Das Industriezeitalter ist vorbei. Willkommen im Informationszeitalter. 100 Jahre nach Frederick Winslow Taylor ist es an der Zeit, den Begriff Produktivität neu zu denken. Denn was für amerikanische Stahlarbeiter gegolten haben mag, kann für heutige Wissensarbeiter nicht mehr gültig sein. Für diese Gattung der Arbeiter hat es keinen Sinn, die Lehren des Industriezeitalters zu befolgen. Neue Regeln braucht das Land!
Aber glauben Sie nicht, das wäre eine leichte Herausforderung. Auch wenn die bisher gängige Definition von Produktivität nicht mehr greifen mag, für Manager ist sie ein Werkzeug, dass Kontrolle und Vorhersehbarkeit verspricht. Grafiken und Tabellen bestimmen deshalb ihren Arbeitsalltag. Die neuen Regeln müssen anders sein, sie müssen berücksichtigen, wie Sie sich am Tag X fühlen und weniger wie Sie sich fühlen sollten. Das macht die Regeln weniger vorhersehbar, lässt dafür aber mehr kreativen Freiraum.
Blicken wir trotzdem noch einmal zurück – als Arbeitsabläufe noch mit der Stoppuhr optimiert wurden, waren Gedanken wie diese Normalität:
- Je mehr ich arbeite, desto mehr Arbeit schaffe ich.
- Produktivität ist eine Konstante mit der sich planen lässt.
- Je mehr Leute im Team sind, desto schneller werden wir fertig.
Für Wissensarbeiter sind diese Grundsätze unter Umständen sogar schädlich. Denn Sie arbeiten keinen Stapel von Materialen mit Hilfe Ihrer Muskelkraft ab, sondern leisten in erster Linie geistige Arbeit. Wenn Sie sich dazu zählen und Ihre Produktivität steigern möchten, lesen Sie diese fünf neuen Regeln (für Wissensarbeiter):
- Produktivität = Keine Konstante
- Ein genialer Einfall Ihnen und Ihrem Team wochenlange Arbeit ersparen wird.
- Sie ohne Pause zwölf Stunden produktiv wie nie durcharbeiten werden.
- …an dem Sie acht Stunden unproduktiv in den Bildschrim starren werden.
- …einen Fehler begehen, denn Sie tagelang suchen und beheben müssen.
- Planen Sie mit Tagen durchschnittlicher Produktivität, gehen Sie nicht vom Maximum aus.
- Zwingen Sie sich nicht an unproduktiven Tagen. Ihr Gehirn arbeitet im Unterbewusstsein weiter.
- Wenn an einem Tag wirklich nichts geht, machen Sie doch früher Schluss und entspannen sich.
- Mehr Arbeitsstunden = Weniger erledigte Arbeit
- Vermeiden Sie Überstunden.
- Machen Sie Pausen und nehmen Sie Ihren Urlaub.
- Versuchen Sie Ihren Rhythmus zu finden und experimentieren Sie mehr im Job.
- Härter arbeiten = Weniger erledigte Arbeit
- Nehmen Sie den Druck von sich und Ihrem Team. Weniger Druck heisst mehr Produktivität.
- Verteilen Sie die Arbeit nur auf 80 Prozent der zur Verfügung stehenden Zeit. Das schafft Raum für Kreativität.
- Wenn es sich wie Arbeit anfühlt, machen Sie etwas falsch.
- Aufschieberitis = Keine Krankheit
- Beginnen Sie bei Schritt 1.
- Nehmen Sie sich den nächsten Punkt ihrer To-Do-Liste vor.
- Erledigen Sie diesen Punkt. Jetzt!
- Aufschieben und sich nicht schuldig fühlen.
- Konzentrieren Sie sich auf die neue Aufgabe, und denken nicht ständig über die aufgeschobene nach.
- Stellen Sich der Verantwortung und kommunizieren Sie den Aufschub sowie geänderte Abgabetermine.
- Zufriedenheit = Bester Antrieb
- Werden Sie glücklich in dem Beruf, den Sie ausüben.
- Erinnern Sie sich an die schönen Seiten Ihrer Tätigkeit.
- Wenn nichts hilft: Suchen Sie sich einen anderen Job.
