Lebenskarriere: Mehr Sinn im Leben

Viele Menschen fühlen sich heutzutage getrieben. Veränderungen am Arbeitsmarkt und unrealistisch hohe Ansprüche können dazu führen, dass Menschen aus dem Blick verlieren, worauf es im Leben ankommt. Das Konzept der Lebenskarriere kann dabei helfen, den Fokus wieder auf die relevanten Dinge zu lenken. Nur was sind die relevanten Dinge? Erfolg im Beruf? Erfolg im Privaten? Oder einfach kein Erfolg? Wir sind den Fragen nachgegangen…

Lebenskarriere: Mehr Sinn im Leben

Lebenskarriere: Was ist das?

Lebenskarriere Karriere Erfolg Arbeit Leben Work-Life-Balance AlternativeDie meisten werden vermutlich etwas Konkretes mit dem Begriff „Karriere“ verbinden.

Häufig wird er auf den Arbeitsbereich verwendet und mit einem beruflichen Aufstieg verbunden: Der macht Karriere. Oder: Die will die Karriereleiter steil hinauf. Karrieresackgasse oder Karrierestillstand hingegen signalisieren, dass es beruflich (so) nicht weitergeht.

Dabei ist diese berufliche Konnotation erst später hinzugekommen. Früher bedeutete Karriere vom Wortsinn her einfach nur Fahrstraße (von lateinisch carrus = Wagen). Diese ursprüngliche Bedeutung greift das Konzept der Lebenskarriere wieder auf.

Christian Müller, Digitalisierungsbegleiter, ehemaliger Karrierebibel-Redakteur und Coach, setzt sich bereits lange damit auseinander und erklärt es so:

Der Begriff Lebenskarriere wird bewusst weiter und deutlich über den rein beruflichen Bereich hinaus gefasst. Die Lebenskarriere bezeichnet die gesamte Entwicklung eines Menschen, mit allen Lebensbereichen – Arbeit, Beruf, Familie, Freunde, Gesundheit, Spiritualität, persönliches Wachstum und mehr.

Manche setzen Lebenskarriere mit Lebensweg gleich, doch das greift für mich zu kurz. Denn der Lebensweg wird meist erst im Rückblick betrachtet und entsteht als Konsequenz der Handlungen und der Entwicklung des Menschen. Die Lebenskarriere kann und soll jedoch aktiv gestaltet werden.

Bedeutung einer neuen Betrachtungsweise

Wieso ist es so wichtig, zu einer neuen Betrachtungsweise zu kommen? Weil sich – nicht zuletzt aufgrund eines sich ändernden Arbeitsmarktes – viele Arbeitnehmer mit ihrer Berufsorientierung auseinandersetzen müssen.

Alte Jobs fallen weg, neue entstehen, Automatisierung und digitale Technologien verändern Branchen. „Das führt aber auch dazu“, so Müller, „dass unser bisheriges gesellschaftliches Verständnis von Beruf und Arbeit als entscheidender Faktor für die soziale Position und das soziale Ansehen immer stärker ins Schwanken gerät.“

Und dies stößt wiederum an allgemeine Fragen. Denn wenn Berufsbilder sich ändern, geht es nicht nur darum, was für Interessen und Fähigkeiten bezogen auf den Job ein Arbeitnehmer mitbringt, sondern auch:

  • Was ist mir wichtig?
  • Was gibt mir Antrieb, motiviert mich?
  • Wie will ich arbeiten?
  • Was bedeutet für mich Erfolg?
  • Wofür möchte ich einstehen, welche Werte vertrete ich?
  • Wie möchte ich mein Leben gestalten?
  • Welche Personen spielen darin eine Rolle?
  • Welche Ziele habe ich?

Die Beantwortung dieser Fragen hilft Ihnen dabei, sich über die rein fachlichen Qualifikationen hinaus zu positionieren. Denn zukünftig wird es darauf ankommen, sich durch bestimmte Alleinstellungsmerkmale abgrenzen zu können. Werden Aufgaben zunehmend von Automaten und Robotern übernommen, kommt es darauf an, durch individuelle Kompetenzen zu überzeugen.

Die werden im Wesentlichen aus zwei Bereichen bestehen: Dem intra-personellen, anhand dessen Sie sich den obigen Fragen stellen und sie für sich zu beantworten versuchen. Und dem inter-personellen:

  • Wie gestalte ich Kommunikation?
  • Wie bringe ich anderen Menschen Wertschätzung entgegen?
  • Wie gehe ich mit Konflikten um?
  • Wie formuliere ich Kritik?
  • Wie verhalte ich mich, wenn andere kritisieren?

Neues Karriereverständnis ermöglicht Erfolg

Dicht mit dem Karriereverständnis verknüpft ist die Auseinandersetzung mit dem Begriff Erfolg. Auch dieser wird häufig überwiegend auf den beruflichen Bereich bezogen. Aber ist eine Person, die ihr Leben lang über den Angestelltenstatus nicht hinausgekommen ist, erfolglos?

