Kritzelbuch Kritzeln Scetchnoting

Ein Gastbeitrag von Martina Nohl

Haben Sie sich auch schon mal dabei ertappt, dass Sie vor sich hingekritzelt haben, sei es in einem langweiligen Meeting, in dem irgendeine Person mit Selbstdarstellungs-Neurose nicht auf den Punkt kommen wollte, oder beim Telefonieren? Wenn man Menschen fragt, warum und wozu sie sowas kritzeln, zucken die meisten mit den Schultern und sagen so etwas wie "das bedeutet nichts, das entspannt mich einfach", oder "damit kann ich klarer denken". Doch dahinter steckt mehr: Das sogenannte Sketchnoting oder auch Doodling ist eine wunderbare und kreative Kraft, um seine Gedanken zu visualisieren und sich selbst zu erkennen...

Sketchnoting: Heimliche Gedanken visualisieren

Die meisten Menschen ziehen ihre Skizzen schnell weg, wenn man sie darauf anspricht. Vielleicht weil sie intuitiv merken, dass das etwas sehr Persönliches ist und mehr über sie aussagt, als sie sich eingestehen.

Lassen Sie uns einmal näher hinschauen, ob nicht mehr dem Doodling und Sketchnoting steckt. Möglicherweise könnte dahinter sogar das von den meisten Menschen als mühsam wahrgenommene Thema "berufliche Veränderung" stecken.

Sketchnotes bestehen aus einer Mischung aus Skizzen und Notizen

Doodling ist mehr als vermeintlich gedankenloses Vor-sich-hin-Kritzeln, das manchmal konkrete Bildchen aufweist, manchmal auch nur Muster und Strukturen.

In beiden Fällen geht es um Visualisierung, also das Sichtbarmachen von Informationen, aber auch Gedanken, Gefühlen und Stimmungen. In den folgenden Punkten möchte ich Ihnen genauer zeigen, was alles in dem Kritzeln und Gekritzel stecken kann:

  1. Visualisierung für eine weitere Wahrnehmung

    Beim Scribbeln aktivieren wir unsere Intuition. Der visuelle Kanal ist unser größter Sinneskanal, hier können viele Informationen wahrgenommen werden, die an abgespeicherte Informationen unseres emotionalen Erfahrungsgedächtnisses anknüpfen. Das heißt, die Menge der aktiv zur Verfügung stehenden Informationen wird über Visualisierung deutlich erhöht.

    Wir nehmen pro Sekunde ca. 15 Millionen Bits an Information aus unserer Umgebung auf, wir sehen oder hören etwas, nehmen etwas über unseren Tast-, Geruch- oder Geschmackssinn auf. Davon erreichen lediglich 25 Bits unsere bewusste Wahrnehmung (die Kognition), das entspricht in etwas einer 7-stelligen Telefonnummer. Was in unserem Bewusstsein ankommt, wird durch unsere Sicht der Welt, unsere Vorannahmen und unsere Erfahrungen ausgewählt. Über visuelle Notizen, die beiläufig gemacht werden, stellen wir unsere Wahrnehmung weiter, lassen also mehr Informationen in unser Bewusstsein.

    Idee:

    Scribbeln Sie auf der nächsten Zugfahrt einfach mal zur Fragestellung: "Wie sehe ich meine aktuelle berufliche Situation?" vor sich hin. Werten Sie Ihr Bild danach aus: Was sagt es über Sie, über Ihre aktuelle berufliche Zufriedenheit, über die Menschen mit denen Sie arbeiten, aus?

  2. Eine Skizze als guter Start für komplexe Problemlösungen

    Haben wir ein Bild für ein Problem gefunden, lässt es sich leichter darüber sprechen. Wir können über etwas sprechen, das uns sonst vielleicht peinlich ist. Der Fokus liegt auf dem Bild und nicht auf uns als Person. Wir haben einen möglicherweise bisher noch nicht verstehbaren Teil von uns im Bild ausgelagert, der dann nachträglich in Worte gefasst werden kann. Und wir schauen von außen drauf. Sobald wir etwas gekritzelt haben, betrachten wir es aus der Vogelperspektive. Dadurch verschiebt sich nicht selten der Blickwinkel. Die Dinge beginnen sich zu ordnen. Strukturen und Muster werden sichtbar.

    Idee:

    Möchten Sie wissen, wie standfest Ihr Job ist und wie zufrieden Sie mit ihm wirklich sind? Dann scribbeln Sie doch mal die Säulen Ihrer Arbeitszufriedenheit und sprechen Sie mit einer Person Ihres Vertrauens darüber.

    Sketchnoting Doodling Säulen der Arbeitzufriedenheit

  3. Kritzeln führt zu Erklärungsbildern

    Oft entstehen beim Kritzeln Metaphern. Metaphern sind wie Taschenlampen. Sie beleuchten einen Teil der Wirklichkeit mit einer Art Erklärungsmodell. Stellen Sie sich vor, die kommunikativen Situationen mit Ihrem Chef sind wie Seifenblasen. Manchmal sticht einer hinein, dann kommt es zu Ärger, Konflikten oder Missverständnissen. Manchmal werden fragile Botschaften behutsam in die richtige Richtung geblasen und können vom Gegenüber wertschätzend gesehen und sogar empfangen werden.

