28 von Jochen Mai am 13. Juli 2007 → Artikel in Reputation

Klick, du bist tot – Wenn das Internet Karrieren killt

fadenkreuzHaben Sie schon mal von Googlability gehört? Nicht? Sollten Sie aber! Das Internet wächst und wächst, es kennt Antworten zu Karrierefragen, Kommentare zum Klimawandel oder Rezepte für Boeuff Stroganoff. Und immer öfter weiß es auch Wissenswertes über die Fragensteller selbst: Immer mehr Nutzer füttern das neue, personalisierte Internet, kurz Web 2.0, mit immer persönlicheren Daten – und das lockt immer mehr Neugierige an. Selbstdarstellung und Exhibitionismus sind zur Freizeitbeschäftigung für Millionen geworden. Ein paar Klicks reichen aus, um ein eigenes Webjournal zu betreiben, private Bilder hochzuladen oder in Blogs und Fachforen munter mitzuplappern.

Was da entsteht, ist ein gigantisches globales Zentralarchiv, ein Online-Gedächtnis, das alles sieht und weiß und fast nichts mehr vergisst. Und das ist das Problem. Noch nie konnten Menschen so schnell auf Informationen zu allen erdenklichen Themen zugreifen, Kontakte knüpfen und bekamen ebenso schnell eine Reaktion darauf. Selbst von Menschen, die sie gar nicht kennen. Das alles hat bereits die Arbeitswelt revolutioniert. Jetzt ist die Privatsphäre dran – und damit der letzte persönliche Schutzraum. Die Situation könnte grotesker kaum sein. Noch während Innenminister Wolfgang Schäuble mit Datenschützern und Parlamentskollegen streitet, ob die Polizei künftig Online-Durchsuchungen an privaten Rechnern durchführen darf, lässt die Internet-Gemeinde schonungslos die Hüllen fallen: Hobbys, Wohnort, Job, der Streit mit dem Chef, die Affäre mit der Kollegin, die eigenen sexuellen Vorlieben, verwackelte Nacktfotos auf dem Kunstledersofa – alles lässt sich problemlos mit ein paar Suchmaschinen-Klicks zusammenrecherchieren. Eine gigantische Fundgrube für Datenbanker und ein einziges Grubenunglück für Datenschützer.

Der große Nutzen des Internets ist zugleich seine größte Gefahr: die Schwarm-Intelligenz. Je mehr Leute etwas behaupten, desto wahrer wirkt es. Die Behauptungen, die andere ins Netz stellen, können so für ihre Opfer leicht zur Lynchjustiz werden. Selbst das, was andere in bester Absicht über jemanden schreiben, Schnappschüsse, die Fremde oder Freunde auf ihre Seiten laden, sogar das Verhalten in virtuellen Diskussionen kann den Ruf ramponieren. Oder wie Kurt Tucholsky es formulierte: „Das Gegenteil von gut ist nicht böse, sondern gut gemeint.“

Das Netz macht Lebensläufe transparenter als es vielen recht ist. Mal eben ein paar Ausrutscher retuschieren und die eigene Laufbahn schönen – das ist kaum noch möglich. Wahr ist, was digital geschrieben steht. Und das hat Folgen.

Immer mehr Personaler werten dieses Wissen systematisch aus, durchforsten die Online-Vita eines Kandidaten, achten auf Lücken oder Widersprüche im Lebenslauf, auf eine seriöse Darstellung sowie darauf, ob jemand die Schlüsselpersonen seiner Branche kennt und umgekehrt. Profiling heißt das im Fachjargon. So ist auf einmal für jeden erkennbar, wo und mit wem jemand zur Schule gegangen ist, für welche Vereine oder Verbindungen er sich engagiert hat, wer seine oder ihre Freunde sind und was die so treiben. Aber auch die Schattenseiten einer Vita – ein missglücktes Projekt, Verleumdungen, die Rache eines verschmähten Liebhabers, Jugendsünden – stehen plötzlich für alle sichtbar im Cyberspace. Das Netz mutiert nicht nur zu einem allumfassenden Wissensspeicher, sondern auch zum Reservoir der Indiskretion. Ein enormes Wissen – und eine enorme Macht.