Das klassische Karriereverständnis verbindet mit beruflichen Erfolg einen Aufstieg, der durch Beförderung möglich ist. Auch in der Lebenskarriere kann es eine Beförderung geben, allerdings müsse die nicht im beruflichen Fortschritt bestehen, so Müller:

Eine Beförderung im Rahmen der Lebenskarriere kann auch bedeuten, beruflich einen Schritt zurück zu machen, sich bewusst mehr Zeit für die Familie zu nehmen und insgesamt und individuell besser dazustehen. Angesichts der doch stark ausgeprägten Leistungsorientierung und des – viel zu hohen – Stellenwerts von Arbeit und Beruf in unserer Gesellschaft ist es mir wichtig, eine alternative Haltung aufzuzeigen.

Das bedeute, das Verständnis von Arbeit und Erfolg zu hinterfragen und gegebenenfalls neu zu definieren. Solche Reflexion kommt heute viel zu oft zu kurz. Die Idee von der Lebenskarriere ist der Versuch, das ein klein wenig zu ändern.

Vorstellungen von Arbeit im Wandel

Das trifft sich gut mit der Erkenntnis vieler Menschen, dass Arbeit nicht das ganze Leben ist. Oder anders: Dass das Leben aus mehr als nur Arbeit bestehen sollte. Das heißt nicht, dass diese Personen keinen Spaß an der Arbeit haben. Aber je nach Branche und Position nehmen Überstunden einen immer größeren Raum ein.

Nicht selten führt das irgendwann zum Burnout. In diesem Zusammenhang kommen der Selbstreflexion und der Achtsamkeit große Bedeutung zu. Denn offenbar ist beides im Eifer des Gefechts irgendwann verloren gegangen.

Allerdings sind die Vorstellungen davon, wie das Leben und darin der Beruf sich gestalten sollte, in den letzten Jahren zunehmend im Wandel. Das liegt nicht zuletzt daran, dass viele jüngere Menschen, die gerne der Generation Y zugeschrieben werden, ins Berufsleben getreten sind.

Oft gut ausgebildet – denn die Mehrzahl hat Abitur – fühlen sie sich nach Untersuchungen des Sozialwissenschaftlers Klaus Hurrelmann dennoch nicht genügend über berufliche Möglichkeiten informiert und nur schlecht auf das Arbeitsleben vorbereitet.

Das hängt einerseits mit dem Wandel der Arbeitswelt zusammen, andererseits mit anderen Vorstellungen: Viele Arbeitnehmer dieser Generation möchten ihrem Job Bedeutung einhauchen, um einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen und das Leben entsprechend zu bereichern.

Einen Job allein des Geldes wegen zu machen, kommt für viele nicht infrage. Das ist ein Weg, seine Lebenskarriere zu gestalten: Sich mit seinen Fähigkeiten, Interessen und Möglichkeiten sinnvoll und wirksam einzubringen.

Lebenskarriere lässt die Wahl

Nun könnten Kritiker anmerken, dass das Konzept der Lebenskarriere als bequeme Ausrede herhalten kann, sich im Berufsleben nicht anstrengen zu müssen. Das ist allerdings nicht der Punkt: Es geht nicht darum, sich in jedem Fall entspannt zurückzulehnen. Vielmehr ist es so, dass sich nicht alles im Leben um den Job drehen muss.

Wer eine Lebenskarriere anstrebt, hat die Wahl:

Es ist auch völlig in Ordnung, einen Job zu machen, der keinen Spaß macht und keine Erfüllung, dafür aber finanzielle Sicherheit bietet und den individuellen Sinn in anderen Bereichen zu finden. Und es ist genau so okay, den Beruf in den Mittelpunkt zu stellen und schnellstmöglich die berufliche Karriereleiter zu erklimmen.

Entscheidend sei nicht, welchen Weg ein Mensch wählt, denn in der Lebenskarriere gibt es keinen besseren oder schlechteren Ansatz. Wichtig sei einzig, dass die Entscheidung für den individuellen Weg bewusst und mit der Frage nach dem Sinn und der Wirkung der eigenen Lebenskarriere gestellt wird.

Das bedeutet nie Untätigkeit oder gar Verantwortungslosigkeit. Aber Müller räumt ein, dass Menschen mit klassischen Karrierebegriff, die auf die Lebenskarriere anderer schauen, diese als nutzlos, faul oder eine Verschwendung von Potenzial betrachten.

Aber das sei der Unterschied der Lebenskarriere zur klassischen Karriere:

Erfolg definiert jede und jeder für sich selbst, unabhängig von externen Maßstäben oder Meinungen. Dazu muss ich natürlich wissen, was Erfolg für mich bedeutet. Eine von vielen Fragen, die durch die Philosophie der Lebenskarriere hoffentlich aufgeworfen und beantwortet werden können.

[Bildnachweis: Milan Ilic Photographer by Shutterstock.com]
5. Juli 2018 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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