    Mit diesen Erklärungsbildern können Sie sich selbst und Ihre Arbeitswirklichkeit besser verstehen.

    Idee:

    Suchen Sie doch mal nach einer Metapher für Ihr aktuelles Arbeitsleben oder einen problematischeren Bereich daraus. Beispiele finden Sie im Bild. Und wie hätten Sie es gerne? Wie soll sich Ihre Arbeit stattdessen anfühlen?

    Sketchnoting Doodling Bild meines Lebens

  4. Visualisierungen fangen flinke Fische

    Und plötzlich haben Sie eine Idee und kein Papier zur Hand. Dann dient die Serviette als Scribble-Grundlage, um etwas zu skizzieren. Diese Alltagskunst hat einen hohen Wert. In der Beratung lieben Klienten es, Visualisierungen mit nach Hause zu nehmen. Das ist so etwas Handfestes. "Ideen sind wie flinke Fische" besagt ein alter Indianerspruch. Mit Visualisierungen haben sie die Ideen gefangen und können sie nun weiterverarbeiten.

    Oder haben Sie schon mal versucht, so einen wenig greifbaren Begriff wie Resilienz oder Beschäftigungsfähigkeit oder Employer Branding ohne Bild zu verstehen? Da beißen wir uns die Zähne aus. Wenn wir aber Resilienz als einen biegsamen Baum, der Wind und Wetter trotzt, visualisieren oder Beschäftigungsfähigkeit als einen Marktstand, auf dem ich zeige, was ich anzubieten habe oder Employer-Branding als die Wellness-Farm, auf der jeder genau das bekommt, was er braucht – dann können wir etwas damit anfangen.

    Idee:

    Zeichnen Sie 5 Kästchen auf ein Papier. Skizzieren Sie dort fünf alternative Leben, die Sie möglicherweise in einem Paralleluniversum führen würden – wenn alles anders gekommen wäre in Ihrem Leben. Werten Sie dann aus: Was daran reizt sie so? Gibt es eine Möglichkeit, diesen Aspekt in Ihrem aktuellen Leben zu verstärken oder neu einzubauen?

  5. Ein Scribble erlaubt Verständigung und Perspektivenwechsel

    Angenommen, Sie skizzieren eine Situation und nehmen das Scribble zum Anlass, darüber zu sprechen. Plötzlich wird deutlich, was Sie da an der Situation subjektiv verstehen, was man auch ganz anders sehen könnte. Möglicherweise sehen Sie den Kern einer Sache oder eine ungeliebte Wahrheit, die Sie bisher gerne über-sehen haben. Wenn Sie so von außen und mit anderen auf Ihre Situation draufschauen, entwickeln Sie nach und nach eine noch erwachsenere und verantwortungsvollere Haltung zu dieser Situation.

    Idee:

    Skizzieren Sie eine aktuelle berufliche Situation, die Sie nervt oder ärgert, auf ein Blatt Papier. Markieren Sie kritische Aspekte mit Blitzen und die Dinge, die für Sie in Ordnung sind, mit Herzchen oder Haken. Sammeln Sie dann ein paar Namen von Menschen, die Sie beeindrucken. Lassen Sie diese Personen mal einzeln auf Ihre Situation schauen. Was würde sie Ihnen raten? Schreiben Sie diese Ratschläge in Sprechblasen dazu. Was verändert sich dadurch in Ihrer Wahrnehmung?

  6. Visualisierungen sind magisch

    Wenn Sie es sich erlauben, auch Unangenehmes oder etwas, das Sie irgendwie unzufrieden macht, Sie aber noch nicht näher fassen können, auf’s Papier zu bringen, dann ist das Problem schon mal Schwarz auf Weiß gebannt. Das entlastet. Und es ist gesichert, es wird nicht vergessen und bekommt vielleicht den Stellenwert, den es haben soll. Wenn Sie Ihr Problem zurückhaben wollen, können Sie es jederzeit wieder hervorholen und auffrischen. Ist das nicht toll?

    Idee:

    Scribbeln oder schreiben Sie sich mal alles von der Seele, was Ihnen aktuell nicht gefällt an Ihrem Job. Dann haben Sie die Wahl: Sie rahmen das Blatt ein, um immer zu wissen, was Sie gerade so unzufrieden macht. Oder Sie zerknüllen es und streichen es wieder glatt, um es bei Bedarf zum Meckern wieder herauszuholen. Oder Sie zerknüllen es lustvoll, werfen es weg und überlegen sich, wie Sie die Dinge proaktiv verbessern.

  7. Sketchnnoting ist lustvolles Spielen

    Die meisten von uns zeichnen wie Achtjährige. Aber kennen Sie das auch, wenn Sie einen völlig verunglückten Hund malen, dann müssen Sie lachen? Im Doodlen oder Scribbeln dürfen wir perfektionsfrei sein, durchstreichen, nochmal anfangen. Visualisieren ist eine große Spielwiese. Papier ist geduldig und ein falscher Strich tut gar nicht weh. So können Sie ins Probehandeln kommen und berufliche Ideen schon mal vorwärts denken. Ganz ohne Geld dafür auszugeben und ohne sich konkret verändern zu müssen.