Der Internet-Leumund ist längst ein Faktor, der die Karriere entscheidend beeinflussen kann. Bei einer Befragung des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater (BDU) von mehr als 300 Personalberatern und Personalentscheidern gaben 28 Prozent an, das Internet regelmäßig zu nutzen, um Lebensläufe von Kandidaten auf Schwachstellen abzuklopfen: Referenzen, fachliche Eignung, Vergangenheit, Kompetenzen, Meinungsäußerungen, Mitgliedschaften, Freizeitaktivitäten – alles wird gesammelt und ausgewertet. Und Netzwerke wie Xing oder StudiVZ sind wahre Fundgruben. 69 Prozent der Personalprofis nutzen das Medium dazu immer häufiger, mit entsprechenden Konsequenzen: In 34 Prozent der Fälle flogen Kandidaten schon nach den Online-Recherchen aus dem Auswahlprozess.

wiwo_cover_p.jpgIn der WirtschaftsWoche habe ich dazu einmal eine Titelgeschichte geschrieben und im Internet eine Kunstfigur angelegt: Reiner Fakeman. Sie sollte am konkreten Beispiel zeigen, mit welchen Mitteln man sein Image im Web gestalten kann und transparent machen, wie sich welche Einträge in den Trefferlisten der Suchmaschinen auswirken, welche Einträge (die ich freilich bewusst erzeugt habe) gefunden und wo sie später eingeordnet werden. Drei Beispiele: Schon kurz nach Erscheinen des Fakeman-Blogs verwendeten einige Glückspielseiten den bis dahin bei Google völlig unbekannten Namen „Reiner Fakeman“ im Kontext, nur um entsprechende Klicks auf ihre Seiten zu locken. Im Prinzip harmlos. Aber will man damit in Verbindung gebracht werden? Am selben Wochenende verwiesen bereits über zwölf Blogs und andere Webseiten auf die Story und die Fakeman-Seiten. Letztere führten bis dato die Suchlisten unangefochten an. Nun liegt die erste eigene Webseite, das Fakeman-Blog, nur noch auf Rang 4. Besser verdrahtete und ältere Blogs haben sie verdrängt. Wären diese rufschädigend, würde es schwer, den Platz zurück zu erobern. Ebenfalls am Wochenende tauchten in einem anderen Blog Kommentatoren auf, die sich als „Reiner Fakeman“ ausgaben, es aber nicht waren. Den naheliegenden Spaß habe ich zwar erwartet – er zeigt aber auch, wie leicht es ist, im Namen anderer Unfug zu veröffentlichen und so dessen Reputation zu beeinflussen.

Deshalb, darum und daher: Wissen Sie, was man über Sie weiß? Schon bald wird Menschen, die nicht im Web zu finden sind, eine Aura des Geheimnisvollen umgeben, prophezeit der US-Journalist John Battelle in seinem Buch „Die Suche“. Alle anderen aber täten gut daran, möglichst oft bei Google & Co. ihre Namen zu suchen und sich ein Bild davon zu verschaffen, wer sie in der Welt des Web sind. Sie am besten auch:

Beginnen Sie mit den größten Suchmaschinen – Google, Yahoo, MSN und Technorati. Dort geben Sie Ihren vollen Namen in Anführungszeichen und bei enthaltenen Umlauten abwechselnd in beiden Schreibweisen ein – also: „Peter Müller“ und „Peter Mueller“ – vergessen Sie auch nicht „Müller, Peter“! Sollten Sie zu viele Ergebnisse erzielen, können Sie die Suche eingrenzen, indem Sie den Namen Ihres Wohnortes, Ihres aktuellen Arbeitgebers oder andere personenbezogene Daten ergänzen, die Sie üblicherweise in Bewerbungen verwenden. Wiederholen Sie die Suche und fragen Sie auch Ihre E-Mail-Adresse ab oder Ihre Spitznamen, die Sie im Internet verwendet haben. Gefährlich wird es dann, wenn an einer Stelle der Tarnname mit dem Klarnamen in Verbindung gebracht wird. Dann kann dann jeder herausfinden, was Peter Müller alias Hengst21 im Netz treibt. Erweitern Sie nun Ihren Suchradius um Bilder. Bei Google geht das komfortabel, indem Sie über dem Suchfeld die Rubrik „Bilder“ anklicken und danach wie in Schritt eins sämtliche Namen-Kombinationen durchspielen. Wer weiß, vielleicht gibt es eine private Seite mit Fotos von einer Party auf der Sie waren. Und wer weiß, was Sie da gerade machen…

Archive wie Wayback finden auch noch uralte Daten. Und ein Google-Alert hilft Ihnen, künftig über neue Einträge mit Ihrem Namen informiert zu bleiben. Achten Sie auch auf Verwechslungsgefahren mit Namensvettern! Womöglich sind Sie ein anständiger Kerl, Ihr Namenszwilling aber nicht. Dumm, wenn das der Personaler nicht merkt, der nach Ihnen sucht. Klares distanzieren über eine eigene Webseite hilft. Ansonsten drängen Sie Freunde oder Seitenbetreiber dazu, unliebsame Einträge zu löschen. Vergessen Sie dabei das Google-Cache, eine Art Seitenfotokopie, nicht!

