Falls Sie dieses Blog schon länger lesen – mal ehrlich: Was davon haben Sie sich bisher gemerkt?! Ich tippe: nicht viel. Die Ideen, Informationen und Gedanken rauschen eben oft so durch. Manche flackern vielleicht kurz im Oberstübchen auf. Dann war’s das. Hätten Sie sich dazu ein paar Notizen gemacht, vielleicht sogar einen eigenen Blogbeitrag verfasst, wäre die Menge an Memoriertem deutlich größer. Tatsächlich merken wir uns Dinge, die wir aufschreiben, meist besser. Aber wieso ist das so: Warum steigert Schreiben die Merkfähigkeit?

Dazu ein kleiner Exkurs in die Neurowissenschaften. Unser Gehirn ist in verschiedene Regionen unterteilt, die unter anderem visuelle, akustische, emotionale, taktile und andere Reize aufnehmen und verarbeiten. Diese verschiedenen Hirnareale sind untereinander vernetzt. Wenn wir also beispielsweise einen Vortrag hören, dann wird unter anderem der Bereich für akustische Reize sowie das Sprachzentrum angeregt. Das ist natürlich sehr vereinfacht ausgedrückt, zeigt aber wo überall Informationen verarbeitet und gespeichert werden. Alles, was wir persönlich und besonders emotional erleben und sich bereits gespeicherten Informationen verknüpfen lässt, wird besser behalten. Das gilt ebenso für neue Informationen, die über mehrere Sinne aufgenommen werden, also zum Beispiel durch hören, sehen, riechen, fühlen. Je mehr Verknüpfungen dabei zwischen den einzelnen Hirnarealen entstehen, desto besser können wir uns diese Daten hinterher merken.

Beim Schreiben passiert genau das. Wir hören die Informationen nicht nur, wir visualisieren sie kurz darauf wieder, indem wir sie notieren. Gleichzeitig müssen wir uns entscheiden, was wir aufschreiben: alles, nur Stichworte, plus eigene Anmerkungen und Kommentare? All das ist ein komplexer und auch emotionaler Prozess, bei dem sogar taktile Sinne (tippen, schreiben) gereizt werden. Kurzum: Unsere grauen Zellen arbeiten beim Schreiben auf Hochtouren – und die Informationen brennen sich tief in unsere Erinnerung. Weniger Prägnantes wird dagegen gelöscht. So schützt sich das Gehirn vor Überladung.

Gehirnforscher sind sich heute sicher, dass Intelligenz nicht nur genetische Wurzeln hat, sondern durch die Interaktion mit uns selbst und unserer Umwelt gefördert wird. Wir trainieren und stimulieren neuronale Verbindungen, wenn wir unsere Gedanken aufschreiben – und umgekehrt: Jedes Mal, wenn man vergisst, einen guten Gedanken festzuhalten, ihn reifen zu lassen und zu Ende zu denken, trainiert man das Vergessen und mindert sein Potenzial.

Beim Notieren passiert aber noch mehr. Bei einem Versuch mit Psychologie-Studenten wurde einmal untersucht, wie viele und auch welche Informationen einer Vorlesung sie sich merken würden. Ergebnis: Diejenigen, die Mitschriften angefertigt hatten, konnten sich annähernd genauso viel Stoff merken, wie diejenigen, die nur zuhörten – rund 40 Prozent der Vorlesung. Der Unterschied lag indes im Memoriertem selbst: Die Mitschreiber hatten sich eine deutlich höhere Zahl an Schlüsselinformationen gemerkt als die Zuhörer. Ihr Erinnerungsvermögen glich eher einer Art Zufallsprotokoll. Die Wissenschaftler erkannten darin den eigentlichen Nutzen der Notizen: Noch vor dem Aufschreiben mussten die Studenten die Informationen auswählen, bewerten, priorisieren. Auch in diesem Prozess liegt ein Grund, warum Schreiben Daten im Hirn besser fixiert.

Es gibt sogar Untersuchungen, die nahelegen, dass beim Schreiben unser Gehirn Informationen so abspeichert als ob wir sie selbst getan hätten. Was gleichfalls mehr Hirnaktivität beansprucht beziehungsweise neue Verknüpfungen schafft. Schreiben verbessert gar das Denken und Können selbst. Der russische Psychotherapeut Vladimir Raikov entdeckte zum Beispiel die Methode des geborgten Genies: Dazu versetzte er seine Klienten in Tiefenhypnose und suggerierte ihnen, ein herausragender Kopf der Geschichte zu sein. Und tatsächlich: In diesem Zustand entwickelten seine Patienten annäherungsweise geniale Fertigkeiten. Der Raikov-Effekt lässt sich sogar bei Menschen mit Persönlichkeitsstörungen beobachten – wie bei Dr. Jeckyl und Mr. Hyde. Bevor Sie dies jedoch als esoterischen Schabernack abtun – viele wenden die Rajkov-Methode längst an. Nur klingt Inspiration durch Vorbilder deutlich weniger esoterisch.