    Idee:

    Finden Sie erste konkrete Möglichkeiten, berufliche Veränderungsideen auszuprobieren. Hospitieren Sie bei Kollegen, die etwas tun, das Sie selbst reizt. Suchen Sie das Gespräch mit Experten, die Ihnen eine neue Tätigkeitswelt öffnen können. Bieten Sie eine kleine kostenlose Dienstleistung wie eine Massage an. Suchen Sie sich ein Ehrenamt, das Ihren Horizont erweitert. Stellen Sie selbstgenähte Mode her und verkaufen Sie sie im Bekanntenkreis. Erstellen Sie Videos über ein Thema, in dem Sie sich besonders gut auskennen, auf Youtube und beobachten Sie die Resonanz. Organisieren Sie ein Event, an dem Sie selbst gerne teilnehmen würden. Worauf hätten Sie Lust? Erkunden Sie mit Ihren Ufos neue Welten.

    Sketchnoting Doodling Prototyp Ideen

PS: Alle abgebildeten Sketchnotes können Sie sich HIER auch gerne kostenlos als PDF herunterladen.

Einige Scribbletipps zum Schluss

  • Wenn Sie sich ganz unsicher sind, scribbeln Sie mit Bleistift. So können Sie auch mal radieren, wenn’s unbedingt notwendig ist. Eigentlich ist das aber verpönt. Durchstreichen oder gar Zukritzeln und Neuanfangen ist die Devise.
  • Probieren Sie verschiedene Stifte aus. Sind Sie der Kuli oder Faserschreiber-Typ, brauchen Sie professionelle Marker, damit Sie sich gut fühlen?
  • Wenn Sie ein großes Bild entwickeln möchten, fangen Sie immer vorne an, da die vorderen Elemente die hinteren verdecken, und Sie somit leichter Überlappungen visualisieren können. Wenn Sie mögen, zeichnen Sie einen Rahmen rund um die Informationseinheiten, so steht die Visualisierung später besser auf dem Blatt da und Sie können die Blöcke später besser auseinanderhalten.
  • Oder Sie wissen noch nicht, wo eine Skizze hinführt, dann fangen Sie unbedingt in der Mitte an, sodass Sie genug Platz zur Weiterentwicklung haben.
  • Wenn Sie etwas dazu notieren, schreiben Sie so leserlich, dass Sie es auch zwei Wochen später noch lesen können. Es wäre schade, um die wertvollen Inhalte, die sonst verloren gehen.
  • Auch wenn Sie das sonst nie tun, erlauben Sie sich peinlich zu scribbeln und entdecken Sie Ihre neue Freude an der Peinlichkeit. Kleiner Trick: Scribbeln Sie so groß Sie mögen. Scannen Sie das Bild ein oder fotografieren Sie es ab, verkleinern Sie es und schon wirkt es beeindruckend detailreich.
  • Und wenn es Sie packt: Das Netz ist voll von Scribble-Tutorials und Anleitungen wie Sie professioneller visualisieren können. Darüber hinaus freut sich Ihr Arbeitgeber, dass Sie eine gefragte Kompetenz erwerben.

Über die Autorin

Martina NohlDr. Martina Nohl arbeitet als Laufbahnberaterin (ZML) und als Veränderungscoach in ihrer Praxis in der Nähe von Heidelberg. Sie setzt Visualisierungen in fast jeder Coaching-Session ein. Ihre Zielgruppe sind Menschen, die es nochmal wissen wollen und nicht nur irgendeinen Job, sondern einen Job mit Sinn suchen, der zu ihnen und ihrem Leben passt. Weiterhin bildet sie selbst Veränderungscoachs und Laufbahnberater ZML nach dem Zürich-Mainzer-Modell aus. Von Martina Nohl ist kürzlich das Buch erschienen: "Design your Job: Dein Kritzelbuch zur beruflichen Neuorientierung", aus dem auch einige der Kritzelvorlagen entnommen sind.

Jetzt ein Kritzelbuch gewinnen!

Kritzelbuch Martina NohlSie haben jetzt die Chance, unser Rezensionsexemplar des Kritzelbuchs von Martina Nohl zu gewinnen - natürlich noch unbekritzelt. Alles, was Sie dazu tun müssen, ist, hier einen Kommentar zu schreiben, warum und was Sie kritzeln - und gerne noch systematischer kritzeln möchten.

Einsendeschluss ist Samstag, der 22. April 2017 um 11 Uhr. Unter allen Kommentaren wird der oder die Gewinner(in) von uns ausgelost und per Mail benachrichtigt. Es entstehen Ihnen keinerlei Zusatzkosten. Wir fragen lediglich nach der Adresse. Viel Glück - und Spaß beim Kritzeln!

[Bildnachweis: Martina Nohl]

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