hat man auch schon entdeckt welcher Teil der DNA bei allen Erfolgreichen genau gleich ist? Wenn das der Fall ist bin ich überzeugt. Lediglich einen Zusammehang zwischen den Erfolg der Eltern und Kinder herzustellen, läuft in meinen Augen fälschlicherweise über die DNA.
Tobias
Nach diesem Beitrag blicke ich ein wenig auf die Sammlung der “Was bedeutet für _Sie_ Erfolg” Videos.
Relativ. Charakterspezifisch. Nicht definierbar…in dem Beitrag oben sowie den aufgezählten Studien wird “Erfolg” deklariert und daran folglich für weitere Aussagen bemessen.
Dabei könnte er doch nicht unterschiedlicher sein.
Entweder ich verstehe etwas falsch, oder äähm ja.
Ich habe mich übrigens insbesondere auf den ersten Absatz versteift.
Daniel Rettig
@ThiloP: “Den Gedanken zu verbreiten Erfolg sei lediglich oder zum überwiegenden Teil eine Auswirkung der Gene, ist lächerlich.” Das behauptet der Artikel auch nicht – siehe letzter Absatz: “Offensichtlich steckt die DNA des Erfolgs zu einem Gutteil in unseren Genen und beeinflusst Intelligenz, Charakter und Karriere. Sie lässt sich aber auch ihrerseits verändern. Wer mit gutem Erbmaterial ausgestattet ist, landet also nicht automatisch auf der Erfolgsspur, andere nicht automatisch auf dem Abstellgleis.”
@Tobias: Wie ich oben schon kommentierte ist Erfolg ein extrem schwammiger Begriff – insofern haben Sie nicht unbedingt etwas falsch verstanden.
ThiloP
@ Daniel Rettig
Gene sind angeboren, und lassen sich nicht verändern. Das war ja mein Punkt. Und es gibt eine Fülle an Untersuchungen die beweisen dass Intelligenz nicht angeboren ist. Ich verweise dabei einfach auf Werke wie “Frames of mind: the theory of multiple intelligences” von Gardner H. (1993) der mit den gleichen Daten das Gegenteil behauptet ( genetischer Einfluss 20 bis 0% auf die Intelligenz), aber auch auf “Mind in society” von Vygotsky L. und “Perspectives on Socially Shared Cognition” von Resnick, Levine und Teasley.
Man sollte schließlich immer beide Seiten anhören!
Viel Spaß beim Forschen!
Daniel Rettig
@ThiloP: ch verweise noch mal auf das Interview mit Robert Plomin (hier: http://www.wiwo.de/karriere/charisma-ist-erblich-383082/). Frage: “Sie beschäftigen sich seit über 30 Jahren mit Verhaltensgenetik. Welche Entdeckung hat Sie am meisten überrascht? Antwort: “Zum einen, dass die Erblichkeit von Intelligenz so hoch ist. Keine andere Charaktereigenschaft zeigt solche gleichbleibend stimmigen Resultate, egal, wie man die Studien gestaltet.”
Die meisten Forscher gehen davon aus, dass der IQ zu 50 Prozent erblich ist. Über die genaue Prozentzahl lässt sich natürlich trefflich streiten.
Jochen Mai
@Tobias: Klar, definiert jeder Erfolg anders. Allgemein und im beruflichen Kontext aber – das zeigt übrigens auch die Video-Serie – verstehen die meisten darunter einmal gesteckte Ziele auch zu erreichen. Dafür wiederum sind einige psychologische Persönlichkeitseigenschaften entscheidend. Und so wie es aussieht, stecken die zum Teil schon in der DNA. Zum Teil, nicht alles.
nicole
Sind wir wirklich nur das Produkt unserer Gene? :(
Jochen Mai
@Nicole: Von “nur” redet doch keiner… :)
Jochen Mai
KOMMENTAR-EDITITIERUNG
Die Diskussion mit “Liss” wurde gelöscht, da die Kommentatorin ihre haltlosen und diffamierenden Vorwürfe weder belegen konnte (noch wollte) – auch nicht nach mehrmaliger Aufforderung.
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