Karriereende? Vom Gleit- in den Sinkflug

Eine Kolumne von Marcus Schmidt

Seit über zehn Jahren in derselben Firma, dosiert befördert und gehaltsgesteigert – aber nie das eigene Karriereziel wirklich erreicht. Viele Fach- und Führungskräfte sind heute in dieser Situation - und gefangen in der Komfortzone. Diagnose: Karriereende. Sie scheuen aus Angst vor dem Wechselrisiko den Schritt in den Arbeitsmarkt. Begehren nicht auf, weil es ja deutlich schlimmer kommen könnte. Sie haben sich arrangiert und abgefunden, reden ihre Lage schön und lullen sich ein. Und verpassen schließlich den Absprung. Ob aus Bequemlichkeit. Ob aus Angst vorm Risiko oder zu großem Vertrauen in das Wohlwollen des Chefs: Das Ergebnis ist fatal...

Auf Nummer sicher: zögern, zaudern, beschönigen

Am Anfang der Karriere stellen sich die Weichen oft wie von selbst. Klar, man macht einen guten Abschluss. Man arbeitet hart. Man geht Risiken ein, ohne allzu lange abzuwägen.

Chancen kommen, man ergreift sie, man hat nichts zu verlieren, man probiert Sachen aus. Nicht alles klappt wie gedacht - aber dann klappt eben etwas anderes.

Mit der Zeit glaubt man zu wissen, wie es läuft. Man wird bequem, geht auf Nummer sicher, geht immer weniger Risiken ein – aber verpasst dadurch auch immer öfter Chancen.

Es ist ja jetzt nicht mehr so wichtig, der Job ist sicher und man kommt auch so weiter.

Aber mit dem Spaß geht auch die Befriedigung, und mit dem Risiko geht auch der ungeplante Erfolg erst in den Gleit- und dann in den Sinkflug.

Bis es zu spät ist. Bis einen keiner mehr wahrnimmt und keiner mehr will. Bis man beim Headhunter unter "nicht mehr vermittelbar" läuft.

Rien ne va plus: Die Position ist ausgereizt

Schönreden ist einfach: Es gibt immer einen, der schlechter dran ist. Und die letzte Erhöhung, die letzte Ernennung war doch auch ein Signal der Wertschätzung?

Andrerseits: Der Karrierekick kam nicht.

Der letzte Schritt wurde nicht gemacht. Andere zogen an einem vorbei – aus der Firma und von außen, vom Markt. Es ist ziemlich klar, dass die Position im eigenen Laden ausgereizt ist. So richtig brennen tut es auch nicht mehr, man weiß, was die neue Woche bringt: Mehr vom ewig Gleichen, nichts wirklich Neues. Keine wirklichen Herausforderungen, nirgends.

Für die Firma ist die Sache klar: kein "Chef Material". Aber aktuell noch gut zu gebrauchen. Also ruhigstellen.

Gelegentlich ein neuer Titel, satter Inflationsausgleich, das reicht oft, um Leute über die Zeit zu halten. Dosiert gut behandeln und vergleichsweise günstig ruhig stellen: Das spart die Kosten externer Nachbesetzung, macht den Mitarbeiter zuverlässig und berechenbar.

Rechtfertigt die Leistung irgendwann nicht mehr die Personalkosten, wird man so jemand immer noch los. Soweit ist es bei vielen aber längst noch nicht. Ein paar Jahre Wertschöpfung in der aktuellen Firma sind oft noch drin.

Aber: Der Absprung wird von Jahr zu Jahr schwieriger.

Ihr Marktwert wird fallen. Ihr Chancenfenster wird sich schließen.

Also handeln Sie jetzt, bevor es soweit ist. Aktuell herrscht (noch) ein Bewerbermarkt. Unternehmen suchen laufend in vielen Branchen, gute Leute sind gezählt.

Also probieren Sie sich endlich wieder aus. Wie am Anfang Ihrer Karriere.

Gehen Sie wieder Risiken ein, und lassen Sie damit wieder Chancen zu. Kein Job ist wirklich sicher, Komfortzonen existieren nur in Ihrer Einbildung, in Ihrem Kopf. Kurz fühlt man sich sicher. Dann engt man sich vor allem ein. Zuerst mental, dann durch immer vorsichtigeres, abwägendes, Risiko-averses Handeln.

Gefühlte Komfortzonen, vermeintliche Besitzstände schaden auf Dauer der Karriere. Weil sie in Sicherheit wägen, wo es besser wäre, sich weiter auszuprobieren.

Status ist auf Dauer nicht wichtig. Jobtitel, Mitarbeiter, Bürogröße und Dienstwagen sind irrelevant. Wichtig ist immer nur die eigene Nähe zum Markt und zum Kunden. Wichtig ist die Relevanz der eigenen, verantworteten Projekte für das Unternehmen, in dem Sie arbeiten.

Job auf der Titanic? Dann unternehmen Sie was!

Das war noch nie so essenziell wie heute. In Zeiten der disruptiven Geschäftsmodelle steht jede Branche und jede Profession kontinuierlich auf dem Prüfstand.

Wo Ärzte und Anwälte durch Algorithmen ersetzt werden, wo Kreativität und Produktentwicklung an Kunden und Schwarmintelligenzen delegiert werden, ist kein Job mehr dauerhaft gesetzt. Wer sich heute an seinen Job auf der Titanic aus Komfortgründen und aus Sicherheitsgründen klammert, kämpft morgen vielleicht schon um einen Platz im Rettungsboot.

Also rüsten Sie rechtzeitig die Rettungsinsel auf. Stellen Sie Ihre eigene Rolle auf den Prüfstand, bevor es andere für Sie tun. Mit für Sie vielleicht unliebsamem Ergebnis:

  • Welche Ihrer aktuellen Projekte sind von Ihrem Wissen abhängig?
  • Welche Kundenbeziehungen bestehen nur Ihretwegen?
  • Wie sieht der Business Plan für Ihr Projekt, Ihr Produkt, Ihre Dienstleistung oder Ihr Geschäftsmodell in ihrer aktuellen Firma aus?
  • Wie sieht der Business Plan aus, wenn Sie Ihr Projekt, ihr Produkt, ihre Dienstleistung oder ihr Geschäftsmodell direkt an den Markt bringen? Gibt es einen solchen Markt für Sie überhaupt?
  • Wer würde dann in diesem Markt von Ihnen kaufen? Würden heutige Kunden aufgrund der Geschäftsbeziehung weiter bei Ihnen kaufen auch wenn Ihr Unternehmen anders heißt?
  • Wer würde in ihr Geschäftsmodell investieren, als Kunde oder als Investor? Welche Mitarbeiter könnten Sie allein auf Basis Ihrer Person gewinnen, unabhängig vom Firmenlogo?

So lange Sie diese Fragen nicht für sich stimmig und schlüssig beantworten können – und das können die wenigsten – haben Sie wirklich keinen objektiven Grund, sich komfortabel zu fühlen.

Über den Autor

Marcus Schmidt HeadhunterMarcus Schmidt ist Chef der Executive Search Beratung Hanover Matrix. Im Jahr 2010 erschien sein Buch "Die 40 größten Karriere-Mythen", in dem der Headhunter zahlreiche Karriereregeln entzauberte und zeigte, welche Strategien tatsächlich erfolgreich sind. Schmidt ist Diplom-Kaufmann, promovierter Soziologe und hat einen MBA von der Universität Chicago. Er berät die deutsche Wirtschaft vom Dax Konzern bis zum Start-up bei der internen und externen Selektion von Talenten. Für die Karrierebibel schreibt Schmidt regelmäßig Management-Kolumnen.

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