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1 von Felix Hinkeldey am 29. Juli 2010 → Artikel in Reputation
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Googlesichere Weste – Das Zeitalter, das nichts mehr vergisst

Sie sollten darauf achten, dass es keine peinlichen Fotos von Ihnen in sozialen Netzwerken gibt. Check. Falls es doch welche gibt, dann sollten Sie wenigstens Ihre Verlinkungen darauf entfernen. Check. Alternativ können Sie Ihre Einstellungen zur Privatsphäre so lange hochschrauben, bis nur noch Ihr engster Freundeskreis überhaupt Fotos von Ihnen betrachten kann. Check. Und absolut alle Ihre Kommentare sollten so harmlos sein, dass niemand, von dem Sie in den nächsten 15 Jahren beruflich abhängig sein könnten, sich daran stört. Check?

Personaler checken unsere Internetprofile, um zu sehen, ob uns irgendwelche Eigenschaften untauglich für eine Stelle machen; Verliebte prüfen ihre Dates, Vermieter ihre Mieter und so weiter. Das kennen wir. Haben wir zur Genüge gelesen. Dennoch mahnte Jeffrey Rosen, Juraprofessor an der George Washington Universität, kürzlich in der New York Times dazu, sich die Tragweite von Handlungen im Netz stetig bewusst zu machen. Denn im Gegensatz zu Menschen vergisst das Internet nichts. Zur Verdeutlichung der Konsequenzen genügt die aus dem TV bekannte Miranda-Warnung: Alles, was Sie tun, kann und wird gegen Sie verwendet werden.

Die Theorie: Erste Bedenken

Alles, was wir ins Internet setzen – ob persönliche Daten, Fotos, Meinungen, Lob oder Flüche – ist dort so schnell nicht mehr herauszubekommen. Schon heute sammelt die US-amerikanische Library of Congress sämtliche Tweets, die auf Twitter so in den Raum geworfen werden. Wenn alle Äußerungen, die wir je über Social Media ins Internet gesetzt haben, auf ewig abgerufen werden können – ist es dann nicht immer irgendwie möglich, uns in einem schlechten Licht dastehen zu lassen?

Ebenso verhält es sich mit verbalen Entgleisungen, die möglicherweise wirklich daneben waren. In der realen Welt haben wir die Chance, aus unseren Fehlern zu lernen, es kann „Gras über eine Sache wachsen“. Im Internet wächst kein Gras. Wenn wir etwas über Twitter preisgeben, steht es Wort für Wort öffentlich im Raum – möglicherweise auf ewig abrufbar. Sind wir uns dessen wirklich immer bewusst? Rosen schreibt dazu folgendes:

It’s often said that we live in a permissive era, one with infinite second chances. But the truth is that for a great many people, the permanent memory bank of the Web increasingly means there are no second chances — no opportunities to escape a scarlet letter in your digital past. Now the worst thing you’ve done is often the first thing everyone knows about you.

Laut Viktor Mayer-Schönberger war in traditionellen Gesellschaften das begrenzte menschliche Erinnerungsvermögen der Grund dafür, dass uns Fehltritte nicht auf ewig verfolgten. Dies wird der menschlichen Fähigkeit des Sich-Entwickelns gerecht. Wo aber bleibt diese Chance, wenn uns jeder Fehler ein ganzes Leben lang nachgetragen werden kann? Vergeben und vergessen bedingen sich nunmal häufig.

Die Praxis: Viele Betroffene

Heute verbringen 500 Millionen Facebook-User, also etwas mehr als 20 Prozent der Internetnutzer, zusammen 500 Milliarden Minuten monatlich in diesem Netzwerk. Hier posten Sie 25 Milliarden Inhalte (Bilder, Statusmeldungen, Nachrichten), jeder durchschnittlich 70, pro Monat. Die 100 Millionen registrierten Twitter-User erhöhen die Wahrscheinlichkeit, pikante Äußerungen und verbale Entgleisungen im Netz zu finden, zusätzlich.

Laut einer aktuellen Microsoft-Umfrage, die Rosen zitiert, geben mittlerweile 75 Prozent der Personalverantwortlichen in den USA an, Kandidaten per Onlinerecherche in sozialen Netzwerken zu überprüfen. 70 Prozent haben bereits Bewerber wegen Informationen aus dem Netz abgelehnt. Neben diesen und anderen Ergebnissen sind es die einschlägigen Praxisfälle, die ein mulmiges Gefühl bei vielen Vernetzten auslösen:

  • Vor 4 Jahren wurde der damals 25-jährigen Lehrerin Stacy S. ihr Universitätsabschluss verwehrt, nachdem auf MySpace ein harmloses Partyfoto von ihr aufgetaucht war. Das anschließende Gerichtsverfahren verlor sie mit der Begründung, die Veröffentlichung des Fotos sei nicht durch das Recht der freien Rede geschützt.
  • Dem 66-jährigen kanadischen Psychiater Andrew F. wurde 2007 die Anreise in die USA verwehrt, weil er 2001 einen Artikel über seine Experimente mit LSD im Internet veröffentlicht hatte. Dass seine Erfahrungen mit der Droge aus den 1960er Jahren stammten, war für die Entscheidung unerheblich.

Trotz (oder gerade wegen) ihrer drastischen Auswirkungen sind sowohl das besagte Partyfoto als auch der LSD-Artikel noch im Netz zu finden. Wie gesagt: Im Internet wächst kein Gras.

Das Private: Gemischte Gefühle

Der Soziologe Erving Goffman beschrieb in seinem berühmtesten Werk „Wir alle spielen Theater“ das menschliche Verhalten so, dass wir uns in sozialen Situationen bestimmte Rollen aneignen, um angemessen zu handeln. Eine toughe Geschäftsfrau ist eben daheim weichherzige Mutter. Durch die gemeinsamen Plattformen, die wir im Netz nutzen, verschwimmen diese klaren Grenzen jedoch – wenn die Geschäftsfrau nun Kinder und Kollegen in der Freundesliste hat, bekommen beide ihr gegensätzliches Verhalten mit. In beiden Fällen wird das zu Irritationen und Spott führen können – im schlimmsten Fall jedoch zu beruflichen Nachteilen.

Die Konsequenzen: Meine Erfahrungen

Diese Gedanken sind alles andere als neu; in irgendeiner Form werden sie jedem von Ihnen schon einmal über den Weg gelaufen sein. Die Frage ist nur, ob wir uns der Ausmaße unseres Verhaltens im Internet jederzeit bewusst sind. Ich persönlich betreibe sechs Profile in sozialen Netzwerken, manche davon seit vielen Jahren. Keineswegs erinnere ich mich an jede einzelne Äußerung, die ich dort jemals getätigt habe – sicherlich könnte man mich mit der einen oder anderen heute oder in Zukunft böse konfrontieren.

Doch auch etwas anderes habe ich persönlich erlebt: Professoren und Dozenten, die keinesfalls davor zurückschrecken, sich bei Facebook anzumelden und dort auch mit ihren Studenten in Kontakt zu treten. Nur ein einziges Mal hat sich einer von diesen sonntags über seinen Kater beschwert – mehr als ein belustigtes Lächeln des Kurses hat er als Konsequenz jedoch nicht zu spüren bekommen. Aber auch nur, weil jeder seiner Studenten mitfühlen konnte.



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