Arbeiten im Ramadan: Was Sie wissen sollten

Für Moslems ist heute ein besonderer Tag. Heute beginnt der islamische Fastenmonat Ramadan. Er endet am 4. Juli. Bis dahin heißt Ramadan für die Gläubigen konkret: Zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang darf weder gegessen noch getrunken werden. Für die Betroffenen ist das alles andere als leicht. Die freiwillige Entbehrung sorgt nicht nur für Hunger – das Fasten wirkt sich ebenso auf den Job und die Leistungsfähigkeit aus. Mit welchen Auswirkungen Arbeitnehmer und Arbeitgeber während des Ramadan rechnen müssen und wie beide damit optimal umgehen…

Arbeiten im Ramadan: Was Sie wissen sollten

Ramadan: Wo ist das Problem?

Im Grundgesetz heißt es zunächst (Art. 4 Abs. 2 GG): „Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.“ Und in diesem Zusammenhang noch wichtiger: „Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.“

Im Bürgerlichen Gesetzbuch wiederum steht (§ 611 Abs. 1 BGB): „Durch den Dienstvertrag wird derjenige, welcher Dienste zusagt, zur Leistung der versprochenen Dienste, der andere Teil zur Gewährung der vereinbarten Vergütung verpflichtet.“ Ein Arbeitnehmer hat also seine Arbeitsleistung – so wie im Dienstvertrag festgeschrieben – zu erbringen.

Religionsfreiheit und Arbeitspflicht – diese beiden Normen stehen sich im Ramadan durchaus diametral gegenüber. Wenn zwischen Dämmerung und Sonnenuntergang keinerlei Nahrung aufgenommen wird, sinkt – den Naturwissenschaften folgend – die Leistungsfähigkeit. Zumal nach Einbruch der Dunkelheit umso mehr gegessen und folgerichtig weniger geschlafen wird.

Ramadan: Müssen Arbeitgeber mit einem Leistungsabfall rechnen?

Konkretes Beispiel: Fußball-Nationalspieler Mesut Özil, der sich durch sein Facebook-Foto aus Mekka als Moslem zeigte, sagt, er könne die Fastenzeit unmöglich einhalten. „Das Wetter ist im Sommer zu warm. Wir haben intensive Trainingseinheiten und Spiele. Da ist es für mich unmöglich zu fasten“, so Özil zum Kölner Express. Auf die Frage, wie sich der Fastenmonat Ramadan mit einer Fußball-Europameisterschaft vereinbaren lasse, antwortete Özil: „Gar nicht.“

Das betrifft aber nicht nur Fußballer, auch in anderen Berufen und Tätigkeiten ist mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen zu rechnen. Das können sein:

Hier kommt es natürlich auch auf die Art der Beschäftigung an. Im Büro lässt sich die Fastenzeit wahrscheinlich eher bewältigen als auf der Baustelle. Ein Büdchenbesitzer, der tagsüber fastet? Vorstellbar. Ein Chirurg, der während der Arbeit keinen Bissen isst und keinen Schluck Wasser trinkt? Unverantwortlich.

Arbeitsrecht: Was gilt im Ramadan?

Auf der einen Seite sind Beschäftigte verpflichtet, den Weisungen des Arbeitgebers Folge zu leisten. Tun sie dies nicht, drohen Abmahnung oder gar Kündigung. Außerdem gibt das deutsche Arbeitsrecht die Maxime vor: Ohne Arbeit kein Lohn. Kann ein Mitarbeiter wegen der Fastenzeit nicht arbeiten, entfällt die Entgeltzahlungspflicht.

Aber: Kommt ein Arbeitnehmer den Weisungen seines Arbeitgebers aus Gründen der Glaubens- und Gewissensfreiheit nicht nach, urteilen die Gerichte im Zweifel für die Religionsfreiheit und gegen die Berufsfreiheit des Arbeitgebers. Hier ist ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts von 2011 richtungsweisend: Eine Kündigung ist also – wenn etwa ein Mitarbeiter während des Ramadans unerlaubt fastet – nur schwer durchzusetzen.