In einem Industriebetrieb kann das Tagessoll geplant und produziert werden. Abgesehen von Arbeitsunfällen oder Materialfehlern, ist voraussehbar, dass in X Stunden Maschinenlaufzeit die Menge Y an Erzeugnissen für den nächsten Tag bereit stehen wird. Für Wissensarbeiter kann nicht mit 100-prozentiger Genauigkeit gesagt werden, dass am morgigen Tag:
Niemand weiß, ob morgen nicht der Tag sein wird…
Diese Unterschiede sind Realität. Deshalb setzen Sie sich nur unnötig unter Druck, wenn Sie Ihre Produktivität an dem Ergebnis eines einzelnen Tages messen wollen. Sinnvoller ist es die durchschnittliche Produktivität über mehrere Tage hinweg zu bewerten.
Drei Tipps wie sich Frust vermeiden lässt:
Wenn viel Arbeit liegen bleibt, neigen viele dazu, eine Extraschicht einzulegen. Falsch! Für Wissensarbeiter gilt die einfache Beziehung zwischen geleisteten Arbeitsstunden und Ergebnis nicht. Mehr noch: Leistung, das fanden die Psychologen Robert Yerkes und John D. Dodson schon 1908 heraus, folgt einer Kurve, die aussieht wie ein umgedrehtes „U“. Je mehr Einsatz (und je mehr Stress), desto stärker steigt die Produktivität. Doch irgendwann ist Schluss; ab dem Scheitelpunkt des „U“ bringt Mehrarbeit gar nichts. Im Gegenteil: Je stärker man sich von da an unter Druck setzt, die Vorgaben zu erfüllen, desto größer wird der Stress, und die Leistung fällt rapide ab. Die ewige Optimierung der Arbeitsleistung wird dann zum Bumerang.

Ethan Winning kommt sogar zu dem Schluss, dass die Fehlerquote nach acht Stunden Arbeit um zehn Prozent steigt. Nach einem 10-Stunden-Tag steigt die Quote sogar um 28 Prozent. Des Weiteren sinkt die Produktivität um die Hälfte ab, nach “nur” acht Stunden Arbeit. In anderen Worten: Die Hälfte aller Überstunden waren Perlen vor die Säue. Einige Studien kommen gar zu dem Schluss, dass Wissensarbeiter mit einer 35-Stunden-Woche am produktivsten wären.
Drei Tipps wie sich Frust vermeiden lässt:
Das Industriezeitalter ist vorbei. Das bedeutet: Schneller schaufeln oder laufen, kann man nicht mit schneller denken oder tippen gleichsetzen. Im Industriebereich mag die Formel “härter arbeiten = mehr schaffen” gelegentlich noch Gültigkeit besitzen, aber auch hier passieren dann vermehrt Flüchtigkeitsfehler. Für Wissensarbeiter gilt jedoch das nicht: Kreativität, gutes Schreiben oder klares Denken lässt sich nicht erzwingen – das Gegenteil wird das Resultat sein.
Drei Tipps wie sich Frust vermeiden lässt:
Was du heute kannst besorgen das verschiebe nicht auf morgen. Dieses Credo spricht sich klar gegen Verschiebungen oder Verzögerungen aus. Es stammt aus einer Zeit, als jede Verzögerung beziehungsweise Stillstand des Fließbandes vergeudete Zeit und bare Münze war. Wenn Sie den Begriff bei Google eingeben, erhalten Sie tausende Seiten und hunderte Tipps wie diese:
Diese Ratgeber wollen Ihnen einreden, dass Sie mit genügend Willenskraft, Rückgrad und Disziplin an Ihr Ziel gelangen werden. Falsch! Wissensarbeit funktioniert anders. Am Montag fühlen Sie sich in der Lage für Aufgabe A und verabscheuen Aufgabe B. Am Dienstag verhält es sich vielleicht genau umgekehrt. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Trauen Sie sich!
Drei Tipps wie sich Frust vermeiden lässt:
Nichts steigert Ihre Produktivität mehr, als die Tatsache, dass Sie glücklich und zufrieden mit Ihrer Arbeit sind. Im Umkehrschluss heisst das: Wer morgens schon über die Arbeit flucht und am liebsten zuhause bleiben würde, muss wesentlich größere Hürden überwinden als jemand der mit Spaß in die Arbeit geht. Daher lautet die einfachste der fünf Regeln: Genießen Sie ihre Arbeit – Ihre Produktivität wird es Ihnen danken!
Drei Tipps wie sich Frust vermeiden lässt:
Zum Abschluss sollten Sie sich fragen: Möchten ich weiterhin einem veralteten System folgen, dass angenehm in der Anwendung und vorhersehbar ist? Oder sind Sie bereit für neue Regeln, die Sie Ihren Bedürfnissen und der täglichen Realität entsprechen?







Monika
Danke! Dieser Artikel hilft mir sehr.
