Das neue Jahr beginnt in der Regel mit guten Vorsätzen – etwa mit dem Rauchen aufzuhören oder weniger Alkohol zu trinken. Um mit alten Gewohnheiten zu brechen, sind jedoch ein starker Wille und Selbstdisziplin unumgänglich. Denn die Versuchungen lauern überall, oder? Doch genau das ist das Problem: Wer mit hässlichen Gewohnheiten brechen will, sollte Versuchungen meiden, wo es nur geht. Denn wir überschätzen uns und unseren achso eisernen Willen dabei regelmäßig.

Zu dem Schluss kommt etwa Loran Nordgren von der Kellogg School of Management. Bei seinen Studien (PDF) entdeckte er: Menschen, die glauben, über ein hohes Maß an Selbstkontrolle zu verfügen, setzen sich besonders gerne und vermehrt Versuchungen aus – und erliegen diesen schließlich. Bei einem seiner Experimente gab es zum Beispiel angehende Ex-Raucher, die überzeugt davon waren, mit starker Selbstbeherrschung ausgestattet zu sein. Tatsächlich mussten sie nur einmal den animierenden Film “Coffee and Cigarettes” ansehen – prompt fingen sie mit dem Rauchen wieder an.

Der Overconfidence-Effekt

Was Sie jetzt vielleicht für erste Anzeichen einer beginnenden Hybris halten, ist tatsächlich ein psychologischer Mechanismus, den die beiden Ökonomie-Nobelpreisträger Daniel Kahneman und Amos Tversky schon vor einiger Zeit entdeckt und Overconfidence-Effekt getauft haben. Demnach gehen wir, vereinfacht gesagt, davon aus, dass wir viel mehr wissen und mehr können als das tatsächlich der Fall ist. Kurzum: Wir überschätzen unsere Fähigkeiten – in allen möglichen Lebenslagen.

Wir glauben im Job mehr drauf zu haben, sind ein ebenso leidenschaftlicher wie überdurchschnittlicher Liebhaber und können überhaupt alles ein bisschen besser als die anderen.

Der Klassiker in dem Zusammenhang: das Autofahren. Zählen Sie sich zu den besten 30 Prozent der Autofahrer? Klasse, das tun die anderen 80 Prozent solcher Befragten meist auch. Auch auf die Gefahr hin, dass die Rechnung dann nicht mehr aufgeht. Glauben Sie auch, den Abgabetermin für das nächste Projekt locker einhalten zu können? Natürlich. Als bei einer Studie amerikanische Studenten vergleichbares bezüglich ihrer Hausarbeit gefragt wurden, antworteten sie im Schnitt: 34 Tage. Gebraucht haben sie dann im Durchschnitt aber 56 Tage.

Es ist leider so: Je schwieriger eine Aufgabe wird, desto größer ist unsere Selbstüberschätzung. Bei einfachen Aufgaben hält sich unser Übermut noch in Grenzen. Doch je mehr Selbstvertrauen wir haben, desto eher neigen wir auch zum Übermut. Und der tut bekanntlich selten gut.

Mit einem derart gefährlichen Halbwissen ausgestattet, treffen wir auch noch tagein, tagaus zahlreiche Entscheidungen. Die kosten uns mitunter viel Renommee, im schlimmeren Fall sogar Arbeitsplätze. Dann nämlich, wenn Manager Fehler begehen, weil sie zu tollkühn agieren. Gerade die Isolation in Führungsetagen bildet einen perfekten Nährboden für übertriebene Selbsteinschätzung. Nach Ansicht von Daniel Kahneman liegt das vor allem daran, dass die heutige Managergeneration Projekte eingeht, ohne vorher deren Erfolgswahrscheinlichkeit selbstkritisch genug abzuschätzen. Aber warum?

Von der Selbstverliebtheit zur Selbstüberschätzung

Mathew Hayward und Donald Hambrick von der Columbia-Universität resümierten 1997 in einer Studie dazu: Wenn in einem Unternehmen bislang alles glatt lief, führt der CEO das gerne auf seine eigene Leistung zurück – selbst wenn er damit gar nichts zu tun hatte. Und wo die Selbstverliebtheit grassiert, da blüht auch schon bald die Selbstüberschätzung.

Aber auch einfache Angestellte sind empfänglich für das süße Gift des Hochmuts. Etwa bei der Geldanlage: Wir glauben, uns auszukennen und investieren in Werte, die wir eben doch nicht richtig kennen. Damit spekulieren wir nicht besser als ein Affe.

Burton Malkiel, Ökonommie-Professor an der Princeton-Universität, behauptete bereits 1973, dass es besser sei, einem Affen die Augen zu verbinden, ihn dann Dartpfeile auf Aktientitel werfen zu lassen und auf diese Werte zu setzen, als einem Investmentprofi zu vertrauen. Die Redaktion der Chicago Sun Times probierte das daraufhin vor einigen Jahren tatsächlich aus, mit einem Weißstirnkapuziner namens Adam Monk. Zu Jahresbeginn 2003 gab man ihm einen Stift und den Kursteil der Zeitung. Zufällig kritzelte er fünf Aktien an. Nach zwölf Monaten hatte der Affe den Markt um 37 Prozent geschlagen.

Im zweiten Jahr wiederholte die Redaktion das Experiment – wieder schlug sich Monk solide: 36 Prozent lag er über dem Markt. Im dritten Jahr durchlitt Adam Monk eine kleine Krise und schaffte nur drei Prozent mehr als vergleichbare Indizes. Doch wer sein Geld tatsächlich dem Affen anvertraut hätte, wäre nach drei Jahren mit der doppelten Summe wieder ausgestiegen.

Zugegeben, es ist nicht wirklich ratsam, seine Altersvorsorge einem Weißstirnkapuziner zu überlassen. Dafür reagieren Affen einfach zu unzuverlässig auf Anrufe oder Rückfragen. Doch wir können uns dafür vor falschen Entscheidungen dank einer Überdosis Hybris schützen: indem wir zum Beispiel schon mal den Versuchungen konsequent aus dem Weg gehen.

Love it, leave it or change it

Wenn Sie etwas ändern wollen, gibt es im Grunde nur drei Alternativen: