Karriereverweigerer
Mein Haus, mein Auto, mein Boot… Kennen Sie diesen Spot noch, mit dem eine Bank vor einigen Jahren als wahnsinnig innovativ gefeiert wurde? Der Tenor: Arbeiten Sie hart, legen Sie Ihr Erspartes beim richtigen Geldinstitut an, und Sie können sich alle Statussymbole leisten. Damals traf das den Nerv der Zeit, heute fragt man sich fast schon ein wenig beschämt, was an dieser Beweihräucherung des Konsums eigentlich so positiv sein soll. Nicht ohne Grund wächst die Zahl der sogenannten Karriereverweigerer. Sie pfeifen auf Symbole der Macht und Posten im Management. Zugunsten ihres persönlichen Lebensglücks...

Naht das Ende der Konsumgesellschaft?

Arbeit, Konsum, noch mehr Arbeit. So hielt es ein Gros der Arbeitnehmer in den vergangenen Jahrzehnten. Im Zweifel bis zum Umkippen. In Japan, wo dieser Leistungsgedanke maximal ausgeprägt ist, hat der plötzliche Tod am Arbeitsplatz sogar einen Namen: Karoshi. Wörtlich übersetzt: Tod durch Überarbeitung. Und auch hierzulande steigt die Anzahl stressbedingter Erkrankungen:

  • Herzinfarkt
  • Burnout
  • Depression
  • psychosomatische Erkrankungen

Die Zahl der Zweifler wächst

Parallel steigt aber auch die Zahl der Zweifler. Macht all das wirklich glücklich, fragen sie sich: Ist weniger Arbeit nicht mehr? Ein Plus an Lebensfreude? Und genau das lässt sich in ihren Augen durch Geld kaum aufwiegen:

  • mehr Freizeit
  • mehr Selbstbestimmung
  • Und: die Chance, sein Leben nicht allein durch Arbeit zu definieren

Insbesondere die junge Generation, die aktuell auf den Arbeitsmarkt strömt, hat von Mama, Papa, Oma und Opa offensichtlich ein paar mal zu oft zu hören bekommen: Ich hatte so wenig Zeit für Euch. Und genau das hat sie sich zu Herzen genommen.

Erholung im Eiltempo

Ollyy/shutterstock.comDas Paradoxon unserer Zeit: Durch harte Arbeit soll Wohlstand erreicht werden. Doch etliche, die genau das versuchen, enden im schlimmsten Fall in Kündigung, Bankrott oder im Burnout, und jene, die im Beruf aufgehen, haben keine Zeit, den Wohlstand zu genießen. Sie nutzen das bisschen an verbleibender Freizeit für einen Besuch der boomenden Wellness-Oasen - um sich rasch wieder fit für den Beruf zu machen. Kann das noch lange so weitergehen? Manche reden gar schon vom gesellschaftlichen Kollaps.

Nun, soweit wollen wir nicht gehen. Aber fest steht, dass die Generation Y nicht grundlos eine Debatte angestoßen hat, bei der sich alles um ein Buzzword dreht - die Work Life Balance. Das Ziel also, Berufs- und Privatleben besser in Einklang zu bringen.

Auch andere Generationen denken um

Ein Thema, das aber längst nicht mehr nur die Generation Y bewegt, sondern auch die Generation X und die so genannten Babyboomer. Und so kommt’s, dass sich immer mehr Menschen dem Thema Karriere verweigern. Oder sagen wir: Sie denken den Begriff neu.

Bislang stand das Wort Karriere für Führungsverantwortung, Management, Big Business, verbunden mit ausufernden Arbeitszeiten, hohem Leistungs- und Termindruck. Statt einer Führungs- gewinnt die Fachlaufbahn immer mehr an Ansehen. Sogar etablierte Führungskräfte schmeißen hin, machen ein bis vor wenigen Jahren noch als exotisch geltendes Sabbatical und verdingen sich hinterher als freie Berater oder Consultants.

Die Vorteile liegen auf der Hand:

  • mehr Flexibilität
  • freiere Zeiteinteilung
  • mehr Raum für Privates

Immer mehr Arbeitnehmer stellen die Karriere hinten an

Vorausgesetzt natürlich, man weiß sich zu organisieren. Laut einer Studie der Financial Times Deutschland und des GfK Vereins stellt inzwischen ein Drittel der Arbeitnehmer die Karriere hinten an, wenn dafür mehr Zeit für die Familie herausspringt: Karriere ja, aber nicht um jeden Preis.

