Offenheit, Wahrheit oder Lügen im Vorstellungsgespräch?
Natürlich ist das kein Appell zum Lügen in der Bewerbung. Personaler sind in der Regel geübt darin, erfundene Stationen im tabellarischen Lebenslauf oder aufgemotzte Kenntnisse spätestens im Vorstellungsgespräch zu entlarven.
Lügen bei wichtigen Angaben, die für die Einstellung relevant waren, rechtfertigen auch noch nach Jahren im Job eine fristlose Kündigung, weil das Vertrauensverhältnis dadurch stark belastet wird. Bleiben Sie also stets bei der Wahrheit!
Zu viel Offenheit im Vorstellungsgespräch schadet
Auch wenn Sie immer bei der Wahrheit bleiben sollten, müssen Bewerberinnen und Bewerber nicht alles erzählen, was wahr ist. Wahrheit bedeutet nicht, die Hosen runterzulassen und im Vorstellungsgespräch einen Offenbarungseid zu leisten (siehe: Oversharing).
Manche Dinge gehen Arbeitgeber schlicht nichts an (siehe: erlaubte Notlügen), andere sollten Sie nicht erwähnen. Weniger ist manchmal mehr – ohne den Verlust der Glaubwürdigkeit zu riskieren. Es geht schlicht darum, ein gesundes Mittelmaß zu finden.
Wozu sollte ich im Vorstellungsgespräch besser nichts sagen?
Bei einigen Themen ist zu viel Offenheit im Vorstellungsgespräch sogar regelrecht schädlich. Hierbei ist Schweigen Gold und die bessere Alternative:
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Fragen zur Arbeitssuche
Liegt zwischen zwei Jobs eine längere Zeitspanne, entstehen sogenannte Lücken im Lebenslauf. Hierbei fragen Personaler gerne nach. Eine ehrliche Antwort könnte sein: „Ich habe bisher nur Absagen erhalten.“ Das kommt jedoch nicht gut an – zu passiv. Sie outen sich damit als Opfer der Umstände und klingen nach „Resterampe“. Überlegen Sie sich im Vorfeld, wie Sie solche Lücken clever begründen. Faustregel: immer aktiv bleiben und die Phase zur Neuorientierung nutzen. Auch wenn die Auszeit länger ausfiel, haben Sie das Beste daraus gemacht.
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Fragen zur Kündigung
Egal, ob sie selbst gekündigt haben oder gekündigt wurden: Niemals sprechen Sie negativ über bisherige Arbeitgeber!!! Erstens ist das unprofessionell; zweitens wird das immer zum Bumerang, weil Sie so womöglich auch mal über diesen neuen Arbeitgeber sprechen. Außerdem bleibt im Raum, dass Sie vielleicht aus eigenem Verschulden rausgeflogen sind und jetzt nicht mal die Verantwortung dafür übernehmen. Die diplomatische Antwort ist die bessere: „Ich hatte in meiner bisherigen Position zunehmend das Gefühl, unter meinen Möglichkeiten zu bleiben. Auch wenn das Arbeitsklima mir dort zugesagt hat, spürte ich, dort an Grenzen zu stoßen. Es wurde also Zeit für eine berufliche Neuorientierung.“ Mehr gute Antworten finden Sie in unserem Fachartikel dazu.
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Fragen zu Ihrem Privatleben
Indiskrete Fragen sind im Interview sowieso verboten, manche Personaler stellen sie aber trotzdem. Insbesondere Fragen zur Familienplanung. In dem Fall dürfen Sie lügen, selbst wenn Sie schwanger sind. Auch der baldige Kinderwunsch geht den Arbeitgeber in spe nichts an. Gleiches gilt für Fragen zur Religion oder Ihren Vermögensverhältnissen.
Outing im Vorstellungsgespräch: Eine gute Idee?
Laut Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz (AGG) darf in Deutschland niemand aufgrund seiner Herkunft, Alter, Religion oder sexuellen Orientierung diskriminiert werden. Personaler dürfen deshalb auch nicht danach fragen. Solche Fragen sind illegal.
Anders sieht es aus, wenn Sie das Thema proaktiv ansprechen oder sich outen wollen. Aber ist das auch eine gute Idee? Letztlich ist das immer eine persönliche Entscheidung, die Vor- und Nachteile hat. Der Vorteil ist, Sie müssen sich weder verstellen, noch eine spätere Enthüllung befürchten. Der Nachteil: Es gibt leider noch immer einige homophobe Personaler und Betriebe.
Je nachdem wie wichtig Ihnen das Outing im Vorstellungsgespräch ist, können Sie damit natürlich zugleich die Offenheit, Toleranz und Unternehmenskultur testen. Wir finden allerdings: Das Thema gehört nicht in die Bewerbung. In der Probezeit haben Sie noch Gelegenheiten genug für ein Outing. Außerdem hat die sexuelle Orientierung nichts mit Ihren Qualifikationen und der generellen Eignung zu tun. Fokussieren Sie sich lieber darauf – für die Jobchancen ist das viel wichtiger.
