Sozialer Aufstieg: Hier ist er möglich
Der Traum vom sozialen Aufstieg ist ausgeträumt. Zu dem Eindruck kann kommen, wer sich regelmäßig durch die Berichterstattung kämpft. Das gilt sowohl für die USA als auch für Deutschland: Vom Tellerwäscher zum Millionär oder als Arbeiterkind zum Konzernlenker - scheinbar unmöglich. In welchen Ländern aber ist die soziale Durchlässigkeit groß? Die Uni Stanford hat sich diese Frage auch gestellt ...

Sozialer Aufstieg: Beschwerlich

Stefan Quandt und Susanne Klatten, die Familien Schaeffler (Conti), Albrecht (Aldi), Reimann (Kukident) und Schwarz (Lidl) - das sind laut Rangliste des Manager-Magazins die reichsten Deutschen. Für den gewöhnlichen Uni-Absolventen schlicht undenkbar, jemals in diese Phalanx einzubrechen. Nicht mal annähernd, auch mit größtem Fleiß und maximaler Ausdauer nicht.

Das führt uns zu der Frage: Ist sozialer Aufstieg in Deutschland überhaupt noch möglich? Und wie ist die Lage in anderen Industrieländern? Die Uni Stanford ist diesen Fragestellungen nachgegangen. Die Wissenschaftler haben dabei unter anderem die jeweiligen Beschäftigungsquoten unter die Lupe genommen, Einkommens- und Vermögensverteilung, Armutsrisiko und soziale Mobilität, haben ermittelt, wo die Chancen besonders ungleich verteilt sind. Konzentriert haben sie sich zwar auf die Vereinigten Staaten, aber auch für Deutschland und Europa bietet der Ländervergleich interessante Einsichten.

Verteilung; Von gleich zu ungleich

Erste Erkenntnis: Die Unterschiede zwischen den Industriestaaten sind zum Teil gewaltig. Beispiel Vermögensverteilung: Ein einziges Prozent der US-Amerikaner verfügt über atemberaubende 41,8 Prozent des Gesamtvermögens. Den niedrigsten Wert hat Finnland, wo das reichste Prozent "nur" 12,4 Prozent des Vermögens auf sich vereint. Zum Vergleich: Für Deutschland kam das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zuletzt auf 33 Prozent. Und: Allein das oberste Promille verfügt in Deutschland immer noch über 17 Prozent des Vermögens.

Die Stanford-Forscher haben nun zunächst zehn Länder miteinander verglichen. Herausgekommen ist diese Rangliste ...

10 Industrieländer im Vergleich

  1. Finnland: Die Finnen überzeugen durch ein stabiles Sicherheitsnetz. Auch sind Einkommen und Vermögen bei Weitem nicht so ungleich verteilt wie in den anderen Ländern. Platz 1.
  2. Norwegen: Auch in Norwegen sind die Einkommensunterschiede nicht so eklatant wie etwa in den angelsächsischen Ländern. Und: In der Kategorie "soziale Durchlässigkeit" steht Norwegen auf Platz eins - sozialer Aufstieg ist hier offensichtlich am ehesten möglich.
  3. Australien: In Down Under sammelt sich der Reichtum nicht in den Händen einiger weniger - jedenfalls nicht so gravierend wie andernorts. Dafür ist die soziale Sicherung verbesserungsbedürftig. Insgesamt Platz drei.
  4. Kanada: Robuster Arbeitsmarkt, gute Aufstiegschancen, vergleichsweise geringe Einkommensunterschiede - kein Wunder, dass Kanada für so manchen die besseren USA sind. Aber auch hier ist das Sicherheitsnetz arg dünn.
  5. Deutschland: Erhält vor allem für seine Beschäftigungsquoten Bestnoten. Sowohl Frauen als auch Männer sind überproportional oft beschäftigt. Die soziale Durchlässigkeit aber ist Mittelmaß - Platz fünf.
  6. Frankreich: Nur in Frankreich ist die soziale Absicherung - laut Stanford-Einschätzung - noch komfortabler als in Deutschland. In den anderen Kategorien sind die Franzosen deutlich schlechter, der soziale Aufstieg ist beschwerlicher als im östlichen Nachbarland.
  7. Großbritannien: Ernüchternde Bewertungen für die Briten: Geringe soziale Mobilität, sehr ungleiche Einkommens- und Vermögensverteilung, dünne Absicherung. In allen Kategorien landet man auf den hinteren Plätzen.
  8. Italien: Der italienische Arbeitsmarkt liegt am Boden. Das macht es nicht einfacher, sich von unten nach oben zu kämpfen. Nur Platz neun in der Kategorie soziale Durchlässigkeit, Platz acht insgesamt.
  9. Spanien: Noch schlechter ist die Gesamtsituation in Spanien. Die soziale Mobilität aber scheint einigermaßen gewährleistet zu sein - Platz sechs in dieser Kategorie.
  10. USA: Das Schlusslicht tragen die Vereinigten Staaten, was unter anderem auf die riesigen Ungleichheiten im Land zurückzuführen ist.

Fast noch ernüchternder für die Amerikaner: Sogar in punkto soziale Mobilität liegt man mittlerweile ganz hinten. Der amerikanische Traum scheint also für viele völlig außer Reichweite geraten zu sein - und das trotz eines flexiblen Hire-and-fire-Arbeitsmarktes, auf dem zumindest in der Theorie jeder die Chance hat, sein Glück zu machen.

Ganz anders die durchregulierten Arbeitsmärkte in Ländern wie Norwegen und Deutschland. Sie alle haben eine höhere soziale Durchlässigkeit. Hier die Einzel-Rangliste ...

Sozialer Aufstieg: Wo er am leichtesten ist

Platzierung Land
1 Norwegen
2 Finnland
3 Kanada
4 Australien
5 Deutschland
6 Spanien
7 Frankreich
9 Italien
9 Großbritannien
10 USA

[Quelle: The Poverty and Inequality Report, The Stanford Center on Poverty and Inequality]

Die Autoren schlussfolgern, dass die soziale Ungleichheit in den USA sich selbst verstetigt. Arme Kinder wachsen in armen Stadtteilen auf, gehen auf schlechte Schulen und hinterher seltener aufs College. Das wiederum habe einen schützenden Effekt auf die Eliten-Kinder, denen Konkurrenz „von unten“ weniger stark zusetzt und deren Rendite durch das Studium unangetastet hoch bleibt. Die Ungleichheit verstärkt sich, ein Teufelskreis.

Deutschland dagegen steht im internationalen Vergleich einigermaßen solide da, bekommt aber vor allem für seine Vermögensverteilung schlechte Noten. Gute gibt es für das soziale Sicherungsnetz und den (momentan) glänzenden Arbeitsmarkt. Das weitgehend kostenlose Bildungssystem ermöglicht nahezu jedem eine gute Ausbildung, der funktionierende Arbeitsmarkt einen vergleichsweise leichten Berufseinstieg.

Fazit: Der soziale Aufstieg ist in Deutschland - ganz grob betrachtet - weniger vom Geldbeutel der Eltern abhängig als beispielsweise in den USA. Daran, dass man die Quandts und Klattens zeitlebens nur aus dem Fernrohr betrachten darf, ändert das aber nichts ...

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