Ein besseres Gegengift zur Googlability ist Selbstmarketing: Bevor andere über Sie ein Profil anlegen – machen Sie es selbst! Unliebsamen Einträge können Sie vielleicht weder löschen noch verhindern. Aber Sie können sie verdrängen. Die Strategien dazu sind vielfältig, legitim und oft sogar kostenlos. Dazu gehören:

  • Der Eintrag in virtuellen Businessnetzwerken. Dort gilt es vor allem, Kontakte zu Leuten mit hoher Strahlkraft und Renommee aufzubauen. Der hinterlegte Lebenslauf sollte lückenlos und eindrucksvoll sein, das Foto professionell und sympathisch – genau wie bei einer Bewerbung. Ein paar verlinkte Einträge in Fachforen unterstreichen das Bild. Wichtig ist dabei, stets Qualität vor Quantität zu setzen. Mehr als 100 enge Businesskontakte braucht kein Mensch – wenn es die richtigen sind.
  • Eine eigene Webseite oder besser ein eigenes Blog. Das kostet weder Geld noch viel Zeit, wird aber von Suchmaschinen bevorzugt. Auf dem Blog können solide recherchierte Fachartikel veröffentlicht oder Branchennachrichten kommentiert sowie der eigene Lebenslauf (eventuell Passwort geschützt) hinterlegt werden. Links zu anderen seriösen Seiten zeigen subtil, was der Seitenbetreiber sonst noch liest und wofür er sich interessiert. Effekt: Man positioniert sich als belesener Experte, der moderne Kommunikationsmittel zu handhaben weiß.
  • Dasselbe gilt für Diskussionsbeiträge in öffentlichen Fachforen. Hier beweist man nicht nur Kompetenz, sondern auch Streitkultur. Nur eines ist dabei tabu: labern.
  • Auf der Seite Del.icio.us lässt sich kostenlos die persönliche Favoritensammlung veröffentlichen, also die Webseiten, die man gerne und häufig besucht. Das mag trivial aussehen. Tatsächlich aber genießen solche Linklisten bei den Suchdiensten einen hohen Stellenwert. Auch hierbei sagt der Autor indirekt, wofür er sich interessiert.
  • Nach dem gleichen Prinzip lassen sich noch mehr Treffer generieren: Wer zeigen will, wen er kennt und auf welch wichtigen Treffen er verkehrt, kann zum Beispiel Fotos von sich mit anderen Gästen kostenlos bei Sevenload oder Flickr einstellen (Achtung: Vorher mit den Betroffenen klären, ob man die Bilder veröffentlichen darf, sonst verletzt man Persönlichkeitsrechte!). Beim Online-Buchhändler Amazon wiederum kann kostenlos eine Produkt-Wunschliste publiziert werden. Nebeneffekt: Wer sie findet, lernt etwas über den Musik- und Literaturgeschmack der Person. Darüber hinaus hilft es auch, seine Freunde und Mentoren zu bitten, gegebenenfalls auf deren Webseiten subtil Lobendes zu veröffentlichen und Links zu setzen.

Entscheidend ist dabei allerdings nicht, wie oft der eigene Name in den Suchlisten auftaucht, sondern in welchem Zusammenhang. Es geht beim digitalen Reputationsmanagement darum einen professionellen Eindruck zu hinterlassen. Das betrifft sowohl das Design wie die Inhalte. Bevor Sie also künftig etwas online stellen, fragen Sie sich: Würde ich zusammen mit diesem Text, diesem Bild und meinem Namen in der Zeitung stehen wollen? Lautet die Antwort Nein – löschen Sie es!

Apropos: Welche Erfahrungen haben Sie im oder mit dem Internet gemacht? Sind Sie schon einmal ausgegoogelt worden und daraufhin im Bewerbungsprozess abgeblitzt? Hat jemand versucht, Ihren virtuellen Ruf zu schädigen? Oder haben Sie selbst eine Scheinidentität angenommen, um Ihren Ruf zu schützen? Nur keine Scheu – Sie können hier ja auch anonym kommentieren…

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1. Kommentar

Johannes
16.07.07 um 07:07 Uhr

Bei Brazen Careerist gibt es einen schön Artikel zu dem Thema aus Sicht einer neuen Generation im Arbeitsmarkt: http://blog.penelopetrunk.com/2007/06/05/twentysomething-raunchy-old-photos-will-be-part-of-the-revolution/

2. Kommentar

Jochen Mai
16.07.07 um 07:58 Uhr

Guter Link, gutes Blog. Danke. In der Tat unterschätzen wohl viele Einträge auf Plattformen wie Myspace, Facebook oder StudiVZ und tun sie als Jugend- und Studiensünden ab. Doch das kann einen einholen. In den USA ist das Ausrecherchieren von Bewerbern bereits ausgeprägter. Ich gehe davon aus, dass wir solche Verhältnisse über kurz oder lang auch hier haben werden.