Zu viel Offenheit: Das bitte nie sagen!
Egal, wie gut die Vorstellungsgespräch Vorbereitung war: Es gibt Sätze, die alles ruinieren können. Zu viel Offenheit und eine zu locker sitzende Zunge sind nicht nur peinlich, sondern können ein regelrechter Bewerbungskiller sein.
Lachen Sie nicht: Die folgenden Sätze – das wissen wir aus Gesprächen mit Personalern – fallen tatsächlich in Bewerbungsgesprächen:
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Entschuldigen Sie die Verspätung. Ich konnte nicht anrufen, mein Akku ist leer.
Eine fadenscheinige Ausrede. Zu einem Vorstellungsgespräch sollten Sie grundsätzlich pünktlich erscheinen. Bleiben Sie – trotz Planung und Zeitpuffer – im Stau oder wegen einer Zugstörung stecken, müssen Sie das Unternehmen umgehend informieren. Ein geladener Smartphone-Akku gehört zur professionellen Vorbereitung ebenso wie die rechtzeitige Anreise.
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Ihr Unternehmen war gar nicht so einfach zu finden.
Diese Aussage enthält gleich zwei schädliche Botschaften: Ganz offenbar, hat sich der Bewerber nicht gut vorbereitet und die Strecke nicht mal auf Google Maps angeschaut, obwohl das kinderleicht ist. Zweitens, will hier jemand seinen Pfadfinder-Einsatz gewürdigt wissen. Das Problem: Der Weg zur Arbeit ist keine Leistung, sondern eine Selbstverständlichkeit.
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Das steht doch in meinem Lebenslauf!
Personaler fragen schon mal nach Informationen, die bereits im Lebenslauf stehen. Und ja, manche sind schlecht vorbereitet. Es könnte aber genauso ein Test sein, um Widersprüche im Lebenslauf zu checken. Weil Sie nicht wissen, was dahinter steckt, ist die Entrüstung hier definitiv fehl am Platz. So mancher Personaler klopft mit der scheinbar tüdeligen Frage die Fakten ab und sieht sich Ihre Reaktion genau an. Womöglich reagieren Sie bei Vorgesetzten, Kollegen oder Kunden später genauso?!
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Ich habe nur 30 Minuten Zeit.
Ungelogen: Mit einem solchen Satz steigt tatsächlich mancher Bewerber ins Vorstellungsgespräch ein. Glück für ihn: In den meisten Fällen endet das Gespräch schon nach 5 Minuten – und die Kandidaten haben jetzt viel Zeit für neue Bewerbungen und andere Interviews.
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Darüber muss ich nachdenken, damit habe ich gar nicht gerechnet.
Es ist völlig legitim, bei anspruchsvollen Fragen kurz nachzudenken oder um Bedenkzeit zu bitten. Der zweite Teil der Aussage aber schadet. Statt zu sagen: „Spannende, komplexe Frage, darüber muss ich kurz nachdenken!“, bringt der Bewerber zum Ausdruck, dass er oder sie sich auf Standards vorbereitet hat. Spontanität und Authentizität: Fehlanzeige. Kein gutes Signal an Personaler.
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Mittel- bis langfristig möchte ich mich selbstständig machen.
Wenn es in dem Bewerbungsgespräch um einen befristeten Arbeitsvertrag geht, ist das nicht weiter problematisch. Bei einer möglichen Festanstellung aber disqualifizieren sich Bewerber damit. Wer heiratet schon einen Partner, der noch vor dem Altar ankündigt, sich bald wieder scheiden zu lassen?
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In 2 Monaten habe ich einen Urlaub geplant. Den muss ich antreten.
Noch nicht einen Tag im neuen Job, aber schon an Urlaub denken? Wahre Jobbegeisterung sieht anders aus. Klar, ist es finanziell doof, den geplanten Urlaub verfallen zu lassen. Aber Sie haben sich ja selber parallel beworben. In dem Fall wäre es klüger, rechtzeitig eine Reiserücktrittversicherung abzuschließen und den Urlaub zu verschieben. Wenn Sie den Job in der Tasche haben, können Sie immer noch auf Kulanz hoffen.
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Können Sie die Fragen etwas klarer formulieren?
Auf den ersten Blick eine legitime Rückfrage. Was drückt sich der Personalentscheider auch so kompliziert aus?! Der Ton macht aber hier die Musik: Eine höfliche Formulierung wäre: „Die Frage habe ich leider nicht verstanden, könnten Sie mir auf die Sprünge helfen?“ Der Trick ist, den unterschwelligen Vorwurf („Du hast nicht gut formuliert!“) als eigene Schwäche darzustellen. Doppelter Vorteil: Die charmante Retoure macht Sie sympathischer und souveräner. Wer sich selbst erniedrigt, erhöht sich in Wahrheit.