Für den Arbeitgeber besteht auch die Pflicht, den Arbeitnehmer während des Ramadans so einzusetzen, dass er seinen Glauben ausüben kann. Ist das nicht möglich und der Mitarbeiter weigert sich weiterhin, kann eine Kündigung aber gerechtfertigt sein. Hier kommt es also immer auf den Einzelfall an.

Arbeitnehmer: Was können Moslems tun?

Wer die Fastenzeit als Arbeitnehmer mit allen Konsequenzen einhalten will, sollte dies vor allem mit seinem Arbeitgeber besprechen. Einfach in den Ramadan starten und die Firma vor vollendete Tatsachen stellen – das ist keine elegante Lösung. Suchen Sie besser vorab das Gespräch mit Vorgesetzten (und mit Kollegen), um auf die Problematik hinzuweisen.

Und: Konsultieren Sie auch Ihren Arzt oder den Betriebsarzt, um abzuklären, ob das Arbeitspensum ohne Nahrungsaufnahme tatsächlich zu schaffen ist.

Die vermutlich einfachste Lösung: Legen Sie Ihren Jahresurlaub in die Zeit des Ramadans. Auch der Abbau von Überstunden kann eine (Teil-)Lösung sein.

Wer fastet, schmälert nun mal die eigene Leistungsfähigkeit und zwingt die Kollegen möglicherweise dazu, dies auszugleichen. Rücksichtnahme ist aber keine Einbahnstraße. Je mehr Sie die Kollegen aufklären, um Verständnis werben und um Mithilfe bitten beziehungsweise selbst mal einspringen – etwa, indem Sie dafür sorgen, dass die Kollegen um Weihnachten herum frei machen können – desto besser das Miteinander und Betriebsklima.

Arbeitgeber: Was tun?

Von Arbeitgebern lässt sich grundsätzlich erwarten, dass diese Rücksicht auf kulturell-religiöse Befindlichkeiten nehmen. Außerdem stellt sich die Frage: Warum sollten religiös motivierte Pausen und Fehlzeiten nicht gestattet sein, Raucherpausen aber schon?

Neben der schon angesprochenen Lösung, dass Betroffene in der Zeit ihren Jahresurlaub nehmen oder Überstunden abbauen, sollten Arbeitgeber möglichst pragmatische Lösungen finden. Zum Beispiel: Der Mitarbeiter kann Nachtschichten übernehmen, Nachtarbeit ableisten oder Schichten nacharbeiten. Auch die zwischenzeitliche Übernahme einer anderen, leichteren Tätigkeit kommt infrage.

Aber Vorsicht: Hier könnte es einen juristischen Haken geben – den sogenannten Verdacht der Vorzugsbehandlung. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz sagt, dass muslimische Mitarbeiter nicht besser gestellt werden dürfen als die übrigen Beschäftigten. Werfen Sie also besser nicht den gesamten Schicht- oder Dienstplan um, nur weil gerade Ramadan ist. Das wäre nicht im Sinne der Gleichbehandlung und würde beim Rest der Belegschaft – nicht ganz zu Unrecht – Neidgefühle wecken.

Am besten sprechen Sie das Thema allgemein an und finden gemeinsam Lösungen, die allen versammelten Glaubensrichtungen – ob es sich dabei um Katholiken, Orthodoxe, Juden oder Hindus (und natürlich auch Atheisten) handelt – gerecht werden.

Rücksicht nehmen und Lösungen für die Fastenzeit suchen? Unbedingt. Gleichzeitig gilt: Gleiches Recht für alle.

PS: Wie gehen Sie in Ihrem Betrieb mit dem Ramadan um?

[Bildnachweis: ZouZou by Shutterstock.com]
6. Juni 2016 Autor: Sebastian Wolking

Sebastian Wolking ist Redakteur der Karrierebibel. Er hat Geschichte, Politikwissenschaften und Germanistik studiert und als Online-Redakteur gearbeitet. Sein Interesse gilt den Veränderungen des Arbeitsmarktes durch die digitale Revolution.

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