Balian
Ein schöner Artikel, der allerings der GTD-Methode wiederspricht, mit der ich mich eigentlich tiefer beschäftigen wollte. Hm…da muss ich wohl nochmal drüber nachdenken…
Fabian
Sehr guter Artikel! Allerdings muss ich sagen, dass es sich dennoch sehr lohnt den inneren Schweinehund zu bekämpfen und die unter Punkt 4 genannte Aufschieberitis nicht gelten zu lassen.
Das Erfolgsgefühl eine unangenehme Aufgabe gemeistert zu haben motiviert direkt für die nächsten Stunden und kann so auch die Produktivität steigern.
S.Bauer
Absolut hervorragender Artikel, der mir (bin “Wissensarbeiter”) vollkommen aus der Seele spricht.
Ein wenig wurde mir hier klar, warum in manchen Diskussionen mit meinem Vater und anderen älteren Bekannten es derart häufig zu Mißverständnissen kommt. Diese Generation ist noch im Industriezeitalter sozialisiert worden, und hängt vollkommen den alten, tayloristischen Regeln an.
So Dinge wie “Wenn an einem Tag wirklich nichts geht, machen Sie doch früher Schluss und entspannen sich.” werden von dieser Generation als Faulenzerei und Arbeitsscheue interpretiert. Ich hatte das einmal in meinem ersten Job nach der Uni gemacht, und wurde dafür von meinem Vorgesetzten massiv sanktioniert. Daß ich z.B. auch mal eine Idee um 2 Uhr nachts am Laptop als Konzept ausgearbeitet hatte, war uninteressant. “Arbeitszeit ist von 9 bis 5″. (bei dem Job habe ich es auch nicht lange ausgehalten…)
Zu “Werden Sie glücklich in dem Beruf, den Sie ausüben.” wurde mir ganz direkt an den Kopf geworfen, daß Arbeit nicht zum Glücklichwerden da sei, daß es halt Maloche sei und “Warum solls dir besser gehen als uns?”
“Versuchen Sie Ihren Rhythmus zu finden und experimentieren Sie mehr im Job.” wird von jener Generation als Quertreiberei und Auflehnung gegenüber Regeln und der Hierarchie interpretiert.
Der Konflikt zwischen alten und neuen Regeln könnte mit ein großer Grund dafür sein, daß derzeit so vielen Leuten das moderne Arbeitsleben derart kaputt erscheint. Jene Generation die in den Wirtschaftswunderjahren groß geworden ist befindet sich jetzt in den Top-Führungspositionen, und verlangt immer noch die Werte und Regeln, die damals Gültigkeit hatten. Nur hat sich die Welt inzwischen massiv geändert.
Holger Lischke
Danke, freut mich, dass Sie Anregungen aus dem Artikel ziehen können…
@Fabian: der Einwand ist berechtigt, nur was wenn Sie nach 5 Stunden immer noch ergebnislos an der Nuss knacken? Der Frust ist sicher groß. Der innere Schweinehund sollte aber in jedem Fall besiegt werden!
@S.Bauer: Ich stimme Ihnen vollkommen zu. “Das Industriezeitalter ist vorbei. Willkommen im Informationszeitalter. ” :)
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Stefan
Ich muss S. Bauer in einigen Punkten widersprechen. Es mag sein das man in einem Job, der nur die Arbeitskraft des Einzelnen erfordert, machen kann was man will. Muss man jedoch im Team zusammenarbeiten sind geregelte Arbeitszeiten unerlässlich. Es gibt für mich nichts nervigeres als ein Teammitglied das andauernd nicht greifbar ist wenn etwas dringen besprochen werden muss.
Ebensowenig kann ich die Wissensvermittlung aktuell einfach so flexibilisieren. Weder Studenten noch Seminarteilnehmer würden akzeptieren wenn ich mich heute mal nicht so gut fühlen würde.
Und ich denke auch nicht das sie das akzeptieren würden.
Leider ist das Insistieren auf kreative Arbeitszeiten auch oft Arroganz, nicht immer sind diejenigen wirklich produktiver die frei arbeiten, meist nutzen sie die Zeit nicht effektiv.
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Ivan Blatter
Ein sehr schöner Artikel!
Natürlich kann man nicht einfach alles eins-zu-eins umsetzen. Meine Kunden im Seminar heute wären wahrscheinlich nicht sehr erfreut, wenn ich nach der Hälfte sagen würde: “Ach, wisst ihr, heute fühle ich mich so unproduktiv, ich gehe nach Hause.”
Aber es gibt viele viele Gelegenheiten im normalen Arbeitsalltag, wo man diese Tipps umsetzen kann oder zumindest aus ihnen etwas lernen kann.