3. Kommentar

Johannes
16.07.07 um 08:29 Uhr

Aber wie der Kolumnist in dem Artikel schon richtig bemerkt: wer möchte schon für einen Arbeitgeber arbeiten, der nicht versteht, dass ein junger Mensch am Wochenende auf Partys geht. Gerade weil diese neue Generation nicht mehr nur Karriere im Kopf hat, spielt das eine wichtige Rolle.

Ich habe das Buch von Penelope Trunk gelesen und kann es nur wärmstens empfehlen.

4. Kommentar

Jochen Mai
16.07.07 um 09:46 Uhr

Ich glaube nicht, dass Arbeitgeber nicht verstehen, dass junge Menschen auf Partys gehen. Aber sie fragen sich, warum junge Menschen dann auch noch die Bilder davon veröffentlichen müssen, wenn sie dabei abstürzen oder halbnackt auf den Tischen tanzen….

5. Kommentar

Thomas Schulze
25.07.07 um 19:00 Uhr

Super sache,

ich kenne jede Menge Headhunter, die permanent diese tools verwenden,
gerade XING und LinkedIn, weiterhin telefonieren Sie dann alle Ex.Arbeitgeber durch um nähere “social infos” zu bekommen!

Gruss Thomas Schulze

6. Kommentar

Matthias
09.08.07 um 10:28 Uhr

Und nicht vergessen, sind die peinlichen Fotos oder Geschichten einmal im Netz, kann es in vielen Fällen fast unmöglich sein diese wieder zu entfernen..

7. Kommentar

Alexander Greisle
10.08.07 um 17:28 Uhr

Eigentlich ist es ja ganz egal, was ein Bewerber darüber denkt, das ein Personaler stockkonservativ ist und auf Negatives (und negativ empfundenes) im Netz mit Ablehnung reagiert. Klar mag es einem hippen jungen Bewerber out und old-fashioned erscheinen, wenn ein Personaler die Party-Bilder auf StudiVZ doof findet oder dieser der Meinung ist, das ein etwas konservativeres Auftreten einem zukünftigen Mitarbeiter besser zu Gesicht stünde und er deswegen einen Konkurrenten ohne Party-Bilder bevorzugt. Ändert aber nichts an der Tatsache. Der Personaler ist in dieser Situation der Kunde. Es zählt, was er bevorzugt.

Es ist ja auch lustig. Auf der einen Seite werden sündteure Bewerbungsmappen gekauft, vor dem Fototermin fürs Bewerbungsfoto wird nochmal zum Friseur gegangen, im besten Fall werden sogar die Anschreiben individuell formuliert und der tabellarische Lebenslauf angepasst. Aber es ist egal, was man in den Personensuchmaschinen findet?

Vielleicht ist das Web 2.0 bei den jungen “Pipl” doch noch nicht in allen Konsequenzen durchgedrungen. Und vielleicht wird der eine oder andere “Wink” erst im gesetzteren Alter verstanden.

8. Kommentar

Marc
23.11.07 um 17:56 Uhr

Eine weitere Gefahr für die Karriere könnte auch eine Schlamschlacht mit dem Ex-Arbeitgeber auf einem Racheportal (wie z.B. http://www.onlinerache.de) sein.

9. Kommentar

Jenny
09.03.08 um 01:50 Uhr

Wow… ich hätte nicht gedacht das dieses so weite Kreise alles ziehen könnte und ich denke ich werde in nächster Zeit ein bisschen aufpassen was ich schreibe und was nicht. Aber danke für den Beitrag!

10. Kommentar

Max
23.03.08 um 07:47 Uhr

Danke für den Beitrag… man sollte wirklich den Selbstest machen und sich mal selbst googlen… Gerade vor Bewerbungen sollte das ein Thema sein!

11. Kommentar

Wellnesshotel
16.07.08 um 05:10 Uhr

Super Beitrag, wie max geschrieben hat solle jeder mal nasch sich googln um mal zu sehen was da alles zur finden ist.

12. Kommentar

Hans
16.08.08 um 17:58 Uhr

Habe es eben selbst mal ausprobiert und nach meinem Namen und Stadt gesucht und Siehe da, gleich gefunden und bei Irgendwelchen Sachen wusste ich gar nicht das die eigentlich öffentlich zugänglich sind *urks*. Ich für mich werde glaube ich im Internet nur noch unter Pseudonymen schreiben um solche Dinge einfach zu vermeiden. Man weiß ja nie wofür man später mal eine „weiße Weste“ gebrauchen kann.

13. Kommentar

Webdesign
11.09.08 um 12:13 Uhr

Mit G. Chrome wird die ganz Sache aber noch schlimmer, rein von der Datensammlung.

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