Vom französischen Kanzler Henri Francois d’Aguesseau (1668-1751) wird erzählt, dass ihn seine Frau jedes Mal eine Viertelstunde warten ließ, wenn er sie zum Essen rief. Das mag nicht viel Zeit sein, aber es läppert sich. Also nutzte d’Aguesseau die Zeit und schrieb in dieser Zwischenzeit ein Buch über die Jurisprudenz. Und nicht nur eins: Binnen weniger Jahre entstanden so gleich vier Bände. D’Aguesseau hat etwas aus der Zeit gemacht, die ihm seine Frau auf charmante Weise schenkte. Andere vertagen solche Gelegenheiten. Warum nur?
Prokrastination nennen Wissenschaftler das. Wer daran leidet, vertagt wichtige Aufgaben auf später: Aus dem Postfach solcher Aufschieber quellen E-Mails bis der Systemadministrator mault, die Papierstapel auf dem Schreibtisch mutieren zu Wanderdünen, den Bildschirm schmückt eine Tapete gelber Merkzettel und To-Do-Listen. Solche Leute haben in der Regel Schwierigkeiten Prioritäten zu setzen. Oft leiden sie sogar unter latenten Minderwertigkeitsgefühlen. Fälschlicherweise setzen sie Erfolg mit Selbstwert gleich. Um dieses Gefühl zu erreichen, brauchen sie kurzfristige Erfolgserlebnisse. Bei größeren Aufgaben liegen diese zu weit entfernt. Also ziehen sie kleinere Aufgaben vor, weil die eine schnelle Belohnung versprechen. Langfristig aber sorgt die Aufschieberitis immer für Frust, weil man nicht schafft, was wichtig ist. Dann beginnt ein Teufelskreis aus Aufschieben, Überforderungs- und Minderwertigkeitsgefühlen. Der chronische Handlungsaufschub kann aber auch besonders Ehrgeizige treffen: Sie greifen zur Verzögerungstaktik, weil sie fürchten, dass wer hoch steigt, auch tief fallen kann.
In der Literatur gibt es massenweise Ratgeber, die schnelle Hilfe für Plan- und Zeitlose versprechen und mit Disziplin und Checklisten gegen das terminale Tohuwabohu anrücken. Vieles davon stimmt. Etwa die 20 Tipps von Scott Young, die Jochen auch gleich übersetzt hat. Anderes kann man sich sparen. Deshalb hier die Essenz:
1. Kommentar
Nicola
27.09.07 um 14:42 Uhr
Den Tipp, dass man sich einmal am Tag belohnen soll, kann ich so unterschreiben. Das hilft wirklich. Ich gehöre ja eher zu den Perfektionisten und bin deshalb häufig nie so ganz zufrieden mit dem was ich gerade mache. Da schiebe ich meine Deadlines gerne heraus, um die Sache noch besser hinzubekommen. Wenn man dann am Abend mit leeren Händen dasteht, ist es gut sich trotzdem für geleistete Arbeit zu belohnen. Und die Sache mit den 80% die auch reichen, will ich mir sowieso künftig mehr zu Herzen nehmen.
2. Kommentar
nimue
27.09.07 um 15:30 Uhr
ich bin der klassische perfektionist. was mich davon abhält, dinge (oder auch hobbies oder ideen) wirklich durchzuziehen. *gnaa*
3. Kommentar
Jochen Mai
27.09.07 um 15:35 Uhr
Ich sehe schon: Meine Leserinnen sind alle perfekt. *hrhrhr*
4. Kommentar
nimue
27.09.07 um 16:21 Uhr
klar, wir haben auch kein kaputtes chromosom ;-)
5. Kommentar
Wolfgang
27.09.07 um 21:51 Uhr
Ich bin bekennender Chaot und werde mir die Tipps zu Gemüte führen. Wenn ihr mich dann mal in den Titelzeilen der Erfolgspresse seht, war ich auch erfolgreich ;-)
6. Kommentar
André Wegner
28.09.07 um 18:04 Uhr
@Jochen Mai
Mein ganz persönlicher Beleg für Aufschieberitis ist, dass ich diesen Artikel im RSS Reader seit mehreren Tagen immer wieder auf “unread” setze, weil ich immer nur die ersten Zeilen gelesen habe und dachte “Interessant! Muss ich später mal genauer lesen.” ;-)
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