Dieser Wertewandel war vor zehn oder 20 Jahren so noch nicht absehbar, ist aber aus psychologischer Sicht durchaus nachvollziehbar. Die junge Generation hat am Beispiel ihrer Eltern hautnah miterlebt, wie anstrengend Karriere sein kann. Wie die Arbeitsbelastung mit zunehmendem Alter steigt, wie Stress und Druck die Psyche und das körperliche Wohlbefinden negativ beeinflussen.

Gleichzeitig war materieller Wohlstand – mehr oder weniger – selbstverständlich. Vor allem im Vergleich zur Großelterngeneration. Und so stießen die heute Zwanzig- bis Dreißigjährigen die Arbeit von ihrem bislang unangefochtenen Thron der höchsten Lebensziele. Zum Beispiel, indem sie hinterfragten, was ein potentieller Arbeitgeber für sie tun kann: Wer Topleistung einkaufen will, muss dafür auch was bieten.

Wandel auf dem Arbeitsmarkt

Ollyy/shutterstock.comWas ihnen dabei in die Karten spielt: Der Markt dreht sich aufgrund des demographischen Wandels und des Fachkräftemangels vom Arbeitgeber- zum Arbeitnehmermarkt. Nicht mehr die Firmen suchen sich ihre Angestellten aus, sondern umgekehrt. Kurzum: Viele Arbeitnehmer von heute können es sich schlichtweg leisten, Selbstverwirklichung, Sinnfindung und Spaß bei der Arbeit in den Vordergrund zu stellen. Und das hat sich inzwischen von ganz unten bis in die oberste Chefetage herumgesprochen.

Was bedeutet das für die Zukunft? Unternehmen sind in der Bringschuld und müssen an einer Vision arbeiten, wie Beruf und Privatleben in Einklang gebracht werden können. Dabei geht es gar nicht so sehr darum, Arbeitszeiten herunterzuschrauben, oder die inhaltlichen Ansprüche an den Job zu senken. Gerade hochqualifizierte Arbeitnehmer wollen nach wie vor einen Job, der sie fordert, aber eben nicht überfordert.

Es geht eher darum, Arbeit umzuverteilen. Etwa durch flexible Arbeitszeitmodelle. Eine ausgedehnte Mittagspause, um mit der Familie zusammen zu essen? Warum denn nicht? Um 14 Uhr nach Hause gehen, um mit den Kindern den Nachmittag zu genießen. Machbar! Die Arbeit kann in den meisten Fällen auch später vom Home-Office aus erledigt werden - vielleicht umso motivierter angesichts des schönen Nachmittagserlebnisses. Die Arbeit folgt dem Lebensmodell, nicht mehr das Lebensmodell der Arbeit. Bei einer guten Kommunikationsstruktur eigentlich kein Problem.

Arbeitnehmer honorieren mit Loyalität

Und: Zeigt sich der Arbeitgeber flexibel, geben das die Arbeitnehmer auch zurück. Mal länger für ein Meeting bleiben? Klar! Sich in die Telko von unterwegs einwählen? Warum denn nicht? Und bei den heutigen Kommunikationsmitteln kein Problem. Eine Win-Win Situation für alle Seiten. Auf lange Sicht profitieren Unternehmen immens von einer neuen Kultur: Mitarbeiter fühlen sich wertgeschätzt, sind dadurch engagierter und effektiver bei der Arbeit. Sie sind dem Unternehmen gegenüber loyaler und schaffen eine Kultur, in der jeder Freude am Job hat.

Auch knallharte Zielvorgaben, die auf jedes einzelne Teammitglied hinunter gebrochen werden, könnten daher bald der Vergangenheit angehören. Das hat mit dem Selbstverständnis der modernen Arbeitnehmergeneration wenig zu tun. Stattdessen sollten Mitarbeiter ihren eigenen Stärken und Interessen entsprechend entwickelt und eingesetzt werden, auch wenn das mit der ursprünglichen Jobbeschreibung, auf die sie sich einst beworben haben, nicht mehr viel gemein hat.

All das sollte genauso für Einsteiger wie für das Top-Management gelten. Sicherlich braucht es bis hierin noch Zeit. Aber die Diskussion ist in vollem Gange und immer mehr Arbeitgeber reagieren darauf. Wenn damit ein Produktivitätszuwachs erfolgt, wollen auch sie ihre Leute nicht mehr in ein Skill- oder Zeitraster pressen. Und wie steht's bei Ihnen - Malochen Sie noch oder arbeiten Sie schon?

[Bildnachweis: Ollyy by Shutterstock.com]