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Übernehmen Sie eigentlich die Fahrtkosten?
Es gibt Bewerber, die diese Frage erst im Bewerbungsgespräch stellen. Sicher, gute Arbeitgeber zahlen die Fahrtkosten. Aber Profis fragen so etwas vor (!) dem Termin oder klären das hinterher mit der Personalabteilung. Im Gespräch selbst wirkt es erschreckend kleinkrämerisch und auch falsch fokussiert: Da bewirbt sich jemand auf seinen Traumjob – und hat doch nur die Reisekosten im Kopf.
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Wie lange muss ich jeden Tag arbeiten?
Jetzt vermutlich keinen Tag mehr. Auch bei diesem Satz schwingen zwei falsche Subbotschaften mit: Sie denken, Sie müssen hier arbeiten. Zurecht gehen Personaler aber davon aus, dass Sie hier arbeiten wollen. Die zweite: Offenbar möchten Sie nicht mehr arbeiten als nötig. Motivation und Engagement zeigt das nicht. Fragen Sie lieber nach Arbeitszeitmodellen oder Gleitzeiten. Das ist legitim – und wirkt auch gleich anders.
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Ich habe keine Schwächen, nur Entwicklungspotenzial!
Die Frage nach den Schwächen ist ein Klassiker. Selbstbewusstes Auftreten im Vorstellungsgespräch bringt ebenfalls Pluspunkte. Aber der Grat ist schmal: Links und rechst liegen „Arroganzreich“ und „Überheblichland“. Wer eigene Schwächen nicht reflektiert und durch platte Sprüche übertünchen will, hinterlässt damit keinen positiven Eindruck. Geben Sie lieber eine für den Job unwichtige Schwäche zu und sagen Sie, wie Sie daran arbeiten. Mehr Offenheit braucht es nicht.
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Sie brauchen nicht weitersuchen, ich bin der Beste für den Job.
Eine selbstbewusste Ansage. Wenn Sie diese mit Fakten und Leistungen untermauern können, gehört der Job Ihnen. Aber auch nur dann.
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In 5 Jahren will ich auf Ihrem Stuhl sitzen.
Noch so eine Standardfrage, wo man in 5 Jahren stehen will. Davon gibt es viele Varianten. Daher exemplarisch: Standardantworten, wie sie manche Ratgeber verbreiten, kennen auch Personaler – und sind davon eher abgetörnt. Antworten Sie lieber mit einem klaren Ziel, was Sie in den nächsten Jahren auf dieser Position (!) bewirken wollen.
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Bei Problemen frage ich immer zuerst meinen Vorgesetzten.
Klingt gut, ist es aber nicht. Wenn Sie bei jedem Problem sofort zum Chef rennen, wird der bald genervt sein. Außerdem übergehen Sie damit Ihre Kollegen – nicht gerade ein Zeichen von Teamfähigkeit. Besonders selbstständig klingt es auch nicht.
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Ich habe noch weitere Vorstellungsgespräche.
Auf Nachfrage ist die ehrliche Aussage absolut in Ordnung. Arbeitgeber müssen heute davon ausgehen, dass die Talente und Fachkräfte auch von anderen umworben werden. Aber unaufgefordert wirkt der Satz leider nach einem taktischen Manöver, um sich interessanter zu machen. Doof, wenn dann auf Nachfragen „wo denn“ nichts kommt oder Sie schon nach 2 Wochen anrufen, ob Sie den Job haben können. Die latente Nötigung macht zudem nicht glaubwürdiger: Schließlich haben Sie doch gerade erklärt, warum Sie hier arbeiten wollen?!
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Überstunden sind für mich kein Problem.
Es gibt Bewerber, die mit solchen Aussagen punkten wollen. Tatsächlich erreichen sie damit das genaue Gegenteil: Der Kandidat zeigt so nur, dass er oder sie keine Grenzen kennt und mit sich alles machen lässt. Die Burnout-Gefahr wird damit überdurchschnittlich groß. Außerdem ist es viel zu devot!
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Nein, ich habe keine Fragen mehr.
Riesenfehler! Sie wollen die nächsten Jahre bei einem Unternehmen arbeiten und haben keine Rückfragen an den Personaler??? Es kann zwar sein, dass Ihre wichtigsten Fragen im Gespräch beantwortet wurden. Dann müssen Sie das aber auch deutlich machen. Ansonsten haben Sie bitte immer Fragen – unbedingt – mindestens sowas wie: „Wie würden Sie Ihre Unternehmenskultur beschreiben?“ Oder: „Wann denken Sie, werden Sie eine Entscheidung treffen?“
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